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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-06-01 · 10 (6.1931) · p. Seite 317

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
10 (6.1931)
Date
1931-06-01
Page
Seite 317 (sequence 7)
Language
German
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317 Führer verzweifelt, er fühlt die ungeheure Last, ein ganzes Volk, dem er nicht das Leben gegeben, „an seinem Busen tragen zu müssen, wie der Wärter den Säugling"; lieber sterben: „Töte mich, dass ich nicht mein Unglück sehe"! In der Tat, ein entsetzensvolier Verzweiflungsschrei. Und die Rettung aus dieser Not? „Versammle siebzig Aeltcste, und ich will von Deinem Geist auf sie legen, dass sie mit dir die Last des Volkes tragen." Fleisch verlangt das Volk, und er gibt ihnen Geist! Denn „Begeisterung" verleiht die Kraft zum Entbehren, Begeisterung nur kann retten vor der Begierde nach materiellen Genüssen; deren Befriedigung aber führt zum Verderben (Gräber der Lüsternheit). Das schwankende Vertrauen des Führers verrät sich hier nur in der Auseinandersetzung mit sich selbst und mit seinem Gotte. Als aber das Volk — wiederum in der Wüste — Wasser verlangt, da offenbart es sich vor dem Volke schon in der unwilligen Frage („Höret doch. Ihr Widerspenstigen, werden wir Euch wohl aus diesem Felsen Wasser hervorbringen") und dann in der Handlung, in dem wiederholten Schlagen auf den Felsen, entgegen dem Auftrag, zum Felsen zu sprechen. Ein Führer, der seine innere Unsicherheit dem Volke enthüllt, der in dem Vertrauen zu sich und in dem Glauben an seine Mission schwankend geworden, kann unermesslichen Schaden stiften. Darum wird diese Tat Moses' so schwer geahndet, darum verwirkt er das Recht, sein Werk zu Ende zu führen. Und stumm entsagt er der Hoffnung, das ersehnte heilige Land betreten zu dürfen. Und doch war sein Werk vollendet, soweit Menschenwerk vollendet werden kann. Denn er hat ein Fundament so felsenfest und weitgedehnt gegründet, dass darauf von seinen Nachfolgern in Jahrtausenden ein Weltenbau aufgerichtet werden konnte. Nicht ein geistreicher Einfall hat dabei den grossen Baumeister geleitet, sondern eine alles beherrschende Idee. Für diese Idee und ihre Verwirklichung Hat er sich mit seinem ganzen Sein eingesetzt. Der Führer ist in seinem Werke aufgegangen. Darum ist es erfüllt von seinem Geiste bis auf den heutigen Tag. Der Führer wird berufen, er beruft sich nicht seihst. Die Aufgabe ist da und ruft den Führer, der Führer ist da, und er sucht die Aufgabe. Er wird geboren. Er wird und wächst mit der Aufgabe, wird mit ihr vermählt, sie muss erfüllt werden, auch wenn e r das Werk nicht zu vollenden vermag. Unmenschliches wird vom Führer verlangt, und doch muss er ganz Mensch sein. In ihm verschmelzen sich Ideal und Wirklichkeit, Rationales und Irrationales zur tatenfrohen, schöpferischen Persönlichkeit. Dr. Arthur GaIiiner Ein Midrasch Der Heilige, gelobt sei Er, gibt dem Menschen erst dann Grösse, wenn er ihn an kleinen Dingen erprobt hat. Zwei Grosse der Welt hat der Heilige, gelobt sei Er. auf solche Weise erprobt. Er fand sie bewährt und führte sie zur Grösse. David führte seine Schafe nur in die Wüste, um sie von fremden Weiden fernzuhalten, daher sagte El iah zu ihm (1. Sam. 17. 28): „Und wem hast Du die wenigen Schafe in der Wüste überlassen?" Aber der Heilige, gelobt sei Er. sprach: „Du bist bewährt befunden an der Schafheide — gehe nun und weide meine Herde!" Wie gesagt ist (Psalm 7y. 71) „Von den Herden führte er ihn weg. um Jakob, sein Volk, zu weiden. Ebenso heisst es bei VI o s c h e (II. B. M. 3, I): l ud er leitete die Schafe hin in die Wüste, um sie von fremden Weiden fernzuhalten. Darum nahm ihn der Heilige, gelobt sei Er, um Israel zu weiden, wie gesagt ist (Psalm 77. 