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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-02-01 · 6 (2.1931) · p. Seite 184

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
6 (2.1931)
Date
1931-02-01
Page
Seite 184 (sequence 6)
Language
German
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battai Turbowitz weilte, sei dieser einmal in Geschäften nach Moskau gereist und nahm ihn (Feiwisch) mit sich. Auf dem Rückwege, unweit der Stadt, begegneten sie zwei Christen, der eine war blind und der andere sein Führer. Da rief Sabbattai dem Führer zu: „Weshalb verbringst du deine Tage mit dieser ärmlichen Beschäftigung? Setze didi zu mir, ich will dich wie einen Sohn halten, denn ich habe keine Kinder und du scheinst mir ein tapferer Mann zu sein; ich werde dir von meinem Brote und meinen Kleidern geben und dich zu meinem Erben machen." Dem Knaben gefiel die Rede, er liess den Blinden im Stich, setzte sich iu Sabbaitais Wagen und fuhr mit ihm lustig und guter Dinge in sein Haus. Sabbattai aber hatte zwei Brüder: den ältesten Hillel und den jüngeren Abraham; Hille! habe den Christenknaben ergriffen, auf seine Knie gelegt .und sei bei ihm Sandek (Pate) gewesen, Sabbattai aber habe ein Messer genommen und geschlachtet. Das Blut hätten sie in ein Becken aufgefangen und die Leiche unter dem Boden des Hauses vergraben. Die Verwandten Sabbattais sollen das Blut in die nächsten und in die entlegenen Städte gebracht haben, um es den Juden zu Pessach zu verkaufen. So habe Sabbattai jedes Jahr getan, nämlich einen Christen ermorden und sein Blut auffangen. Einmal habe er einen Christen aus der Stadt Disna gebracht, gleichfalls abgeschlachtet und dessen Blut aufgefangen; alle Geschlachteten seien in seinem Hause begraben. Einmal wären sie über eine der Vorschriften beim Schlachten im Ungewissen gewesen, da hätten sie das Gefäss mit dem Blut in die eine Hand und den Talmud-Tractat Pessachim in die andere genommen, um nachzusehen; daergoss sich etwas Blut auf das Blatt, die Spuren seien noch heute zu sehen. Als er in einem Jahre keines Christen habhaft werden konnte, habe er sechs Mass Blut bei der Rebekka aus Welisch gekauft." Als der Kaiser diese aberwitzige Anklage las, schenkte er ihr keinen Glauben, denn diesem Kaiser ging die Wahrheit über alles. Er liess den Augeber vor sein Antlitz kommen. Dieser kam, aind der Kaiser forschte ihn aus und drohte ihm mit harten Strafen, falls er nicht die Wahrheit sagen würde; aber der Gottlose wiederholte mit dem Muude, was er geschrieben hatte. Da gab Gott, der allein Wunder tut, dem Kaiser in den Sinn, einen seiner Beamten, den Oberstleutnant Rodakowski, zur Untersuchung hinzusenden, und dieser war wahrheitsliebend, gutherzig und mensdifreundlich. Rodakowski verlicss die Hauptstadt in Begleitung des Angebers, der gefesselt war. Sie kamen nach Minsk, nahmen dort den Polizeibeamten Sadiarcinski und einige Soldaten mit sich und kamen nach Bobowno. 