Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 7 (3.1931)
- Date
- 1931-03-01
- Page
- Seite 214 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3094266-3094360-3094367--2721-3097471- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
214 versagt, und weil der junge Mensch einen sehrgrossen Teil des Tages in der Schule verbringt. So hat denn der jüdische Lehrer den Hauptanteil an der seelischen Gestaltung der jüdischen Jugend zu übernehmen. Nach der seelischen Artung, den jeweiligen seelischen Fähigkeiten der verschiedenen Altersstufen entsprechend, muss der religiöse Stoff an die Jugend herangebracht werden. Da das Kind bis zum 9. Lebensjahre unproblematisch ist und das Bedürfnis zur phantasiemässigen Betätigung überwiegt, soll durch biblische Erzählungen und Midraschim diesem Bedürfnis entgegengekommen werden. Nach dem 9. Lebensjahr empfindet das Kind eine Vorliebe für Helden und Abenteuer. Diese Regung verlangt Rücksichtnahme; da geben die Gestalten eines David, Sinison, Barkodiba, der Makkabäer, dem Heldenerlebnis die passende Nahrung. Das Alter der Propubertät, etwa vom 10.—13. Lebensjahre verlangt Erlebnis und Empfindung; die romantische Tendenz zeigt sich, wenn auch die Tendenz dem Kinde selbst nicht klar ist. Die Freundschaft zwischen David und Jonathan, das Buch Ruth, das Weib des Akiba bieten da u, a. geeignete Stoffe als Ausgangspunkte der Aussprache. Das schwierigste Stadium der kindlichen Entwicklung, die Pubertät, ist natürlich von grösster BedeHtung für das Werden der Persönlichkeit, denn jetzt kommt das grosse „Nein" ins Leben des jungen Menschen. Hier gewinnt die Neigung zum überlegenen Freunde, zu sympathischer Lehrerpersönlichkeit erzieherisch die weitgehendste Bedeutung. Am wenigsten problematisch erscheint in diesem Stadium die auf traditionellem Boden stehende Jugend. Der lebendig religiöse junge Mensch dieses Kreises übt eine EinflussWirkung auch auf den lauen Kameraden aus. Die Führerpersönlichkeit hat natürlich auf gleichgesinnte Jugend den wirksamsten Einfluss. Das „Lernen" nach der überlieferten Methode stärkt hier das Geltungsbedürfnis, es wird durch den Wettbewerb um das „am besten Lernenkönnen" sicherlich gesteigert. Noch beim 16—18jährigen jungen Menschen, dessen Seele vom Zweifel bedrückt ist, wird um der „Gemeinschaft" willen, in der er verbleiben möchte, der Zweifel verdrängt. In der Gemeinschaft können -die Zweifel nicht selten durch die Macht des „Eros" gemeistert werden. Die auf Tradition gegründete Sehulgemeinschaft kann auch durch Begehen jüdischer Feste und Feiern unmittelbar die Freude an jüdischer Art steigern. Und doch begegnen wir in den Primen dieser streng „konservativ" geführten Schulen jungen und doch schon reifen Mensdien, die sich zwar noch der jüdisch-traditionellen Form beugen, innerlich aber am „Sinn* dieser Form wie des Lebens überhaupt verzweifeln. Ihre Zahl wächst rasch, nachdem sie ihre Schule in dem seitherigen Freundeskreis verliessen. Weit früher schon, zumeist um das 15. Lebensjahr, befällt die ambivalente Haltung g nz junge Juden, die jüdische Schulen ohne die strenge Bindung an die jüdische Ueberlieferung durchlaufen, oder die interkonfessionellen Schulen besuchen. Glücklich ist der junge Mensch zu schätzen, der in seiner Seelennot eine Lehrerpersönlichkeit, die ein Herz für die Jugendnot besitzt, zur Seite hat. Auf ihn kann sich der Eros des Jugendlichen werfen. Natürlich genügt die Persönlichkeit allein nicht, auch die Antwort vom Judentum her muss für diese Jugendnot gegeben werden, zumal der Hass gegen Judentum erstmals ganz schmerzlich vom Jugendlichen empfunden wird. Die Frage nach dem Wesen des Judentums verlangt vor allem Bescheid. Die tragenden jüdischen Persönlichkeiten eines Erzvaters Abraham und des grossen Propheten Moses, eines Hillel, Maimonides, Arnos u. a. können dem jungen Zweifler auf dem Wege der Deduktion das Wesen des Judentums erhellen. Die Beschäftigung mit den Schriften Bubers, die Antithese Judentum— Christentum (an Hand von Dienemanns Buch), Judentum— Buddhismus können die Eigenart des Judentums induktiv klar machen und Sinn und Zweck desselben dartun. Die Mittlerrolle der Juden in der alexandrinischen und spanischen Epoche des Weltgeschehens zeigen dem . jungen Menschen den Anteil und 'die Bedeutung der jüdischen Geschichte am Weltgeschehen .und mehren seine Freude. Auf dieser Entwicklungsstufe kann auch die Bekanntschaft mit der Welt des Chassidismus und der Kabbala, insbesondere das Freudenerlebnis des chassidischen Menschen die Freude der Jugend am Judentum entzünden. Jetzt ist auch die Zeit, das künstlerische Streben dm jungen Menschen zu berücksichtigen. Die Darstellung von Laienspielen ist zu fördern. In den letzten beiden Klassen dieser religiös ungebundenen Schulen kann nach der intellektuellen Seite hin durch Beschäftigung mit der Ethik und Philosophie des Judentums