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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-07-01 · 11 (7.1931) · p. Seite 338

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
11 (7.1931)
Date
1931-07-01
Page
Seite 338 (sequence 2)
Language
German
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Verfassers, der gestützt auf ausgezeichnete Naturbeobachtung letzten Sinn und Urgrund der Natur erkennt und davon mit grandioser Schönheit zu sagen weiss. Solehe Naturschau, soldie Naturgleichnisse sind auch manchen Psalmen eigen. Doch ist beides im Psalm und im Hiob nicht gleich: Hier allgemein gehalten, — dort speziell formuliert. Hier vage ausgedrückt — dort exakt begründet. Eine tiefe Wesensversehiedenlieit drückt sich darin aus. Der Psalonist ist ein der unmittelbaren Natur entrückter Mensch, dem die ins einzelne gehende Vertrautheit mit der Natur fehlt. Der Verfasser des Buches Hiob ist der Natur nahe, vielleicht ein Hirt auf den Bergen Judäas, gleich Arnos. II. Die sogenannten historischen Bücher der Bibel haben der Wissensdiaft, besonders der Botanik, viel gegeben. Ihr sadilidier Bericht über viele Pflanzen, wie z. B. den Weinstock, den Feigen- und den Oelbauni haben hohen dokumentarisdien Wert. Mit Hilfe dieser Angaben konnte das Ursprungsland niandier Kulturpflanzen, die Stätte, wo zum ersten Mal eine wichtige Pflanze von Menschen in Kultur genommen wurde, bestimmt werden. Es ergab sidi viel Interessantes und Widitiges für die Kulturgesdiidite der Nutzpflanzen und für die Kulturgesdiidite im allgemeinen. Im Budi Hiob ist dieses Verhältnis umgekehrt. Die Botanik wird zur Geberin und die Bibelforschung empfängt. Viele der schönsten Stellen sdieinen in gewissen Uebersetzungen sinnlos zu sein, da den Uebersetzern die zur sinngemässen Texterfassung notwendigen naturwissensdiaftlidien Kenntnisse fehlten. Wenn z. B. Umbreit Hiob 9, 26 übersetzt „Vorverfahren sie (die Tage Hiobs) wie des Wunsdies Schiffe" so ist das unverständlich; denn es muss heissen: „Vorüberfahren sie wie die Papyrusschiffe", d. h. die Tage Hiobs sind so schnell vorübergeglitten, wie die aus Papyrusrohr hergestellten Nadien, die auf Nil und Jordan wegen ihrer Sdmelligkeit berühmt waren. Ferner ist der Sinn vieler Stellen rein philologisch betrachtet mehrdeutig. Die riditige Deutung kann dann oft nur mit Hilfe der Naturwissenschaft gefunden werden, da von mehreren Möglidikeiten nur eine sadilidi zutrifft. Und diese eine lässt sidi nur auf Grund von Sachkenntnis herausfinden. Vor allem aber vertieft die Kenntnis der realen Grundlagen vieler Gleidmisse das Verständnis des Textes. Denn es wird in den Naturgleidinissen über das Spezielle des Vergleiches hinausgehend durdi Vergleidi oder Antithese ganz Prinzipielles ausgedrückt. Es wird mittels des Speziellen das Grundsätzliche herausgestellt. Das soll weiterhin an vielen Stellen gezeigt werden. Noch in ganz anderer Riditung vermag die Naturwissenschaft, in unserem Falle die Botanik, der Bibelforsdiung von Nutzen zu sein. Die Frage,' wer der Verfasser des Hiob ist, hat sehr viele Gelehrte, Juden und Niditjuden, beschäftigt. Denn es ist eine zu reizvolle und verlockende Aufgabe, in das Dunkel einzudringen, das über dem Diditer dieses so gewaltigen Budies