Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 6 (2.1931)
- Date
- 1931-02-01
- Page
- Seite 193 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Material, dessen Einzelheiten in einem umfangreichen Anhang besonders ausgebreitet werden, dargestellt. Der Versuch des Verfassers, dieses Leben stets in den Zusammenhang der geistigen Bewegungen seiner Zeit zu stellen, ist auch darum so besonders gut gelungen, weil Hans Kohn selbst nicht nur über das erforderliche, sehr vielseitige VVi»sen verfügt und ßuber gesinnungsmässig nahezustehen scheint, sondern weil er selbst in hohem Grad die Gabe der geistigen Durchdringung schwieriger Probleme besitzt. Der Weg führt von den ütudentenjahren, den zionistischen und literarischen Anlangen zu der für ßubers Leben entscheidend gewordenen Begegnung mit dem Ghassidismus. Von hier aus entwickelt sich in fortschreitender Läuterung — stets in der geläiiriicnen iNachbarsdialt der Literatur — Bubers Einstellung zu den grossen Fragen des Judentums, die für ihn gleichzeitig Fragen der Menschheit sind: Gott und Kreatur, Welt und Mensch, Volk und Menschheit, Mystik und Diesseitsfreude, Poütik und Religion, Orient und Okzident, Mann und Weib, Erziehung und Volksbildung. Um diese Pole schlingt sich seiue Leüre von der Einheit, von der Religion als Begegnung von Gott und Mensch, als lebendige Beziehung von Ich und Du. Verwirklichung jetzt und hier wird für ihn die grosse Forderung. Auch im Zionismus, zu dessen geistigen 1* ührern er gehört, Ist es ihm nicht um nationale Aspirationen, sondern um Verwirklichung des Judentums zu tun, das in dem „Knecht Gottes" bei Jesaja seinen vollendeten Ausdruck findet. Sein Denken will nidit ausserhalb von Zeit .und Raum stehen, es wendet sich bewusst an die zeitliche Wirklichkeit, auf ähnlichen Wegen wie sie Franz Rosenzweig im „lNeuen Denken" verkündet hat. Wie merkwürdig, dass aus der Begegnung dieser beiden Denker, von denen keiner Theologe oder Philologe war, eine neue Verdeutschung der Tueiligen Schrift erwachsen sollte! Es würde den hier gegebenen Raum weit überschreiten, wollte man in eine sachliche Auseinandersetzung mit Bubers Werk oder auch nur mit seiner Beschreibung durch Hans Kohn eintreten. Da wäre vor allem der Gegenstand der „Verwirklichung" zu erörtern. Wenn unser Monotheismus als Monarchie Gottes bezeichnet werden darf, dann er- -hebt sich sofort die Frage nach dem Gesetz und seiner Geltung. Zugleich entsteht eine weitere Frage, die durch die Gegenüberstellung der Begriffe „Am-adam" d. h. Volk- Mensch (der Begriff stammt von A. D. Gordon und ist der Titel eines soeben erschienenen hebräischen Sammelbuches von H. Bergmann und TL Kohn) und „Mensch-Jissrotir (S. R. Hirsch) verdeutlicht werden mag. Einer solchen Herausarbeitung bedürfte auch die Grenzziehung zwischen Judentum und Ghristentum, zumal von berufener katholischer Seite Joseph Wittig) „allernächste iNachbarsdiaft" behauptet wird, und zugleich die Klarstellung des Verhältnisses der Begriffe Religiosität, Verwirklichung, Erlösung zu den 613 Geboten >uiid Verboten des Judentums. Auch Hans Kohns Darstellung nötigt hie und da zum Widersprudi. Etwa in der allzu summarischen Behandlung der deutsdien Diditung im Anfang der neunziger Jahre oder besonders in seiner Einstellung zu Theodor Herzi. Selbst wenn dieser wirklich nur ein „mittelmässiger Journalist'' gewesen wäre (es gibt Leute, die seine „Briefe aus dem Palais Bourbon" und seine Feuilletons zu den schönsten Leistungen des deutschen Journalismus rechnen), so wäre damit doch nicht mehr ausgesagt, als wenn jemand Jeanne d'Arc als Bauernmädchen abtun wollte. Es war nun einmal dieser Journalist, in dem der Funke aufsprang. Aber es wäre nur verwunderlidi, wenn ein so umfassendes Buch, das sich mit vielen Problemen und Bewegungen auseinandersetzt, nicht stellenweise auch zum Widerspruch reizen sollte. Die Hauptsache bleibt die Leistung Hans Kohns: er hat uns mit dieser Biographie zugleich auch ein Lehrbuch des Judentums unsrer Zeit gesdienkt. In einer schönen und bewegten, wenn auch nicht, wie bei Buber selbst, kunstvoll gefeilten Sprache, auch nicht mit leiditer Fracht elegant dahinsegelnd — er schreibt Geschichte und nicht Geschichten. Wer immer, im Guten oder im Bösen, sich über jüdischen Geist unterrichten will, muss dieses von Ernst und Verantwortung getragene, in einem besonderen Sinn enzyklopädische Werk kennen. — Das Buch ist, wie es sich bei Jakob Hegner von selbst versteht, vorbildlich gedruckt und herausgegeben. E. M. Jakob Klatzkin, -Probleme des moderne u Judentums. Verlag Lambert Schneider, Berlin-Dahlem 1950, 2Ü3 S. geb. RM 6.