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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-06-01 · 10 (6.1931) · p. Seite 316

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
10 (6.1931)
Date
1931-06-01
Page
Seite 316 (sequence 6)
Language
German
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nicht denkbar, die Konferenzgemeinschaft der Grossgemeinden, die es sich zum Ziel gesetzt hat, verwaltungsmässige Erfahrungen auszutausdien und auf eine möglidist gleidimässige Haltung der grösseren jüdischen Gemeinden in wichtigen Fragen hinzuwirken, ist von ihm ins Leben gerufen worden. Ausserhalb Deutschlands hat er vor dem Kriege in der Alliance Israelite Universelle bedeutungsvolle Arbeit geleistet. Seit dem Jahre 1905 gehört er als Nachfolger Plotkes dem Verwaltungsrat der J e w i s h Colonization Association an; was er innerhalb des grossen, von Baron Hirsch geschaffenen Rahmens für die notleidenden Juden des Ostens in vielseitigster, nie ermattender Tätigkeit geleistet hat, das zu schildern würde eine Darlegung der Geschichte der ICA in diesem langen Zeitraum bedeuten. Der Arbeit in diesem Gremium verdankt Blau seine hervorragende Kenntnis aller Probleme der Siedlung, der Ein- und Auswanderung, der fachlichen Ausbildung, des Darlehenskassenwesens, die die ICA früher allein und neuerdings teilweise im Zusammenwirken mit amerikanischen Freunden zu lösen sucht. Hier, wie überall war er stets bestrebt, Gerechtigkeit zu üben und bei aller Betonung der eigenen Ueberzeugung doch die verschiedenen Meinungen auf einer mittleren Linie zu einigen, um praktische Erfolge zu erzielen. Die Ruhe und Umsicht, die er dabei an den Tag legte, die Ausgeglichenheit seines Wesens, die unerschütterliche Begeisterung für die grossen Ideale des Judentums haben ihm — weit über die Grenzen Deutschlands hinaus — das Vertrauen und die Verehrung Aller eingetragen, die mit und unter ihm arbeiten durften und er selbst wird die Freundschaft, die ilim gerade von ihnen entgegengebracht wird, als eines der wertvollsten Aktiva seines Lebens buchen. Freilich darf bei der Würdigung eines Mannes, der gewohnt ist, sich selbst kritisch gegenüber zu stehen, nicht verschwiegen werden, dass mancherlei unerreicht geblieben ist. Innerhalb unserer Gemeinde hat die Art des parlamentarischen Systems, wie es sich in der neuen Gemeindeverfassung auslebt, zu Wege gebracht, dass die Führung in wichtigsten Fragen nicht mehr beim Vorstand liegt und dass es seinem Vorsitzenden in den letzten Jahren nicht immer geglückt ist, seine Ansichten durchzusetzen; erst die Zukunft wird lehren, ob das zum Segen der Gemeinde war oder nicht. Ausserhalb von Frankfurt hat Blaus Bestreben, eine Befriedung im deutschen Judentum insbesondere bezüglich der kolonisatorischen Arbeit in Palästina zu erreichen und dabei parteipolitische Gegensätze auszugleichen — ein Bestreben, das für seinen Eintritt in die Jewäsh Agency mit bestimmend war — keine Erfüllung gefunden. Tiefer noch mag den Mann, der unendlich viel liest, der nie aufhört sich weiter zu bilden und der sich bemüht immer tiefer in den Kern der jüdischen Lehre einzudringen, es schmerzen, dass der jüdischen Wissenschaft in Deutschland noch immer keine Stätte gesichert worden ist, von der aus sie sich gleichberechtigt entfalten kann, dass es der Akademie für die Wissenschaft des Judentums und den Gesellschaften, die sich ähnliche Ziele setzen, an den nötigsten Mitteln fehlt und dass darunter die Verbreitung der Kenntnisse von unserer Religion innerhalb und ausserhalb unserer Gemeinschaft Not leidet, ja, dass nur wenige von uns und vereinzelte aus der Umwelt wissen, was das Judentum ihnen .und der Welt sagen könnte und was es für die Gegenwart und erst recht für die Zukunft der Menschheit bedeutet. Fehlt es also auch nicht an Schatten, so soll das die Freude an dein Erreichten nicht mindern. Gewiss liegt es nicht in Blaus Art sich laut feiern zu lassen, am wenigsten in einer Epoche, in der es leider gerade bei uns Juden vielfach Mode geworden ist, sechzigste und sogar fünfzigste Geburtstage mit lautem Gepränge zu begehen. Beim Eintritt in das achte Jahrzehnt des Lebens aber mag ein Rückblick schon gestattet sein. Ihn sollen diese Zeilen bedeuten: sie zeugen von Mühe und Arbeit, die nach den Worten des