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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-02-01 · 6 (2.1931) · p. Seite 182

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
6 (2.1931)
Date
1931-02-01
Page
Seite 182 (sequence 4)
Language
German
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182 die erstarrte Form jüdischen Lebens, die in das achtzehnte Jahrhundert sich fortgesetzt hatte; griff die Aufklärung diese Form mit der Kritik des Rationalismus und der Schärfe der Satire an, so suchte der Chassidismus sie durch das Feuer mystischer Glut zu läutern und in der Einfachheit des reinen Herzens zu schmelzen. Beide Bewegungen richteten sich gegen die bisherige Form der sozialen Ordnung, die ihren Mittelpunkt in der Kleinstadt fand mit ihrem herrschenden Stande der Gemeindegewaltigen, die die obere Schicht des kleinen Bürgertums darstellten und deren Familienbeziehungen das Traggerüste der Gesellschaft bildeten. Der Chassidismus-war ursprünglich der Protest des Dorfes und der armen Bevölkerung, unter Schankwirten und Holzfällern entstanden; die Aufklärung setzte unter dem entstehenden Grossbürgertum ein, das die engen Fesseln der Kleinstadtgemeinde sprengte, um in der Freiheit der Grosstadt unter den Pionieren des Frühkapitalismus zu wirken. Beide Bewegungen waren ein Protest gegen die ausschliessliche Herrschaft scholastischer Gelehrsamkeit und talmudischen Rabbinismus im damaligen Judentum. Nidit nur die weltlichen Wissenschaften waren verbannt, selbst die Bibel mit Ausnahme des Fünfbuches, insbesondere die späteren Propheten, waren beinahe unbekannt. Der Chassidismus war demgegenüber eine Bewegung des „amhaarez", des Landvolkes, des in der scholastischen Wissenschaft Unbewanderten, er war in mancherlei Sinn eine Rückkehr zur Agada, zu den phantastisch-bunten Volkserzählungen und Allegorien des frühen Mittelalters, und zu der Unmittelbarkeit der Propheten; die Aufklärung, getragen von Ntännern, die in den weltlichen Wissenschaften bewandert waren, suchte die engen Grenzen des damaligen Judentums zu sprengen,' es zu rationalisieren und es zu enttheologisieren, sie knüpfte im . sdiärfsten Gegensatz zur damals herrschenden Lehre bewusst an die Propheten an. Beide Bewegungen betonten die Freiheit der Person und den Wert der. Individualität, beide zerbrachen den bis dahin eindeutig bestimmten Lauf der Geschichte, waren ahisto- \ risch. Im Chassidismus wie in der Aufklärung waren es j nicht mehr Vergangenheit und Zukunft allein, die wie bisher-in der Diaspora das jüdische Sein bestimmten, sondern die Gegenwatt wurde wieder zum erstenmal bejaht, im Chassidismus in ihrer Bedeutung für das Zentrum, für das menschliche Herz hier und jetzt, in der Aufklärung in ihrer peripherischen Beziehung zur Umwelt, die es zu intensivieren galt. Bald freilich verfielen beide Bewegungen der Geschichte: die Aufklärung, als sie die breiteren Kreise des kleineren Bürgerstandes erfasste und zur Reform.und Assimilation führte, der Chassidismus, als.er sich im nörd- ' neuen Litauen zur „Chabad" und im südlichen Polen zum! .,ZaddiMsmus" .entwickelte.--Wie-die Vergangenheit Macht i gewann über die einst revolutionären" Bewegungen und I sie ihr Feuer verloren, erfuhren sie die Erstarrung des! Verfalls. Assimilation einerseits, der Glaube an das wundertätige Mittlertum der Zaddikim andererseits führten, was einst befreiende Tat des Geistes gewesen war, zur! Routine des Eudaemonismus und zür Trägheit in der Linie des geringsten Widerstandes. In den besten Fällen gelangten die Enkel aus der Lösung des Jochs der traditionellen Bindungen, in die letzte Einsamkeit des Verlassenen. Aber Aufklärung und Chassidismus stehen in der Geschichte des neuen Judentums heute in ihrer ganzen Grösse vor uns, nachdem beide Jahrzehnte hindurch verkannt worden sind: in beiden hat der Wind einer neuen Zeit geweht, eines Anhubs zu neuem Auszug, zu entschlossenem Marsche; wieder hat es damals gegolten, wie stets an allen Wendepunkten seit dem Befehle an Abraham, auszugehen aus seinem Heimatlande, und seit dem Worte an Moses, sein Volk aus Aegypten zu führen, auszuziehen aus der Sicherheit dessen, was viele Geschlechter sich als Heimat gebaut hatten, in die Wanderung der Wüste zu gehen, eine neHe Epoche in der dreitausendjährigen Geschichte Israels, die doch immer einheitlichen Gesetzen gehorcht, zu beginnen. Chassidismus und Auklärung, einander anscheinend entgegengesetzt, sind dennoch die beiden Quellen, aus denen sich die jüdische Renaissance des neunzehnten Jahrhunderts speist; beide sind die Väter der neuen hebräischen und jiddischen Literatur und Besinnung, aus beiden entsteht jener Strom, der zur neuen Wiedergeburt führen soll. In ihnen beiden liegen die Elemente allen späteren Denkens und Bekennens. Der Chassidismus führte aus der Dumpfheit der Kleinstadt hinaus, in die Natur, er lehrte