Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 9 (5.1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- Seite 284 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- Beirut 9× ep/1047833
- Aleppo 6× ep/1047811
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284 oder Schriftsteller in der älteren Generation, und selbst jetzt beginnt nur ein verschwindend geringer Prozentsatz der Juden zu studieren. Die syrischen Juden sind religiös-konservativ, in Aleppo zum Teil selbst religiös-fanatisch, ohne sich aber irgendwie dem Studium der jüdischen Tradition zu widmen oder bedeutende Gelehrte unter sich auf diesem Gebiete zu zählen. Das Judentum in Beirut, einer seit Jahrzehnten mit Europa in lebhaftem Kontakt stehenden Handels- und Hafenstadt, ist in gewissem Sinne das fortgeschrittenste, aber selbst in Beirut gibt es nur zwei oder drei jüdische Aerzte, ungeachtet dessen, dass es in Beirut zwei Universitäten gibt und dass eine sehr grosse Anzahl arabischer Advokaten und Aerzte vorhanden sind. In Damaskus sind die Juden bedeutend traditionsgebundener als in Beirut. Sie leben sämtlich ohne Ausnahme im jüdischen Viertel zusammen. In Damaskus gibt es keinen jüdischen Advokaten und einen einzigen jüdischen Arzt. In Aleppo ist ein grosser Teil der jüdischen Gemeinde unter dem Eanfluss der streng konservativen Chachamim fanatisch orthodox, und gegen Juden, 'die etwa smit ihrer Frau eines der jetzt errichteten Kaffeehäuser, die gleichzeitig Spiel- und Singhallen sind, besuchen, wird in Aleppo der Bann ausgesprochen. Die soziale Lage der syrischen Juden ist nicht gut. In Beirut sind sämtliche Juden Kaufleute, zumeist in Manufakturwaren. Ein sehr geringer Prozentsatz von ihnen ist wohlhabend, die überwiegende Mehrzahl kleiner und kleinster Mittelstand. Reiche Leute gibt es nicht. Wirtschaftlich am besten stehen sich die Juden in Aleppo, wo der Grenzhandel mit der Türkei sich in ihren Händen befindet. Die wirtschaftliche Lage der Juden in Damaskus ist sehr schlecht. Es gibt hier wohl kaum Menschen, die audi nur als guter Mittelstand zu bezeichnen wären. Die ganze Gemeinde ist vollständig verarmt. Während der letzten Unruhen in den Jahren 1925 und 1926 hat auch die jüdische Gemeinde schwer gelitten. Der ganze Handel ist zum Stillstand gekommen. Die Auswanderung aus Damaskus, die bereits in früheren Jahren eingesetzt hat, hat während der Unruhen zugenommen. Alle, die nur irgendwie das notwendige Geld hatten — an die tausend Personen —, sind damals weggezogen. Ihr Ziel war Beirut, Aegypten, Mailand, Manchester und vor allem Südamerika. Nach den Unruhen im November 1925 erhielt die Damaszener jüdisdie Gemeinde von ehemaligen Damaszenern, insbesondere aus Südamerika, einen Betrag von ungefähr £ 10 000 zugesandt. Die Umgangssprache sämtlicher syrisdier Juden ist arabisch. Die Jugend und die wohlhabenderen Kreise sprechen auch französisch, insbesondere dank der Alliance- Schuien. Die Kenntnis der hebräischen Sprache ist in erstaunlicher Weise verbreitet. Etwa ein Fünftel der Notabeln und der Jugend versteht und spricht zum Teil heräisch. Das Erziehung s werk in Syrien befindet sich vollständig in den Händen der Alliance Israelite, die hier bereits zum Teil seit vierzig Jahren Knaben- und Mädchenschulen unterhält, in denen die ausschliessliche oder sehr vorherrschende Sprache das Französische ist. Hebräisch wird nur in geringem Umfange, arabisch gar nicht gelehrt. Die Juden sind daher auch der arabischen Sdirdftsprache nur in einem geringen Masse fähig. In Beirut erscheint ein jüdisches Wochenblatt, „Die jüdische Welt" in arabischer Sprache. Erst in der jüngsten Generation gibt es einige Juden, die gut arabisch schreiben und daher auch beginnen, als Journalisten eine gewisse Rolle zu spielen. Die Kinder der reichsten Juden besuchen, insbesondere in Beirut, die von ausländischen Missionen und Institutionen geschaffenen Schulen. In Beirut hat die Gemeinde in den letzten Jahren eine eigene Volksschule und Talmud Thora ins Leben gerufen, die freilich nur von Kindern der ärmsten Kreise besucht wird. Die Schule zählt über 200 Schüler — nur Knaben —, umfasst acht Klassen und gibt den Unterricht einer kompletten Volksschule. Die meisten Gegenstände werden in französischer Sprache unterrichtet, jedoch wird auf eine gründliche und gediegene Kenntnis des Hebräischen und Arabischen grosser Wert gelegt. Die Schule befindet sich in einem eigenen schönen Gebäude neben der neu errichteten Synagoge in Beirut. Beirut ist die einzige Gemeinde, in der sich dank der energischen Führung des Präsidenten des Synagogen-Comitees