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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-03-01 · 7 (3.1931) · p. Seite 224

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
7 (3.1931)
Date
1931-03-01
Page
Seite 224 (sequence 14)
Language
German
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224 geäussert, dem er weitere gleichartige folgen lassen wollte, bis es Zeit gewesen wäre, den Koraukomiuentar zu schreiben, den er ebenso wenig überstürzt herausbringen wollte wie je etwas im Leben. Nun bleibt nur die Hoffnung, dass sein handschriftlicher Nachlass noch wesentliche druckferiige Teile der Arbeit enthalten möchte. Tm Alter von 28 Jahren habilitierte sich Horovitz 1902 in Berlin mit der Edition der.Gedichte des Kumait, eines frühislamischen Dichters; auch diese Arbeit war folgenreich für sein, späteres Schaffen, ist doch Horovitz der erste Koranforscher, der konsequent damit Ernst gemacht hat, zum Verständnis der koranischen Sprache die altaräbisdie Poesie heranzuziehen. Die Berliner Jahre sind auch sonst nicht ergebnislos geblieben. In einer viel zitierten Arbeit „Spuren griechischer Mimen im Orient" (1905) wies Horovitz Nachwirkungen des antiken Lustspiels auf das orientalische Schattenspiel nach: an der von der Preussischen Akademie der Wissensdiaften veranstalteten Ausgabe der Biographien Muhammeds und seiner Gefährten von Ibn Saad war auch Horovitz beteiligt (II 1, 1909). Das entscheidende Ereignis seines Lebens war seine Berufung auf die arabische Professur am Anglo-Oriental College in Aligarh {Britisch-Indien) im Jahre 1907; zum ersten Male wurde dieses Amt einem Europäer übertragen. Was Horovitz den indischen Studenten als Lehrer war, davon legt das Verhalten seiner Schüler nach Ausbruch des Weltkrieges, als Horovitz in Indien interniert wurde, beredtes Zeugnis ab. Dass er im Weltkriege mit seiner Gattin den Suezkanal passieren konnte, mit Pässen, die der Vizekönig selbst ausgestellt hatte, dass sogar sein Hausrat mitten im Kriege unversehrt nach Frankfurt kam, mag beweisen, was er drüben gegolten hat. Er selbst hat immer nur gelernt, gesehen und aufgenommen. Er wusste um die Kräfte, die den Orient zum Erwachen gebracht; und er fühlte mit denen, die gegen den europäischen Imperialismus ihr Volkstum verteidigten. Bis in seine letzten Tage hinein war er jedem Orientalen, der ihn kannte, — und sein Ruf ging von Aegypten bis Indien — Helfer und Ratgeber. Aus der indischen Zeit stammt H.'s Mitarbeit an der ..E p i g r a p h i a I n d i c a", dem Publikationswerk für in Indien beßudlidie Inschriften (1912—1914), eine Untersuchung über den indisch-muslimischen Heiligen Babä Ratan (1915) und vor allem das allerdings erst 1928 erschienene Handbudi „Indien unter britischer Herrschaft", dessen glänzende Aufnahme in der gelehrten Welt umso rühmlidier für Horovitz war, als er ja weder Indologe nodi Historiker und Statistiker war. Von dem Werk befand sidi bereits jetzt die zweite Auflage in Vorbereitung. Sdiliesslidi stammt aus der indischen Zeit auch die ständige Mitarbeit an der drüben erscheinenden Zeitsdirift „Isla m i c Culture"; nodi bis zuletzt ist ein grosser Teil der widitigsten Aufsätze H.'s dort erschienen. 