2t) „Du leitest wie eine Herde dein Volk durch Mosche und Aron." Wanderung in der Wüste Von J. Diament Erde überschwemmt von Ghit, von Sonnenwellen — Jedes Staubkorn lag in Flammenhand: Dass kein Baiun gewagt den Fuss zu stellen In dies von der Schöpfung todgeweihte Land. Wüste! Und sie hatte vierzig Jahre eines Volkes Sein getrunken; Welt "War abgewandt, trat nicht in seinen Blick; Uhren schlugen nicht — und manches Leben war in Tod gesunken Und so manches Erdenglück . . . Doch das Volk — es wanderte, in seine Seele eingeschlagen . . Eingehüllt in Gott . . in seinem Herzen Sinai stand: Und sein Himmel . . der es durch ein andres Meer schon hat Trug es auch durch dieses Meer von Sand. [getragen, Auf der unendlichen Strecke seiner Ewigkeit Manche Wüste liegt, die Hass geboren, die das Leid erschuf — : Ewig aber geht das Volk den Weg, und keine Zeit Nimmt ihm den Glauben und den heiligen Beruf. Die Frankfurter Juden in Zahlen und Bildern Nach den im Gemeindeblatt veröffentlichten Arbeiten von Dr. J. Unna, Prof. Dr. W. Hanauer und Ernst Kahn soll heute ein weiterer Aufsatz den statistisch interessierten Lesern ein Bild der zahlenmässigen Entwicklung der Frankfurter Juden vermitteln. Zur Darstellung der Ergebnisse statistischer Forschung werden hierbei auch Mengenbilder nach der sogenannten „Wiener Methode" verwendet werden.1) Wir beginnen mit einer Tafel, die die Grösse der Frankfurter jüdischen Bevölkerung in drei verschiedenen Epochen veranschaulicht: 1614 (Fettmileh'scher Aufstand, dritte und letzte Vertreibung der Juden aus Frankfurt a. M.). 18(7 (zur Zeit der beginnenden staatsbürgerlichen Gleichstellung) und 1930. Die jüdische Bevölkerung von Frankfurt a. M. (Jede Figur 2000 Menschen) 1930 MAMMMftMMft ') Näheres über iliese Methode in den VerölTentlieliun^en des von Prof. Otto Neural Ii geleiteten Ceseüsdiafts- und WirtstUuftsmuseums in Wien. Die Frankfurter jüdische Gemeinde, die um dieselbe Zeit entstanden sein soll wie die Stadtgemeinde Frankfurt (im 10. Jahrhundert), zählte in den ersten Zeiten ihres Bestehens nur 100—200 Menschen. Erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts stieg ihre Zahl auf 2000, sie verminderte sich aber wieder während des dreissig jährigen Krieges. Zu Beginn des IS. Jahrhunderts (1709) wurden bei einer offiziellen Zählung zum ersten Mal über 3000 Juden in Frankfurt gezählt. Diese Bevölkerungsziffer wurde während der nächsten hundert Jahre nicht überschritten. Im 19. Jahrhundert, das den Frankfurter Juden die Befreiung aus dem Ghetto und die politische Gleichberechtigung brachte, wuchs dann die jüdische Bevölkerung — zuerst langsam, in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts schneller — und überstieg um die Jahrhundertwende die Zahl 20 000. 19)0, zur Zeit der letzten Volkszählung vor dem Kriege, .lebten in Frankfurt a. M. rund 26000 Juden: 1950 sind es rund 30 000. welche Zahl sich aber in der nächsten Zeit nicht mehr erhöhen wird. Sie muss sogar fallen, da in den letzten Jahren der bisherige Geburteuüberschuss verschwunden und in ein Geburtendefizit umgeschlagen ist, wozu noch die Verluste kommen, die dem Frankfurter Judentum durch Austritte und Abwanderungen entstehen. Verglichen mit der Zahl der übrigen Bevölkerung von Frankfurt a. M. zeigt die jüdische Bevölkerungsziffer nach ihrem stärksten Anwachsen in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts (zwischen IS38 und 1873 stieg der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung von auf iilA%\) trotz weiterer absoluter Zunahme eine

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