Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 8 (4.1931)
- Date
- 1931-04-01
- Page
- Seite 433 (sequence 11)
- Language
- German
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bringt also seinen bösen Geist mit; daher die Enge. — Ein andermal lieisst es im Talmud: Kein Mensch ist so glücklich, dass er beim Tode auch, nur die Hälfte dessen erreicht hätte, was er begehrte. Denn, wenn er eine Million besitzt, begehrt er deren zwei. (Wobei ich hier die Million anstatt einer ungleich viel bescheideneren Zahl setzte, wie sie der Talmud nennt.) Hier ist ein offenbarer Widerspruch, denn, wenn er eine Million besitzt, so hat er doch just die Hälfte von dem, was er sich gewünscht. Aber die Welt — bemerkt Maharam Seuiff — schätzt die zweite Million eben doppelt so hoch ein als die erste. — Er weigerte sich, eine Geldstrafe auf gewisse religiöse Uebertretungen zu setzen, wie dies damals üblich war, „Denn wenn die Furcht Gottes nicht grösser ist, als die Furcht vor der Geldstrafe, so ist die Sache garnichts wert.'* — Es gibt grosse und kleine Frevler in der Welt. Demgegenüber gibt es grosse und mindergrosse Gerechte in der Welt. Die Guten und Gerechten müssen soviel Gutes tun als möglich, um durch ihre Taten die Frevel der Sünder aufzuwiegen, da sonst das Böse die Welt überfluten und ertränken könnte. Die Guten gleichen den Bergen, die (nach dem Glauben der Alten) über die wilden Wogen des unterirdischen Ozeans gesetzt sind, um sie am Ueberschäumen zu verhindern. — Die Thora nimmt wenig Raum in Anspruch, liegt in einer Ecke da, und wer will, kann kommen und seinen Anteil an ihr haben und in ihr Dinge sehen, die kein Mensch zuvor in ihr wahrgenommen hat. (Man denkt hier unwillkürlich, an das Wort eines grossen Dichters, wonach jeder, der mit offenen Augen Italien bereist, ein neues Italien finde, wie es keiner zuvor gesehen.) Von den persönlichen Erlebnissen des Maharam Schiff wissen wir fast garnichts. Als der 17jährige Meir Schiff zum Rabbiner und Rosch-Jeschiwa von Fulda gewählt wurde, war er wohl schon verheiratet, denn Rabbi Juspa Hahn erzählt uns, dass dazumal die vornehmen Frankfurter Familien ihre Söhne mit 14 oder 15 Jahren zu verheiraten pflegten. Aus dem tiefen Frieden seines Lehrhauses riss den noch, nicht siebenunddreissigjährigen die ehrenvolle Berufung nach Prag.-Wohl um sich von seinen Eltern zu verabschieden, begab er sich, bevor er die damals so weite Reise antrat, nach Frankfurt, und hier ereilte ihn im Vaterhause der vorzeitige Tod. Von seinen Schriften hatte er noch nichts durch den Druck veröffentlicht, offenbar aus Mangel an Mitteln, die Auslagen zu bestreiten. Er hoffte wohl, dass die reiche Dotation seiner Prager Stellung ihm die Möglichkeit hierzu bieten würde. Aber als er auf dem Totenbette einsah, dass diese Hoffnung zunichte geworden, rief er seine einzige Tochter Henele herbei und sprach zu ihr wie folgt: „Ich habe Glossen und .Novellen zum Talmud, zu den vier Turim und zur Thora und zu kabbalistischen Werken verfasst. Da nun mein einziger Sohn, dein Bruder Sanwil (der wohl leidend war) kinderlos sterben dürfte (er starb 1652), so gebe ich die Schriften in deine Obhut, verwahre sie gut im verschlossenen Schrein, damit sie nicht in unberufene Hände geraten, bis unter meinen Nachkommen einer ersteht, der befähigt sein wird, sie im würdigen Gewände der Gottheit darzubringen. Das geschah. Allein zweimal machten sich unwürdige Jünger über den Schatz her und plünderten davon, um es als ihr geistiges Eigentum auszugeben. Einmal geschah sogar ein Wunder. Der Dieb wurde von einem Schrecken befallen, fiel in Ohnmacht und gestand alles. Endlich übergab Frau Henele das väterliche Erbe ihrem inzwischen herangereiften Enkel Michael ben Wolf Stern, der denn auch der Herausgeber seines Urgrossvaters wurde. Mittlerweile hatte sich der Ruf des Maharam Schiff nur noch vergrössert. Die damalige Chronik „Zemach David" verewigte in dem Stile ihrer Zeit den Namen tks Verstorbenen, „dem der Prophet Eliah erscliienen war, und der Chidduschim über den ganzen Talmud usw. verfasst, i die aber noch nicht im Druck vorliegen." In rührenden Worten erzählt Michael Stern, was für Mühen und Entbehrun- I jgen er sich auferlegen musste, bis es ihm gelang, mit Hilfe | freigebiger Freunde der Wissenschaft einen Teil des