ein modernes und vorwärtsstrebendes Element regt, Die Beiruter haben eine neue zentrale Synagoge gebaut, die in ihrer schönen würdigen Form sich den besten Gotteshäusern in Europa an die Seite stellen kann. Ueberrasdiend wirkt in dieser Synagoge die Ruhe und Disziplin während des Gebetes. Auch in der Form des Gottesdienstes wird der ästhetischen Seite viel Aufmerksamkeit zugewandt. Die Synagoge soll audi zum Zentralpunkt des jüdischen Gemeindelebens der Stadt werden. Hinter ihr steht die neue Talmud Thora, um sie herum befinden sich die jüdischen Vereinssäle, eine Bibliothek und das vorzüglich eingerichtete Bikur Cholim, eine unentgeltliche Poliklinik für jüdische Kranke. Es ist anzuerkennen, dass eine orientalisdie Gemeinde wie Beirut, die noch vor dem Kriege gewohnt war, ausschliesslidi auf die Wohltätigkeit von aussen angewiesen zu sein, sich nun aus eigenen Kräften ein modernes Gemeindeleben nach europäischem Vorbilde geschaffen hat. Eine widitige Rolle im öffentlichen Leben der syrischen Juden spielen die Bne Brith-Logen, die nach dem Kriege gegründet wurden und der Glossloge in Konstantinopel unterstehen. In Beirut und in Damaskus sind die Logen mit den Gemeindeverwaltungen beinahe identisch und kümmern sidi um das soziale und philanthropische Werk, während den Gemeinden das religiöse vorhebalten ist. In Aleppo besteht dagegen ein Gegensatz zwischen der letzthin gegründeten Bne Brith-Loge, die die mehr liberalen Elemente der Gemeinde vereinigt, und der konservativen Gemeinde. Die Jugend ist in den drei Städten in lokalen Gruppen der Union Universelle de Jeunesse Juive organisiert, deren Zentrum sich in Paris befindet und die für die französisch sprediende Jugend im Orient viel getan hat. Die stärkste Gruppe befindet sich in Beirut, wo sie audi ein schönes Klublokal mit Versammlungsräumen, Tanzboden und Tennisplatz zur Verfügung hat. Dort zählt die Gruppe ungefähr 150 Mitglieder beiderlei Geschlechts. Die Gruppen in Damaskus und Aleppo sind jünger und schwächer und umfassen vorläufig nur junge Männer. In Damaskus gibt es daneben noch einen „Makkabi" der insbesondere die jüngeren Elemente aus der Arbeiterschaft organisiert. In Damaskus gehört ein grosser Teil der Juden nicht dem Kaufmannsstande, sondern der Arbeiterschaft an. Sie befassen sich manchmal in Zwergbetrieben, zum Teil aber auch fabrikmässig mit der Herstellung verschiedener orientalischer Gegenstände, insbesondere mit Metall- und Wirkarbeiten. Die Lage dieser Arbeiter ist nicht gut. Die Arbeitszeit beträgt elf bis zwölf Stunden täglich, und es werden neben Frauen auch kleine Kinder, oft schon im Alter von sieben bis acht Jahren, zur Arbeit herangezogen. In der grössten derartigen Fabrik in Damaskus arbeiten an die 60 Juden neben ungefähr 250 arabisdien und armenischen Arbeitern. Tatsachen und Forderungen Von Edith Falk. Den nachstehenden Darlegungen geben wir gern Raum, wenn wir uns auch klar darüber sind, dass so komplexe Probleme wie Zollschutz, Produktionsverteilung, Arbeitsbeschaffung, Zusammenschluss und „freies Spiel der Kräfte" auf der Grundlage ethischer Postulate unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht zu lösen sind. Schriftl. Es zeugt nicht von ausgesprochener Originalität, heute über die schwierigen Wirtschaftsverhältnisse zu schreiben; jeder von der Wirtschaft Getragene (und wir alle sind es) klagt darüber, jeder Redner in jedem Gremium referiert darüber, jeder Wirtsdiaftler schreibt darüber lange Artikel und sucht die Wurzeln des Elends, — aber keiner noch fand den Stein der Weisen, dem Uebel abzuhelfen. Woran das nur liegen mag? Kann es gar daher kommen, dass man Teilursachen untersucht statt der Grundursadien, dass man Teillösungen propagiert, um — der vollen Wahrheit nidit ins Auge sehen zu müssen. Denn es ist viel leichter, einzelne Gegebenheiten zu ändern, als sidi zu einem neuen Denksystem zu bequemen. Krieg und Inflation, die aequivalentlos Werte zerstörten, haben den Grundstode gelegt zum heutigen Zusaanmenbruch, so sagen die meisten; aber wie erklären sich da die Schwierigkeiten Amerikas, das keine nennenswerten Kriegsverluste aufweist, keine Inflation erlebte? Wie erklärt sich selbst in Deutschland das Elend, da hier durch beispiellosen Arbeitsaufwand die Kriegsverluste nicht allein bereits wieder beigeholt, sondern sogar schon wieder überkompensiert sind? Die Elendsursachen in der Welt müssen anderswo liegen. Man spricht oft von einer Ueberproduktionskrise; in Verkennung des Bedarfs sei durch planlose Privatwirtschaft zuviel produziert worden, die nunmehr unabsetzbaren Wa-