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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-01-01 · 5 (1.1931) · p. Seite 151

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
5 (1.1931)
Date
1931-01-01
Page
Seite 151 (sequence 5)
Language
German
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151 mer historisch legal ist, haben wir bereits mehrfach hervorgehoben. Treten wir über die arabische Epoche hinaus, so begegnen uns im 15. Jahrhundert, der sogenannten christlichen Periode, zwei berühmte jüdische Alchemisteh„ die „II o 1 - 1 a n d i" genannt. Es waren dies der Vater Isaacus und sein Sohn Johann Isaacus, die ihren Beinamen nach ihrem "Heimatland trugen. Sie sind in dem Lustspiel des englischen Schriftstellers Ben Jonson: „Der Alchemist" (II. Akt) erwähnt, und ihre Verdienste um die Wissenschaft werden von Chemikern wie Boyle und Berthelot geschätzt. Ihren Forschungen schreibt man die Entdeckung des Ammoniaks, des Königswassers und die Erfindung der künstlichen Edelsteine zu. Weniger bedeutsam erscheint ihre Theorie vom Bau der metallischen Materie, die angeblich die „Farben des Goldes und des Silbers" in sich trägt. Durch Behandlung mit dem Stein der Weisen sollte es gelingen, die eine oder die andere Färbung an die Oberfläche zu ziehen, wodurch die Veredelung bewirkt wird. Ein anderer jüdischer Alchemist aus dem 18. Jahrhundert ist Binjamin Jesse. Er lebte in Hamburg ein einsiedlerisches Dasein und ist erst nach seinem Tode der Welt bekannt geworden. Als seine Hinterlassenschaft fand man in einem versiegelten Räume ein alcheniistisches Laboratorium, vier Kisten mit Gold und ein rotes Pulver, welches den Stein der Weisen darstellt und als Erbe einem Schweizer Verwandten hintcrblieb. Diese Kenntnis beruht indessen nur auf einem Briefe, in dem der christliehe Laborant Jesses im Jahre 1730 über die genannten Tatsachen Auskunft gibt Wir haben die bedeutendsten jüdischen Adepten genannt, die durch Schrift und Experiment an der Entwicklung und Ausbreitung der Alchemie tätigen Anteil hatten. An sie schliesst sich die grosse Reihe derer, welche in ihren literarischen Werken nur theoretisch zu ihr Stellung genommen haben. Nur wenige unter ihnen haben einen ablehnenden Standpunkt gegenüber der Geheimkunst vertreten. Zu ihnen gehören der jüdische Dichter Jehuda Haie vi, der in seinem bekannten Werke „Kusari" ein scharfes Wort der Kritik findet. Auch Maimonides, der in seinem „More Nebuchim" eine Schrift des ägyptischen Alchemisten Hermes erwähnt, steht der Alchemie ablehnend gegenüber, während Bachja Ibn Pakuda in „Chowot Halwowot" doch zumindest ein ernstes wissenschaftliches Interesse an ihr nimmt, wenn auch sein Bekenntnis zu ihren Thesen nicht erwiesen ist. Desto überzeugter aber setzen sich die jüdischen Gelehrten der späteren Zeit (nach dem 13. Jahrhundert) für die Alchemie ein; unter ihnen auch bemerkenswerterweise der scharfsinnige Talmudinterpret Rabbi Ascher ben Jechiel, genannt Rösch, in dessen Namen zum Verständnis einer Talmudstclle von dem Kabbalisten Rabbi Chaim Vital eine alchemistische Erklärung herangezogen wird. Auf seiner Seite stehen die italienischen Rabbinen des 15.—17. Jahrhunderts: Rabbi Jochanan Alemanno, der Lehrer des Grafen Pico di Mirandola in der Kabbala, Abraham Jagel, der in seinem Werke „Beth Or Hahvanon", und Leon de Modena, der in seiner Selbstbiographie „Chaje Jehuda" die Lehren der Alchemie bejaht. Eine der Ursachen für das unerschütterliche Bekenntnis zur Alchemie in dieser Zeit ist ihre fortschreitende Verknüpfung mit der Kabbala, die sich im 14. und 15. Jahrhundert vollzog. Magische Welten ziehen einander an. Iiier die pantheistische Mystik der vergöttlichten Welt, dort der materielle Uniformismus im Zauber der Magie, hier die Zwischenmächte als Brücke der hohen zu den niederen Sphären, dort die Geister und Dämonen der Beschwörung, hier wie dort die Idee des Unendlichen und der Polarität aller Erscheinungen. Dazu kommt noch, dass die Schriften der Kabbala in leichtfertiger und unzulänglicher Weise von Unberufenen ins Lateinische und Arabische übersetzt und dadurch einem Heer kritikloser Literaten