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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-04-01 · 8 (4.1931) · p. Seite 432

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
8 (4.1931)
Date
1931-04-01
Page
Seite 432 (sequence 10)
Language
German
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Gegner des Pilpul. Aber alle Bemühungen der Koryphäen, ihn abzuschaffen, oder wenigstens einzuschränken, waren vergeblich und das hatte einen tieferen Grund, den die Zeitgenossen freilich nicht einsehen konnten. Es ist eine merkwürdige Tatsache, dass zugleich mit dem Pilpul die Kabbala blühte, die doch im wesentlichen seinen schärfsten Gegensatz bildet. Es war nicht selten, dass die scharf sinnigsten Pilpulisten in die geheimnisvollen Träumereien der Kabbala sich versenkten und in den von einem mystischen Helldunkel beleuchteten Gefilden des Sohar oder des Schaare Orah sich ergingen. Das war aber nur scheinbar ein Widerspruch. Im Grunde suchte man in beiden Richtungen Befriedigung, nur Befriedigurig für einen grossen, tiefen Drang zwiefacher Natur, der in der Seele lebte, ohne sich betätigen zu können; den Drang nach Wissenschaft und den Drang nach Poesie. Die gehäuften Leiden, die seit Jahrhunderten über die europäische Judenheit in ununterbrochener Folge gekommen waren, hatten sie aus allen Kulturzentren verdrängt, ihre eigene, einst so lebhafte Kulturtradition verödet, ihre alte, einst so reiche wissenschaftliche und philosophische Literatur in Vergessenheit gebracht, ihrer Frömmigkeit einen finsteren, asketischen Geist eingeflösst ihren freundliehen Verkehr mit der Aussenwelt abgeschnitten. Nur die religiöse Literatur war ihnen nach harten, schweren Kämpfen gerettet worden, und dieser wandte sich ihre ganze zärtliche Liebe und Sorgfalt zu. Der Geist kehrte sich nach innen und baute sich eine Welt „innerhalb der vier Ellen der Halacha". Draussen fing gleich die feindselige, drohende Fremde an, aus der man unter solch bitteren Qualen vertrieben worden war. Und alles, was dort gedieh, war wieder wie ehemals in den trübsten, einmal schon überwundenen Zeiten, fremdes Gut. Man musste sich davon fernhalten, wollte man nicht an seiner Seele Schaden nehmen. Audi die Poesie war längst verstummt. Nur hier und da ertönte eine matte, farblose Klage, von Schluchzen und Tränen erstickt, über die unaussoredilichen, immer sich erneuernden Leiden. Die Tu- den, die soviel zur Vorbereitung der Renaissance in Europa beigetragen haben, wurden durch ein tragisches Schicksal daran gehindert, sich an deren Blüten zu erfreuen und deren Früchte zu gemessen. Da war es ein grosses Glück, dass den Juden ihr altes Erbe, aus dem keine Menschenmacht sie verbannen konnte, geblieben war: die weitsdiiditige religiöse Literatur. Sie ersetzte ihnen Philosophie, Mathematik, Naturwissenschaften. Hier durfte sich'der Geist nadi Belieben tummeln, ohne zu fürditen, sich auf fremdes Gebiet zu verirren. Der Talmud und die sidi auf ihm aufbauende Wissenschaft war es, weldie den jüdisdien Geist vor Versumpfung und Stumpfheit bewahrte. Mochte der Stoff der-gedanklichen Tätigkeit einseitig und begrenzt sein und nur einen kleinen Aussdinitt des dem Menschen Wissenswerten darbieten, gleichwohl konnte an diesem Stoff der Geist sidi ausleben und seine Kraft entfalten. Andererseits fand das metaphysische und poetisdie Bedürfnis in der Mystik der Kabbala sein Genüge. Allein dieser Haschisch war viel gefährlidier. Ungesunde Richtungen führten hier auf der einen Seite zum Abfall, auf der anderen zu einer Verwilderung des