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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-04-01 · 8 (4.1931) · p. Seite 430

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
8 (4.1931)
Date
1931-04-01
Page
Seite 430 (sequence 8)
Language
German
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250 MAUARAM SCHIFF Ein berühmter Frankfurter Von Binjamin Segel Weit und breit in der talmudischen Welt ist wohl kein Name so populär, wie der, welcher an der Spitze dieser Zeilen prangt. Ueberall wo man mit heissem Bemühen Haladia studiert, nennt man -ihn mit Bewunderung und Liebe. Allen den kühnen Seglern, die das brausende und unergründliche „Meer des Talmud" befahren, ist er ein Leitstern, der sie zwischen gefährlichen Klippen und brandenden Wogen hindurchführt. Jenen, die in die Tiefe hinabtauchen, um die kostbaren Perlen der Weisheit hervorzuholen, ist er die Feuersäule, die ihnen den Weg erhellt mit mildem, klaren Licht. Wer imstande ist, in einem komplizierten und verworrenen Problem die einfachen Linien herauszufinden und mit zwingender Logik, knapp und klar, der Wahrheit auf die Spur zu kommen, ohne Abschweifung und unnützes Gerede, die Beweisführung mit mathematischer Einfachheit und einleuchtender Genauigkeit vorzunehmen, ohne überflüssigen Formelkram und gelehrten Ballast, der wird ein „M aharam Schiffs- Kopf" genannt. Und was ist das untrügliche Zeichen, dass einer gesunden Menschenverstand mit kühnem Geistesflug, Gründlichkeit mit Tiefe vereint? Nämlich, wenn ihm ein Widerspruch auffällt, der dem Auge des alltäglichen Lesers und Lernenden verborgen bleibt, weil er den hergebrachten Autoritäten blindlings vertraut; wenn er sich an eine Schwierigkeit stösst, die jenen unberührt lässt, dessen flüchtiger Blick über die Oberfläche hingleitet, und der nidit imstande ist, die gegebenen Gedanken selbständig weiter zu denken — die aber dem scharfen, durchdringenden, unbestechlichen Auge eines Maharam Sdiiff nidit entgehen konnte, .und die er in seinen Abhandlungen und Glossen zum Talmud hervorgehoben. Das Treffen einer „Maharam Sdiiffs-Kasdiija" bildet gleichsam das Merkmal geistiger Vollreife und ernsten Streens, klarer Gedankenarbeit und wissenschaftlicher Selbständigkeit. Es hat auch andere sdiarfsinnige und geistvolle Erklärer gegeben, der bekannteste unter ihnen ist wohl der „Maharsdio", dessen Glossen jedem Lernenden ganz unentbehrlidi geworden sind. Aber diese bilden immerhin erst eine Unterstufe, auch zeigen sie eine viel zu grosse Neigung zum Geistreidien, schaffen hübsdie, anmutige Gedankenarabesken und befriedigen mehr den Trieb zur gedanklidien Gymnastik, zur Uebung der Verstandessdiärfe, als den Drang nach Klarheit und unverfälsditer Wahrheit. Hat sich jener Trieb genugsam ausgelebt, ist der Geist genügend reif geworden, so dass die spielerisdie Kraftbetätigung allein ihn nidit mehr befriedigt und er nadi dauernden unverlierbaren Erkenntnissen verlangt, so bietet ihm solche die Lehrmethode des Maharam Sdiiff. Seine Lehrweise bildet gleidisam den Gipfel des rationellen Talmudstudiums und ist in ihrer Art nur weiterentwickelt, aber nidit überboten worden. Darum ist weit und breit in der talniudisdien Welt kein Name populärer, als der des Maharam Sdiiff. Und diese Welt ist