Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 6 (2.1931)
- Date
- 1931-02-01
- Page
- Seite 185 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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185 zeikommissar befahl er, in allen Städten des Bezirks zu verkünden, dass die Beschuldigung auf Lügen beruhte. Der Angeber aber wurde in Ketten gelegt, die man an einen Wagen schmiedete, und so wurde er weggeführt. Der Beamte reiste nach Welisch, ordnete von neuem eine Untersuchung an und bewies auch die Unschuld der dortigen Angeklagten; er setzte sie an Freiheit und öffnete auch die Synagoge und Lehrhäuser wieder. Und Rodakowski nahm an der Freude der dortigen Juden Anteil und jubelte mit ihnen. Damals entschied der Kaiser, dass diese ganze wahnsinnige Anklage gegen die Juden niemals einen Grund hatte. Und Sabbattai .und Hillel kamen ganz fröhlich und wohlgemut am Montag dem 18. des Adar II nach Hause und fasteten den ganzen Tag. Am Abend machten sie ein grosses Festmahl, lobten und priesen Gott und gaben Geschenke für die Armen. Und sie beschlossen für sich und ihre Nachkommen, dass jeder wiederkehrende 18. Adar alljährlich ein Fest- und Freudentag sei, wie das Fest von Purim, für immerwährende Zeiten. Biblische Rätsel Von Anna Hagen-Tr eichel. Unter den Rätseln, die von Mund zu Munde gehen, bilden die sogenannten biblischen eine eigene Spezies, deren Verbreitungsbezirk alle Gaue umfasst. Sie knüpfen an bekannte Begebenheiten, Personen, Tiere, Stellen und Sprüche der Bibel an und beruhen zumeist auf einer Spitzfindigkeit, einem knifflichen Scherz, Verdrehung u. dergl. Viel Freude machen sie vornehmlich der Jugend und erfahren daher immer wieder, besonders in der Schulzeit, eine starke Neubelebung, an welcher sich auch die ältere Generation gern beteiligt, gleichsam als Probe auf die gemeinsame, die noch bewahrte und die frischgewonnene, „Bibelfestigkeit". Aehnlich den mancherlei kleinen Geschichten, die den lieben Gott .und die Gestalten der Bibel zum Gegenstand haben, bezeugen auch die biblischen Rätsel in ihrer Naivität und Selbstverständlichkeit nichts anderes als die enge Verbundenheit von Himmel und Erde, Einst und Jetzt, Bibel und Mensch. Hier den Vorwurf der Profanation zu erheben, den Masstab des Religiösen anzulegen, wäre abwegig. Ernsthafte Forscher haben biblische Rätsel gesammelt und bearbeitet. In ihnen schreiten all die alten, wolilvertrauten Gestalten, noch heute lebendig an unserer Seite, wie Brüder und Schwestern, mit denen wir uns gern einmal ein bisschen necken! Eine kleine Auslese aus dem umfangreichen Material dürfte daher allgemein interessieren. Eine Hauptabteilung bilden die Rätsel mit der Frage: „Wer war der erste?" So war Josua der erste Koch, denn er „dämpfte" die Amalekiter. Diese hinwiederum waren die ersten Mineralwasser-Fabrikanten, denn es steht: die Amalekiter „so da Wasser" tranken. Simson war der erste Ladeninhaber, denn Gott nahm seine „Stärke" von ihm, die aber nichts getaugt haben muss, denn „er gab sie ihm wieder." Den ersten Skat spielten die Hebräer, die man im Tale „wimmeln" sah und den ersten Damentoast brachte Pharao aus, als er gebot: Alle Söhne bringet um, „alle Töchter sollen leben!" Der erste Soldat war Joseph, dessen Vater ihm einen „bunten Rock" machen liess und der erste Betrüger Petrus, er „hieb den Malchus übers Ohr!" Auch den Namen des ersten Dichters lernen wir kennen: „Dichter Nebel" lag über den Gewässern. Ebenso den ersten Adeligen: Da stand der Herr „von Ferne", — Eine Variante nennt auch den Grafen Schlieffen als ältesten Adel, den es heisst: Da lagen Adam und Eva „und schliefen". Adam war natürlich der erste Mann. Wie aber redete man die erste Frau an? „Madam". Die erste Post war die „Hiobspost" und die erste Zeitung das „Feigenblatt". Leid hiess der erste Kutscher, denn: Leid soll mir nicht „wider-fahren". Abel hatte das erste Leihamt, denn: Kain „versetzte" ihm eins! Auch die nationale Zugehörigkeit mancher Bibelgestalten offenbart sich uns. So war David ein Holländer (ich bin zu „Leiden" geboren) und die Potiphar eine Schleswig-Holsteinerin (sie wollte „mehr umschlungen" sein!). Das Volk, das Jonas aufnahm, als ihn der Walfisch ausspie, waren Deutsehe, sie riefen: Der ist „jo nass". Weiter fragt man: „ Weisst du, welchen Vornamen der liebe Gott hat?" Nämlich Ernst, denn es steht: Mit „Ernst" sollt ihr mich anrufen! Das längste Wort in der Bibel ist Halleluja, denn es hat drei „Ellen" (drei L) und die Frage: „Was geht über Gottes Wort?" wird beantwortet mit: „Der Buchdeckel (der Einband der Bibel!) „Wer von allen Menschen hat die zehn Gebote gehalten?" Das war Moses, als er sie auf dem Berge Sinai in