Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 10 (6.1931)
- Date
- 1931-06-01
- Page
- Seite 315 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3094266-3094360-3094370--2837-3097590- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Julius Blau ist am 31. Mai 1861 in der preussischen Kreisstadt Pieschen geboren, -die dicht an der polnischen Grenze lag. Gymnasial- und Studentenjahre, während deren er sich mit Begeisterung für die Ideale der ach längst entschwundenen Burschenschaftherrlichkeit einsetzte, hielten ihn in Norddeutschland fest. Als Referendar kam er nach Frankfurt und ist hier rasch sesshaft geworden. In jüdischen Dingen war der junge Anwalt, der einen Teil seines jüdischen Wissens Julius Plotke verdankte, zuerst in dem Mendelssohnverein tätig, den 1897 Dr. Adolf Brüll gegründet hatte, der jüngere Bruder des Frankfurter Rabbiners, gleich ihm hoch begabt, und erfüllt von jüdischem Wissen und einer fortreissenden Beredsamkeit, absx weit stärker als jener von den Bahnen der Tradition entfernt. Eine weitgreifende Wirksamkeit ging von diesem Mann und dem kleinen Kreise, der sich um ihn geschart hatte, nicht aus. Um so freudiger empfand Blau die im Jahre 1891 von Fritz Auerbach veranlasste Schöpfung des Freisinnigen Vereins für jüdisches Gern e i n d e 1 e b e n, von dessen Mitgründern er heute wohl der einzige Ueberlebende geblieben ist. Dieser Vereinigung, die sich zum Ziel gesetzt hatte, frischeres Leben in die liberalen Kreise der Gemeinde zu bringen, verdankt Blau die erste Kenntnis der Probleme der Gemeindepolitik, seinem Schwiegervater Leopold Hirschler, der sich um alle Wohlfahrtsbestrebungen innerhalb der Gemeinde unvergessliche Verdienste erworben hat, die Einführung in soziale Anbeit. So trat er wohl ausgerüstet, 1894 in den damaligen Gemeindeaus schuss ein. Er gehörte ihm bis 1900 an, in welchem Jahre seine Wahl in den Vorstand erfolgte. Zum Vorsitzenden des Vorstandes wurde er zuerst 1904, nach dem Tode von Siegmund Una, gewählt, und mit Ausnahme eines Karenzjahres, wie es die alte Gemeindeverfassung vorschrieb, und in dessen Verlauf ihn Theophil Jaffe vertrat, hat er das Präsidium der Gemeinde seitdem, — also länger als ein Viertöljahrhundert — geführt. Das sind trockene Zahlen. Aber wie unendlich gross ist das Leben, das sich hinter ihnen birgt, wie zahllos und beschwerlich sind die Aufgaben, die sich Blau in den 36 Jahren der Tätigkeit innerhalb der Gemeindeverwaltung dargeboten haben, in einer Epoche gewaltigster Veränderungen im Vaterlande und tiefgreifendster Wandlungen innerhalb des Judentums. Sie können in diesen Zeilen nur angedeutet Werden, und es muss der künftigen Generation überlassen bleiben, die Geschichte der Gemeinde innerhalb dieser langen Zeitspanne zu schildern, die nach vieler Richtung hin mit der Lebensgeschichte unseres Jubilars identisch ist. Als er im Jahre 1904 die Leitung der Gemeinde übernahm, hatte sie sich geraume Zeit hindurch unter der Führung kluger Finanzleute wie Ignatz Sichel und Joseph Baer auf einen verhältnismässig kleinen Kreis von Aufgaben beschränken können. Die liberale Hauptsynagoge auf der Börnestrasse und die konservative Synagoge am Börneplatz, schienen neben einer Reihe von Privatgottesdiensten den religiösen Bedürfnissen zu genügen. Der Religionsunterricht an den höheren Schulen befand sich in den ersten Stadien der Organisation, die Religionsschiule erhielt sich im Wesentlichen selbst. Das Philanthropin kam mit einem verhältnismässig kleinen Zuschuss aus. Ebenso wie ihm, standen dem Gemeindespital bedeutende Stiftungen zur Verfügung. Das gesamte Wohlfahrtswesen der Gemeinde beruhte auf ihnen und auf regelmässigen Beiträgen der wohlhabenden Gemeindemitglieder. Innerhalb der Gemeinde selbst herrschte bei regem geistigen Leben, wie es sich in seiner Fülle kultureller Vereinigungen kundgab vollständige! Friede; die ersten Wahlkämpfe zwischen Liberalen und Konservativen setzten erst einige Jahre später ein, der Zionismus als Parteiorganisation steckte noch in den Kinderschuhen. Mit