nidit gar so klein, wie es bedünken könnte. Sie erstreckt sich über drei Erdteile und zählt noch immer Millionen von Bewohnern. Ueber die Biographie der Meister des Talmuds kann man nicht diskutieren, wohl aber über ihre Lehren und Meinungen. Am Ende kommt es ja nidit darauf an, wie einer geheissen, sondern was er gelehrt und gewollt hat. Häufig wurden die Namen durch eine Abbreviatur zu einem klangvollen Anagramm zusammengezogen: der Rambam, der Rabad, der Ran, der Rasdiba, der Rosch, der Ri, der Rama. Nur selten nimmt ein Jünger sidi die Mühe, diese Pseudonyme in ihre Bestandteile zu zergliedern. Solch eine Abkürzung ist handlidi und bequem in der Diskussion und man kann sicher sein, dass, wer mit vollem Namen, Rang und Titel genannt wird, in neun von zehn Fällen nidit zu den Geistern ersten Ranges gezählt wird. Maharams gab es mehrere; die bekanntesten unter ihnen waren Maharam Padua und Maharam Lub- Ün, Maharam Rothenburg. Um ihn von diesen zu untersdieiden, wurde unserm Maharam — was selten gesdiah — sein Familienname Schiff beigefügt: M(orenu) Ha(rav) Ra(bbi) M(eir) Schiff. So ging er in die Unsterblichkeit, und keiner fragte wohl, wann er gestorben war und wo er gelebt und gewirkt. Er wurde dennoch geboren, und zwar im Jahre 1605 in der Judengasse zu Frankfurt am Main. Er entstammte einem alten, hoch an gesehenen Frankfurter Geichrtengeschledit. Ein Grabstein, der vor vierhundertunddreissig Jahren, im Jahre 1481, auf dem alten Frankfurter Friedhof zu lläupten des am 3. Thammus jenes Jahres verstorbenen Uri Phöbus Kolien Sdiiff gesetzt wurde, bezeugt mit seiner Insdirift, dass der Verblidiene der Sohn des ehrwürdigen, hodigeaditeten, greisen Dajjans Rabbi Jakob Schiff gewesen und viel betrauert wurde. Bis in das 19. Jahrhundert hinein bekleideten Mitglieder dieser Familie in Frankfurt hohe rabbinische oder kommunale Würden, und von dort aus verzweigte sich der Stamm über andere angesehene Gemeinden Europas. Im Jahre 1765 wurde das Mitglied des Frankfurter Rabbinatskollegiums R. David Tewele (Tobias) Schiff Sohn des hodiangesehenen dortigen Gelehrten Salomon Sdiiff, zum Oberrabbiner von London erkoren; er entwickelte dort eine rege soziale, organisatorisdie und literarisdie Wirksamkeit, unterhielt eine ausgebreitete wissensdiaftlidie Korrespondenz mit den bedeutendsten Zeitgenossen und verstarb in London tiefbetrauert von der ganzen Gemeinde nach siebenundzwanzigjähriger Tätigkeit im Jahre 1792. Sein Bruder Meir verblieb in Frankfurt, wo er nahezu volle vierzig Jahre, von 1768 bis 1807, als Rabbinatsassessor füngierte. Dieser machte sich als Autor eines Werkes bekannt, dessen hebräisdier Titel „Deredi Anijjah belev jam" den Namen seiner Familie (Anijjah Sdiiff) verewigen sollte. Ein Zweig der Familie wurde nadi Polen verpflanzt. Fast auf jedem Blatt der Gesdiidite der Frankfurter Judenheit begegnen uns Sprösslinge des Stammes Sdiiff. Zu jeder Zeit standen einer oder mehrere von ihnen an der Spitze irgendeiner Institution dieser in der ganzen jüdischen Welt hochangesehenen Gemeinde. Das bezeugen in ihrer stummen Spradie die Insdiriften auf den Grabsteinen dieser Familie, die sich auf dem alten Frankfurter Friedhofe noch erhalten haben (publiziert in dem sdiönen Insdiriftenbudie von Ilorovitz 1901). Da war