gerette- 1 ten Nachlasses seines grossen Ahnen dem Druck zu übergeben. Er musste jedoch unterbrechen und verzweifelte schon. Da ' fanden sich abermals Mäcene, die das Unternehmen reichlich förderten. Und so konnten in den drei Jahren 1739—1741 die i Schriften in Homburg vor der Höhe erscheinen. Sie machten | sofort grosses Aufsehen und erlebten eine Auflage nach der j andern. Im Jahre 1S11 veranstaltete R. Mordechai Mordisch | aus Zolkiew, Rabbiner zu Peryck (Wolhynien) daselbst eine j neue kritische Ausgabe der gesammelten Schrift, mit einem! lichtvollen Kommentar und kritischen Bemerkungen. Es ist ■ dies eine Arbeit von erstaunlicher Akribie, liebevoller Hin- | gebung und Scharfsinn. Die vielen Druckfehler sind entfernt, | zweifelhafte Lesarten richtig gestellt, die Dunkelheiten aufj gehellt und die nur angedeuteten Gedankengänge erläutert.! „Ich bin sicher, dass mein Beginnen vor der Seele des im j Himmel weilenden Verfassers Wohlgefallen findet," schreibt i der neue Editor in naiver Gläubigkeit, „denn als in unserer I Stadt ein Brand wütete, und ich, der ich damals hoffnungslos ' krank darniederlag, kaum mit dem nackten Leben entkam, verlor ich meine ganze Habe, nur das druckfertige Manuskript mit den Schriften des Maharam Schiff wurde gerettet. Das verdanke ich doch nur allein seiner Fürsprache." Von dem hohen Rang, den der Maharam in der talmudischen Welt sich errungen hatte, zeigten die dieser Ausgabe beigedruckten Approbationen von zehn der bedeutendsten Vertreter des damaligen Rabbinismus, darunter Namen von grossem Klang, wie Jakob Ornstein in Lemberg, Ephraim Margaloth in Brody, und zwei der berühmtesten Häupter des Chassidismus, Lewi Jizchak Berdyczewer und der Kozenicer Maggid. Seither häuften sich die Ausgaben dieses neu hergestellten und kommentierten Textes, und fast gleichzeitig wurden die talmudischen Glossen des Maharam Schiff dem weitverzweigten Kommentatorenapparat der grossen Talmucleditionen an vorderster Stelle einverleibt und der Verfasser dadurch gewissermassen zum Klassiker erhoben. Gerade 170 Jahre, bevor ein ferner treuer Schüler seine Geistesfrüchte in würdiger neuer Hülle „der Gottheit darbrachte", am 20. Adar 1641 verstarb der Maharam Schiff in seinem Vaterhause zu Frankfurt. Betreffs seines Begräbnisses hatte er eine Anordnung getroffen, die im Lichte ihrer Zeit als kühne Neuerung betrachtet werden darf. Es bestand seit unvordenklichen Zeiten der Brauch, den Vornehmen der Gemeinde eine besonder Reihe auf dem Friedhof einzuräumen und die Leute „niederen Standes" fernab zu begraben. Es war ein wenig Pietät aber viel Aberglaube und hochmütiger Kastendünkel in diesem Brauch, den die Jahrhunderte geheiligt hatten. R. Meir Schiff wollte diesen Brauch abgeschafft wissen. Ein wahrer Aristokrat, verachtete er alle äusserlichen Unterschiede unter den Menschen. Er befahl, dass der erste Tote in der Gemeinde. , der nach ihm käme, dicht an seiner Seite begraben werde. Das geschah, es war eine Person dienenden Standes. Und wenn du einmal nach Frankfurt kommst, so verlass für eine Weile das rauschende Treiben der Grosstadt und suche die heilige Stille des alten jüdischen Friedhofes auf. Es verlohnt sidi, ein Stündchen zwischen den dichtgedrängten Reihen dieser einfachen Grabsteine, dieser stummen und doch so beredsamen Zeugen einer grossen Vergangenheit zu wandeln, und über das Vergängliche und das Ewige zu sinnen. In einer der Reihen bleibt du stehen und bückst dich nieder über einen geschwärzten, aber noch gut erhaltenen Grabstein. Und wenn du bedenkst, dass die Schiffs Kohanim waren, und dass man in alten Zeiten auf den Grabsteinen jenen feierlichen, an biblischen Anklängen so reichen Stil liebte, dann wirst du die folgende Inschrift verstehen: Dem Hohenpriester, unserem Lehrer und Meister Rabbi Meir Schiff. Mein Freund ist niedergestiegen in seinen Garten Gleich wie wenn die Sonne unterginge vor der Zeit. Entführt wurde sein Schrein Eingegangen ist der Gerechte in seine Herberge Vor dem ewigen Gott zu seinem Wohlgefallen. Der Gaon, ausgezeichnet durch Scharfsinn und Gelehrsamkeit. (Hier folgen Namen, Vatersnamen und Datum) Oh, wie schwand dahin der Glanz der Priesterswürde, der Thora und des Königtums im Reiche des Geistes! Möge seine Seele aufgenommen werden in den Bund des ewigen Lebens, Amen.