Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-03-01 · 7 (3.1931) · p. Seite 215

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
7 (3.1931)
Date
1931-03-01
Page
Seite 215 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3094266-3094360-3094367--2722-3097472
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

13 entity mentions

Grün, auf Grund eingehender Durchforschung der vorhandenen Quellen zu dem Ergebnis gelangt, dass er um das Jahr 1520 in Posen geboren wurde. Auch über seinen Studiengang herrscht Unklarheit; man weiss nicht, wo er eigentlich erzogen wurde und wer seine Lehrer waren. Aus dem Umstand, dass Löwe ben Bezalel in seinen Schriften mit keinem Worte seiner Lehrer gedenkt, folgert Grün, dass er überhaupt keinen Lehrer gehabt, dass er sich also sein vielumfassendes Wissen durch Selbststudium erworben habe. Demnach dürfte er in seinem Geburtslande Polen erzogen worden sein, denn bei den Juden in Polen war dazumal die autodidaktische Studienweise die Regel. In den meisten Eolnisch-jüdischen Lehrhäusern gab es „keinen eigentlichen ehrer oind keinen eigentlichen Schüler, jeder war Lehrer und Schüler zugleich, der Fortgeschrittene unterstützte mit seinem Wissen den Schwächeren, half ihm über die Schwierigkeiten des Lehrstoffes hinweg, es war ein gegenseitiges Ergänzen, ein gemeinschaftliches Streben und Forschen, eine Art des geistigen Kommunismus. Diesen Studiengang hat auch Rabbi Löwe durchgemacht; das Lehrhaus in seiner Heimatgemeinde war sein Lehrer." Drei Städte hatten also die Ehre, den hohen Rabbi Low den ihren zu nennen: Posen, Worms und Prag. Die Familie des hohen Rabbi Low stammte aus Worms — sein Onkel, Jakob aus Worms, war Oberrabbiner sämtlicher Gemeinden des deutschen Reiches —, er selbst war in Posen geboren, mit Prag aber verbanden ihn durch seine Gattin, eine gebürtige Pragerin, verwandtschaftliche Beziehungen. Nun zeigt es sich, wie sehr manchmal dec Ort für das Wachstum eines Menschen bestimmend ist. Der hohe Rabbi Low dürfte erst nach seiner Verheiratung zum erstenmal nach Prag gekommen sein. Den grössten Teil seines Lebens verbrachte er ausserhalb Prags. Er war zwanzig Jahre lang Landesrabbiner in Mähren, vier Jahre Rabbiner in Posen, fünf Jahre Landesrabbiner von Grosspolen; sein Aufenthalt in Prag weist mehr jährige Unterbrechungen auf und erstreckt sich auf die Jahre 1573 bis 1584, 1588 bis 1592 und dann von 1597 bis zu seinem am 22. August 1609 erfolgten Ableben. Er erreichte also ein Alter von 89 Jahren, davon hatte er nicht weniger als 62 Jahre fern von der böhmischen Hauptstadt gelebt. Und doch nannte (und nennt ihn heute noch) die jüdische Welt „Maharal mi-Prog", das heisst „Rabbi Löwe aus Prag". Seine Zugehörigkeit nach Prag mochte der hohe Rabbi Low selbst triebinässig gefühlt haben, denn er sehnte sich immer wieder nach Prag zurück. So oft er in einer andern Stadt seiuer Amtsbürden müde geworden war, flüchtete er nach Prag. Nach zwanzigjähriger Amtstätigkeit in Mähren liess er sich 1573, anscheinend als Privatgelehrter, in Prag nieder und gründete hier, wie David Gans berichtet, ein„Versammlungshaus für die Weisen", das heisst ein Lehrhaus, um sich einen Wirkungskreis zu schaffen. Er folgte einer Berufung nach Posen und kehrte nach vier Jahren wieder nach Prag zurück. Einige Jahre bekleidete er das Amt eines Landesrabbiners von Grosspolen und kam dann wieder nach Prag. Zum Oberrabbiner in Prag wurde der hohe Rabbi Low erst im Jahre 1597 ernannt, aber in allen Jahren, in denen er seinen Wohnsitz