1914 erhielt Horovitz zu gleicher Zeit Rufe als Ordinarius nadi Hamburg und Frankfurt. Einflussreidien Freunden hatte er es zu verdanken, dass er reditzeitig zum Sommersemester 1915 die von Jakob H. Sdiiff (New York) gestiftete Frankfurter Professur der „Semitischen Philologie mit Berücksichtigung der targumischen und talmudisdien Literatur" als ihr erster Inhaber antreten konnte. Sedis Jahre später war Horovitz bereits Dekan der Philosophisdien Fakultät; seine Autorität unter den Amtskollegen war nicht geringer als die unter den Fachgenossen. Der Kreis der Sdiüler, die Horovitz heranbildete, gehört zu den grossen Hoffnungen der Orientalistik; und gerade hier hat ihn, den Verschlossenen, fast Abweisenden, die Freude am Erfolg und die Liebe zum Zögling in den letzten Jahren immer offener, heiterer, sonniger gemacht, wie ihn vorher nur Verwandte und engste Freunde gekannt hatten. Ueber alledem ist Horovitz immer Jude geblieben, nicht nur so, dass er sich zu seinem Judentum bekannte und seine Gelehrsamkeit jüdischen Vereinen und Zeitschriften zugute kommen liess, sondern dort aktiv wirkend, wo er seine Aufgaben sah *) Zwar im innerjüdischen Parteienstreit nahm er keine Stellung; Tagespolitik war nie seine Sache. Aber die neue grosse Äufeabe des jüdischen Volkes, P alästina, war auch die seine; dn seinem Bezirk leistete er dafür mehr als viele andere. Das Orientalische Institut der Universität Jerusalem ist von Horovitz aufgebaut worden und stand unter seiner Leitung; dort im Orient Eedadite Horovitz zum ersten Mal eine Forschungs- und ehrstätte mit lauter europäisdi gesdiulten Spezialisten zu erriditen, deren jeder in einem Teilgebiet der Orientalistik ein Fadimann sein sollte, statt wie dn Europa Philologe, Historiker, Literatur- und Religionsforsdier usw. in einem sein zu müssen. Iiier sollten auch die Araber lernen können; die Vermittlung europäisdier Bildung an die islamisdie Welt ersdiien Horovitz als eins der vornehmsten Mittel, Frieden zwisdien Juden und Arabern zu stiften. Und er hat tatsächlich die Genugtuung erlebt, dass Araber Schüler des Instituts waren. Der Aufbau hatte erhebliche Fortschritte geinadit; die einzelnen Fächer konnte Horovitz zum Teil mit seinen eigenen Sdiülern besetzen. Zwei grosse Forschungsaufgaben waren in Angriff genommen, die dazu bestimmt waren, die Leistung des Instituts nach aussen zu zeigen. Das Institut ist seines Schöpfers und Leiters beraubt: Briefe aus Palästina spiegeln die Furcht wider, ob es möglich sein wird, einen würdigen Nadifolger zu finden. Aber nidit nur als Wissenschaftler hat Horovitz Palästina gedient (übrigens auch durch eigene Forschung, wie sein berühmter Aufsatz über das koranische Paradies in den Sdiriften der Universität Jerusalem beweist). Vielmehr nahm er auch am Aufbau, des Landes selbst auf seine Weise Anteil. Mit wachsenden Befürchtungen sah er, wie die zionistischen Siedler, sei es aus Ahnungslosigkeit, sei es aus anderen Gründen, in steigendem Masse die Araber gegeu sich äufbraditen. Leider hat man auf ihn, den Niditzionisten, nicht hören wollen; als das grosse Unglück vom Herbst 1929 gesdiah, wandte man sidi an ihn: man dadite, die Autorität, die er bei den Orientalen genoss, der jüdischen Sache nutzbar machen zu können, aber zu spät. Jetzt nach Beruhigung der Gemüter hoffte Horovitz auf der Indienreise in Palästina Station machen und für das jüdisdie Volk wirken zu können; auch diese Hoffnung ist zunichte geworden. Es bleibt nur zu wünsdien, dass wenigstens nachträglich die Lehren dieses wirklich