Geisteslebens, von der weite Schichten sich bis auf den heutigen Tag nicht liefreit haben. Es ist leidit zu begreifen, dass alle Bemühungen der Kapazitäten den Pilpul oder wenigstens seine Auswüdise zu beseitigen, fruditlos blieben. Unsdiädlich konnte er nur aus sidi heraus gemadit werden.. Es musste eine Methode gefunden werden, die eine Synthese zwisdien der natürlichen Logik und dem sdiwunghaften Scharfsinn herstellte, diesen, ohne ihm die Flügel zu stutzen, in die eiserne Zudit der gesunden Vernunft scannte und ihn vor allem der strengen ethisdien Pflicht, die Wahrheit zu erforschen und sie für das alltägliche Leben fruditbar zu machen, unterwarf. Das vollbrachte der junge Rabbi von Fulda. Er hatte in Frankfürt eine gute Sdiule durchgemadit. Der Vater dürfte wohl sein Hauptlehrer gewesen sein. Zweifellos aber hatte audi der bereits erwähnte Rabbi Jesaja Horowitz, ' wie nidit minder Rabbi Juspa Hahn, einer der edelsten und anziehendsten Männer seiner Zeit, auf ihn einen grossen Einfluss geübt. In Fulda sammelte sidi eine kleine, aber erlesene Jüngersdiar um ihn. Eine in talmudisdien Kreisen fortlebende Tradition über ihn erzählt, seine Frau habe ihn wegen seiner geringen Jüngerzahl gehänselt. Darauf habe der Maharam Schiff geantwortet: Siehe, wenn ich z. B. Jahrzeit habe und Gottesdienst abhalten mödite, um Kaddisch zu sagen, und es kämen Legionen von Weibern und Kindern, so könnten sie mir nidits nützen: aber zehn erwadisene Männer .machen eine vollgültige Gemeinde. Nicht auf die Zahl, sondern auf den Wert kommt es an. Mit diesen Jüngern ging er den Talmud und die Turim durch, und die Quintessenz seiner Diskussionen und Entscheidungen brachte er zu Papier. Er verfuhr mit grosser Souveränität und geistiger Unabhängigkeit; Knappheit, Klarheit, Allseitigkeit und Tiefe, das sind die charakteristischen Merkmale seiner Lehrweise. Erstaunlich ist die Kühnheit, mit der er, von einem schlichten unscheinbaren Text ausgehend, ein weitumspannendes Problem erfasst und mit allen Mitteln des blendenden Scharfsinns durdileuchtet, mit stupender Gelehrsamkeit aus allen Gebieten das Beweismaterial herbeisdiafft, der Pilpul nimmt einen hohen Flug, aber mit dem sicheren Takt des Genies weiss der Meister einzuhalten just an dem Punkte, der nidit übersdiritten werden darf, ohne dass der Pilpul sich in Sophisterei auflöst. Mit eiserner Faust zwingt er den Scharfsinn in die Bahnen der unerbittlidien Logik und Wahrheitsliebe. Und das alles in kurzen, schliditen, natürlidien Worten. Sehr oft ist die Bemerkung in ihrer Abrundung und Geschlossenheit ein wahres Kunstwerk. An mandie unscheinbare Stelle knüpft sidi oft eine erstaunliche Fülle von fruchtbaren und weittragenden Gedanken, aber der Verfasser bleibt stets in der bescheidenen Rolle des Kommentators. Ein grosser Herr streut hier achtlos und mit gleichgültiger Handbewegung seine Goldmünzen aus, die für die Armen, weldie sie auflesen, einen Reiditum bedeuten. Neben dem strengen, kalten, nüchternen Logiker und Gesetzeslehrer stand ein anderer Maharam Sdiiff, ein warm fühlender, poetisdi empfindender, gütiger, fröhlicher-H i r t e seiner Gemeinde. Eine mündliche Ueberlieferung beriditet über ihn folgendes: Einmal kam ein Mann zu ihm und sagte: „Tdi war krank und gelobte, wenn Gott mich gesund werden lässt, den zehnten Teil meines Vermögens an Anne zu sdienken. Ich besitze 1000 Taler und mödite 100 davon an 100 Arme verschenken". Darauf antwortete der Maharam mit einem Gleidinis: „In meiner Nachbarschaft wohnt ein kleines armes Mäddien, das war lange Zeit