5. Im Jahre 53S9 der Welt, am 5. Tage der Wodie, am 25. des Monats Adar I vor Morgenanbrudi kamen die Beamten nadi Bobowno und umzingelten Sabbattais Haus. Die Herreu betraten zuerst allein das Innere und fanden den Abraham, dem sie sagten, dass sie sidi von der Kälte wärmen wollten. Abraham trat aus dem Hause, und als er es von Militär umzingelt sah, entfloh er. Die Herren gingen in das Schloss (wo ein Edelmann wohnte) und braditen viele Diener mit, um das ganze Haus zu besetzen. Morgens erwaditen alle Hausleute, audi die Stadtbewohner kamen in Sabbattais Haus zum Morgengebet; sie fanden das Haus streng bewadit, man liess sie hinein, aber nidit hinnaus. Nach dem Gebet kamen die beiden Beamten ins Innere des Hauses, begrüssten den Sabbattai harmlos und baten ihn, sie durch die Zimmer seines Hauses zu führen; auch der Angeber war mit ihnen, aber vermummt. Er führte sie durdi alle seine Zimmer, bis sie in das innere Gemadi kamen. Dort zeigte Rodakowski dem Sabbattai den kaiserlidien Auftrag, der ihn bevollmäditigte, alles zu tun, wie er wollte, aber er fügte in gütiger Spradie hinzu, dass, wenn er uusdiuldig sei, er nichts zu befürditen habe, denn er (Rodakowski) wolle nur der Wahrheit auf den Grund kommen. Und Rodakowski befahl den Sdilossbedienten, am Boden des Hauses zu graben. Man grub und fand kleine Menschenknodien, die Rodakowski nahm und aufbewahrte. Die Beamten Hessen Sabbattai und seinen Sohn ergreifen, führten sie ins Sdiloss und sperrten sie ein, jeden besonders; das übrige Volk liess man frei, ohne dass jemand den Grund der ganzen Sadie wusste, und die Stadt Bobowno war unruhig. Am nächsten Tage, es war Freitag, sahen alle Stadtbewohner, wie eine ganze Sdiar von Leuten aus den umliegenden Dörfern vom Sdilosse herabkam, hinter ihnen kamen Sabbattai und Hillel, dann die Beamten und ein Wagen mit Stroh; da erzitterten alle, denn sie dachten, man hätte sie zum Verbrennen im Strohhaufen verdammt. Jene kamen bis in den Hof des Besitztums Sabbattais. Dasselbe lag auf dem Abhang eines Berges, wo früher ein diristlidier Friedhof war; audi das Haus stand auf Gräbern. Und man streute das Stroh auf die Erde, die Beamten stellten sich darauf, Sabbattai und Hillel daneben auf da? Stroh, um keine kalten Füsse zu bekommen, denn der. Schnee lag noch hoch auf der Erde. Die Soldaten umzingelten sie mit gezückten Schwertern, indess die Dorfleute den Berg aufzugraben begannen und viele Menschenknodien ausgruben. Sabbattais Frau weinte bitterlidi, da tröstete sie Rodakowski und versidierte, den Gefangenen keine Folterqualen anzutun. Und er spradi weiter zu ihr: „Wenn Du willst, dass ich gegen Eudi gar keineu Verdadit hege, so lass Deinen Sohn Abraham iiadi Hause kouimeu, oüue Furdit!" Man liess dies Abraham wissen, und . er kehrte heim. Am nächsten Tage war Sabbat, da sdiickte der Beamte zu Sabbattai und befahl, sdinell mit dem Gebet fertig zu sein, da man ihn heute ius Verhör nehmen werde, babbattai beeilte sidi uud ersduen bald vor dem Beamten, der ihn leutselig empfing, sedis Stunden mit ihm süss und ihm die gauze Besdiulcligung vorlegte. Da antwortete Sabbattai: „Es ist doch allen Völkern bekannt, dass uns Juden sogar das Blut von lieren und Vieh uud Vögeln, weiclie ritueu gesdiladitet wurden, verboten ist, dass wir aus dem i< leiscli durch balzen das Blut herausziehen müssen; um wieviel menr also Menschblut, das ja allen Völkern als unreiu gilt, und nodi dazu am Pessadi, da wir uns tausenderlei Verschärfungen auferlegen müssen. Und was das bdiwerste von Allem, ist ja die grosse Sünde des lötens und Blutvergiessens, da uus sogar die Quälerei von Tieren verboten ist! Wie kanu also ein vernünftiger I Mensch soldieu unsinnigen Anklagen Glauben sdienken? iNaoi Moskau reiste ich stets allein und kehrte audi allein j zurück. Die übrigen Angaben sind ebenso erlogen, die gefundenen Knochen rüüren von dem Friedhof üer, da der ganze iierg früüer ein Friedhof war." Alles djes wurde protoiliert. Bezüglich