in Prag hatte, war er de facto das geistliche Oberhaupt der Gemeinde, obgleich de jure ein anderer als Oberrabbiner fungierte. Hier in Prag fühlte er sich hei- -inisch, hier kam die Macht seiner Persönlichkeit zur Geltung. Von hier aus drang sein Ruf hinaus in die Welt. Und hier auch, nirgendwo anders, weder in Mähren noch in Grosspolen, erblühte die Sage vom hohen Rabbi Low. Der Rabbi war kein Medium der Sage; es fehlten bei ihm alle Voraussetzungen zum Sagenhelden. Er war ein grosser Gelehrter und eine starke Persönlichkeit, — ein Wundermann war er nicht. Er konnte weder Gold machen noch eine tote Masse beleben, noch ähnliche Wunderdinge tun. Er war kein Alchimist, kein Astrolog, nicht einmal ein richtiger Kabbaiist. Wohl beschäftigt er sich auch mit Astronomie und mit Kabbala, mit Philosophie und Mathematik, aber er beschäftigte sich damit nicht anders als wie ein Professor der Mathematik sich etwa mit Literatur beschäftigt: teils aus Neigung, teils zur Erholung. Der hohe Rabbi Low war also vor allem ein rabbinischer Gelehrter, eine talmudische Autorität, und seine Schriften haben den Gelehrtenruf, den er genoss, nicht begründet, sondern nur bestätigt. Löwe ben Bezalel war bereits achtundfünfzig Jahre alt, als sein erstes Werk im Druck erschien. Dieser Erstling, „Gur Arje" (Der junge Löwe) betitelt und 1578 in Prag gedruckt, ist ein Superkommentar zu Raschis Bibelkommentar. Seine weitern Hauptwerke sind: „Gewurot Haschern" (Krakau 1582), ein zweiundsiebzig Abschnitte umfassender Kommentar zur Pessach-Haggada; „Derech Chajim" (Krakau 1589), ein Kommentar zu den Sprüchen der Väter; „Nethibhot Olam" (Prag 1596); „Be'er Hagolah" (ebenda 1598); ferner „Nezach Israel" (Prag 1599), über die jüdische Zerstreuung und die Messiashoffnung; und „Tipheret Israel" (Venedig 1599), über die Vorzüglichkeit der Tora. Alle diese Werke handeln von rabbinischen gelehrten Sachen, von talmudischen Disziplinen, vornehmlich der Haggada und bezeugen den Wissensreichtum des Verfassers und seine innige Vertrautheit mit der gesamten rabbinischen Literatur. Hier und. da lassen diese Schriften erkennen, dass der Verfasser auch auf den Gebieten der Mathematik und Astronomie sowie der Philosopoliie heimisch war. Aber von Kabbala, von Mystik findet sich darin kaum die Spur, und von Astrologie oder gar Alchimie ist nirgends die Rede. Dass der hohe Rabbi Low ein Held der Sage wurde, ist vor allem der Sagenträchtigkeit der Zeit und des Ortes zuzuschreiben. In dem Prag des sechzehnten Jahrhunderts waren die sagenbildenden Kräfte im Volke stark lebendig, und ein besonders merkwürdiges Ereignis trug dazu bei, dass diese Kräfte an der Person des hohen Rabbi Low sich auswirkten. Am 23. Februar 1592 hatte nämlich Kaiser Rudolf II. den hohen Rabbi Low nach dem Hradsehin zur Audienz befohlen. Für die Leute im Prager Ghetto bedeutete dies eine Sensation ersten Ranges. Kaiser und Rabbi, Rudolf II. und Löwe ben Bezalel, Hradsehin und Josefstadt — das war ja an sich schon etwas Sagenhaftes, Phantastisches, Unfassbares, kurzum, ein Ereignis, das nicht aufhörte, ein Wunder zu sein, obgleich es da mit ganz natürlichen Dingen zuging. Man trifft, glaube ich, das Richtige, wenn man diese Audienz als die Keimzelle bezeichnet, aus der in der Folgezeit die Sagenblüten um den hohen Rabbi Low emporwuchsen. Der Anlass zu dieser Privataudienz war freilich recht merkwürdig. Kaiser Rudolf war, wie bekannt, der Alchimie eifrig ergeben, und der hohe Rabbi Low galt als einer der Weisesten der Zeit; nun war der