westöstliidien Mannes beherzigt werden. Wenigstens hat er die Genugtuung gehabt, dass seine Sdiüler in Palästina auch in der jüdisdi-arabisdien Frage seine Friedensgedanken aufgenommen und verbreitet haben. Am Grabe hat der jetzige Dekan der Philosophisdien Fakultät gesagt, dass Hochschulen des In- und Auslandes die Frankfurter Universität um diesen Gelehrten beneidet haben; auch ist geäussert worden, Horovitz sei eine der Säulen gewesen, auf denen das Ansehen Deutschlands im Ausland beruht habe. An diesem Grabe sind keine Phrasen gesprochen worden; man konnte über den Toten nidits Besseres sagen als über den Lebenden. Was er der Orientalistik und dem jüdisdien Volke war, ist hier versucht worden darzustellen; es kann den Menschen Josef Horovitz nicht erschöpfen. Möchte sein Leben nicht umsonst gelebt, sein Werk nicht vergeblich getan sein. Die Beerdigung fand am 8. Februar unter unsrewöhnlidi starker Beteiligung statt. In der überfüllten Halle des neuen Friedhofs hielten Gedenkreden: Rabbiner Dr. Jakob Horovitz als Bruder des Verstorbenen, der Rektor der Universität, die zum Zeidien ihrer Trauer auf Halbmast geflaggt hatte, Prof. Dr. Fischer-Wasels, der Dekan der Philosophischen Fakultät, Prof. Dr. Schulz, Prof. Dr. Otto für die Freunde, Studienrat Dr. Salomon für die Marcus Horovitz-Loge, Hauptmann Rühl für das Orient-Tnstitut und die Türkische Botschaft. N. Glatzer für die Sdiüler und J. B. Levy für die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. Simon Unna. geb. 51. III. 1864, gest. 14. IL 1951. Am 14. Februar ist Simon Unna nach längerem Leiden in die Ewigkeit eingegangen, ein Vorbild seltener Pflichttreue und lauterster Frömmigkeit. Als Sohn des am Würzburger Lehrerseminar wirkenden Dozenten J. Unna geboren, mütterlidierseits ein Enkel des allbekannten Würzburger Rabbiners S. B. Bamberger, wurde er frühzeitig in die Urquellen des jüdischen Schrifttums ein- *) Es verdient in diesem Zusammenhang erwähnt zu werden, dass es ein jüdischer Kreis war, in dem Josef Horovitz zum letzten Mal hervortraft. Am Abend des 3. Februar, also kaum zwei Tage vor seinem plötzlichen Tod, sprach er über „Araber und Jude n". In einer schlechthin meisterlichen Weise gab er hier einen Ausschnitt aus der „Welt des Islam". Wae er seinen dankbaren Zuhörern bot, war beste, lebendige Wissenschaft. Seine von tiefer Einsicht und warmherzigem jüdischen Empfinden erfüllten, auf friedliche Einordnung der Juden in die arabische Welt hinweisenden Darlegungen hinterliessen den stärksten Eindruck. Keiner der Zuhörer konnte ahnen, dass dieser lebensvolle Mann, der sich hier in -seinem ganzen Reiz erschloss, gleichsam ein Testament vortrug. — Nach dem Vortrag erzählte Horovitz einem Teilnehmer eine Episode, die hier vermerkt sei, weil sie für die Wandlung in den jüdisch-arabischen Beziehungen bezeichnend ist. Er war sehr befreundet mit Mohammed Ali, dem Führer der indischen Mohammedaner. Als er Indien verliess, um dem Ruf nach Frankfurt zu folgen, besprach Mohammed Ali mit ihm die Frage seines Nachfolgers und schloss dabei mit den Worten; „A b e r sorgen Sie dafür, dass es wieder ein Jude is t". — Vor wenigen Wochen starb Mohammed Ali, er wurde nicht in seiner Heimat, sondern in der Omar-Moschee in Jerusalem, dem jetzigen Zentrum der antijüdischen Politik, beigesetzt. Schriftl.

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