wieder sehen, er verband mit der Wirklichkeit und heiligte die alltägliche Welt der konkreten Erscheinungen; er wandte sich an das niedere Volk, sprach seine Sprache und regte seine Phantasie an; Gleichnisrede und Legende, tiefe, doch zugängliche Weisheit der Führer und die aus Liebe und Verehrung schaffende Einbildungskraft des Volkes öffneten das Herz und machten es dem Wunder des Lebens, des Tages, der Gegenwart zugänglich. Die neue hebräische und jiddische Dichtung des Ostens zog später aus diesem Boden die Nahrung, die ihr ihre Entfaltung ermöglichte. Die Aufklärung eröffnete dem Judentum neue Horizonte, sie leitete eine jener fruchtbaren Verbindungen zwischen Judentum und allgemeinen Wesen ein, wie sie das Judentum mehrfach erfahren hatte. Die moderne jüdische Literatur, die modernen jüdischen Bewegungen auf dem Gebiete der Politik und sozialen Arbeit, die Versuche nach w issenschaftlicher Durchforschung der jüdischen Ueberlieferung sind Früchte, der Aufklärung. Sie hat die hebräische Sprache wieder zur Sprache einer vielseitigen Literatur gemacht, sie hat in einer menschlich wie sozialökonomisch begründeten Ablehnung der ausschliesslich händlerisch und finanziell vermittelnden Wirtschaftsform des Ghettos die Rückkehr der" Juden zu normaler wirtschaftlicher Gliederung und zum Ackerbau verlangt und so Grundforderungen der späteren Bewegungen vorweggenommen. Das neue Judentum hat aus dem Erbe des Chassidismus und der Aufklärung seinen.Weg gefunden: es hat die Trägheit abgeschüttelt, zu "der Zaddikismus und Assimilation, Chabad und Reform es" geführt haben, es bejaht, wie der Chassidismus, die Eigenart seines Wesens, die Schwere seiner Bestimmung,, es steht wieder da, seiher selbst bewusst. wegbereit zu neuen Horizonten. Der jüdische Weg in der neuesten Zeit ist der Versuch, die durch Chassidismus und Aufklärung und ihre Folgeerscheinungen geweckten inneren Problemstellungen und Konflikte zu lösen und aus ihnen zu einer tieferen Erfassung des jüdischen Wesen, vorzudringen. Ur und die Sintflut Von Universitätsprofessor Dr. Josef Horovitz. Ueber die Ergebnisse der Ausgrabungen in Ur.! der Heimat Abrahams, berichtet ihr Leiter C. Leonhard W.oollev in seinem neuen Buch „Ur und die Sinflut" (Leipzig, Brockhaus. 1950). Er geht aus von jenen Zeiten, da das untere Ende des Euphrattales, vorher ein grosser Sumpf, durch welchen die Wasser ihren Weg zum Meere suchten, infolge der von Norden eindringenden Schlammmassen auszutrocknen begann; oder, um es mit Woolley biblisch auszudrücken, „die Wasser sich, an einem Orte sammelten und das trockene Land erschien". Die ältesten Bewohner, von denen sich Spuren erhalten haben, trieben mit primitiven Geräten Ackerbau. Viehzucht und Fischerei, auch der Webstuhl war ihnen bereits bekannt. Welcher sprachlichen Gruppe sie angehörten, ob sie gleich den später im Norden des Tales auftretenden Akkadern, eine semitische Sprache redeten, ist nicht auszumachen. Neben diesen in offenen und niedrig gelegenen Dörfern wohnenden Siedlern, liessen sich dann andere nieder, die Sumerer, die eine höhere Kultur aus ihrer östlichen — eine genauere Ortsbestimmung läset sich vorläufig nicht geben — Heimat ins Euphrattal gebracht hatten. Um ziu der Schicht zu gelangen, in welcher das Zusammenleben der vorsumerischen und der sumerischen Bewohner festzustellen ist, mussten die Ausgräber durch ein. Lehmlager hindurchstossen, in welchem ausser -'einem, wohl vom Oberlauf hergeführten. versteinerten Knodien keinerlei Funde gemacht wurden. Die Lehmschicht, die zweieinhalb Meter dick ist, kann nur durch eine Flut von aussergewöhnlicher Mächtigkeit hervorgerufen worden sein, wie .sie in der Geschichte Mesopotamiens nur einmal verzeichnet ist. Es ist das die Flut: von welcher die sumerische Chronik sagt „dann kam die Flut und nach der Flut stieg das Königtum zum zweiten Mal vom Himmel herab." Von dieser Flut besitzen wir eine mythologische Darstellung in der elften Tafel des Gilgameschepos, und da Woolley in der b i b 1 i s c h e n Erzählung von Noah in Uebereinstimmung mit der Mehrzahl der Forscher eine im Sinne der monotheistischen Lehre von der göttlichen Gerechtigkeit vorgenommene Umgestaltung dieser Darstellung sieht, so nennt er sein Buch „UV und die Sintflut". Die sumerische Kultur hat die Flut überlebt, sie! hat sich in der Folgezeit nach Norden verbreitet. In Ur j selbst sind ihre kostbarsten Denkmäler die in den Königsi gräbern gefundenen Schätze, welche Woolley in seinem j früheren Buche „Vor 5000 Jahren" beschrieben hat, denen; aber die inzwischen fortgesetzten Grabungen viele neue! hinzugefügt haben. Unter diesen neuen Funden hebt Woolley besonders hervor einen (auf dem Buchumschlag far-; big reproduzierten) auf seinen Hinterfüssen aufgerichtet vor einem Baum oder Strauch stehenden prachtvollen" Wid-

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