als Fundgrube für ihre alchemistischen Phantastereien überantwortet wurden. So stützt Paracclsus seine Theorie von der Schöpfung eines künstlichen Menschen auf die Lehren der Kabbala, und seine Schüler und Nachfolger greifen die Quellen für ihre alchemistische Gelehrsamkeit bereitwilligst auf, zumal sie in unmittelbarer Weise in das biblische Textwort münden. Das bekannteste kabbalistische Werk, der „S oha r", dessen Verfasser wohl der italienische Gelehrte Mose ben Schern Tob de Leon (13. Jahrhundert) ist, enthält 'bereits Anschauungen, die denen der damaligen Alchemie ziemlich nahekommen. So unterscheidet der Sohar ein leuchtendes Gold der Gestirne, das zur Erde herabströmt und sich dem geeigneten Träger „innerlich" mitteilt, und das „untere" Gold, das in den Steingängen der Erdrinde ruht und wahrnehmbar ist. Gleichermassen weisen die Alchemisten dem strahlenden Gold seinen Platz an der Sonne an und stellen diesem das „Grundgold" oder „philosophische Gold" und das Gold der Erde gegenüber. Eine andere Stelle des Sohar spricht von der „Vervollkommnung" des Silbers zum Golde, indem es dadurch gleichzeitig in der Rangordnung der Gestirne zur Sonne vorrückt. Ob damit der landläufige Glaube der Alchemisten an die Transmutation der Metalle angedeutet sein will, oder ob die Worte im Sinne reiner Symbolik zu verstehen sind, kann nicht ohne weitere! entschieden werden. Man wird aber eine gewisse Verwandt-, schaft der Gedankengänge zwischen Alchemie und Kabbala zumindest nicht leugnen können, wie ja jede Zeit ihren typisch eigenen Geist und Ausdruck hat, den sie allen ihren geistigen Schöpfungen aufprägt. Ueberschauen wir aber die einschlägige Lit«patur, von der wir im Rahmen dieser Betrachtung nur einen Bruchteil brachten, so können wir kaum konstatieren, dass jüdischer Einfluss an der Gestaltung der Alchemie in grösserem und entscheidenderem Masse Anteil genommen hätte. Es ergibt sich eigentlich nicht viel mehr, als dass auch die Alchemie in gewisser Weise durch ihre Lehren das philosophische Weltbild der zeitgenössischen Judenheit beeinflusst hat, nicht mehr und nicht weniger, als irgend ein anderes wissenschaftliches System, zu irgend einer Zeit, auf irgend einem Gebiet. Nennen wir den literarischen Niederschlag, den die Alchemie durch jüdische Feder gefunden hat, eine Etappe auf der geistigen Wanderschaft unseres Volkes, dessen Sinn zu lebendig ist, um nicht jede neue Erkenntnis in sich aufzunehmen, — doch auch zu nüchtern, um sich mit ihr zu vermählen. Isaac Marcus Jost Aus Anlass der 70. Wie de Von Lothar Wir sind heute gewöhnt, unter jüdischer Geschichte ein .Ganzes zu verstehen, das in fortlaufender Forschung unter modernen Gesichtspunkten, herausgestellt wird. Erst das Dubnow- Jubiläum vor wenigen Monaten gab Gelegenheit, den Meister einer neuen Begründung der jüdischen Geschichte in ihrer Gesamtheit als subjektives Gesehehen eines aktiven Volkes zu feiern, und mit dem Meister sein Werk. Aber die jüdische Geschichte hatte einen schweren Weg zu . gehen, bis sie sich an der Stelle befand, wo wir Dubnows Verdienste buchen. Sie hat es gewiss schwerer gehabt, als alle andern Wissenschaften, eine modern wissenschaftliche Behandlung zu erfahren; modern soll hier den weitesten Kreis unispannen, den die jüdische Wissenschaft im Rahmen der rkehr seines Todestages. Rothschild allgemeinen Forschung beschrieb, also unter Umständen bis zur Mendelssohnschen Aera, jedenfalls aber bis in die 1820er Jahre Anwendung finden. Neben andern Strömungen, unter denen vor allem der Berliner Kulturverein zu nennen ist, machte sich in jener Zeit, trotz aller .staatlichen.und bürgerlichen Reaktion in Preussen, ein vermehrtes geistiges Schaffen unter den „Israelitischen Bürgern" geltend, die nun anfingen, sich wissenschaftlich zu entfalten. Philosophie und Erziehung standen den jüdischen Gelehrten damals sehr nahe, konnten sie in diesen Disziplinen doch auch an Forschungen anknüpfen, die Geister aus dem eigenen Stamme Jahrhunderte zuvor angestrengt hatten. Aber die Geschichte war niemals im Mittelpunkt geistigen Strebens gestanden,

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