Händen hielt und allem Volke zeigte. Salomo hatte das grösste Bett, denn: „er fuhr in sein Bette!", und David war der prunksüchtigste König, er hatte sogar einen Absalon! David taugte nicht zum Geschäftsmann, er war ein „Schleuderer". „Wer erschlug ein Viertel der Menschheit?" — Kain, da er den Abel tötete. „Was machen die zwölf Stämme?" — Ein Dutzend. „Wieviel verlor Lot an Gewicht, als er aus Sodom ging?" — Etwas über ein halbes Lot, büsste er doch seine bessere Hälfte ein. Auch über die Tiere vermitteln uns die biblischen Rätsel mancherlei Aufschlüsse. So muss Noahs Taube ein Täuberich gewesen sein, weil ein Weibchen niemals so lange den Schnabel (der das Oelblatt trug), hätte halten können. Kains Hofhund hiess „Sünde", denn: Sünde bewachte seine Haustür! Bileams Esel ist der Naseweiseste in der Bibel: „er sprach, ohne dass er gefragt wurde." „Ein Esel brüllte und alle Menschen hörten es! Wo mag das gewesen sein?" — In der Arche Noah. Der Walfisch, welcher Jonas verschlang, ist die Auflösung des folgenden Rätsels: „Es lag ein Mann begraben tief, — Der Sarg mit ihm herummer lief, — Der Sarg, der Sarg den Menschen frass, — Der betete ohn' Unterlass — Zu Gott! Was ist denn das?"Schliesslich sei das bekannteste und am häufigsten angewandte der biblischen Rätsel angeführt: Warum nämlich die Theologen so gern und zahlreich in Erlangen studieren? Weil sie damit nur das Gebot Gottes erfüllen, welches deutlich befiehlt: „Suchet das Reich Gottes zu erlangen!" Jadlowker als Kantor Von Oberkantor N. Fleischmann. Nach 33 Jahren besuchte ich Riga, die Stätte meiner frühesten Lernzeit. In der dortigen „Chorschule" war es mir einst vergönnt gewesen, allsabbatlich und von Festtag zu Festtag meinen grossen Lehrer-und Meister J. L. Rosowsky zu hören. Dieser grosse Künstler, dieser tiefreligiöse, vornehme Mensch, weckte in mir, in uns allen, mit seinem unvergleichlichen Gesang immer aufs Neue Begeisterung für unsere heilige Religion und ihren Kultus. In den drei Jahren, in denen ich bei diesem Meister sein durfte, konnte ich leicht Lebensnot, Lebenskampf ertragen. Unser Gottvertrauen, anerzogen im elterlichen Hause, wurde durch diesen Priester nur noch mehr gefestigt. Nach einem langen Weg besuchte ich nun, nach 33 Jahren, als Kantor der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main wieder diese heilige Stätte meiner Jugend. Mit einem Gefühl der Beschämung muss ich gestehen, dass ich die Chorsynagoge von Riga nicht ohne Voreingenommenheit betrat. Vor yj> Jahren hörte ich hier Rosowsky — heute Hermann Jadlowker, den früheren Opernsänger! Als ich aber diesem gottbegnadeten Sänger, diesem grossen Könner und tiefernsten Menschen lauschte, erfasste mich eine unsägliche Ergriffenheit und immer stärkere Beschämung. Ich, der Sohn tiefreligiöser Eltern, aus einem Milieu stammend, in dem Religion Lebensinhalt ist, ich, der in seinem späteren Studium eine glühende Liebe für Beethoven, Bach, Schubert, Brahms, Schumann und andere grosse Meister empfand, der ich selbst unter Vorurteilen zu leiden hatte, — ja ich erkannte: wir Alle müssen uns vor Vorurteilen hüten. Nachdem ich Jadlowker am Freitag Abend und Samstag Morgen gehört hatte, stellte ich mir die Frage, wie sind solch hervorragende, tiefernste Leistungen möglich? Die Antwort war nicht schwer. Kurz und zusammenfassend kann ich sagen: Jadlowker ist von echt frommen Eltern als ernster, pflichttreuer Mensch erzogen worden. Jadlowker hatte sich ein gutes hebräisches wie talmudisches Wissen aneignen können. Von Jadlowker, dem gebildeten Menschen, als Künstler von Weltruf, braucht hier nicht viel gesagt zu werden: sein Stolzing, sein Lohengrin, sein Raoul, sein Elea/ar waren fromme Lichtgestalten. Jadlowker war auf der Bühne nie Komödiant; die Gestalten, die er darzustellen hatte, waren von einem tiefheiligen Ernst getragen, seine Kunst überhaupt war ihm ein Heiligtum. Nur aus solchen Vorbedingungen heraus lassen sich solche Leistungen erklären. Jadlowker ist heute noch im Besitz einer grossen herrlichen Stimme. Sein wundervolles Piano, Koloratur und Triller sind bei ihm unvergleichlich. Den Berufskollegen sage ich: wir Alle können getrost diesen grossen Künstler und Menschen auch beim „Omud" unsern Meister nennen. Der Schabbos-Chanukko, an dem ich diesen Auserwählten hören durfte, wird mir unvergesslich bleiben. Wenn man mich fragen wird, wer in Wahrheit berufen ist, so werde ich die ewig wahren Worte des Psalmisten brauchen: Wer reine Hände hat und reinen Herzens ist, der darf an heiliger Stätte stehen. Den Erwählten aber, die ihn hören dürfen, rufe ich das Bibelwort zu: Ziehe Deine Schuhe aus. denn der Ort, auf dem Du stehst, ist heiliger Boden.