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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-05-01 · 9 (5.1931) · p. Seite 283

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
9 (5.1931)
Date
1931-05-01
Page
Seite 283 (sequence 5)
Language
German
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283 logisch sehr interessant — zu den religiös orthodoxesten im ganzen Jischuw und sind überall da anzutreffen, wo es gilt, die Fahne des religiösen Judentums zu verteidigen. Die Art ihrer Geschäfte wie auch ihr Wohlstand erlaubte es manchen Meschheder Marannen, Meschhed zu verlassen und sich in Herat (Afghanistan), Samarkand (Turkestan), Singapur in Indien, Amerika oder England niederzulassen, wo sie natürlich die Maske abnehmen und frei als Juden leben konnten. Viele aber führte der Handel nur zeitweilig aus Meschhed heraus, und von einem solchen wird eine Begebenheit von dem bekannten Professor V a mbery berichtet, die hier angeführt werden soll, weil sie die ganze Schwere und Tragik des persischen Marannentums blitzhaft beleuchtet: „Auf meiner Rückreise aus Samarkand begegnete ich in Herat (Afghanistan) einem Juden, der in mir einen verkappten Antiquitätenforscher vermutete und mir deshalb verschiedene Objekte anbot. Später hatte er natürlich wahrgenommen, dass er sich geirrt, trotzdem besuchte er mich häufig in der Karawanserei und ich habe viel Interessantes von ihm über seine Glaubensgenossen in Chorasan und Mittelasien gehört. Später begegnete ich dem Manne in Meschhed. Als ich seiner ansichtig wurde und ihm „Jehudi, wie gehts dir" zurief, eilte der Mann höchst .bestürzt auf mich zu und sagte: Um Gotteswillen hier darfst du mich nicht Jehudi nennen, denn hier bin ich Mohammedaner und wenn ich diese Inkognitorolle nicht spiele, bin ich verloren! In einer Unterhaltung mit Meschheder Marannen, die ich in Teheran traf, fragte ich, ob sie denn nicht heute offiziell zum Judentum zurückkehren könnten. Man antwortete mir, es sei noch verfrüht, darüber zu sprechen, man müsse •abwarten. Zwar sei durch das liberale Regime des neuen •Schah eine Atmosphäre geschaffen, die ihnen schon erlaubt, so manche Vorsichtsmassregel ausser Acht zu lassen, deren Vernachlässigung ihnen früher wohl das Leben gekostet hätte. Aber das neue Regime ist noch zu kurz, als dass man nicht noch immer einen Rückschlag, eine klerikale Reaktion zu befürchten habe. So wird die Zeit Rat bringen, inzwischen muss man aber alles tun, um diesen Marannen die Hoffnung einer baldigen Rückkehr zu geben, in ihnen das Bewusstsein zu erwecken, dass sie nicht verlassen, isoliert sind, dass sie vielmehr ein Glied im Gesamtorganismus des jüdischen Volkes bedeuten und ihnen durch Wort und Schrift die neue jüdische Wirklichkeit nahebringen. Dass •das Verbot der zionistischen Betätigung in Persien auch für diese Marannen ein harter Schlag war, ist verständlich — glaubten sie doch, dass mit der Balfourdeklaration, dem Mandat, der Anerkennung der Juden als Volk durch alle Staaten, die Erlösung auch für sie selbst aus diesem entsetzlichen seelischen Druck und Scheinleben gekommen sei. Aber nicht nur in Meschhed leben Marannen, wenn auch diese am meisten uns bekannt sind. Es gibt Dörfer in der .Nähe von Isfahan und Schiraz, in denen meiner festen Ueberzeugung nach noch unentdeckte Marannen leben. In einem dieser Dörfer, die ich durchfuhr, fiel mir das Beneh- :men und die Physiognomie der dortigen Perser auf. Durch weiteres Nachfragen erfuhr ich dann auch, dass die Bewohner dieser Dörfer ein mit vielen nur dem Judenpersisch •eignen Worten durchsetztes Dialekt sprechen, ausserdem am Freitag Lichter anstecken und sonstige Gewohnheiten haben, die nirgends sonst, höchstens noch in einzelnen Dörfern in iMazendaran bekannt sind. Es gibt also philologische, physiognomische und folkloristische Indizien, die näherer Untersuchung bedürfen. Leider hatte ich nicht die Zeit, dieser Frage auf den Grund zu gehen; hoffentlich bietet sich nochmals Gelegenheit dazu. Das religiöse Chaos, das in Persien iherrscht, erinnerte mich jedenfalls an jene von G r a e t z mitgeteilte Anekdote, die wohl auch einen Kern Wahrheit!für Persien haben dürfte: „Der König von Portugal dachte ein äusseres Zeidien für die vielen Marannen, Scheinchristen und Judenabkömmlinge seines Reiches