Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 7 (3.1931)
- Date
- 1931-03-01
- Page
- Seite 216 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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überrascht haben: mitten in der engen Studierstube sah plötzlich der Kaiser die kaiserliche Burg in ihrer ganzen Herrlichkeit. In dieser Sage wird der hohe Rabbi Low, dreihundert Jahre-vor der Entdeckung des Radio, als der Erfinder des Fernbildes gefeiert. Der Sagenkreis, der sieh um Kaiser und Rabbi gebildet hat, ist gewissermassen ein offenes Geheimnis; sein Ursprung ist ersichtlich. Welche Bewandtnis hat es indessen mit der Golemsage? Sagen sind Blumen; rationalistisch zerpflückt, verlieren sie an Duft. Dennoch möchte ich die Deutung des Dr. Grün wiedergeben, weil sie mir der Wahrheit nahezukommen scheint. Er vertritt die Ansidit, die Gesdiichte vom Golem habe der hohe Rabbi Low in einer seiner Predigten als Gleichnis erzählt. Der Sinn der Geschichte ist klar: Der Golem ist der Mensch, das heilige Täfelchen ist der göttlidie Odem, der den Menschen beseelt; das menschlidie Leben ist Mühe und Plage und Unruhe und Arbeit, und wenn der Tag des Lebens sich neigt und die Nacht des Todes hereinbricht, da wird dem Menschen das heilige Täfeldien genommen, und er sinkt zu Boden als eine Tonmasse — ein Golem. Das Gleichnis vom Golem gefiel den Leuten, sie erzählten es weiter, sie überlieferten es ihren Kindern, diese wiederum den ihren, es wanderte von Gesdiledit auf Gesdiledit, und es wanderte solange, bis sdiliesslich der Märdienerzähler selber in das Märchen hinübergewandert war; das Gleidinis war vergessen und zurück blieb die Geschichte vom Golem und .dem hohen Rabbi Low. Das Denkmal des unbekannten jüdischen Soldaten Eine Kriegserinnerung von Julius Flörsheim. Es war im Jahre 1917. Mit einem Transport schwer verwundeter deutscher Gefangener war ich nach bangem Hoffen und sehnsüchtigem Warten, nach häufigen ärztlichen Untersuchungen endlich dem mörderischen Fieberklima eines nordafrikanischen Gefangenenlagers der französisdien Gefangenschaft entronnen und in der Sdiweiz interniert worden. Die Gebirgsluft des Appenzellerlandes hatte ihre heilsame Wirkung auf den kranken Körper und die bedrückte Seele ausgeübt, und einigermassen gesund konnte ich meinen ersten Urlaub nach St. Gallen, der nächsten Stadt mit einer jüdischen Gemeinde, antreten. Es war Pessach. Wohl noch nie hatte ich am eigenen Leibe erfahren, was es heisst, von harter Knechtschaft von „Awaudo koscho", von sdiwerer Sklavenarbeit befreit zu sein. So vorbereitet, betrat ich nach zweijähriger Gefangenschaft zum erstenmale wieder ein jüdisches Gotteshaus. Meine kleine Rödelheimer Tefillo, die in allen Kämpfen und Leiden mein treuer Begleiter gewesen war, sollte mir auch diesesmal wieder, wie so oft, zur Andacht verhelfen. Neben mir stand ein anderer jüdischer Soldat, den gleiches Geschick in die Sdiweiz geführt hatte. Auch er hatte eine Tefillo vor sich liegen. Von diesem Gebetbuche möchte ich erzählen. Als Leidensgefährten wurden wir schnell bekannt, und im Laufe der nächsten Tage des Befreiungsfestes, das uns bei einer gastfreien jüdischen Familie beim altüberlieferten Seder zusammenhielt, auch bald befreundet. Mich fesselte von Anfang an die Tefillo meines Kameraden und ihr eigenartiges Aussehen. Der hintere Deckel und die meisten Seiten des Gebetbuches waren stark zerfetzt. Der vordere Deckel dagegen war noch gut erhalten. Ich blätterte und fand auf dem Deckel in zitternder Schrift die Worte: „Meinem Einzigen mit auf dem Weg!" Die Ueberschrift erschütterte mich tief. Sie hatte eine tieftraurige Geschichte, die mir mein Kamerad erzählte. „Es war an einem regnerischen Herbsttage' des Jahres 1915. wir lagen in der Champagne, nachts sollte ein Sturmangriff auf die feindlichen Gräben stattfinden. Bang erwartungsvoll beschäftigten uns die bevorstehenden Kämpfe. Der Feind war auf der Wacht. Ein gewaltiges Trommelfeuer sollte den Weg zu den feindlichen Gräben sperren. Granaten heulten, das Maschinengewehrfeuer knatterte, Leuchtkugeln erhellten schaurig das her anbrechende Dunkel. Jetzt endlich kam der Angriffsbefehl. Die Spannung löste sich. „Heraus aus den Gräben", hiess es. Inzwischen war die Nacht hereingebrochen. Dünner Regen rieselte hoffnungslos und eintönig hernieder, schwer drückte der Tornister. Stolpernd und fallend gings über Löcher und Stacheldrahthindernisse hinweg, den feindlichen Gräben entgegen, redits und links fielen Soldaten. Stöhnen und Röcheln durchdrang die dunkle Nacht. Plötzlich fiel ich über einen Körper; nur schwerfällig konnte ich mich wieder erheben. Ich tastete und fässte dabei