—. Die Probleme des jüdischen Seins und der Situation der jüdischen Gemeinschaft linden immer wieder neue Erforscher. Als Ausgangspunkt dienen die verschiedensten Betrachtungsweisen: historische, religiöse, philosophische, nationale, soziologische, apologetische, um iiur die hauptsäciilidisien zu nennen. Sie alle können sich legitimieren, aber nur ihre Zusammenfassung lässt brauchbare Ergebnisse erwarten, nur sie kann zu einer Gesumtsdmu führen, die audi dann fruchtbar sein wird, wenn sie einseitig verläuft, in der ersten Reihe dieser Forscher steht Klatzkin, dessen audi in der deutschen Tagespresse umstrittenes Buch nunmehr in der dritten Aullage vorliegt. Angelpunkt seiner Theorien ist eine tiefschürfende Untersuchung der jeden gewohnten historischen Rahmen sprengenden Tatsache, die man „Galut"' nennt. Audi wer mit Klatzkins Anschauungen nicht übereinstimmt, wird zugeben müssen, dass sein von gründlicher historischer und philosophischer Bildung getragenes Werk eine der wenigen und umso rühmenswerteren Ausnahmen von unserer häufig so seichten Publizistik darstellt. M. Diene mann, Galut h. Philo-Verlag, Berlin 1929. 16 S. brosdi. RM 0.50. — In der bei ihm gewohnten klaren Darstellung geht Verf. davon aus, dass die Stellungnahme zur „Gaiuth" von selbstgewählter und bewusster Willensbildung abhänge. Er gibt dann eine kurze Auswahl von Zitaten aus dem biblisdien und nachbiblisdien Schrifttum, die eine verschiedenartige Einstellung zu der über das Volk Israel verhängten Zerstreuung eikenneu lassen. Insbesondere seien sdion in früher Zeit Gedankengänge nachzuweisen, die in der „Gallith" ein gottgewolltes, nicht als vorübergehend zu betrachtendes Schicksal erblicken. Die Begriffe „Gastvolk" und „Wirtsvolk" seien abzulehnen, das Judentum habe längst aufgehört, ein nationales Gebilde zu sein, die Bindung an ein Land würde für das Judentum als Weltreligion eine verhängnisvolle Verengung bedeuten. Man könne das Palästinawerk für eine grosse und heilige Aufgabe der Judenheit halten, ohne jedoch dieses Werk als die einzige Möglidikeit der Erhaltung des Judentums anzusehen. Zum Schluss werdengemeindepolitische Fragen kurz gestreift. Jacob Rosenheim, Aufsätze und Ansprachen. 2 Bde. 396 u. 520 S. j. Kaul'fmann Verlag, Frankfurt a. M. 1930, geb. RM 16—. — Der bekannte orthodoxe Führer und gegenwärtige Präsident der Weltorganisation „Agudas JisroeL" hat auf Wunsch seiner Freunde zu seinem 60. Geburtstag eine Auswahl aus seiner umfangreichen publizistischen Arbeit veröffentlicht. Die beiden starken Bände enthalten zahlreiche xVufsätze, von denen viele ein Zeugnis für die weitreichende Politisierung des jüdischen Lebens sind; sie handeln von jüdischer Lehre und Weltanschauung, von Gemeindeleben und innerjüdischer Politik, vom Heiligen Land und von Agudas Jisroel, sowie schliesslich von einzelnen hervorragenden Persönlichkeiten. Schon um der Bedeutung des Verfassers willen muss die Sammlung als eine wichtige Quelle für die Tagesgeschichte des Judentums in der letzten Generation bezeichnet werden. Auch der Gegner wird manches Wertvolle aus diesen Aufsätzen entnehmen, die eine FRANKFURTER BANK Neue Mainzerstr. 69 6ear ,85* Telefon-AnschluO: Sammelnummer Hansa 20401. Nachtruf Hansa 24116 Telegramm-Adresse: Frankfurterbank Postscheck-Konto: 154 Frankfurt a. M. Hinterlegungsstelle für Mündelvermögen Annahme verzinslicher Gelder - Laufzelt nach Vereinbarung - Günstige Verzinsung. - Errichtung von Hauskonten mit generellen Zahlungsaufträgen. 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