Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 9 (5.1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- Seite 282 (sequence 4)
- Language
- German
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282 Bazare", wo es den Juden verboten ist, Geschäfte zu treiben. Dabei lastete ein besonders hoher Steuerdruck auf den Juden. Für die Tötung eines Juden braucht nur eine geringe Summe (zirka £ 8) bezahlt zu werden. Um die Bekehrung zum Islam zu erleichtern, wurde ferner verordnet, dass ein zum Islam übergetretener Jude der einzige und rechtmässige Erbe des Vermögens seiner Familie und Verwandten wird. Diese und ähnliche von der schiitischen Geistlichkeit geschaffenen Ausnahmebestimmungen gegen die Juden, wurden zum Teil unter Schah Abbas II. (1642— 1666) Staatsgesetze und dem offiziellen als „Djaami Abbaasi" bekannten schiitischen Gesetzescodex einverleibt. Damit war das Schicksal der persischen Judenheit für Jahrhunderte festgelegt und der Einfluss des Klerus sanktioniert, gegen den später selbst fortschrittlich gesinnte Herrscher nicht aufkommen konnten. Dass hier auch einer der Gründe des kulturellen Rückstandes Persiens zu suchen ist, ist klar. Ein Fortschritt des Landes konnte erst eingeleitet werden, wenn die Macht und die Rolle der Geistlichkeit gebrochen war, wie es das neue Regime unter Riza Schah Pahlawi verstanden hat, wodurch auch die Lage der Juden eine andre und bessere wurde. Das noch sichtbarste und auffallendste Zeichen jenes für die persischen Juden erst eben untergehenden Mittelalters, der in die beginnende Neuzeit hineinragende Rest des Fanatismus des schiitischen Persiens ist das Vorhandensein von „ Anusien", von Marannen in verschiedenen Orten Persiens. Mit dem Begriff „Marannen" verbinden wir im allgemeinen jene durch den Zwang des christlichen Spaniens im 13., 14. und 15. Jahrhundert zum Christentum bekehrten Juden, Neuchristen also, welche offizielle Christen wurden und sich als solche ausgaben, die aber im Inneren Juden blieben und im Geheimen das Ju.- dentum pflegten und weiter bewahrten. Erst vor wenigen Jahren sind ganze Marannengemeinden in Portugal entdeckt worden und dank der Energie und Tätigkeit von S. Schwarz zum Judentum zurückgebracht worden. Diese portugiesischen Marannen haben begonnen, hebräisch zu lernen, geben eine eigne Zeitung „Halapid" heraus und reihen sich wieder dn den Organismus des jüdischen Volkes ein. Wahrend so diese Opfer des Fanatismus ihren Fürsprecher und Erlöser gefunden und heute die Unterstützung der bekannten jüdischen Organisationen geniessen, harren am andern Ende der Welt, in P e r«i e n, noch Tausende von solchen Marannen auf ein erlösendes Werk ihrer Brüder im Westen. Weiss denn überhaupt die Judenheit in Europa und Amerika, dass in Persien die Tragödie des Maraimentums sich wiederholt hat, in islamischer Aufmachung und Tausende als „N e u m u s 1 i m e n" „Djedid ul Islam" jenes unerträgliche Zwitterleben als Mohammedaner und Juden führen? Weiss die jüdische Welt, dass in Meschhed, nicht weit von der afghanischen Grenze, dem heiligsten Ort im schiitischen Persien, der nationale AVallfahrtsort, wo der 8. Imam begraben liegt, weiss die Judenheit, dass in diesem Ort noch heute mehrere Tausende jüdische Seelen gezwungen sind, sich als Muslime auszugeben und nur im Geheimen und unter den schwersten Bedingungen am Judentum festzuhalten sich bemühen? Das Zusammentreffen mit diesen Menschen aus Meschhed u. a. Städten war eines meiner grössten Erlebnisse während meiner Reise durch Persien und eine seelische Erschütterung ohnegleichen. Vor mehr als 100 Jahren wurde die ganze blühende Gemeinde in Meschhed infolge einer Verleumdung von der fanatischen Geistlichkeit gezwungen, den Islam anzunehmen. Was sich nicht über die Grenze nach dem sunnitischen Afghanistan hinüber retten oder nach Turkestan auswandern konnte, musste seiner Religion abschwören. Die Juden hatten nämlich einen Hund getötet, um das Blut für medizinische Zwecke zu verwenden. An demselben Tage war ein muslimischer Festtag, und die muhammedanischen Priester benutzten diesen Anlass, um die Massen gegen die Juden, unter dem Druck und der Drohung völliger Veran einem heiligen Tag durch die Tötung des Hundes verspottet haben zu wollen. Sie beschlossen, sofort alle Juden zu töten, wenn sie nicht zum Islam übertreten würden. Die Juden, unter dem Druck und der Drohung völliger Vernichtung, erklärten