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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-01-01 · 5 (1.1931) · p. Seite 152

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
5 (1.1931)
Date
1931-01-01
Page
Seite 152 (sequence 6)
Language
German
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dironiknriigcs "Wissen vermittelten alte Schriften, ober Sinn und Idee in der jüdischen Geschichte zu suchen, wäre bei der ganz dialektisch eingestellten Bildungskultur der Neuzeit kaum angegangen. Und dann, wo hätte man Konstruktion und Zusammenhänge denn suchen sollen, lag dodi ein Ueberblick über die jüdische Geschichte von jüdischer Hand gar nicht vor. Es ist mehr als eine Anekdote, wenn wir Mendelssohn achscl/.uckend sagen hören: „Was verstehe ich von Geschichte!" Erst 40 Jahre nach Mendelssohns Tode wurde eine Gesamtgeschichte unseres Volkes verfasst, dürftig genug, aber der Weg über ein brachliegendes Feld war erschlossen. In den Jahren 18120—29 veröffentlichte Jost die neun Bände, welche die Geschichte der Israeliten erstmals beschrieben. Für die Zeit und den Stand der damaligen Wissenschaft vom Judentum, die ja ganz in den Anfängen steckte, deren Vertreter immer noch mehr „Meassfim" (= Sammler) waren als pragmatisch Forschende, bedeutete das Jostsche Werk zweifellos eine grosse Leistung, für die Gestaltung der Emanzipation war es immerhin eine Lehrquelle für die Freunde der „bürgerlichen Verbesserung der Juden", für uns, die wir von Graetz und Dubnow verwöhnt sind, hätte es ohne die Persönlichkeit, die es geschaffen, wenig Interesse. Denn oft ist es weit mehr der Mann als sein Werk, was unsere Aufmerksamkeit in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts in seinen vielfachen Strömungen und mannigfachen Anregungen, in dem Gewirr von Bestrebungen und der sich überstürzenden Fülle geistiger oder geistig-politischer Neuschöpfungen auf sich zieht. 17()5 wurde Jost in Bernburg geboren, als siebentes von elf Kindern. In den denkbar ärmlidisten Verhältnissen aufwachsend, hatte er von seinem fünften Lebensjahre an die Aufgabe, den sdion anno 93 erblindeten Vater zu führen, fünf Jahre lang bis zu des Vaters Tode. Dann kam der zehnjährige Junge zum Grossvater nach Wolfenbüttel, wo er die Samsoasche Schule besudite. Allerdings war diese Schule damals in einem sdilimmen Zustand, äusserlich sowohl als audi in pädagogisdier Hinsicht, man hatte Lehrinhalt und Vermittlungsmethode des Cheders noch nidit überwunden. Zwei Dinge hat der spätere Historiker aus jenen Jahren mit ins Leben genommen: eine Genügsamkeit, die ihn besdieiden madite, aber audi das Bewusstseiii, was es heisst, Waise zu sein, auf das seine späteren mensdienfreundlichen Werke zurückzuführen sind. Ergreifend ist es, was Jost in alten Tagen über diese Zeit niedersdirieb, in der er nirgends hingehörte und nidit wusste, was der nächste Tag ihm bringen konnte.1) Die Schule konnte ihm weni* bieten, da sie damals noch sehr sdilecht und schmutzig geführt war, w'ie einer Darstellung der Geschidite der Samsonsdien Stiftung zu entnehmen ist. „An Kursus und Methode war nidit zu denken. Der Lehrer erschien im Schlafrock und in der Nachtmütze. Dann forderte er der Reihe nadi die Sdiüler zum Vortrage eines Stückes auf. Der Lehrer äusserte nie seinen Beifall, wohl aber erzeugten Irrtümer oft Flüche und starke Riemenhiebe.2)" Dies alles änderte sidi, als Samuel Meyer Ehrenberg die Leitung der Sdiule übernahm, da zog Geist und Methode ein. Dieser geistvolle und aufgeklärte Pädagoge wurde Josts zweiter Vater, mit