Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 9 (5.1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- Seite 287 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3094266-3094360-3094369--2804-3097556- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
287 von Religionsunterricht befassen sollten und bei dem vorhandenen, wie unsere hiesigen Erfahrungen bei Ausschreibungen zeigen, nicht gedeckten Bedarf in ausgiebigem Umfang auch könnten. Nur eine gründliche vollwertige Ausbildung wird sie instandsetzen, der grossen Schwierigkeiten, die der Religionsunterricht heutigen Tages in den öffentlichen Schulen bietet, Herr zu werden. Zur Förderung des RU. im allgemeinen und in unserer Gemeinde im besonderen ist auch die Beschaffung geeigneter Lehrmittel ein dringendes Erfordernis. Auf diesem Gebiet haben wir wesentliche Förderung durch die Herausgabe fies Q u e l le n b u c Ii e s erfahren, das wir unserem Herrn Dr. Jtilius II ö x t e r zu verdanken haben. Es steht zu hoffen, dass mit diesem neuen Lehrmittel, das noch durch einen zugehörigen Leitfaden ergänzt werden soll, der RU. eine starke Belebung erfahren wird. Die bisher gemachten Versuche geben dieser Hoffnung bestens Nahrung. In Rücksicht auf dieses Buch, sowie aus anderen Gründen bedurfte unser Lehrpia n für höhere Schulen einer, gewissen Umformung. Sie ist für die unteren und mittleren Klassen bereits erfolgt. Die Beratungen über diesen Gegenstand erfuhren weitgehende Förderung durch die F a c Ii k o n f e r e n z e n unserer Lehrkräfte, sowie durch unsere Religionsunterrichtskoinmission. Der vorstehende Bericht soll mit dem Hinweis enden, dass die Sparmassnahmen der Stadt sich mit Beginn des neuen Schuljahres auch in unserem RU. auswirken werden. In welchem Umfang das der Fall sein wird, Iässt sich.im Augenblick noch nicht sagen. Jedenfalls muss alles daran gesetzt werden, um unseren RU. auf der bisher erreichten Höhe, seiner Organisation zu erhalten und ihn für die Folge in seinen Leistungen nach besten Kräften zu steigern. Pessach-fStimiming.: >. Als Nachklang-des Pessachfestes ■veröffentlichen; .wir .die- •. sen Beitrag-einer _uns. unbekannten Einsenderin. Wie diese anseheinend in Armut "lebende 'Frau ihr "Fest" feiert,"SvifstH'- hoffentlich manchen Leser nachdenken lassen. Schrift!; . •. Purim war ziemlich ohne Sang und Klang verlaufen, man hatte eben keine Stimmung. So sah ich ziemlich kritisch den Pessach herannahen, den Pessach, der für die Hausfrau soviel Arbeit bringt. Ich sagte mir, wozu bürden wir uns diese Last auf? Haben wir es nicht schwer genug? Ich wollte diesmal ganz nüchtern.bleiben, die alte Sentimentalität beiseite schieben. Pessach feiern, dachte ich mir, war ganz schön zu Grossmatters Zeiten. Da war die Speisekammer gefüllt mit den herrlichsten Sachen, man roch schon von Weitem: es ist Pessach im Haus. Und als der Sederabend herankam, Grossvater im weissen Kittel und Streimel im Lehnstuhl sass, Grossmutter im kostbaren Schmuck, seidenen Kopftuch und weissen Gewändern gegenüber, wir vier früh verwaisten Kinder sassen da wie im Märchen, wir träumten uns in die Haggada hinein. Abei\ heute — woher die Pessach-Stimmung auftreiben? Speisekammer, so man eine hat, ist leer, der Geldbeutel sehr leicht, und was ist die Haggada ohne die Knödel? Erew Pessach kam heran, er brachte mir viel Arbeit, ich