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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-04-01 · 8 (4.1931) · p. Seite 434

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
8 (4.1931)
Date
1931-04-01
Page
Seite 434 (sequence 12)
Language
German
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Ein jüdisches Standardwerk Von Ernst Kahn. Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte — das Charakterbild nämlich des Juden. Dass -die anderen, die Nichtjuden, in ihrem Urteil schwanken ist begreiflich — denn woher sollen sie die Tatsachen kennen? "Wie aber steht es mit unserem eigenen Urteil? Was wissen wir denn über uns? Weniger, wesentlich weniger als wir uns vielleicht einbilden. Fast jeder urteilt auf Grund seines zufälligen <und immer beschränkten Gesichtskreises. Niemand unter uns war bisher imstande, die Dinge in ihrer Mannigfaltigkeit zu überblicken und zu ordnen. Heute kann man das. Und das ist das Verdienst der A ka d e m i e für die Wissenschaft des Judentums und des Altmeisters der Statistik, Prof. Dr. Heinrich Silbergl eil. Aus seiner Feder nämlich liegt der erste Teil eines sdion äusserlich imponierenden Standardwerkes vor über die Bevölkerung und Berufsverhältnisse der Juden im Deutschen Reich (dieser L Teil aimfasst das wichtigste Gebiet unseres Vaterlandes, den Freistaat Preussen). Statistik ist weder populär noch allzu angesehen. Man traut ihr nicht. Begreiflich genug. Denn wie wird diese Wissenschaft misshandelt .und missbraucht von Parteigängern und vor allem von Ignoranten: Einwandfrei Statistik zu treiben erfordert neben einem selten anzutreffenden charakterfesten Willen zu häufig unbequemen Arbeiten eine noch viel seltener vorhandene Kenntnis der Methoden und der hinter den Zahlen verborgenen Wahrheit, d. h. also: ein ungeheures Mass von Fleiss, wissenschaftlicher Erkenntnis und praktischer Erfahrung. Wir können uns beglückwünschen, dass ein Mann, der alle diese Eigenschaften in sich vereinigt, der langjährige Direktor des Berliner Statistischen Amtes, mit der Paarung eines Blickes für das Wesentliche und einer bewundernswerten Liebe für die Akribie, uns, die deutschen Juden, zum Objekt seines Forschungswillens gewählt hat. Allzuviel Einzelheiten aus den 348 Seiten im Grossformat umfassenden Werke zu bringen, ist im Rahmen dieses Aufsatzes weder möglich noch wünschenswert. Das mag dem Studium des interessierten Lesers überlassen bleiben. Hier seien nur mit möglichst wenig Zahlen möglichst viel charakteristische Ergebnisse herausgearbeitet. I. Inländische und ausländische Juden. Im eigenen Kreis, aber auch in der grossen Politik, spielt das Ostjudenproblem eine erhebliche Rolle. Die Bedeutung der Ausländer unter uns war schwer abzuschätzen. Die Silbergl eit'schen Feststellungen überraschen: Von rund 400 000 Juden in Preussen waren immerhin über 76 000 Nichtdeutsche. Also ein Verhältnis von 4 zu 1 zwischen deutschen Staatsangehörigen und Ausländern bezw. Staatenlosen — ein Verhältnis, das in manchen ausserpreussischen Gebieten (Sachsen!) noch erheblich zu Gunsten der Nichtdeutschen ausfallen dürfte. Ob freilich die Bedeutung der Ausländer seit 1925 die gleiche geblieben ist, scheint zweifelhaft Dieser erhebliche Anteil — namentlich östlidier Elemente — in unseren Reihen zeigt u. a. besonders eindrucksvoll, wie schnell der sattsam erörterte Auflösungsprozcss unter den alteingesessenen Juden vor sich gehen muss; denn sowohl die Mischehe, wie die Kinderarmut würde fraglos noch ganz anders in Erscheinung treten, wenn die Ostjuden nicht wären: Man kann das aus dem Werke, etwa an dem Verhältnis von Kindern zu Erwachsenen feststellen, das bei den Inländern 1 zu 5, bei den Ausländern aber 1 zu 3 betrug. Und die Ueberalterung, über die später noch zu sprechen ist, ergibt sich aus einem Anteil von 9% über 65jährigen bei den Inländern, aber nur 5% bei den Ausländern. Die auch dn manchen jüdischen Kreisen kursierende irrige Ansicht von der vorwiegend unproduktiven Tätigkeit gerade der Ostjuden erfährt durch