der Umgestaltung der Samsonsdien Sdiule scheint die gröbste Härte in seinem Leben überwunden zu sein. Isaac Markus und sein Gefährte Leopold Zunz kamen nun ins Gymnasium, Jost bezog durdi Vermittlung des bekannten Reformers Israel Jacobson die Universität, erst Göttingen, dann Berlin, wo er Lehrer an der Freischule war, um dann von 1835 bis 1860 am Philanthropin in Frankfurt zu wirken. Mit dem Erscheinen seines Gesdüditswerkes wurde die Wissensdiaft aufmerksam auf ihn, der bisher wohl in gelehrten Zirkeln des Friedländersehen Kreises sidi hervorgetan, aber noch nidit hatte durchblicken lassen, dass er neben dem Beruf des Lehrers, den er sidi in schweren Jahren zum Ideal gewählt, ein neues Forschungsgebiet der Wissensdiaft vom Judentum ersdiliessen wollte., Zweifellos war die Jostsche Leistung für den Stand der Zeit eine bedeutende, eine neunbändige Gesdiidite des jüdisdien Volkes3) zu sdireiben. Sie erregte daher auch grosses Aufsehen. Für die Entwickhing der jüdischen Gesehiditssdireibung bedeutet sie lediglidi einen Versuch einer ersten Materialzusammenstellung, da sie in rein referierender, chronikartiger Form vorgeht. Weiter war sdion kurze Zeit darauf sein Freund-Zunz gekommen, der doch immerhin seine gesdiichtlichen Studien vom Geiste Ilegelscher Philosophie aus beleuditete, die um die Mitte des Jahrhunderts die ganze Gruppe historisdier Forscher im Judentum beeinflusste, nur den grössten und originellsten nicht in besonderem Masse: Heinrich Graetz. Jost war von ') „Vor einem halben Jahrhundert: Skizzen ans meiner frühesten Jugend" in Sippurim, Bd. 3, S. 141—166. 2) „Die Samsonsdie Freischule zu Wolfenbfitiel, in ihrer Vergangenheit und Gegenwart geschildert". Von Dr. Philipp Ehrenberg. Leipzig 18«. S. 10 f. 8) Ccsdiidite der Israeliten seit der Zeit der Makkabaer bis auf unsere Tage, nach den Quellen bearbeitet Berlin 1820—29. den philosophisdien Zeitströmungen sehr weit entfernt, er hatte seiner Forsdiung keine Tendenz zugrunde gelegt, er war nidit einmal auf der Sudie nadi historischen Zusammenhängen, er sammelte. Er sammelte Quellen, über deren Verwendbarkeit er sidi kein Urteil bilden konnte, weil die Textkritik ihm nicht zu Diensten stand, er sammelte Daten, um als fleissiger Annalist in seinem Werke viel Stoff bieten zu können. Diese Methode hatte Jost aus dem trockenen Kreise der Berliner Aufklärer mitgebradit, wo Aufstapelung vielen Wissens als gelehrt galt: Die Darstellung ist nüchtern, oft sogar trocken, was aber seltsamerweise manchen, der sich heute objektiv orientieren will, sdion veranlasst hat, der Pragmatik moderner Darstellung zu entfliehen und zu Josts überparteilichem „Unterridit" zurückzukehren. Wir müssen ihm Dank wissen, duss er die Gesdiidite unseres Volkes darzustellen suchte, so wie sie gewesen ist, dass er nidit schon, bevor nodi Material zum Ueberblick vorlag, in den Bahnen eines philosophisdien Systems das Neugewonnene durdizog, sondern den Stoff zunädist als soldien wirken üess. Was falsdi ist an Tatsadienmaterial, das festzustellen, darf nidit unser Interesse beanspruchen,^ niandics hat er später berichtigt und sdiliesslidl ist dodi zu bedenken, dass die Eruierung so vieler Fakten und Namen für die Kraft eines einzelnen Mannes eine recht bedeutende Arbeit war. „Aengsiliche Genauigkeit und Unparteilidikeit hat sich der Verfasser zur Pflidit gemacht", zeigt er sdion in der Vorrede an, ebenso wie seine Absicht, allen Ereignissen nachzugehen und sie objektiv aufzuzeichnen. Eine gewisse Objektivität hat er durchgehalten; seine Darstellung