lagert. Als Zeichen für die Unsicherheit in diesem Punkt sei angeführt, dass im Talmud (Baba bathra 15 b), der die Gestalt des Diditers mit Hiob selbst identifiziert, die Lebenszeit des Dichters bald in die Zeit, in der Moses lebte, bald in die persisdie Epoche verlegt wird. Vermag nun die Botanik zwar nidit, einen Namen zu nennen und zu sagen: das ist der Verfasser des Hiob, oder auch nur Stellung zu der oft diskutierten Frage zu nehmen, ob der Diditer ein Jude war oder nidit,1) — so gelingt mit ihrer Hilfe doch eines: sie gestattet es, einige Aussagen über den Lebensraum des Diditers zu (machen; sie ermöglicht es, auf Grund der Natursdbilderungen und der Naturgleidinisse, einiges zur Charakteristik des Dichters beizutragen. in. „Und es antwortete Bildad aus Schuadi und sprach: . . . Sdüesst hoch Gome, wo kein Sumpf? Wächst denn Adiu ohne Wasser? Nodi in seinem Grün wird es nicht geschnitten, und verdorrt dennoch vor allem Grase. Also geht es allen, die an Gott vergessen." (8, 11—15) Was ist „Gome", was ist „Achu"? Mit Gome ist ohne Zweifel die Papyrusstaude gemeint. Was Adiu bedeutet, ist nicht ganz klar. Mit Sicherheit ist Adiu eine Wasserpflanze. Das geht aus dem Text hervor. Vielleicht ist ganz allgemein damit „Schilf" gemeint, vielleicht soll eine bestimmte Wasserpflanze damit bezeichnet werden. Das kann nicht entschieden werden. Die Papyrusstaude ist eine typische Sumpfpflanze, die die Flussränder der Flüsse einfasst und dort oft undurchdringliche Dickichte bildet. Im tropischen Afrika ist ihre eigentliche Heimat. Von hier aus gelangte sie nach Aegypten, wo sie am Nil und an den künstlich angelegten Kanä- ') Wegen der zahlreichen Arabismcn und Chaldäismen und wegen der .zahlreichen in der übrigen Bibel nidit mehr vorkommenden Worte, die nur dem Buch Hiob eigentümlich sind, wurden Zweifel daran geäussert, ob <ler Dichter des Hiob ein Jude war. 338 len gut gedieh. Die alten Aegypter brauchten sie, wie ja bekannt, zur Papierfabrikation. Als der Papierbedarf immer mehr stieg, wurde die Papyruspflanze von ihnen auch künstlich angebaut. Seltsamerweise aber gibt es heute in Aegypten keine Papyruspflanze mehr. Die Ursache ist völlig unklar. Man weiss nur, dass mit dem Rückgang der ägyptischen Kultur audi die Papyruspflanze, deren Produkt für diese Kultur typisdi ist, aus Aegypten verschwand. In Palästina hingegen findet sich die Papyrusstaude auch heute noch. Sie wächst in der Küstenniederung, am Tiberiassee und an den Ufern des Jordan. Dodi nun zurück zu unserem Hiobvers. Der Sinn ist ganz eindeutig. Ebenso wie Papyrus und Sdiilf ohne Wasser zugrunde gehen, so kann auch der Mensch ohne Gott nidit leben. Eine besondere Feinheit des Vergleichs aber liegt in folgendem: Wenn Sdiilf und Papyrus abgesdmitten werden (vielleidit ist dieses „Absdineiden" eine Andeutung der Einte des Papyrus durch Menschenhand zwecks Papier- oder Rohrgewinnung), sterben die Pflanzen selbstverständlidi ab. Das ist ein Sterben durdi rohe, von aussen kommende Gewalt. Es ist ein nicht notwendiges, mehr zufälliges Sterben. Wenn aber das Wasser fehlt, so gehen diese Sumpfüanzen aus inneren, durch ihre Organisation bedingten Ursachen zu Grunde, bevor noch die Erntezeit gekommen. Dieses Sterben ist notwendig, unabän. derlidi, da