sich bereit den Islam anzunehmen und die ganze Gemeinde in Meschhed trat geschlossen zum Islam über. Seitdem gehören diese Juden offiziell zum Islam und sind als „D j e d i d e n", Neu-Mohammedaner bekannt. Sie erfüllen alle religiösen Pflichten eines Moslem, ja es sollen sogar einige dieser Djediden die Wallfahrt nach Mekka unternommen haben. Doch im Geheimen hielten sie am Judentum fest, erfüllen so weit wie möglich alle Gebräuche, natürlich „Mila", lernen Thora, haben eine geheime Synagoge in einem privaten Haus, eignen Friedhof, audi ein religiöses Oberhaupt, das heimlich das Amt eines Rabbiners versieht und dabei noch literarisch tätig ist. Sie haben auch eine eigne Sch'chita, doch kaufen sie zuweilen des Sdieines wegen Fleisch im Bazar, um bei den Spionen und Schnüfflern der Stadt keinen Verdacht aufkommen zu lassen. Sie heiraten nur unter sich, und ihre Kinder werden sehr früh verheiratet, früher noch als es schon ohnehin in ganz Persien üblich ist, um nicht in die Gefahr zu kommen, dass etwa ein muhammedanischer Nachbar oder wer sonst, sein Kind mit einem der ihrigen verheiratet wissen will. Die Ehe muss natürlich vor dem religiösen Gericht des Islam geschlossen werden, mit all den bekannten islamischen Vorschriften. Mit den Persern pflegen sie deshalb auch möglichst wenig Verkehr. Am Sabbat sind ihre Läden zwar geöffnet, doch bemühen sie sich, kein Geschäft zustande zu bringen. Entweder fordern sie ausser-gewöhnliche hohe Preise, damit der Kunde wieder weggeht, oder sie erklären, die gewünschte Ware grade nidit zu haben. Meist ist nur ein Junge im Geschäft, der erklärt, dass Papa auf Reisen sei und erst morgen zurückkomme. Nur am Jörn hakippurim wagen sie, ihre Geschäfte zu schliessen, einmal im Jahre können sie sich das erlauben, Sdiofar kann natürlich nicht geblasen werden. Dass ein solches Doppelleben der Aufmerksamkeit der Behörden nicht völlig entgehen kann, ist verständlich, und trotz aller Vorsicht hat ihre Lebensführung mehr als einmal den Verdacht der Behörden und der Priester erweckt. Nun sind aber die Meschheder Marannen meist wohlhabende Kaufleute, (Felle, Häute, Teppiche) übrigens unter allen persischen Juden die Wohlhabendsten, was wohl nur so zu erklären ist, dass sie als Muhammedaner ihre Fähigkeiten frei entfalten konnten und keinerlei Beschränkungen unterworfen waren. Wir können uns vorstellen, wie die ökonomische Situation der persischen Juden überhaupt wäre, wenn sie nicht soldi unzähligen Bedrückungen und Verfolgungen ausgesetzt gewesen wären. Wie dem auch sei, als wohlhabende Kaufleute haben diese Marannen einen gewissen Einfluss auf die Behörden und wenn einmal die muslimischen Kreise „scharf", argwöhnisch wurden, so hatte bisher das Geld, „Backschisch", noch immer seine Wirkung gehabt. Diese materielle Position der Meschheder Marannen kommt audi den Juden ausserhalb Meschheds zugute. Während meines Aufenthalts in Persien war grade der Schah mit seinem Gefolge auf einer Inspektionsreise durch sein Land. Zu seinem Empfang in den grösseren Städten wurden wochenlange Vorbereitungen getroffen, deren Zeuge ich vor allem in Isfahan gewesen war. Die Häuser wurden beflaggt, die Strassen geputzt und gereinigt, und die Schulkinder wurden anlässlich des bevorstehenden Besuches Seiner Majestät neu eingekleidet. Die Regderungs- und Missionsschulen hatten dafür besondere Gelder zur Verfügung, aber die jüdische Gemeinde in Jezd konnte sich das nicht erlauben. Da waren es grade die Meschheder „Djediden", die den Jezder Juden, die die ärmsten und religiösesten sind, Geld schickten, um den Kindern neue Kleidung zu besorgen. Ihr Wohlstand führte noch zu anderen erfreulichen Erscheinungen, von denen nur zwei angeführt werden sollen. Als die Kunde von dem neuen Werden in Palästina nach Persien drang, waren die Meschheder Marannen nicht nur unter den ersten, die begeistert und aktiv zum Palästinaaufbau beisteuerten, sondern auch diejenigen, die — ganz logisch als Ergebnis ihrer stark messianistischen Einstellung — in der Wiederherstellung von Zion den Beginn ihrer eigenen Erlösung aus dem doppelten Galuth sahen. Nichts beweist dies stärker als die Tatsache, dass heute mehr als Hundert Juden aus Meschhed in Palästina, vor allem in Jerusalem (bucharisdies Viertel) leben, denen es geglückt ist, die Stadt ihrer Leiden zu verlassen und nach Palästina überzusiedeln. Sie gehören — und das ist psycho-