ist rationalistisch, frei von allem Persönlichen. Die ordnende Hand des Historikers kennt ein Chronist nicht, er hat nur Daten zu verzeidinen. Während in diristlichen Laien- und Gelehrtenkreisen seine Büdier eifrig gelesen wurden, fand er damit bei vielen Juden nidit die erwünschte Gegenliebe. Heine hat sidi bei der Lektüre der ersten Bände schon sehr gelangweilt, während die Anhänger einer Reform im Judentum die rationalistisdie Gesdiidite begrüssten. Erst viel später fand er in Graetz, der als erster eine Konstruktion der jüdischen Gesdiidite dozierte, einen sdiarfen Kritiker. Graetz hatte mit giossem Schwung und belebter Reflexion eine Geschichte begonnen, die Lebensnahe atmete, die ein grandioses Schauspiel vermittelte, beseelt von einer spiritualistisdi-elhisdien Idee, unter der die Zusammenhänge und Perioden erst ein harinonisdics Ganzes ergaben. Graetz fand kein Gefallen an der beschaulichen Ruhe in Josts Werk, die ihn viel zu sehr an die ^Unterwürfigkeit eines Frankfurter „Israelitischen Bürgers" erinnerte. „In seiner Behaglidikeit und spicssbürgerlidien Gesetztheit liebte er die Stürme nidit, weder im Leben, nodi in der Gesdiidite. Wozu die Aufregung?"4) Gewiss hat Jost der heldenhaften jüdisdien Geschidite einen trockenen, philisterhaften Charakter gegeben. Er hat sie audi in einzelne Teile aufgelöst, da er kein organisdies Ganzes sdiaffen könnte; er setzte Mosaiken zusammen und hätte seine Arbeit ein systemhaftes Ganzes ergeben, das Verbindungen und Uebergänge aufgewiesen hätte, er wäre wohl selbst erstaunt gewesen. Wollen wir trotzdem auf die Suche nadi einem Gedanken gehen, so finden wir hödistens ein apologetisches Interesse: Uebcrall waren die Juden brave und gute Staatsbürger, arbeiteten und studierten ruhig, von Verfolgungen wird nur referierend berichtet, da er die Obrigkeit nirgends anklagen will; obwohl er mit dem Werk auf die Emanzipation einwirkte, weht doch auf mancher Seite starke Ghettoluft. Alles wird mit Güte und Milde dargestellt, der jüdische Krieg weitgehendst abgeschwächt, eine beschauliche Darstellung. Aber die Pharisäer und Rabbinen! Gegen die kann der ruhige Annalist Isaac Markus oft recht ungehalten sein; sie waren es, die den dumpfen Sinn des Pilpul aufrediterhalten wollten, sie waren Feind der Aufklärungstendenzen, die er als Anhänger der Reformbewegung progagierte. Hier konnte er sogar energisch werden, was sidi vor allem daraus ergab, dass er als Zeitgenosse eines Kampfes gegen rabbinisches Judentum die Ansdiauungen der Zeit zurückprojizierte. Mehr Reife und Urteilskraft zeigt die spätere Neubearbeitung seiner Gesdiidite, das in 3 Bänden 1859 crsdiicnene Werk „Geschichte des Judenthums und seiner Sekten". Diese neue Darstellung fand weit mehr als die erste Anerkennung in der jüdisdien Fadiwelt und hat sie lange Zeit behalten; zur kurzen Orientierung mag sie audi zu Beginn unseres Jahrhunderts nodi unüberholte Resultate geborgen haben. Ein Fortschritt in der wissenschaftlidieh Erkenntnis der Gesdiidite ist nidit zu, verwundern; die dreissig Jahre, die seit dem Erscheinen des letzten Bandes der grossen Geschidite verstridien, hatten in dem alternden Historiker neben der Ansammlung neuen Stoffes, der kritisdien Siditung alten Materials, audi ein grösseres Verstehen, vielleicht noch ohne bewusste Ordnung, von Zusammenhängen der Epochen, von der gesdvlossenen Ganzheit der Gesdiidite des jüdischen Volkes aufkommen lassen. In kürzerer, gedrängter Form, «) Graetz, Gesdiidite XL, S. 455.

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