Freude erweckt werden, da bietet die Betrachtung der Pirke Owaus, des More Nebuchim, der Schriften eines Hermann Cohen und Franz Rosenzweig ein geeignetes Betätigungsfeld für die reifere Jugend. Der Referent zeigt weiterhin, dass das Erleben des Judentums als Nation dem Jugendlichen vom 15. Lebensjahre ab Halt geben kann. Jedenfalls ist dann auch die Zeit, dass die Schule Aufschluss über diese Frage erteilt und Gelegenheit gibt, sich mit diesem Problem auseinanderzusetzen. Aber mehr als mit Philosophie und den Fragen nach Nation und Volk beschäftigt sich heute der reifende Schüler der Oberklassen mit den Fragen des Sozialismus und Kommunismus. Der junge Mensch möchte sich mit der neuen Gesellschafts- und Wirtschaftsgestaltung auseinandersetzen. Schon das jüdische Gerechtigkeitsprinzip verlangt aus Ueberzeugung danach, gestaltend mitzuwirken an der Itaumschaffung für den vierten Stand. Der Referent weist zum Schlüsse seiner Ausführungen noch auf die Bedeutung der Jugendbünde für das Freudeerlebnis hin. Notwendig erscheint iam, diesen Drang zum Bunde auch im Pchnllehen zu berücksichtigen, den Klassenstufen entsprechend Gemeinschaftskreise zu bilden und hier das Leben der jüdischen jungen Menschen in seiner letzten Problematik zur Sprache zu Dringen. J. F. Der hohe Rabbi Low VonS. In der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts lebte in Prag ein Mann, den die Sage zum Alchimisten und Zauberer macht, der aber in Wirklichkeit nichts anderes war als ein Gelehrter von Rang und ein Rabbiner von Weltruf. Dieser Mann hiess Löwe (Liwa) ben Bezalel, im Volksmund wurde er „der hohe Rabbi Low" genannt. Nennt man den Namen des hohen Rabbi Low, so tut sich gleich eine Gedächtniszelle auf, aus der der Golem herausspringt. Alle Welt weiss, dass der hohe Rabbi Low einen Golem geschaffen hat. Wae Prometheus sass der Rabbi in seiner Stube in der Jösefstadt zu Prag <und formte aus Ton einen Menschen nach seinem Ebenbilde. Und er nahm ein Täfelchen, mit heiligen Zeichen beschrieben, und legte es in den Mund des Golems, .und siehe da, der Golem stand auf und bewegte sich nach Menschenart, zeigte sich •diensteifrig, spaltete Holz, holte Wasser und verrichtete in Haus und Hof der Arbeiten mancherlei. Aber jeden Freitag abend, vor Anbruch des Sabbats, nahm der Rabbi das heilige Täfelchen aus dem Munde des Golems, auf dass er nicht am Ruhetage ruhelos umherirre. Als der Rabbi jedoch eines Freitagabends dies zu tun unterlassen hatte oind zusehen musste, wie der Golem am Ruhetage ruhelos umherirrte, gereute es ihn, dieses menschliche Gebilde geschaffen zu haben; er entzog ihm daher das Täfeichen für immer, und so blieb der Golem ein Golem bis auf den heutigen Tag. Die Frage, wer durch wen berühmt geworden sei, ob der Golem durch den Rabbi oder umgekehrt, ist heute gar nicht schwer zu entscheiden. Der hohe Rabbi Löw, der mit der Last eines Golems durch die Zeiten wandert, hat seinen Teil Unsterblichkeit diesem ungefügen Tongebilde zu verdanken. Das Andenken des hohen Rabbi ist heute nur noch im Schatten seines Golems lebendig. Die Literatur über den Meiseis „Golem" in hebräischer, jiddischer, insbesondere in deutscher Sprache, ist ziemlich umfangreich. Es gibt Sagen, Legenden, Romane, Dramen, Filmstücke, die von ihm handeln, aber der eigentliche Held ist eben der polem <und nicht der Rabbi, aus dessen Händen er hervorging. Falsch wäre es indessen zu glauben, die Volkstümlichkeit des hohen Rabbi Löw beruhe ganz auf der Golemsage. Es gibt noch andere V o 1 k s s a g e n, die sich an seinen Namen knüpfen, echte Volkssagen, wunderlich und wunderbar, und sind sie auch nicht so volkstümlich geworden wie die Golemsage, so besitzen sie dafür dieser gegenüber den nicht geringen Vorzug, mehr lebendige Ueberlieferung als überlieferte Literatur zu sein. In dem Wunderreich dieser Sagen herrscht einzig und allein der Rabbi, da steht er im Mittelpinkt, da wird er von keiner fremden Bildmasse verdunkelt. Aber auch hier hüllt ihn der Sagenschleier so völlig ein, dass darunter der wahre, der historisch beglaubigte Löwe ben Bezalel bis zur Unsichtbarkeit verschwindet. Denn der hohe Rabbi Löw, wie er wirklich war, war von ganz anderem Wuchs und von ganz anderer Gestalt als der, den die Sage verherrlicht. Löwe ben Bezalel war ein Geistesfürst, und es hat Zeiten gegeben, wo neben dem Sagenhelden auch der Geistesfürst im Gedächtnis der Lebenden lebendig war. Heute äst Rabbi Löwe tot, es lebt nur noch der hohe Rabbi Löw, der Held der Sage. Es ziemt sich wohl für einen Helden der Sage, dass auch Jahr und Ort seiner Geburt in ein gewisses Dunkel gehüllt bleiben. In den Lebensbeschreibungen des hohen Rabbi Low gehen die darauf bezüglichen Angaben stark , auseinander. Sein ältester Biograph, Maier Perls, gibt 1512 als das Geburtsjahr und Worms als die Geburtsstadt Löwes an, wogegen einer seiner jüngsten Biographen, Dr. Nathan