der Existenzgrund, das Wasser, fehlt, das ja für Sumpfpflanzen überhaupt erst Lebensmöglichkeit bedeutet. Ebenso geht es den Gottvergessenden. Sie verdorren von innen, da die mensdiliche Organisation Gott als Existenzgrund forciert. Deshalb heisst es: „Nodi in seinem Grün wird es nicht geschnitten und verdorrt dennoch . . ." Nodi an einer anderen Stelle wird die Papyrusstaude indirekt erwähnt. Hiob beklagt sidi 9, 26 darüber, dass seine Tage so sdinell dahingefahren seien „im anijot eweh", wie die Rohrschiffe. Diese Rohrsdiiffe sind nun nichts anderes als die aus dem Rohr der Papyrusstaude geflochtenen Kähne, die die Aegypter sdian verwendeten. Da sie aus so leichtem Material bestanden, waren sie viel sdmeller als andere Sdiiffe. Sie dienen deshalb im Gleichnis dazu, die Sdinelligkeit zu kennzeidmen. Aus dem Papyrusrohr stellte man aber auch eine ganze Menge anderer Gegenstände her: Matten, Taue, Körbe, Kästen usw. Und diese in Aegypten viel gebrauditen Papyrus-Kästen sind wohl gemeint, wenn wir ini 2. Buch Moses lesen, dass der kleine Moses in einem „tewat gome", einem Papyruskästlein, ausgesetzt wurde. IV- Eine Serie von Gleichnissen, die dem auiglücklidien Hiob in den Mund gelegt werden, befasst sich mit der Nichtigkeit des Menschenlebens. Jedes dieser Gleichnisse behandelt dasselbe Grundthema: trotzdem sind alle voneinander verschieden. Jedes hat seine besondere Färbung. „Ein gefallenes Blatt — das willst DU aufschrecken? Eine dürre Stoppel — DU verfolgen?" (14, 25). In diesem Vers ist die Trostlosigkeit, die Aermlichkeit des menschlichen Lebens eingefangen. Hiob vergleicht sein Leben mit einem vom Baume gefallenen Blatt, das zur Erde gesunken ist und dort Ruhe gefunden hat. Doch der Wind kommt und wirbelt es wieder in die Höhe. So verfährt audi Gott mit seinem Leben — meint Hiob. Nidit einmal die armselige Ruhe des abgefallenen Blattes bleibt ihm. Der zweite Teil des Gleichnisses ist nidit so packend. Hiobs Leben — eine dürre Stoppel, die der Verfolgung gar nicht wert ist. „Der Mensch . . ., der wie eine Blume aufgeht und verwelkt" (14, 1—2). Das gilt der Kürze des Menschenlebens. Man denke an viele Blüten des Orients, die nur einen Tag, ja oft nur wenige Stunden blühen, um dann in sich zusammenzufallen. In unserem Klima sind solche Blüten selten. Doch kennt wohl jeder aus dem Gewächshaus die herrlichen, grossen weissen Blüten der „Königin der Nacht", die eine Nacht von abends bis Mitternacht geöffnet sind, um sich dann für immer zu schliessen. Waren die eben angeführten Verse wirkliche Gleichnisse, so haben wir es Vers 14, 7—10 mit einem Un¬ Gleichnis zu tun. Das Ungleiche wird verglichen. Die Antithese soll Wesentliches klar legen. Das Grundthema ist dasselbe, wie in den beiden anderen Gleichnissen. Die Besonderheit liegt in der Herausarbeitung der Einmaligkeit des Menschenlebens. „Denn auch,der Baum hat Hoffnung, wird er abgehauen, so treibt er aufs Neu und sein Sdiössling bleibt nidit aus. Wenn in der Erde altert seine Wurzel und im Staube abstirbt sein Stamm, vom Hauche des Wassers blüht er wieder und setzt Zweige an, wie frisch gepflanzt. Aber der Mann stirbt und liegt hingestreckt. Verscheidet der Mensch, wo ist er dann?"

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