Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 6 (2.1931)
- Date
- 1931-02-01
- Page
- Seite 183 (sequence 5)
- Language
- German
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183 der, dessen Vorderbeine an den Strauch mit silbernen Ketten gebunden sind; der goldene Kopf des Tieres mit Hörnern und Haaren aus Lapislazuli steht zwischen deu auf beiden Seiten hoch herausragenden Blättern und Blüten des goldenen Baumes. Dieser Widder, der nach Woolleys (nicht unbestritten gebliebener) Chronologie etwa 1500 Jahre vor Abraham entstanden ist, erinnert den bibelkundigen Verfasser an den Widder, der sich nach Genesis 22, 13 mit seinen Hörnern im Dickicht verfangen hatte und Abraham als üpfertier diente. Ebenso weist Woolley bei Besprechung der Mosaikdarstellungen auf der sogenannten Standarte von Ur auf die eisernen Kriegswagen der Kananäer hin, welche nach Richter 1, 19: 4, 3 den Israeliten bei der Eroberung solche Hindernisse in den Weg legten; sie waren eines der Mittel mit welchen die Sumerer ihre Eroberungen durchführten und welche die Völker des vorderen Orients, gleich so vielem anderen, ihnen entlehnt haben. Mit den Funden aus der Zeit Sargons 1 um 2500 gelangen wir in die Periode, in welcher die Oberherrschaft einem Volke semitischer Zunge zufällt, den Akkadern. Sargon nennt sich „König von Sumer .und Akkad" d. i.' Süd- und Nordmesopotamien und ist der erste König der vom bereits semitisierten Norden her den sumerischen Süden erobert. Eine Tochter Sargons hat in Ur gelebt; es haben sich Rollsiegel gefunden, deren Eigentümer im Haushalt dieser. Tochter Aemter ausübten, und von ihr selbst ist eine Weihinschrift auf der Rückseite einer eine Oplerszene wiedergebenden Darstellung erhalten. Hinter dem Priester ist dort eine Frau in iangwailenden Gewändern zu sehen, und nach Analogieen aus späterer Zeit ist anzunehmen, dass Sargon seine Tochter, etwa als Hohepriesterin, an den altberühmten Tempel des Mondgottes Nannar nach Ur entsandt hätte. Unterhalb des Stufenturms von Ur liegen die Reste des alten Tempels, des „Hauses des Nannar". In die Zeit Abrahams führen uns die Ueberbleibsel aus der Periode Hammurabis, vorausgesetzt dass dieser wirklich, was vielfach bestritten wird, mit dem Amraphel von Genesis 14 identisch ist. Hammurabi hat Ur erobert und ein Siegesdenkmal in einem der Haupttempel der Stadt aufgestellt. Auf Grund der Funde beschreibt Woolley die Einrichtung der Privathäuser, welche der Zeit um 2000 angehören und gibt eines in Rekonstruktion wieder, unter der Bezeichnung „Haus aus der Zeit Abrahams", in einem dieser Häuser fanden sich auch Tafeln, deren Inschriften neben Hymnen, wie sie beim Gottesdienst in den Tempeln gesungen wurden, auch mathematische Tabellen enthalten, darunter solche welche das Ziehen von Quadrat und Kubikwurzeln lehren. Die Priester von Ur waren also mit solchen Operationen bereits vertraut zur Zeit, da Abraham ihre Stadt verliess. In den Ruinen dieser Häuser finden sich aber auch zahlreiche kleine Tonfiguren, die Götter und ihre Anbeter darstellend: Woolley sieht in ihnen Teraphini, wie sie Rachel ihrem Vater stahl. Etwa 1400 Jahre später, in spätbabylonischer Zeit, hat sich in Ur vor allem N e b u k a d n e z a r als Bauherr betätigt. In einem der von ihm restaurierten Tempel nahm er eine bemerkenswerte Neuerung vor: er liess die Vorderseite öffnen, in der Vorkammer, der Tür gegenüber, den Untersatz für ein Standbild errichten und Raum schaffen für eine grosse Menge von Zuschauern. Während im alten Tempel der Kultus im Verborgenen stattfand, konnte nun die Menge den Priester beobachten, wie er auf dem Altar unter # freiem Himmel opferte und einen Blick auf das Götterbild selbst werfen. Eine Erinnerung an diese Neuerung Nebukadnezars hat sich nach Woolley in Daniel 3 erhalten; während wir sonst nichts davon hören, dass . die Juden in der babylonischen Gefangenschaft zur Verehrung eines der Götter gezwungen worden seien, wurde ihnen nach dieser Stelle befohlen, das Bild anzubeten. Das entspricht dem, was Nebukadnezar durch seinen Umbau durchsetzen wollte insofern, als dort die Verehrung durch die Masse zu dem allein von den Priestern zu vollziehenden Kultus hinzutrat. Als dann endlich Kyros der Perser das babylonische Reich erobert hatte, hat auch er die Ummauerung des Tempels E nun mach wieder hergestellt. Einen Einblick in die Religionspolitik des Kyros gestattet uns eine dort gefundene Inschrift, in welcher er sagt „die grossen Götter haben alle Länder in meine Hand gegeben", wenn wir sie mit dem Esra, Kapitel 1, wiedergegebenen Schreiben vergleichen, in welchem Kyros den „Herrn des Himmels" als Urheber seiner Macht anerkennt. Noch über die Zeit des Kyros hinaus hat die Stadt Ur existiert, es haben sich Tafeln gefunden, die bis in die Mitte des 5. vorchristlichen Jahrhunderts datiert sind. Vielleicht hing es mit dem endgültigen Uebertritt der Achameniden zum zarathustrischen Glauben zusammen, dass die Tempel mit ihren Götterbildern verfielen, bis schliesslich sogar der Name der Stadt in Vergessenheit geriet. In diesem Berichte sind aus dem reichen Inhalt des Buches nur einige von den Ergebnissen hervorgehoben, welche j auf biblische Nachrichten neues Licht werfen; wer sich | über die von den Zeiten Noahs bis in die des Kyros reichende Geschichte der Stadt unterrichten will, sei auf die I anschauliche, durch zahlreiche Abbildungen illustrierte, | Schilderung Woolleys verwieseu. I | Das Purim von Bobowiio | Von B i n j a m in S e g e 1.