Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 8 (4.1931)
- Date
- 1931-04-01
- Page
- Seite 431 (sequence 9)
- Language
- German
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251 Denn er rechtfertigte glänzend seinen frühzeitigen Ruf nicht nur durch seine Werke, die heutzutage, nach über dreihundert Jahren, nichts von ihrem Wert eingebüsst haben, sondern auch dadurch, dass er in der Gemeinde Fulda nahezu zwanzig Jahre seines Amtes waltete, bis er auf einen der angesehensten Rabbinatsthrone der damaligen Welt, nach Prag, berufen wurde. Doch bevor er noch vermocht hatte, dieser Berufung Folge zu leisten, musste er einem andern, dringenderen Ruf gehorchen, der ihm gebot, diese Welt in der Blüte der Jahre zu verlassen. Es gab damals in Europa einige Rabbinatsresidenzen, die sich in der ganzen Judenheit des höchsten Ansehens erfreuten. Das waren Amsterdam, Hamburg mit seinen Nebengemeinden Altona und Wandsbeck, Krakau und Lemberg, Lublin, Metz, Nikolsburg, Frankfurt am Main, Posen, Prag. Nach einer dieser Gemeinden als Rabbiner berufen zu werden, galt als die grösste Auszeichnung, die einem jüdischen Manne zuteil werden konnte, und von ihr fiel ein Glanz auf seine Familie und auf seine ferneren Nachkommen. Das war gleichsam eine Standeserh öh ung, nicht von einem Duodezfürsten gegen Erlag einer bestimmten Taxe vollzogen, sondern durch die übereinstimmende Meinung der Besten des jüdischen Volkes. Und sie vererbte sich nicht so ohne weiteres auf die Nachkommen, wie ein Geldsack oder ein paar Quadratmeilen Grund und Boden, sondern die Nachkommen mussten immer von neuem erwerben, was sie ererbt hatten von ihren Vätern. Sie war auch nicht an ein Fideikommiss gebunden, denn der Boden, an dem man Grossgrundbesitzer sein musste, um diesen Adelsrang zu erhalten, war „das gemeinsame Erbe der Gemeinde - "'Jakobs, die Thora, die uns Mose überliefert hat." Der Rabbiner im allgemeinen war dazumal nicht ein „Kultusbeamter", er war der Führer, Lehrer und Lenker seiner Gemeinde. Zumal die Rabbiner der obengenannten Gemeindeil waren richtige Herrscher und es war keine leere Phrase, wenn ihnen die Zeitgenossen das Epitheton: „Rabban schel kol bene haggolah" (Meister der ganzen Diaspora) beilegten. Denn ihre Herrschaft erstreckte sich tatsächlich über die Juden der fernsten Länder. Selbstverständlich war das nicht eine Herrschaft vermöge materieller Gewalt, sondern kraft einer freiwilligen Unterwerfung und einer spontanen Anerkennung der geistigen Oberhoheit, welche jene Männer durch ihre Ueberlegenheit ausübten. Zeugen dieser Oberhoheit sind die beinahe unzähligen Responsen, in denen die Rabbinen die ihnen aus allen Gegenden der Diaspora vorgelegten Fragen aus allen Gebieten des religiösen Lebens — und welches Gebiet umfasste damals das religiöse Leben nicht? — entschieden. Nicht etwa, das der Rabbiner einer grossen Gemeinde der Vorgesetzte einer kleineren gewesen wäre. Jeder Rabbiner war in seiner Gemeinde souverän, und die Gemeinden waren voneinander vollkommen unabhängig. Nur die geistige Ueberlegenheit gewährte denen, die sich ihrer rühmen durften, einen solchen weitreichenden Einfluss. Und so sehr das Rabbinat als aristokratische Institution erscheintj so war es in seinem Wesen und in seinem Kern demokratisch. Denn, da das Gut, dessen Besitz und Pflege gleichsam den Adel verlieh, Gemeingut des ganzen Volkes war, so war jedermann aus dem Volke zu dessen Pflege und Besitz berufen, und jedes Rabbiners Stolz und Freude war es, so viele aus dem Volke wie möglich heranzuziehen. In seinem Wesen war der Rabbiner nichts als Volkslehrer, nichts weiter. Dieses Lehramt übte