tat alles, was meine Grossmutter auch tat, kaschern, glühen, tauwein, nur mit dem Unterschied, dass ich die ganze Arbeit selbst schaffen musste und vier Kinder auch dazu versorgen, während meine Grossmutter genügend Hilfe hatte. Endlieh war alles so weit, mechanisch machte ich mich ein wenig in Ordnung, todmüde und resigniert setzte ich mich an den Sed er tisch. Die Gläser stehen gefüllt mit goldenem Wein, Mazzen, da& Ei, das bittere Kraut alles nach Vorschrift, und vier Paar fragende Kinderaugen blicken mich erwartungsvoll an. Ich sitze und halte mein zweijähriges auf dem Schoss und sinne nach — woher dieser Wein und diese Mazzen? Von der jüdischen Wohlfahrtspflege, und ich schweife in alten Erinnerungen, doch ich werde gestört. „Mama, so höre doch zu — ach so, du verstehst nicht hebräisch", und meine achtjährige Tochter erklärt mir alles in gönnerhaftem Ton. Die Kinder von heute träumen nicht, sie sind sachlich und wissen sehr viel. Die sechs- und vierjährigen sehen andauernd nach der Türe, sie wollen den Propheten Elia sehen, die vierjährige behauptet bestimmt, seinen weissen Bart gesehen zu haben. Und ich liess mich entführen ins goldne Kinderland, ich sah alles in anderem Lichte, ich erlebe mit den Auszug aus Mizrajim, ich sehe ein schwaches verknechtetes Volk sich befreien und geistig aufblühen. Ich gehe Jahrtausende mit, von dem Höhepunkt des Glückes bis in die tiefste Finsternis, und mein Volk trägt stets das Licht voran. Ich sehe auch die Zukunft im schöneren Lichte erglänzen. Nein diese Gaben haben nichts Beschämendes für mich! Viele Hausfrauen, die einmal bessere Tage gesehen haben, haben vielleicht solche Betrachtungen angestellt; ich kann ihnen dann nur sagen, diese Empfindlichkeit wäre sehr kleinlich. Soll doch heute jeder Jude sich wie ein König fühlen, und da ist es nur selbstverständlich, wenn Brüder und Schwestern ihm den Tisch decken helfen, wenn es ihm selbst schwer fällt Ja ich finde es sogar als etwas Grosses und Erhebendes, ich verstehe den Sinn der Worte nCQ"n ifpi "i'Hin ~D jeder der will, komme und feiere das Pessach! Tiefergriffen lausche ich den Haggada-Gesängen meines Mannes und der Kinder. Zum ersten Mal fühle ich mit Bewusstsein, was Pessach ist, und ich wusste es: wir feiern ebenso gut Pessach wie unsere Grosseltern. Offenbarung Von Rüben Brainin. „Tikkun Schewuot", ein Feldblumenstrauss und die schöne Rahel — all dieses in einem Winkelchen meines Gedächtnisses gemeinsam aufbewahrt. Es ist mir unmöglich, den Tikkun aufzuschlagen, ohne dass die Erinnerung an Blumen und an Rahel gegenwärtig wären. In der Schewuotnacht entspross meinem Herzen die erste Liebe. In dieser Nacht fing ich an, Rahel zu lieben und ihre Begleiter — die Feldblumen. Meine Liebe zu Rahel war rein und naiv wie meine Liebe zu den Blumen, und meine Liebe zu den Blumen war ebenso stark und glühend wie die zu Rahel. Das war vor vielen Jahren. Ich war ein Jüngling' und noch ganz bei meinem Volke"; beobachtete alle seine "Gebote und Gebräuche. Lieb und teuer wären mir'alle jüdischen Feste," aber das Fest" der Thoraoffenbärüng war mir das liebste uncl teuerste. Schewuotnacht. Mein Vater und ich sitzen und lesen im „Tikkun", Satz für Satz, in einer Stimme und mit gleicher Melodie; neh- I KAI SERSTRASSE 27 | H Ecke Neue Mainzerstraße n iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiH