Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 9 (5.1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- Seite 285 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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285 ren untergrüben das Gefüge der Wirtschaft. Von einer Ueberprodukrion zu sprechen, beruht auf einer Fehlmeinung; eher könnte von einer Unterkonsumtion gesprochen werden. Denn wenn wir es recht bedenken: kann bei der ungeheuerlichen Konsumbedürftigkeit der Welt in absehbarer Zeit zuviel produziert werden? Ist nicht die Kpnsumtionsmöglichkeit eine nahezu unendliche? Sind alle Menschen des Erdballs satt, ausreichend gekleidet, behaglich eingerichtet? Wir alle "wissen, dass Millionen hungern, frieren, obdachlos sind, dass Millionen konsumbedürftig sind, wären sie nur--kauffähig. Wie aber kann es da möglich sein, dass zuviel Produkte vorhanden wären, wie geht es an, dass amerikanische Farmer ihre Weizenüberschüsse verbrennen, dass ganze Schiffsladungen voll Kaffee ins Meer geschüttet werden, dass ganze Zuckerplantagen nicht abgeerntet werden, — während Millionen dabei verhungern? Weil Misstrauen und Feindseligkeit die Welt beherrschen! Misstrauen und Feindseligkeit behindern die gerechte Verteilung der Güter und Produkte. Die Welt ist aufgeteilt in eine Unzahl von Nationen, die sich durch Zollmauern voneinander abschliessen. Tausende von Kilometern neuer Grenzen und Zolknauern sind seit dem Kriege zu den vorher bestehenden hinzugekommen; und alle diese chauvinistischen Nationalismen fürchten — die Kriegslust ihres Nachbarn. So gebiert das Misstrauen ein unaufhörliches Wettrüsten; nicht nur ein Aufrüsten durch Waffen (für die Kapitalien der gesunden Wirtschaft entzogen werden), sondern mehr noch ein Aufrüsten im Sinne unproduktiver Kapitalfestlegungen und -Zuschüsse für Rohproduktenanbauflächen und Industrieanlagen, um im Falle eines Krieges unabhängig vom Nachbarn als .geschlossener Handelsstaat sich selbst erhalten zu können. Wie kurzsichtig sind sie! Abgesehen davon, dass bei einem kommenden Kriege keine Rohstoff- und Industrieproduktenversorgung der Welt die Staaten mehr vor dem endgültigen Ruin schützt, schaffen sie durch ihr. Wettrüsten ja erst die Atmosphäre zum Ausbruch der Gefahr, die sie ängstet und der sie begegnen möchten. Und nicht nur das: sie lähmen die Wirtschaftsmöglichkeit der Allgemeinheit und damit nicht zuletzt ihre eigene, weil sie vergessen, dass in der heutigen — durch unerhörte technische Vervollkommnungen eng aneinandergerückten — Welt kein 'Einzelgebilde mehr für sich existieren kann, sondern nur Eines durch Alle, in berufener Ergänzung zum Andern. Zöge in den Sinn (nicht nur in die Reden!) der Weltleitenden der offene und wahre Wille zur Verständigung ein, schwände das Misstrauen, d. h. fielen die Zollmauern und die Ein- und Ausfuhrerschwerungen, löste sich die Feindseligkeit, d. h. fielen alle Monopole und die Kartelle, soweit sie, weltwirtschaftlich gesehen, unnützlich sind, die Tausenden von kleinen Existenzen bei bestem Arbeitswillen das Leben zur Unmöglichkeit machen, so bedeutete dies, dass die hauptsächlichsten Ursachen der Weltwirtschaftskrise in sich zusammenfielen. Und wohlverstanden: nicht verschwommener und unbodenständiger „Idealismus" wird hier verlangt, sondern die eigene Wohlfahrt diktiert — ethisches Handeln. Gehen wir weiter: an die Stelle des Misstrauens gegen den Partner tritt das Vertrauen in ihn, tritt das Vertrauen in seine Leistungskraft und Leistungswilligkeit. Vertrauen heisst, wirtschaftlich gesprochen, Kredit. Es wäre also an diejenigen, die heute hungern, die heute frieren, ein Konsumkredit zu geben (da er zur Arbeit befähigt, ist er naturnotwendig gleichzeitig ein Produktionskredit, der sich bezahlt macht), an diejenigen, die unter gesunden Verhältnissen lebensfähige Betriebe heute nicht weiterführen können, ein Produktionskredit. Auch hier — wohlverstanden — wird kein haltloser Idealismus gefordert: lediglich die Warenvorräte, die heute unkonsumiert umkommen, die Geldvorräte, die heute gehortet und somit schrottgleich der Produktion und dem Umlauf entzogen sind, werden je nach Bedarf als lang- oder kurzfristige Kredite ausgegeben. Dass das Vertrauen begründet ist, ergibt sich aus der einfachen Tatsache, dass es „Lebenden* entgegengebracht wird: Leben ist Schaffen und Produzieren und also spätere Rentabilität des vorerst zu Verzehr oder Investion angewandten Kredits. Eine Voraussetzung nur ist noch zu erfüllen: mit vollem Kräfte-Einsatz schaffen kann nur der Freie, der, dessen Leistung kein Riegel vorgeschoben ist; d. h. der durch eine Diktatur oder eine unnatürliche, ungewachsene» diktatorische Wirtschaftsordnung, durch ein Rassengesetz oder einen „numerus clausus" welcher Art auch immer, durch eine ihm aufoktroyierte Herrschermacht an der freien Entfaltung seiner Kräfte behinderte Mensch vermag nicht die Leistung zu vollbringen, die nicht nur seiner eigenen sondern der Menschheit Wohlfahrt dienlich wäre. Es ergibt sich, dass ebenso wie das Misstrauen auch die Unterdrückung und die Ungerechtigkeit schwinden müssen, da sie sich selbst an den Unterdrückern und Ungerechten rächen, indem sie deren Lebenskreis mit zerstören. Werden diese elementaren Weltforderungen nicht erfüllt, und werden sie es nicht bald, so geht die Menschheit dem unabweisbaren Ruin entgegen. Diese Zeilen wären nicht geschrieben, diese Tatsachen nicht aufgezeichnet worden, und vor allem nicht für diese Blätter, wenn sich nicht — gleich beglückenden Ausblicken — für uns Juden ganz bestimmte verpflichtende Momente ergäben. Uns Juden ist von Gott die Mission mit auf den Weg gegeben, den Gedanken des Friedens in die Welt zu tragen, dem Mes siasreich Eingang in die Herzen der Menschen bereiten zu helfen. Wer unsere Zerstreuung unter die Völker nicht als eine zufällige oder gar sinnlose ansieht, der wird erkennen, dass das „Gallith" uns die Möglichkeit bietet, innerhalb der Gemeinschaften und Grenzen aller Völker für ein „Jerusholajim" des Friedens, der Welteinheit, der Unterdrückungslosigkeit und der Gleichberechtigung Aller zu wirken und zu werben. Optimisten sehen in der technischen Vervollkommnung, die immer stärker Wurzel fasst, nicht eine Maschinisierung der Welt (die heute noch manche Skeptiker bekämpfen zu müssen glauben), sondern — da sich Entfernungen immer mehr verwischen, Verständigungen und Verbindungen zwischen erdteilmässig Getrennten immer genialer herstellen lassen — einen grossen Schritt zur verheissenen Vereinheitlichung der Welt. Da Gott uns mit unserer Erschaffung die Willens- und Aktionsfreiheit gab, seine Welt zu vervollkommnen, — wie kann man da an der Göttlichkeit und der Sinnhaftigkeit der Erfindungen zweifeln, deren Geburt Gottes Wille in uns ermöglichte? Dies zu erkennen und die hier geäusserten Gedankengänge sich zu eigen zu machen, und dies Erkannte als Aufgabe unserer Zers t r e u u n g in alle Teile der Welt hineintragen zu helfen, — dies dürfte ein Teil der Mission sein, die uns Juden heute gestellt ist. Denn wir zweifeln doch nicht, dass wir auch heute noch unsere herrliche und heilige Aufgabe haben, heute nicht weniger als zur Zeit Mosis und der Propheten; uns willig der Dienstleistung am göttlichen Willen und der Erfüllung unserer Aufgabe zur Verfügung zu stellen: das ist die einzige Rechtfertigung und segensvolle Erfüllung unseres Lebens in der Zerstreuung und unseres persönlichen Daseins. Bericht über den israelitischen Religionsunterricht für das Schuljahr 1930/31 (Auszug) Von Gemeinderabbiner Dr. Arnold Lazarus. Einen wesentlichen Bestandteil des auszugsweise vorgetragenen Berichts bilden eine Reihe von Statistiken, die hier aus Raummangel nicht wiedergegeben werden können, und zwar: 1. Verteilung des RU. auf die einzelnen Lehrpersonen am Ende des Winterhalbjahrs 1930/31 (mit Ausnahme des Philanthropins), 2. Gesaintübersicht über die Schülerzahl vom 15. Mai 1930, 3. Uebersicht über die höheren Knabenschulen vom 15. Mai 1930, 4. Uebersicht über die höheren Mädchenschulen vom 15. Mai 1930, 5. Uebersicht über die Mittel-, Volksusw. Schulen vom 15. Mai 1950, 6. Uebersicht über die Schulen des Philanthropins vom 15. Mai 1930. Die wichtigsten Ergebnisse dieser Statistiken seien in nachstehender Uebersicht mitgeteilt. Die entsprechenden Ziffern des Vorjahres sind in Klammern beigefügt. Im RU. der öffentlichen Schulen tätige Lehrkräfte: 33 (35) A. von der Stadt angestellt 15 (15) 1. Mittelu. Volksschulen 13 5 männl. + 8 weibl. (13 5 männl. + 8 weibl.)