er weniger durch die Predigt als durch das Grabmal des Maharam Schiff auf dem alten Friedhof am Börneplatt. wirkliche Lehren, sei es durch die ausgedehnte Korrespondenz, die die Resultate des Forschen einzelner in die fernsten Gegenden trug und einen regen Gedankenaustausch vermittelte, von dem selbst wir heutzutage, im Zeitalter der Presse, uns nur eine schwache Vorstellung machen, sei es durch das lebendige Wort, indem jeder Rabbiner allabendlich oder einigemale in der Woche vor seiner Gemeinde einen Vortrag hielt. Die university extension war im Ghetto schon vor Jahrhunderten eine feststehende Institution. Noch wichtiger jedoch war die Lehrtätigkeit des Rabbiners als Oberhaupt der Jeschiwa. Da sassen die Jünger zu Füssen des Meisters und bildeten sich unter seiner Leitung zu Kennern der Thora heran. So kam es, dass die hervorragenden Rabbiner einen grossen persönlichen Einfluss gewannen, lange bevor ihre Schriften in der Welt'bekannt wurden. Das war auch bei Maharam Schiff der Fall. Sein literarischer Nachlass wurde erst von seinem Urenkel publiziert, aber schon bei Lebzeiten galt der junge Meister als einer der grössten Gelehrten seiner Zeit, dessen Lehrweise als bahnbrechend angesehen wurde. Um seine Bedeutung richtig zu würdigen, muss maD auf die Entwicklung des jüdischen Geisteslebens seiner Zeit einen Blick werfen. Es war damals die Blütezeit des sogenannten „Pilp u 1", jener bis zur Spitzfindigkeit scharfsinnigen Methode der Hermeneutik, die schon im Talmud selber ihre Wurzeln hatte, später, namentlich von der deutsch-französischen Tosafistenschule ausgebildet und Jahrhunderte nachher von dem in Polen tätigen Prager Rabbiner Jakob Pollak (zirka 1470—1530) erneuert und bis zum Extrem getrieben wurde. Es ist leider unmöglich, im Rahmen dieses Artikels das Wesen des Pilpul, seine Entwicklung und seinen Einfluss auch nur annähernd zu kennzeichnen. Für diesmal genüge es zu sagen, dass der Pilpul die in jeder wissenschaftlichen Disziplin notwendige und gebotene Anwendung des Scharfsinns und der geistreichen Diskussion, um der Wahrheit auf den Grund zu kommen, bis aufs äusserste übertrieben und zum Selbstzweck gemacht hat. Es war nunmehr schon Kunst für Kunst, Kasuistik und Dialektik arteten nach und nach zu einer Sophisterei aus, die freilich sich nie so weit verstieg, etwa die Grundlagen der Religion anzugreifen (diese waren von der Diskussion überhaupt ausgeschlossen) oder auch nur die Religionsgesetze anzutasten, aber im Schwünge des Wortgefechts von der WTahrheit abwich und die schlichten und tiefen, auf den Prinzipien der gesunden Logik und des klaren Verstandes sich aufbauenden Methoden der Forschung zu überwuchern drohte. Da der Pilpul dem Esprit freies Spiel gewährte und dem Scharfsinn keine Schranken setzte, übte er auf die Jünger eine gefährliche Anziehungskraft aus, hatte etwas viel Verlockenderes als die strenge nüchterne Methodik der Halacha, deren höchste und heiligste Aufgabe es war, als Richtschnur des Gesetzes zu dienen und das praktische Leben zu regulieren. Gerade die höchstbegabten und subtilsten Geister konnten nur schwer dem Höhenrausch dieser die Phantasie und den Geist in gleicher Weise beflügelnden Lehrmethode widerstehen. Aber Männer von harter Selbstzucht kehrten auf halbem Wege um, bevor sie ganz vom Taumel ergriffen waren. Um die Zeit, in der Maharam Schiff zur Vollreife gedieh, eiferten gerade einige der bedeutendsten seiner älteren Zeitgenossen gegen den Pilpul. Rabbi Ephraim Lenczye nannte dessen Anhänger Verräter am Gotteswort. Auch R. Jesaias Halewi Horowitz, der viel gefeierte Rabbiner von Frankfurt, war ein ausgesprochener