ein Buch. Ganz mechanisch steckte ich es ein und dachte dabei: Vielleicht kann ich den Angehörigen des toten Kameraden dieses Buch als letztes Erkennungszeidien eines geliebten Sohnes zusenden. Stolpernd setzte ich meinen Weg fort. Plötzlich empfing ich einen heftigen Schlag gegen die. Brust und stürzte hin. Erae halbe Stunde mochte ich wohl fast besinnungslos so gelegen haben. Der Schmerz hatte nachgelassen, schwerfällig erhob ich mich, befühlte meinen Körper und konnte feststellen, . dass ich nidit verwundet war. Ein Granatsplitter hatte meinen Uniformrock zerfetzt, war in das Buch eingedrungen, und dann hatte wohl seine Durchschlagskraft versägt. So hatte mich das gefundene Buch vor schwerer Verwundung gesdiützt. Ein gutes Omen! Die feindlichen Gräben waren inzwisdien erstürmt worden. Hinkend folgte ich meinen Kameraden, und im Morgengrauen griff ich zuerst nach meinem Buch, das mein Lebensretter geworden war. Ein tiefes Schaudern ergriff mich: es war eine Rödelheimer Tefillo. Ich blätterte, um den Namen des Toten zu suchen und fand die Inschrift am Einbanddeckel: „Meinem Einzigen mit auf den Weg". Tieftraurig flogen meine Gedanken in die Heimat. Dort sass gewiss eine jüdische Mutter und verging in Sorgen um ihr einziges Kind. Wie lange würde es dauern, dann traf die entsdieidungsvolle, kurze und trostlose Nadiricht ein: „Auf dem Felde der Ehre gefallen!" Der Gedanke an den unbekannten jüdischen Kameraden verliess mich seit dieser Zeit nie. Sobald wie möglich, versuchte ich durch eine Anzeige in einer jüdischen Zeitung der armen Mutter das letzte Erinnerungszeichen ihres Sohnes zuzustellen. Leider war mir das Regiment des Gefallenen unbekannt, und so blieben meine Bemühungen erfolglos. In allen weiteren Kämpfen blieb die Tefillo mein treuer Begleiter, der midi nie verliess. Doch auch midi ereilte bald das Sdiicksal. Einige Monate später geriet ich in Gefangenschaft und musste m einem Gefangenenlager an der französischen Kanalküste mit vielen Kameraden ein schweres Geschick erdulden." Mein Freund konnte die Gefangenschaft nicht-'ertragen. Ein unbändiger Freiheitsdrang quälte ihn, und eines Tages brach er mit drei gleichgesinnten Genossen nach den notwendigen Vorbereitungen, mit Lebensmtteln und einem Kompass ausgestattet im Dunkel der Nadit aus, dem unbekannten Süden entgegen, um über die Alpen die Schweiz zu erreichen. Bis in die Gegend von Grenoble war man trotz aller Gefahren und nur auf Nachtwanderungen gekommen. Schon leuchtete der schneebedeckte Gipfel des Montblancmassives, Freiheit verheissend, in der Ferne. Ermattet und mit wunden Füssen suchten sie in einer Scheune kurz vor Grenoble Ruhe und Unterkunft. Da kam das Unheil. Bauern hatten wohl in der Scheune zu tun und entdeckten die Flüchtlinge. Der Fluchtversuch endete mit Gefangennahme und Festungshaft in den feuchten Kasematten der Festung Grenoble. Eine schwere Erkrankung folgte auf die Strapazen und Aufregungen. Auch mein Freund brauchte nicht das Ende des Krieges als Sträfling abzuwarten. Eines Tages kam die langersehnte Kommission vom Roten Kreuz. Als austauschfähig befunden, kam auch er in die Schweiz, und dort wurden wir bekannt. Im Laufe der Zeit habe ich meinen Kameraden aus dem Auge verloren. Doch alljährlich, wenn am Volkstrauertag die Gräber der Gefallenen geehrt werden, denke ich an das Grab des unbekannten jüdischen Soldaten und an sein einfaches, aber rührendes Denkmal, die Rödelheimer Tefillö. Das Heim der jüdischen Wanderer Von A. Benjamin. In der Zeit der stärksten Nachkriegs wanderung, als im Osten unsere Glaubensgenossen durch Pogrome vertrieben wurden, stellte sich die Notwendigkeit heraus, auch in Frankfurt eine Stätte zu schaffen, an der die Wanderer einen Ruhepunkt finden konnten. Im Jahre 1922 gelang es, die nötigen Mittel zu sammeln, -um zum Kauf des Hauses in der Einhorngasse 4—6, einer ehemaligen Gastwirtschaft, schreiten zu können. Wenn auch die Lage in der Altstadt mancherlei Nachteile hat, so ist andererseits die Nähe des Büros der Wohlfahrtspflege und Wanderfürsorge, die günstige Verkehrslage, die Nähe der Kreisstelle des Fürsorgeamts sehr praktisch. Als wir das Heim eröffneten, waren nur einige Holzbetten vorhanden; in den einzelnen Schlafräumen fehlte noch die Beleuchtung, die hygienischen und sanitären Vorrichtungen waren mehr als primitiv. Im Laufe der Zeit verbesserte sich manches, es wurde elektrische Beleuchtung angelegt, es konnten auch einige Misstände abgestellt werden. Der Opfergeist der Frankfurter Juden förderte unsere Bestrebungen, ein wohnliches Heim zu schaffen. Wir waren L. & M. Neithold Das Photohaus mit ffaehm. Bedienung. Schillerplatz 7 und Zell 63