krank. Seine einzige Freude waren zwei Spatzen, die ans Fenster kamen und zwitsdierten und lustig umhersprangen. Als das Kind genas, schenkte ihm sein Vater eine Handvoll Körner zum Spielen. Das Mädchen wollte die Körner aus Dankbarkeit seinen lieben Vögeln streuen. Der Vater aber sprach: „Tu das nidit, Kind. Die Vögel picken die paar Körner weg und sind nadiher wieder hungrig. Säe sie lieber in deinem kleinen Gärtdien im Hof, dann erntest du soviel, dass du den ganzen Winter hindurdi deine Vögel ernähren kannst". Also sprach der Maharam. Der Mann verstand das Gleidinis und sprach zu sich: Wenn ich 100 Armen je einen Taler schenke, haben sie auf einen Tag zum Leben und sind gleich wieder hungrig. Er suchte und fand einen tüditigen und ehrlichen Mann, den Unglück und Krankheit in tiefste Not gebracht hatten. Dem gab er die ganzen 100 Taler. Der fing von neuem sein Geschäft an, und hatte den Segen Gottes und brachte es zu grossem Reiditum. Und da er selber die Armut gekostet hatte und wusste, wie Hunger sdimeckt, vergass er nie, dass er sein Glück einem Almosen verdankte, darum kannte seine Wohltätigkeit keine Grenzen. Er rettete zahlreidie Familien aus der Not, erzog Waisen und speiste Hungrige! — Diese präditige Volksüberlieferung kennzeidinet wohl am besten den Mann, an dessen Namen sie sidi knüpft. Maharam Sdiiff war ein Freund und Kenner der Kabbala und er zitiert den Sohar viel häufiger als den Moreh Nebudiim und Tbn Esra. Aber er räumte der Mystik nicht den geringsten Einfluss auf die haladiisdie Diskussion und Entscheidung ein. Dagegen pflegte er die Aggada eifrig, und wir besitzen von ihm eine Reihe von Predigten und Homilien zu versdiiedenen Sabbaten und mehrere aus Anlass eines „Sijjum", nämlidi der Festlichkeit, die beim Absdiluss eines Talmudtraktates begangen wird. Auch mitten in einer streng populistischen Diskussion bricht zuweilen, wie ein warmer Strahl, eine feinsinnige, aggadische Bemerkung durch. So, wenn er mitten in die trockene Erklärung einer Talmud- , stelle (Baba bathra 110a), in seinem sadiliehen, klaren Stil einen Lobpreis der manuellen Arbeit einflicht, indem er das Handwerk sdiledithin das Leben nennt. Doch gelte dies nur für das reinliche ehrenhafte Handwerk; ein Gewerbe, dem der leiseste Makel anhaftet, müsse man unbedingt meiden, auch wenn man sich in so schlimmer Lage befinde, dass man, — was er als Gipfel des Unglücks ansieht — Menschenhilfe anzurufen gezwungen ist. Darauf kommt er wiederholt zurück, und man fühlt aus diesen Worten den Gesinnungsaristokraten heraus. Es wäre eine verlockende Aufgabe, aus seinen Homilien und Predigten einerseits seine Lebensanschauung zu konstruieren und andererseits auch hier dieselbe Geistesrichtung nachzuweisen, die seine strengen halachisdien Studien beherrscht. Diesmal mögen einige kurze Andeutungen genügen. In der Sijjum-Derascha zum Traktat Gittin, der von der Ehescheidung handelt, sammelt er die im Talmud und Midrasch verstreuten Aussprüche zu Ehren der Frau und flicht aus ihnen einen herrlichen Kranz des Frauenlobs. Sein feiner Humor konnte sich bisweilen zum Sarkasmus steigern. Der Talmud verzeichnet einen alten Volksaberglauben, wonach das Gedränge im Bethhammidrasch beim Lehrvortrag von den bösen Geistern herrühre, die sich mit einmischen. Was Wunder, ruft Maharam, unsere Weisen geben ja den guten Rat: begegnet dir der Jezer-hora, der Geist, der zum Bösen verführt, so ziehe ihn nur mit ins Bethhammidrasch; dort überwindest du ihn am leichtesten. Jeder Hörer

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