Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 9 (5.1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- Seite 288 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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288 men einen Absatz von da und einen von dort, einen Abschnitt von hier und einen von dort. Wir hüpfen in grossen Sätzen von Budi zu Buch, von der Thora zu den Propheten, von den ersten Propheten zu den letzten; wir empfinden garnicht die übergangenen Abschnitte und beachten nicht die fehlenden Sätze. Die biblischen Fragmente reihen sich ausgezeichnet aneinander, — in der Unordnung fanden wir eine wunderbare Ordnung. Es ist nach Mitternacht. In immer .grösserer Eile schlucken wir die Sätze herunter. Wir füllen uns mit Thora und Propheten. Mein Vater nickt ab und zu ein — er ist übermüdet, auch mein Bewusstsein verdämmert langsam, nur ein Gedanke noch nagt an mir und lässt mich nicht einschlafen. Warum offenbarte sich Gott nur unseren Vätern, warum hörten nur die vergangenen Generationen Gottes Stimme, die zu ihnen redete? Warum? Mit jugendlichem Feuereifer, mit meiner ganzen Einbildungskraft sehne ich mich nach göttlichen Visionen, nach neuen Offenbarungen. Halb schlafend häuft mein Vater einen Bibelfetzen auf den andern, bis ihn schliesslich der Schlaf überwältigt und der „Tikkun" ihm aus der Hand gleitet. Leise ging ich hinaus. Es ist ruhig und still; die kleinen Häuschen stehen da, ärmlich mit Talgkerzen erleuchtet. Aus den offenstehenden Fenstern hört man das „Tikkunsagen", ein Pflichtsagen, ein mechanisches Sagen, ein müdes. Ich erhob meine Augen zum Himmel, ich sah glänzende Sterne, sah Sterne, die mit mächtiger Geschwindigkeit in irgend einen Abgrund fallen, sah denselben Himmel, den ich an jedem Abend beobachtete. Diese Nacht war doch einst die Nacht, die der Thoraoffenbamng vorausging. Und jetzt, wieviel Alltäglichkeit, wieviel des Gewöhnlichen! Die ganze Strasse ist müde; die Nachbarn lesen halbschlafend die Sätze, die Gebote, die einst in Donner und Blitz verkündet wurden. Wie wünschte ich da, dass der Himmel sich öffne, dass sich der stille Himmel auch jetzt spalte, wie begehrte ich, dass ein Engel Gottes zu mir, nur zu mir allein herniederstiege und dass er meinem gespannten Ohr Gottes Worte verkünden möge. Und indem ich so in Gedanken vertieft dasitze, tritt leise Rahel, die Tochter eines der Nachbarn, zu! mir. — Es ist langweilig zu Hause flüsterte mir Rahel mit melodischer Stimme zu, — mein Vater liest etwas im Buche schon Stunden lang ununterbrochen, und ich verstehe nichts davon. Erkläre, mir die Bedeutung des Festes und die Bedeutung der Worte, die jetzt alle Männer sagen. — Ich erklärte ihr die Bedeutung des Festes so wie es geschrieben steht und wie ich es von Herzen glaubte. — Sag mir doch, sagte Rahel, aus Schweigen erwachend, weshalb stieg Gott hernieder, um uns die zehn Gebote zu verkünden und enthüllte uns nicht das Geheimnis, weswegen und zu welchem Zweck wir leben, und was eigentlich das Leben selbst bedeutet? — Das haben wir selbst zu suchen, deshalb ist dem Menschen die Wahl gegeben. — Aber wie und wo haben wir zu suchen? Wie können wir wissen, was das Leben ist? . . . Mir scheint, dass wir überhaupt nicht leben, sondern träumen . . . Mir scheint, dass wir gar keine freie Wahl haben, sondern, dass uns irgend ein Zwang beherrscht, irgend eine Hand uns drängt, anzieht oder auch abstösst. . . Ich schaute zitternd in Raheis Gesicht, die dasass wie eine Träumerin, wie eine Süchtige, ich hörte ihr Herz schlagen, ihren schnellen Atem. Ihre Fragen und ihre Worte waren mir ein Rätsel. In meinem Hirn blitzte der Gedanke auf — vielleicht ist sie gar von Sinnen. . . Wie würde sie es sonst wagen, nachts allein sich mir zu nahen. Wie würde sie denn solch merkwürdige Fragen stellen, Fragen, die einen gewissen Zweifel an Gottes Walten verrieten! Rahel unterbrach mein Schweigen und den Faden meiner verwirrten 'Gedanken durch eine neue Frage. — Kennst Du die zehn Gebote auswendig, derentwegen Gott zur Erde niederstieg? . . — Und Du, kennst Du sie denn nicht? erwiderte ich. — Meine Eltern und Lehrer lehrten mich diese Gebote nicht. Deshalb möchte ich sie aus Deinem Munde hören, gerade aus Deinem Munde. Ich übersetzte ihr die zehn Gebote, eins nach dem andern. „Du sollst nicht töten!" — Ha ha! hast Du schon je einen Juden als Mörder gesehen? „Du sollst nicht töten" solch gewöhnliche Worte kamen aus dem Munde der Albnacht? Ich denke, dass es überhaupt keine Mörder gibt, Menschen, die Menschenblut Unsere riesigen SCHAU, PASSAGEN Neue Krame 28/30 Schiilerplafz 4 Gr. Friedbergerstr. 35 zeigen Ihnen einen Teil unserer SENSATIONS¬ ANGEBOTE NOCH IM ALTEN HAUS (denn wir beziehen demnächst das neue, gröbere BRUMLIKsHAUS Liebfrauen- * strafje 1 -3) veranstalten wir einen grofjen AUSVERKAUF ab Samstag, |den 2. Mai vorm. 9 Uhr DIE GRÖSSTE SENSATION DER TEPPICH- U. GARDINEN-BRANCHE DIE FRANKFURT JE ERLEBT HAT DDII aU III/Neue Kräme bn UM LI IV Das grössie Spezialhaus Süddeutschlands