Psalmisten das Leben köstlich machen. Wird diese Arbeit pflichtgetreu und selbstlos für die Gesamtheit geleistet, so bedeutet sie einen Segen für den, von dem sie ausströmt und für Alle, die ihre Früchte geniessen dürfen. Die dankbare Frankfurter Gemeinde kann Julius Blau und sich selbst nichts Besseres wünschen, als dass es ihm vergönnt sei, sie in alter Kraft noch ungezählte Jahre zu leiten, über Mühe und Sorgen der Gegenwart hinaus zu froheren, glück, lieberen Zeiten, wie wir sie uns herbeisehnen — bald in unseren Tagen. Ed. Baerwald Der Führer Der Künstler sidi des Letzten muss begeben. (Dante, Paradiso 30, 33) Diese tiefe Erkenntnis, die dem grossen Dichter und Weltweisen am Ende seines gewaltigen Werkes aufgeht, die Erkenntnis, dass „kein Dichterflügel ihn zum Ziele trägt", dass er stumm entsagen muss, sie kommt einmal jedem schöpferischen Menschen, der Zeit seines Lebens ein erhabenes Ideal zu verwirklichen trachtet, sie kommt auch jedem Führer, muss ihm kommen, weil allem Menschlichen Grenzen gesetzt sind. So hat auch der grösste Führer, den die Menschheitsgeschichte kennt, so hat auch Moses sein Werk nicht vollenden dürfen. Was hier als Tragik erscheint, ist doch im tiefsten Grunde 'menschlich. Ja, diese Führer-Tragik ist es, die uns den sonst unnahbaren prophetischen Gesetzgeber als Menschen lieben lässt. Nur wenige Berichte der Bibel greifen so sehr ans Herz, wie die Erzählungen von den Erschütterungen, denen die Führerschaft Moses' ausgesetzt war. Alles, was in seinem Leben-geschieht, ist ewig beispielhaft, ist symbolisch für jede Führernatur, für jedes Führer. Schicksal: der schwere Seelenkampf vor der Uebernahme der Aufgabe, das Zurückschrecken, Zurückschauern vor dem letzten verpflichtenden Entschluss, da die Grösse und Ungeheuerlichkeit der Aufgabe klar und ganz nah ihm vor Augen steht, die Entmutigung bei den ersten Misserfolgen („Warum hast Du mich gesandt?"), dann aber die wachsende Zuversicht, die grossen beglückenden Erfolge, die äussere und innere Befreiung, das Wachsen der Aufgabe ins Unermessliche, Uebermenschliche, die Heranziehung von Mitarbeitern (Jethros Rat), der erste schwere Rückschlag bei seiner Trennung vom Volke (Das goldene Kalb), die Befürchtung, dass von seiner Person, ja von seiner Gegenwart, die Zukunft des Werkes abhänge, und zugleich die Erkenntnis, dass seine Person hinter das Werk zurücktreten müsse, wenn es Bestand haben solle („Lösche mich aus Deinem Buche"). Dies ist nidit nur Selbstlosigkeit, es ist mehr, ist stete Opferbereitsdiaft, ist Selbstaufopferung. Darum vermögen alle Anstürme gegen .seine Person nichts, sie mögen kommen woher sie wollen, von Korah und seiner Rotte oder von Dathan und Abirain oder gar von den ihm am nächsten Stehenden, von Aron und Mirjam: „Der Mann Moses war sehr demütig," audi nicht einmal die leidenschaftliche Empörung des gesamten Volkes nadi dem Kundschafterbericht kann etwas gegen ihn ausrichten, er überwindet dies alles letzten Endes durch ein Zaubermittel menschLidister Art — durch Verzeihung. Der Gesetzgeber, der Forderungen stellen muss, gründet alles auf Gerechtigkeit, der Führer aber, der handeln und Menschen behandeln muss, gründet alles auf Verstehen, auf Verzeihen, auf Gnade. Solche Haltung ist nur möglich bei vollkommenem Vertrauen zu sich selbst, bei einer inneren Sicherheit, .die nicht nur auf dem Bewusstsein der eigenen Kraft beruht, sondern auf der unerschütterlichen Ueberzeugung von der Lauterkeit der Ideef von der Notwendigkeit des Zieles und der Richtigkeit des Weges, von der Wahrhaftigkeit der Berufung für diese Aufgabe. Die Führer kraft aber wird gebrochen in dem Augenblick, da dieses Selbst-Vertrauen erschüttert ist. Zweimal gerät Moses in diese Gefahr. Zweimal bemächtigt sich seiner eine innere Unsicherheit, ein Zweifel an der Lösbarkeit seiner Aufgabe oder vielmehr an'der Erfüllbarkeit der Wünsche des Volkes durch ihn, durch menschliche Kraft. Bezeichnenderweise handelt es sich beide Male um die Befriedigung materieller, leiblicher Bedürfnisse. Das Volk verlangt Fleisch' in der Wüste, ein Verlangen, das nur durch ein Wunder erfüllt werden kann. Es müssten „alle Schafe und Rinder geschlachtet, alle Fische des Meeres gesammelt werden." Undenkbar! Der

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