*) Der Ritualmordprozess von Welisch (Gouvern. Witebsk), der sieb von 1823 bis 1835 Jahre hinzog, gehört zu den fürchterlichsten und folgenschwersten seiner Art. Neun Jahre hindurch waren in der genannten Stadt über fünfzig Familien unter der Anklage des Kindermordes im Gefängtiis. Einen ausführlichen Bericht findet man in dem amtlichen „Protokoll über die Blutbeschuldigung von Welisch". i das auf Veranlassung der Regierung gedruckt wurde. Auch | die Blutbeschuldigung von Bobowno (Gouy. i Minsk) sollte eine willkommene Handhabe zur Bekräfti- | guug der erhobenen Anschuldigung bieten. Diese Episode j aus dem grossen Welischer Prozesse, die gerade an einem j Purim vor hundert Jahren glücklich endete und den Ausgang des Hauptprozesses beschleunigte, erfährt eine interessante Beleuchtung durch ein historisches Dokument, das sich im Besitze des Rabbiners Wolf Turbowitz in Krozy (Gouv. Kowno) befand. Der genannte Rabbiner entstammt der Familie Sabbatai Turbowitz, eines der Hauptbeschuldigten im Prozess von Bobowno, und das Dokument ist eine Art Familien-Chronik, die in rabbinischem Hebräisch abgefasst und nach Art der biblischen Bücher in Verse geteilt, eine genaue, mit historischer Treue wiedergegebene Schilderung des ganzen Prozesses enthält. Die merkwürdige Chronik hat folgenden Wortlaut: Megillath Sabattai. 1. Es war in den Zeiten des Kaisers Nikolaus, der über ganz Russland, Polen und andere Länder herrschte. In jenen Zeiten war Chowanski Befehlshaber (General-Gouvernator) in Witebsk. Die Stadt Welisch war ebenfalls unter Chowanskis Oberhoheit. Da gingen einige gottlose Leute hin und erhoben gegen die Juden von Welisch und gegen alle anderen Juden die Beschuldigung, dass bei ihnen ein Gebot bestehe, in ihre Mazzot Christenblut zu kneten. Und die Leute von Welisch seien die Mörder, die jedes Jahr einen Christen morden, das Blut auffangen und den übrigen Juden verkaufen. Als diese fürchterliche Beschuldigung Chowanski zu Ohren kam, entflammte er in Zorn und Ingrimm gegen das Volk Gottes, am meisten aber zürnte er den Bewohnern von Welisch; er kam wutschnaubend dorthin, nahm die Häupter der Gemeinde gefangen, schlug sie in Fesseln und peinigte sie durch harte und bittere Marter. Unter den Beschuldigten war eine angesehene und reiche! Frau namens Rebekka, die man anklagte, als die erste an den Gemordeten Hand angelegt zu haben, und man peinigte sie am härtesten. Sogar Braut und Bräutigam wur-. i den vom Traubaldachin weggerissen und den Martern un- | terworfen. Alle ertrugen ihre Qualen mit grossem Mut und legten kein falsches Bekenntnis ab. Diese bittere Peinigung | beschwichtigte aber nicht die Wut des grausamen Machti habers; er liess alle Männer, Frauen und Kinder ergreifen und in die unterirdischen Räume des Gefängnisses wer- | fen, wo es von Ungeziefer und Ratten wimmelte, die das | Fleisch der Gefangenen abfrassen und an ihren Gesichtern j nagten; dort blieben sie sieben Jahre. Auch liess er die Sy- ] nagogen und Lehrhäuser schliessen und versiegeln volle! sieben Jahre. I 2. Ein Jude lebte in der Stadt Bobowno im Gouverne-! ment Minsk, der hiess Sabbattei ben Jehuda ben Meschu-! lam aus der Familie Turbowitz. Sabbattei war angesehen i und reich und sein Name in der ganzen Gegend bekannt, j Er war Eigentümer einer Fabrik von Wollstoffen. Einmal j blieb ihm viel von seiner Ware zurück, da reiste er nach j Moskau, um seine Ware zu verkaufen. In seinem Hause i erzog er einen Knaben namens Feiwisch, eine vater- und \ mutterlose Waise, den er zu sich nahm- und unterrichten j liess; er blieb im Hause viele Jahre. Feiwisch wandelte; schlechte Wege, da wies ihn Sabbattai zurecht; er gehorchte! aber nicht und liess sich taufen, dann stahl er und raubte, | wo er nur konnte. Er wurde abgefasst, in den Kerker geworfen; dann, als er herauskam, näherte er sich dem Chowanski und leistete ihm Dienste. Da beredete ihn Chowanski, gegen die Bewohner seiner Geburtsstadt eine j Blutbeschuldigung zu erheben, dass sie den Bluthandel mit | den Leuten von Welisch getrieben, denn er (Chowanski) I wollte sie alle verurteilt sehen. Feiwisch gehorchte dem Chowanski und schrieb einen verleumderischen Brief an : den Kaiser folgenden Inhaltes: „Als er im Hause des Sab- Nach einer Veröffentlichung von S. Dubnow im Luach Achiasaf.