der btadt Welisdi leugnete er, je mit iüren Leuten verkehrt zu haben. Darauf befahl der Beamte, den lalmudtraktat Pessadiim aufzusudien, und darin fand man blutspuren auf einem Blatte, wie der Angeber bezeidinet hatte; hierüber wusste Sabbattai keine Aulklärung zu-geben. Tags darauf wurde Hillel einvernommen, der ebenso wie sein Vater aussagte, der die Blutspuren auch nicht zu erklären wusste. Am Montag wurde Sabbattai mit dem Angeber konfrontiert, -und dieser wiederholte' mit grosser Frediheit seine Anklage. Da gab Golt dem Sabbattai folgende Fragen in den Sinn: „Wie viele Jahre sind es, seit ich in Moskau war?" Da nannte jener um viele Jahre mehr, als der Wahrheit entsprudien. Dann fragte babbattai weiter: „Wie alt warst Du beim Tode Demes Vaters?" Da nannte er audi eine falsdie Zahl, und der Beamte liess alles protokollieren. Darauf sagte Sabbattai: „Man kann es ja auf dem Grabstein lesen." Das gefiel dem Beamten sehr, und es zeigte sich, dass nach der Aussage des Angebers dieser bei der Reise babbattais anderthalb Jaüre gewesen sein inusste. Dienstag wurde liillci dem Angeber gegenüber gestellt, und Gutt lügte, dass er bezüglich, des Liiubsteines auf die i*ragen seiues Vaters verhol. Der Angeber sah, dass ihm Unheil drohte und wollte sidi gleidi in einen Brunnen stürzen, wurde aber daran gehindert. Dann wurden ihm sdiwere Fesseln angelegt und nadits eine Wadie zu ihm gestellt. Der Beamte forschte und untersudite eifrig die Dinge und fand die Behauptungen Sabbattais in allen Punkten bestätigt. Audi die Bauern bezeugten, dass er niemanden mit sidi aus Moskau mitgebracht. Die gefundenen Knodien wurden von den Aerzten untersudit, weldie fanden, dass dieselben schon mehr als hundert Jahre in der Erde lägen. Es blieb also nur die Blutspur im Talmud zurück, weldie die Angeklagten nicht zu erklären wussten. Dann wurden sie nadi lNiesdiwicz gebradit und dort interniert. Die Voruntersudiung wurde gesdilossen und das Protokoll an den Kaiser geschickt. Und alle Angehörigen der Familie Turbowitz wurden aufge-! sucht, und mau wollte sie alle ins Gefängnis werfen. | 4. Aber Gott erbarmte sich endlidi der Pein seines Voli kes und gab dem Beamten in den Sinn, den Angeber zu | ersdirecken. Am Sabbat, dem 16. des Monats Adar Ii liess er den Ankläger vor sidi kommen und redete also zu ihm: j „Wisse, dass idi mich überzeugt habe, dass Deine Angabe { auf Verleumdung beruht hat!" Den Angeber erfasste i Furdit, und er gestand alles. Und er erzählte, dass Cho- | wanski ihm alle die Anklagen in den Mund gelegt hatte, j um dadurch die Mordbesdiuldigung von Welisdi zu bekräfi tigen. Die Einzelheiten hatte er selber hinzuerdiditet, denn | er wusste, dass Sabbattais Haus auf einem früheren Fried-; hof erbaut war, und dass man dort Menschenknodien fin-; den könnte. Audi wie die Blutspuren in das Buch kamen, erinnerte er sich genau: einmal lernte er mit seinem Lehrer darin; als sie gerade bei dem Blatte ankamen, sdilug ihm der Lehrer auf das Gesicht und viel Blut rann aus seiner Nase auf das Budi, wovon jene Spuren entstanden. Als der mensdienfreundüdie Beamte dieses Bekenntnis hörte, freute er sich sehr, liess es zu Protokoll bringen, der Angeber unterschrieb, und der Beamte liess verkünden, dass die Gefangenen am anderen Tage in Freiheit gesetzt würden. Tags darauf, am 17. des Monats, liess er Sabbattai rufen und verkündete ihm seine Befreiuung. Und dem Poli-

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