Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 5 (1.1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 153 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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nicht mehr mit dem grossen wissenschaftlichen Ballast von früher, bearbeitet Jost die Entwicklung vor allem der religiösen Geschichte, womit für seine Zeit eine Ausschaltung des jüdischen Volksbegriffes noch nichtdurchwegs gegeben war. Wesentliches an Gesichtspunkten bietet der Chronist auch jetzt nicht, es hätte der Veranlagung seines Forschergeistes widersprochen. Er setzt sich auch jetzt noch gegen die Rabbaniin ein, die den letzten Grund des Daseins Israels vor lauter Zäunen nicht erkennen konnten; sein Kapitel über Jesus und die Entstehung des Christentunis war daher unter ganz einseitigem Gesichtspunkt gegen die Pharisäer geschrieben, eine wahrhaft unhistorische Handlung, die schon Josts Zeitgenosse Rappaport rügte. .Besser aber versteht nun der Historiker die Epoche der grossen Denker und Dichter unseres Volkes zu werten, die vor allein in Spanien erstanden. Für Poesie hatte er wenig Sinn, wenigstens nicht nach aussen; poetisches Verständnis darf ihm aber nicht ganz abgesprochen werden, ebensowenig wie ein ästhetisches Gefühl, das der moderne Leser in Josts Streben nach materieller Fülle umsonst sucht, da es sich in der objektiven Haltung seiner Geschichtsbilder und dem nüchternen Stil nach aussen nicht zeigt. Aber wie. gross ist der Unterschied zwisdien der Darstellung der jüdischen Geisteskultur in seiner grossen Geschichte und der jetzigen Bearbeitung! Dort viel mehr Fakten, oft auch gar die Bemerkung, dass uns mehr von dem gerade Behandelten, z. B. Spinoza, nicht angeht; hier dagegen schon ein Versuch verständnisvoller Wertung des Ringens der geistigen Strömungen nach dem Primat, eine sachkundige Gegenüberstellung der tragenden Geister der grossen Bewegungen im Mittelalter. Hier empfindet man die objektive Haltung des Chronisten, der an den philosophischen Systemen nicht interessiert ist, noch verhältnismässig angenehm. Der Abriss von Saadja bis Maimuui5) zeigt zwar einerseits, dass sich sein Verhältnis zur Philosophie nicht gebessert hat, andererseits aber doch, dass er sich bemüht hat, Wesentlichkeiten neben Tatsächlichkeiten herauszuarbeiten. Dass „rabbinisches" Judentum von vornherein als „erstarrtes" Judentum gilt, zeigt hier den Verfasser in Verfolg einer bestimmten Idee, die in dem Jahrhundert, dem er angehörte, eine feste Gestalt aufwies und eine gewisse Geltung beanspruchen konnte: der Gedanke von einer religiösen Erneuerung des Judentums. Im ersten Stadium inusste natürlich alles, was durch den Rabbinismus überspitzt tradiert worden war, als verderblich gelten. Der spätere Liberalismus hat diese ersten Ausfälle gegen das rabbinische Judentum bald revidiert. Im dritten Band nimmt der Historiker Gelegenheit, bei der Entwicklung des modernen Judentums im 19. Jahrhundert, das er lange nicht so verzerrt darstellt wie Graetz nach der einen und Philippson nadi der andern Seite, neben der politischen die geistige Seite, die Wissenschaft vom Judentum, darzustellen. Wie Graetz auf Josts Werk mit wenig Verständnis als auf das Werk eines Philisters herabblickte, hatte Jost auch nicht den richtigen Blick für die ersten Bände des Graetz'schen Geschichtswerkes, die er sozusagen noch als Ouvertüre erlebte. Das Urteil in seiner Geschichte über den Breslauer Historiker kann man wirklich spießbürgerlich nennen, wenn er schreibt: „Graetz begann eine umfassende Geschichte der Juden, mit phantasiereichen Ergebnissen überraschend, welche, seltsam genug, rückschreitend ins Leben trat.0) (Graetz Hess zuerst den vierten und dann den dritten Band seiner Geschichte erscheinen; mehr lag zur Abfassungszeit von Josts Geschichte des Judentums und seiner Sekten nicht vor.) Noch ein Werk muss erwähnt werden, das als Zeitgeschichte einen grossen Wert als Dokument erhalten hat. Nämlich die drei Bände, welche die „Neuere Geschichte der Israeliten" behandeln, im Zeitraum von 1815—15, eine Spanne, die Jost als tätiger Gelehrter miterlebt hat, die freilich in staatsbürgerlicher Hinsicht den imposanten Höhepunkt von 1848 noch nicht