von den in diesem geweihten Boden Rulienden nahezu jeder dritte ein Rabbiner, ein Dajjan (Riditer), ein Treuhänder (Neäm*n) oder ein „Parnas" und „Manhig" der Gemeinde. Dieses Wort hat im hebräisdien einen viel innigeren und anziehenderen Klang, als in der deutsdien Uebersetzung „Pfleger und Führer". Der Vater des nachmaligen Maharam, Rabbi Jakob ben Uri hakohen Sdiiff fungierte in seiner Heimatstadt als Rosdi Jesdiiwa, was hier nidit, wie anderwärts, nur Oberhaupt des Lehrhauses, sondern zugleidi Präsident des Rabbinerkollegiums bedeutete. Wenn wir nun erfahren, dass Meir Schiff 1622, also in seinem 17. Lebensjahre, zum Rabbiner von Fulda gewählt wurde, so wirft das ein klares Lidit auf seine Jugend, von der wir sonst fast garnidits wissen. Diese Tatsadie ist umso bedeutsamer, als damals die Blütezeit des Talmudstudiums in Deutsdiland und Polen war, und einige der älteren Zeitgenossen Meirs zu den grössten rabbinisdien Autoritäten aller Zeiten gehörten. Da war der ihm geistig am nädisten stehende Maharsdia, Samuel Edels in Posen (später in Ostrog) 1565—1651, dessen Sdiwiegermutter Edele auf ihre Kosten eine grosse Jüngersdiar aushielt, die im Lehrhause ihres Schwiegersohnes zu dessen Füssen sass. Seine Glossen zum Talmud waren 1598 in Prag ersdiienen und hatten seinen Namen weit und breit bekannt gemacht. R. Meir Schiff zitiert ihn oft und polemisiert manchmal gegen ihn. Da war ferner Josua Falk Cohen (1550—1615) in Lemberg, einer der ersten Meister besonders auf dem Gebiete des Zivilredits, ferner Meir Lublin (1554—1616), mit dreissig Jahren bereits Rabbiner von Krakau, nadiher von Lemberg. In Prag lehrte R. Lipmann Heller, wohl der klarste, umfassendste und tiefste Kopf seines Zeitalters. Später nadi Krakau gekommen, hatte er dort zu Kollegen Rabbi Joel Starkes, kurzweg von den Initialen seines Werkes Ba(jith) di(adasdi) als der „Badi" bekannt und berühmt (1560—1641), ferner Rabbi Josua ben Joseph Falk, einer der meistbefragten und fruditbarsten Respondenten seiner Zeit, dessen Urenkel nadi» mals in Frankfurt am Main als Oberrabbiner fungierte. AVährend der Kindheit Meirs wirkte inseiner Vaterstadt neben einer Anzahl anderer ausgezeidineter Gelehrter Rabbi Jesajag Halewi Horovitz, in der Judenheit hodiberühint und verehrt, noch bevor sein grosses Werk „Schelah" erschienen war. Alle diese Männer haben dank ihrer grossen Gelehrsamkeit und Frömmigkeit, durdi ihre Werke, durdi ihre Lebenssdiicksale, sowie durdi Verordnungen und Einriditungen, die sie gesdiaffen, unverwisdibare Spuren in der Geistesgesdiidite des gesamten jüdisdien Volkes zurückgelassen. Es war sehr sdiwierig, neben diesen Leuditen der Wissensdiaft, deren Lidit weithin erstrahlte, sich Namen und Ansehen zu erwerben. Und wenn ein junger Mensdi in Frankfurt am Main, einer der I fauptstätten rabbiniseher Wissensdiaft, sich eine so hohe Geltung versdiaffen konnte, dass er im 17. Lebensjahr von einer Gemeinde, die „voll war von Weisen und Sdiriftgelehrtcn", zu ihrem Oberhaupt berufen wurde, so lässt das auf eine ungewöhnlidi geniale Veranlagung sdiliessen. Es muss aber nidit jene Frühreife sogenannter Wunderkinder gewesen sein, die nur zu häufig in Banalität und Alltäglidikeit sich auflöst.

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