das Werk eine eindrucksvolle Korrektur. Die Berufszählung, von deren Ergebnis auch noch zu sprechen ist, zeigt nämlich einen unvergleichlich grösseren Anteil von Handarbeitern bezw. Arbeiterfamilien unter den Ausländern als unter den Inländern; sie betragen bei den beiden Gruppen 10 bezw. 4%. Was die Verteilung der ausländischen Juden anbelangt, so war sie innerhalb Preussens recht verschiedenartig. Wesentlich über die Hälfte, nämlich 44 000 wohnten in der Stadt Berlin; dort waren etwa ein Viertel aller Juden Ausländer, prozentuell aber war der Anteil noch wesentlich grösser in Schleswig-Holstein, und zwar hauptsächlich in der Stadt Altona mit 36,8%. IL Unsere Ueberalterung. Nur wer den Altersaufbau eines Volkes oder eines Volksteiles kennt, kann über die voraussichtliche Weiterentwicklung Berechnungen anstellen. Silbergleit gibt nun in ausführlicher Darlegung darüber Auskunft — seine Resultate sind vernichtend: Schon im Jahre 1925 war die Zahl der 0—10jährigen Kinder in Preussen nur 44 000 gegenüber 56 000 der 10—20jährigen und 69 000 der 20—30jährigen Menschen. In der Zwi-. schenzeit hat sich diese gewissermassen umgekehrte Pyramide nach doppelter Richtung hin versdioben, denn in den fünf seither verflossenen Jahren ist der Nachwudis noch geringer geworden, und die kräftig besetzten Jahrgänge rücken immer mehr in die höheren Altersklassen. Die Folge davon ist, dass die Zahl der Ehekandidaten ständisr zurückgeht und die Zahl der Todesfälle fortwährend steigt. Sdion sehen wir in manchen Gemeinden Todesziffern, die fast doppelt so gross sind als die Geburtenziffern, und das wird sich einstweilen immer noch versdiärfen. Dabei ist die katastrophale Entwicklung der Mischehen hier nodi ganz ausser acht gelassen.-"Audi die Silbergleit'sche Arbeit zeigt mehr nodi als alle vorangegangenen Untersuchungen die Ueberalterung und im Zusammenhang damit den Auflösungsprozess unter den deutschen Juden; besonders scharf tritt das hervor unter den inländischen Juden, bei denen 1925 sich nur ungefähr 1% Säuglinge befanden gegen fast 2% bei den ausländischen Juden. III. Was wir tun. Liest man die Kapitel über die Stellung im Berufe in dem Silbergleit'sehen Budie, so hat man eigentlich das Gefühl des Katasters aller preussisdien Juden; in einer geradezu minutiösen Aufstellung wird uns das mitgeteilt — was wir treiben, womit wir uns ernähren. Man kann nur schwer der Verlockung widerstehen, hier in Einzelheiten einzugehen. Statt dessen seien die wichtigsten Dinge herausgearbeitet: Die preussischen Juden sind — oder waren mindestens 1925 — nodi ein handeltreibendes Volk, denn rund die Hälfte der Erwerbstätigen rechneten sich der Gruppe Handel und Verkehr zu, gegen knapp 15% bei der Gesamtbevölkerung. Hieraus ergibt sidi ja das jüdisdie Spezialproblem in der gegenwärtigen Krise, nämlidi der Notwendigkeit der Umgruppierung, denn darüber kann kein Zweifel sein, dass der Handel neben einer konjunkturellen Belastung auch strukturell, d. h. permanent mit ganz ernsten Sorgen zu redinen hat und gezwungen ist, sidi beruflich umzuschichten (wobei der Referent eindringlich vor der neuerdings häufig empfohlenen Umschiditung in die Landwirtsdiaft sdion deshalb dringend warnt, weil er die Zukunftsaussiditen wesentlich schlechter beurteilt als die des Handels). Die zweitwichtigste Gruppe besteht aus Industrie und Handwerk sowie verwandten Gewerben, und zwar mit etwa 23% gegenüber reidilich 35% der gesamten Bevölkerung. Ganz in den Hintergrund tritt im Vergleich zu der gesamten Bevölkerung die Landwirtschaft, in der bekanntermassen nur wenige Juden beschäftigt sind. Kunsfseidene Damen-Unterkleid er für die neue Frühjahrs-Garderobe finden Sie bei mir in grober Auswahl Nur ersfklassige Charmeusesioffe Sorgfältige Verarbeitung mit Crepe de chine- und Georgelte-Einsätjen zum Teil mit Handarbeiten 9.75 7.90 5.90 3-= Dazu passende Schlüpfer 3.90, 2.95, 1.S5 Spezialgeschäft für Qualitätsware Goethestrasse 7 Bergerstrasse 181 Hasengasse 2

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