erreichte. Aber es ist ja hier gar nicht der Staat, der im inneren Leben der deutschen Juden zur Diskussion stand; die bürge r liehe Verbesserung musste Schritt für Schritt erworl>cn werden, der Weg dazu war Männern wie Jost seit dem Edikt von 1812 offen vorge^ zeichnet. Es war im deutschen Volk ein allgemeines Ringen und Sehnen nach bürgerlicher Besserstellung, nach demokratischer Regierungsform. Der Staat und seine Bewegungen schnitten sehr hart in die Entwickhing des deutschen Judentums ein, Jost selbst hatte das Eingreifen der Reaktion in seiner Berliner Lehrerzeit bitter empfinden müssen, sie nahm seinem liberalen Erziehungsprogramm von der Belebung mit erhabenen Gedanken, an denen der junge Mann mehr hing als später der alte, gütige und gleichinässige Lehrer des Philänthropins. Aber für ihn und seinen dreibändigen Nachtrag zur grossen Geschichte stand hier nicht in erster Linie das bürgerliche Leben der Juden im Vordergrund, sondern die religiöse Bewegung, die er schon in ihrem Vertreter *) Gesch. d. Jud. Bd. 2. S. W f. •) Cc»Ji. d. JuJ. IM. 5, S. 3M. Israel Jacobson kennengelernt hatte, das neue Gesicht dc9 Judentums — auch des traditionellen — standen ihm Iiier im Mittelpunkt des Interesses. Durch die Berührung mit Israel Jacobson war er schon früher in die Bestrebungen zur Er* Heuerling der jüdischen Religion hineingetragen worden. Ei sah in Berlin zunächst die wissenschaftlich-literarische Förderung des Erneuerungsgedankens, repräsentiert durch den Kulturverein, der allerdings, man könnte fast sagen, ein christliches Ende nahm. Uebrig blieb aus seiner Zeit sein Freund Zunz, der als Altmeister der jüdischen Wissenschaft eine unbestrittene Stellung einnimmt, der in seinen bedeutenden Schriften eine gemässigte Reform verteidigt, in praxi aber nie dafür eintrat, im Gegenteil: seine Gutachten dürften von orthodoxen Rabbinern geschrieben sein. Jost hatte sehr bald die Notwendigkeit einer Reform erkannt, die auch, von der bürgerlichen Schichtung und Lebenshaltung der neuen deutschen Juden aus gesehen, erforderlich erschien. In Berlin trat er nur literarisch hervor, der jüdische Kampf geschah ohne die Teilnahme von Jost, der keineswegs eine Kämpfernatur war; es lag seiner stillen forschenden Art nicht, ein Träger einer kämpfenden Bewegung zu werden. Die ausgesprochen deutsche Einrichtung der Berliner Reformsynagoge verletzte sein jüdisches Empfinden, das er dem deutschen Staate nicht geopfert hatte, er sah einen „Schritt zum Christentum" in den Berliner Reformen. Ganz anders in Frankfurt. Hier fand Jost einen kleinen Kreis von Vorbcrcitern vor, mehr verspätete geistige Aufklärung als religiöse Erneuerung. Er kam in eine Atmosphäre, die die seine war. Die Reformbewegung der „Israelitischen Bürger" zu Frankfurt war hauptsächlich von Lehrern des Philanthropins getragen. Ausser einem Vorkämpfer, dem Rabbiner Leopold Stein, waren die übrigen Wegbereiter Dr. Hess und Creizenach am Philathropin tätig, welche durch Einführung einer Feierstunde im sogenannten „Andachtsaale" schon 1814 den Anfang gemacht hatten. Durch fünfundzwanzig Jahre erhielt sich das Unternehmen; Johlson, Creizenach, Hess, Jakob Weil predigten hier abwechselnd. Jost liess sich ohne Mühe zur Mitarbeit bewegen; oft hat er nicht gepredigt, er scheint überhaupt als Prediger kein besonderes Glück gehabt zu haben. Er war ein viel stärkerer Vertreter des Gedankens von Bildung und Wissen, als der religiösen Erbauung. In späteren Jahren, als er auch nach aussen milder und freundlicher geworden war, besuchte er mit Vorliebe die Prüfungen der orthodoxen Bürgerschule, mit einer für diese Zeit und für Frankfurt in dieser Zeit seltenen Toleranz sprach er oft: „D ie Bildung und das Wissen sind vereinigende Potenz e n". Für einen Reformer keine alltägliche Erscheinung, selbst Graetz, möchte ihn daher beinahe konservativ nennen, da bei ihm ein gewisses jüdisch-patriotisches Gefühl wahrzunehmen war, das in der Liebe zur hebräischen Sprache, die er als das grösste jüdische Kulturgut ansah, seinen Ursprung hatte. Wie die gesamte ältere Schule der Reform, war Jost gründlich vertraut mit dem jüdischen Schrifttum, wenn auch die Wege seines Denkens deuen der KAISERSTRASSE 27 Ecko Neue Mainzerstrasse.