Kaiser offenbar der Ansicht, ein weiser Rabbi müsse auch in der Kunst des Goldniachens Bescheid wissen, und so gab er denn den Auftrag, dass der hohe Rabbi Low vor ihm erscheine. Es ist so gut wie sicher — und alle Löwe-Biographen stimmen darin überein —, dass die Unterredung sich hauptsächlich um die Kunst des Goldmachens gedreht hat; ebenso sicher ist es, dass der Kaiser vom weisen Rabbi nichts über diese Kunst erfahren konnte, denn, um es noch einmal zu sagen, der hohe Low war kein Alchimist. Ein schriftlicher Bericht über die Audienz des hohen Rabbi Low bei Kaiser Rudolf wurde vor vielen Jahren aufgefunden und in der hebräischen Zeitschrift „Hamagid" (Jahrgang 1872, Nr. 14) veröffentlicht. Diesem Bericht kommt um so mehr Bedeutung zu, als er von Isaak Kohen, einem Schwiegersohne des hohen Rabbi Low, stammt. In seiner ausgezeichneten Schrift „Der hohe Rabbi Low" von Dr. Grün gibt uns der Verfasser eine wortgetreue deutsche Uebersetzung des erwähnten Berichtes; er lautet wie folgt: „Heute, aan Sonntag, am 10 Adar 5352 nach Erschaffung der Welt, erging durch den Fürsten Bertier ein Befehl des Kaisers Rudolf an Mordechai Meisel und Isaak Weisl, dass mein Schwiegervater Rabbi Löwe in die Burg, und zwar in die Wohnung des genannten Fürsten sich einzufinden habe. Diesem Befehle gemäss begab er sich dahin, von seinem Bruder Rabbi Sinai und mir begleitet. Daselbst angelangt führte uns sofort ein Diener des Fürsten in einen Saal, welcher mit vielen anderen Sälen in Verbindung stand, von des Kaisers Wohnung sind auch mehrere Zugänge zu der Wohnung des Fürsten. Der Fürst erschien bald nach unserer Ankunft, er begrüsste uns mit vieler Freundlichkeit, reichte jedem von uns die Hand, geleitete uns sodann in einen andern Saal, woselbst er uns zum Sitzen einlud, und es nicht zuliess, dass wir unsere Kopfbedeckung ablegten. Hierauf führte er meinen Schwiegervater in ein anderes Gemach, wo er ihm einen Ehrensitz anwies, während er selbst ihm gegenüber Platz nahm. Der Fürst unterredete sich mit ihm über geheimnisvolle Dinge, sprach aber so laut, dass wir alles hören konnten. Das laute Sprechen hatte seinen guten Grund, es geschah deswegen, damit der Kaiser, der hinter einem Vorhang stand, die ganze Unterredung hören könne. Der Vorhang öffnete sich dann plötzlich, und der Kaiser trat hervor, richtete an meinen Schwiegervater einige auf die Unterredung sich beziehende Fragen, und zog sich dann wieder hinter den Vorhang zurück. Der Fürst geleitete dann meinen Schwiegervater in das Zimmer, wo wir uns befanden, verabschiedete sich von uns unter den freundlichsten Verbeugungen, reichte jedem von uns die Hand und begleitete uns bis in den Vorraum. Den Gegenstand der Unterredung müssen wir aber, wie es bei königlichen Angelegenheiten üblich ist, geheimhalten." Man kann aus diesem Bericht förmlich das Wort heraushören, das im Prager Ghetto Flügel ansetzte und von Mund zu Munde flog: „Der Fürst unterredete sich mit ihm über geheimnisvolle Dinge." Die Leute hörten es, raunten sich es einer dem andern ins Ohr, knüpften daran allerhand Vermutungen, bis im Laufe der Jahre aus den „geheimnissvollen Dingen" wundersame Sagen wurden, in deren Mittelpunkt Kaiser Rudolf und der hohe Rabbi Low standen. Man erzählte sich, dass der Kaiser nächtlicherweile den Rabbi in seiner Studierstube in der Josefstadt zu besuchen pflegte; er habe da Wunder über Wunder erlebt. So soll der Rabbi einmal seinen hohen Gast mit einer wunderbaren Erscheinung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.