Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 10 (6.1931)
- Date
- 1931-06-01
- Page
- Seite 314 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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heisse Liebe zum Judentum vereinte sich in natürlichem Zusammenßuss mit Ihrer Begeisterung für die alten deutschen Ideale von „ Vaterland und Recht und Freiheit". Trotz aller Ruckschläge sind Sie an den Idealen Ihrer Jugend niemals irre geworden. Aber diese gesinnungsmässige Einstellung, mit der sich reiche Gaben des Geistes\erbinden, hätte für sich allein wohl nicht Ihren Aufstieg begründen können, wäre nicht noch ein Weiteres hinzugetreten: Ihre unvergleichliche Pflichttreue. Zum j wahren Führer ist nur der berufen, der sich nicht auf die gelegentliche Verkündung idealer Forderungen beschränkt, sondern der auch die harte Kleinarbeit im Dienst dieser Forderungen nicht verschmäht. Gerade darin [sind Sie uns allen und weit über unseren Kreis hinaus zum Vorbild geworden. Diese Sorge für das Alltägliche hat Ihnen neben der Beherrschung der notwendigen Verwaltungsgeschäfte zu einer umfassenden Kenntnis jüdischer Lebensformen verholfen, und hier liegen wohl auch die Wurzeln der Ihre ganze jüdische Arbeit bestimmenden Einsicht, dass die jüdische Gemeinschaft nur auf dem Wege der Einheit und des Friedens ihre grossen Aufgaben erfüllen kann. Dies ist die immer wiederkehrende Predigt Ihres Lebens. Seitdem Sie im Jahre 1894 in die Gemeindeverwaltung eingetreten sind, haben sich sowohl in unserer engeren Gemeinschaft, wie in unserem Vaterland tiefe Wandlungen vollzogen. War auch beim Beginn dieses Zeitraums die durch den Trennungsstreit hervorgerufene schwere Erschütterung längst überwunden, so bedurfte die Gemeinde doch gerade damals einer starken und zielbewussten Führung. Sie waren dazu berufenr in dieser neuen Blütezeit der Gemeinde massgebenden Einfluss auf die Gestaltung ihrer Geschicke zu nehmen. Wenn [diese Entwicklung dazu führte, dass die alte Frankfurter Kehilla in vieler Hinsicht von neuem zum Vorbild der [deutschen Gemeinden werden konnte, so war dies nicht ^zuletzt das historische Verdienst ihres stets um den inneren Ausgleich und die Anerkennung berechtigter Forderungen bemühten Führers. Und wenn es späterhin gelungen ist, die Gemeinde ungefährdet durch den Weltkrieg und die Sturmzeiten, die ihm folgten, bis in unsere von manchem Schatten erfällte Gegenwart zu führen, so hat auch darin Ihre Führerkraft sich bewährt. Wie könnten wir Ihnen für alles danken, was Sie während dieser Jahrzehnte mit leidenschaftlichem Eifer, in Demut und tiefer Frömmigkeit gewirkt haben I Der einzige Dank, den wir uns erlauben dürfen, ist der innige und aufrichtige Wunsch, iri*,dem wir uns heute mit der ganzen Gemeinde verbunden fühlen: dass Gott der Herr Ihnen die Kraft gebe, noch lange Jähre für unsere Gemeinde und die ganze jüdische Gemeinschaft zu wirken. Für diesen Wunsch soll die alte Menora, die wir Ihnen als unsere persönliche Geburtstagsgäbe überreichen, ein kleiner äusserer Ausdruck sein. Wie die Lichter der Menora nur leuchten können, wenn das dienende Licht sie entzündet, so möge es auch unserer Gemeinde nie an Männern fehlen, die in so unvergleichlicher Weise, wie Sie es bis jetzt getan haben und noch lange tun sollen, bereit sind, ihre beste Kraft dem Dienst am Ganzen zu widmen. Julius Blau zum siebzigsten Geburtstag Männer von so verschiedenartiger Herkunft und Einstellung wie der feinsinnige Frankfurter Pädagoge Julius Ziehen und der kürzlich dahingeschiedene geistvolle Schriftsteller Binjamin Segel haben gelegentlich unabhängig voneinander darauf hingewiesen, dass die Geschichte der unübersehbar grossen Zahl von Juden noch nicht geschrieben worden ist, die aus den kleinen Städten der nun dem Vaterland leider zum weitaus grössten Teil entrissenen Provinz Posen stammend, in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts den Weg westwärts .genommen und weit reichenden Einfluss auf die Geschicke des Judentums in Deutschland und darüber hinaus auch auf -die politischen Geschehnisse innerhalb der Gesamtheit ausgeübt haben. Ihr bedeutendster Vertreter war Eduard Lasker, dessen Persönlichkeit und Arbeit nahezu eineinhalb Jahrzehnte hindurch von hoher Bedeutung für die innere Politik Deutschlands und Preussens gewesen ist. Bezeichnend für alle diese Männer ist es, dass sie von Hause aus mit jüdischem Wissen reich ausgestattet waren und dass sie gleichzeitig ihr Bildungselement in den Schriften der deutschen Klassiker fanden, dass sie der Antike in Begeisterung hingegeben und dass sie den Idealen der Humanität tief verbunden blieben. Im Geiste des traditionellen Judentums erzogen, haben sie in ihrer überwiegenden Mehrheit sich auch religiös dem Liberalismus zugewandt und die Einheit des politischen und religiösen Fortschrittes erschien ihnen als selbstverständliche Grundbedingung ihrer. Arbeit. Sie alle haben aus dem Elternhause die Ehrfurcht vor den geschichtlich überlieferten Institutionen und die Verpflichtung, die Würde des Judentums zu' wahren, überkommen, stets stand ihnen die Sache über der Person, für sich selbst erstrebten sie nichts und vielleicht liegt in diesen Eigenschaften, die heute vielfach verloren gegangen sind, die Quelle ihrer Erfolge. In wenigen Gemeinden haben sie sich so ausgewirkt, wie in der unserigen. Seit mehr als 75 Jahren hat in ihrer Mitte — mit Siegismund Stern beginnend — eine aufeinander folgende Reihe so gearteter Männer aus der Provinz Posen und ihren Nachbarbezirken die Entwicklung der Gemeinde massgebend beeinflusst. Die Abtrennung des alten, sogenannten „Grossherzogtums", die der Vertrag von Versailles uns aufzwang, hat dies Reservoir der Kraft uns genommen. Als den Letzten, der ihm entstammt, grüsst die Frankfurter Gemeinde an seinem siebzigsten Geburtstag ihren Führer.