den heutigen Verhältnissen verglichen, erscheinen die Zeiten von 1904, in denen der Bürobetrieb in dem hohen unbequemen Raum der „Gemeindestube" auf der Allerheiligenstrasse und die Sitzungen des Gemeindevorstandes und der Gemeindevertretung — wer hätte damals an Oeffentlichkeit der Sitzungen oder gar an die Teilnahme von Frauen gedacht! — in dem angrenzenden kleinen Zimmerchen sich abspielten, fast als ein Idyll, in das die ruhige Güte des Syndikus Dr. Berthold Baer und die altfrankfurterische Behaglichkeit des Gemeindesekretärs Daniel August Worms trefflich hineinpassten. Was hat sich seit diesen patriarchalischen Zeiten nicht alles geändert! Rein äusserlich seien die Erbauung der Westendsynagoge, des neuen Schulhauses für das Philanthropin, des neuen Krankenhauses, die Erweiterung der Synagoge am Börneplatz, die Uebersiedlung der Gemeindeverwaltung in das Rothschild-Haus, die Erstellung des neuen Friedhofs erwähnt, um nur der grössten Aufgaben zu gedenken. Die Gemeindeverfassung ist nach der staatlichen Umwälzung von Grund auf geändert worden, der Religionsunterricht an den städtischen und staatlichen Schulen wurde neu organisiert, die Schaffung der liberalen Kultuskommission verminderte die Möglichkeit von Reibungen zwischen den verschiedenen Richtungen innerhalb der Gemeinde, die rituellen Institutionen wurden ausgebaut und gelten als Musteranstalten, Gemeindebibliothek und Museum wurden begründet, die Beteiligung der Gemeinde an kulturellen Aufgaben ausgedehnt, die Jugendfürsorge, in den Kreis ihrer Tätigkeit einbezogen, die Hauptverwaltung der Gemeinde .musste stark vergrössert werden. All das waren organische Vorgänge, die mit dem Wachstum der Gemeinde und mit der Notwendigkeit, religiöse!-, und geistiges Leben in ihr erhalten und neu zu wecken, unabweisbar verbunden waren. Weitaus schwerer fiel dem Vorsitzenden der Gemeindeverwaltung die Entscheidung, als es galt, in Zeiten, in denen das Kapital der früher selbständigen Stiftungen und Anstalten dahin schwand, während sich die Zahl der Hilfesuchenden ins Unermessliche vervielfältigte, den Entschluss zur Zentralisierung der Wohlfahrtspflege unter starker Hilfeleistung und finanzieller Beteiligung der Gemeinde zu fassen. Damit war die Abkehr von dem in Frankfurt von jeher geübten Grundsatz der Freien Wohlfahrtspflege zur Tat geworden und die Gemeinde war gezwungen, an neue Aufgaben heranzugehen, an denen heute selbst das Reich und Kommunen, deren finanzielle Leistungsfähigkeit eine weitaus stärkere ist, zu scheitern drohen. Diese kurze nüchterne Aufzählung mag einen Hinweis auf das bieten, was in den abgelaufenen 36 Jahren innerhalb unserer Gemeinde geleistet worden ist. Kaum einer aber wird in der Lage sein, zu würdigen, welch ungeheure Arbeit dazu gehörte, das Alles, selbst mit der hingebungsvollen Unterstützung, die das Beamtentum der Gemeindeverwaltung zur Verfügung stellt, zu leiten. Immer wieder gilt es. die gesamte Verwaltung zu überblicken, die Einzelheiten zu beherrschen und sich doch nicht in sie zu verlieren, Schwierigkeiten sachlicher und persönlicher Art auszugleichen und darauf zu achten, dass unter der Schematisierung, die nun einmal jedem Verwaltungsbetrieb anhaften muss, nicht der Geist und das jüdische Herz leiden. Schon diese Tätigkeit könnte in ihrer Vielseitigkeit und Intensität mit dem Worte der Haggada bezeichnet werden: „Es wäre genug gewesen", und dabei bildet sie doch nur einen Teil der jüdischen Arbeit Blaus. Innerhalb Deutschlands hat sie sich in den Logen, in der weitausgreifenden Tätigkeit des Hilfsvereins der deutschen Juden und in dem Frankfurter Osteuropäischen Hilfskomitee bewährt, das in den Zeiten vor dem Kriege bei all den schweren Schicksalsschlägen, die unsere Glaubensgenossen im Osten trafen, eingriff. Im deutsch-israelitischen Gemeindebund und bei der Gründung und Betätigung des Verbandes der deutschen Juden stand Blau an hervorragendster Stelle, der preussdsche Landesverband und die Arbeitsgemeinschaft der jüdischen Landesverbände innerhalb Deutschlands sind ohne ihn