einzuführen, um diese von seinen reinchristlichen Untertanen zu unterscheiden und schlug zu diesem Zwecke seinem Wesier vor, eine .grüne Mütze für diese Kategorie seiner Untertanen einzuführen. Als der Wesier idies hörte, eilte er weg und kam mit -drei grünen Mützen zurück. Auf Befragen des erstaunten Königs erklärte der Wesier: Eine Mütze ist für mich, die andere für den .Grossinquisitor und die dritte für Eure Königl. Hoheit." Dass die vielen Zwangsbekehrungen, die über die jüdischen Gemeinden noch bis in die letzte Zeit so viel Unheil brachten, nicht aus allen Bekehrten treue und ewige Anhänger des Islam gemacht haben, ist zu einleuchtend, als dass wir nicht annehmen dürften, dass es in Persien, mehr als in jedem anderen Lande (Portugal vielleicht ausgenommen) Judenabkömmlinge gibt, die vielleicht heute den Weg wieder zum Judentum zurück finden würden, wenn man ihnen zu Hilfe käme. Sollen denn, die Tausende und Abertausende Juden, die sich nicht durch die Flucht nach dem benachbarten irakischen Kurdistan retten konnten, die noch vor dem Krieg dem Fanatismus der schiitischen Priester zum Opfer gefallen waren, plötzlich sämtlich gute Muslimen geworden sein, und mit der Vergangenheit völlig gebrochen haben? Können wir nicht viel mehr annehmen, dass in allen Städten, in denen laut den uns vorliegenden Urkunden jüdische Gemeinden blühten und die infolge der Zwangsbekehrungen heute völlig verschwunden zu sein scheinen, wie z. B. in Täbris, Urmia, Kazwin u. a. (wo die letzten Zwangsbekehrungen vor dem Kriege stattfanden) sind wir nicht berechtigt anzunehmen, dass dort Juden als Schein-Mohammedaner oder vielleicht als Scheinchristen unter dem dortigen nestorianischen Bevölkerungsteil leben und nur auf ein Zeichen von aussen warten, um zurückzukehren und wieder Anschluss an die alte Religion zu finden. Diese Frage wurde bis heute noch von keinem gestellt und doch ergibt sie sich aus den geschichtlichen Zusammenhängen mit zwingender Notwendigkeit und muss eingehend geprüft werden. L. & M. Neithold Das Photohaus mit ffachm. Bedienung. Schillerplatz 7 und Zell 65 Die Juden in Syrien Von Hans Kohn. In ganz Syrien gibt es nach den zuverlässigsten Angaben 18 950 Juden. Genaue Volkszählungen haben nicht stattgefunden, so dass man bei der Festsetzung der Zahl der jüdischen Einwohner des Landes auf Mutmassungen angewiesen ist. Dennoch dürfte diese Zahl der Wahrheit am nächsten kommen. Die Juden Syriens leben ausschliesslich in vier Städten: in Aleppo, das 8000 jüdische Einwohner zählen dürfte; in Damaskus, wo die Gemeinde, die noch vor einigen Jahrzehnten auf 10 000 jüdische Seelen angegeben wurde, auf 7000 oder auch weniger zusammengeschrumpft ist; in Beirut, wo die Zahl der Juden 3500 beträgt; und in Si don, wo es 400 Juden gibt. Die Zahl der Juden in allen anderen Städten beträgt zusammengenommen keine 50 Seelen. Unter den über drei Millionen Bewohnern Syriens bilden daher die Juden mit etwas mehr als einem halben Prozent eine sehr unansehnliche Minderheit, die auch wirtschaftlich, sozial und intellektuell von keiner Bedeutung ist. Die syrischen Juden sind fast alle orientalische Juden. Eine bedeutungslose und verschwindend kleine aschkenasische Gemeinde gibt es nur in Beirut. Die Zahl der aschkenasischen Juden beträgt in Damaskus nur vier, von denen drei Lehrer an der dortigen Allianceschule und einer ein Uhrmacher ist. Das Verhältnis zwischen den orientalischen Juden und den aschkenasischen in Beirut ist ein gutes und ein reibungsloses. Das syrische Judentum bietet das typische Bild jener Zweige des jüdischen Volkes, die nicht durch die Emanzigation und die Assimilation an Europa durchgegangen sind, ie sind darin noch hinter ihrer orientalischen Umgebung zurückgeblieben. Die Syrer, insbesondere die christlichen Libanesen, haben in den letzten Jahrzehnten eine schnelle Entwicklung und Europäisierung durchgemacht und eine zahlreiche bürgerliche Intelligenz nach europäischem Vorbilde, Advokaten, Aerzte, Schriftsteller geschaffen. Die Juden haben sich hierin konservativer gezeigt. Ein intellektuelles Leben ist unter ihnen kaum vorhanden, weder ein intellektuelles Leben 'im jüdisch-traditionellen Sinne, noch ein modernes. Es gibt keine jüdischen Aerzte, Advokaten

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