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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-12-01 · 4 (12.1930) · p. Seite 117

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
4 (12.1930)
Date
1930-12-01
Page
Seite 117 (sequence 27)
Language
German
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müssen, so jung und der Zeit aufgeschlossen sein, dass Sie in jeder Zeit den Schlüssel finden zu diesem Zeitlosen. Wenn ich, um mir dies klarer zu machen, mir Ihre R eligionsstundeu vor Augen führen will, ist es sehr schwer, das Wesentliche in Worte zu fassen. Wir empfanden sie als anders als alles andere in der Schule. Es gab eigentlich kein Gebiet des Lebens, das nicht in das Pensum passte. Wir haben damals sowohl den Trompeter von Säkkingen, wie Montesquieu durch Ihre Anregung gelesen, sogar au; Kant wollten wir uns heranwagen. Und für die, die durch die Indifferenz des Elternhauses auf die so heiss ersehnte Einsegnung verzichten mussten, waren Ihre Stunden wie echte Konfirmandenstunden, in denen man mit allem Ergrübelten auspacken konnte und in einem Alter, in dem man so vieles zu fragen und in Zweifel zu ziehen hatte, sich, nie scheuen musste, auch das Gewagteste zu fragen. Erst heute, wenn ich erwachsene Menschen treffe, die in seelischer Unklarheit nach Aussprache suchen, wird mir bewusst, wie gut wir es hatten; wir sind nie von Ihnen mit ' einer schablonierten Antwort abgespeist worden. Sie haben jeden wohl meist auf sich selbst, auf die eigene Verantwortung zurück verwiesen, aber man fühlte, dass die eigenen ' Schwierigkeiten Ihnen nicht fremd waren, und man hatte gleichzeitig das Gefühl eines Haltes darin, dass man in Ihnen trotz des Mutes zur Frage die Harmonie des Lebens .spürte. Wieweit dies alles in Lü [lisch es gekleidet war? Wie Sie das tatsächliche Wissen nicht in den Mittelpunkt des Unterrichts stellten, sondern zur selbstverständlichen .Voraussetzung nahmen, so war das jüdische Fühlen und Bewusstsein weniger Lernstoff, als Atmosphäre. Und diese .Atmosphäre brachte es mit sich, dass wir, die wir meist aus so ganz dem Judentum entfremdeten Familien kamen, hebräisch lernten, jüdische Feste hielten, an jüdischen Aufgaben mitarbeiteten — nicht zeitweise, solange wir unter Ihrem unmittelbaren Einfluss standen, sondern inzwischen in den eigenen Familien, im eigenen Wirkungskreis. Nicht weniger als Ihre Schüler empfindet Ihre Gemeinde hinter Ihren Worten Ihr eigenstes Wesen. Wenn Sie, zumal an den hohen Feiertagen, in der Einleitung zu einer Predigt eine Welt des Schreckens und der Finsternis, eine Welt der Wirrsal und der cpial vollen Frage nach einem "Sihh zu malen suchen, dann liegt in dem Augenblick, in dem Sie Ihr „Und -dennoch" sagen, in dem „Nein, so kann es nicht sein" das Geheimnis Ihres Wesens offen, Ihr ganzer Optimismus, der nicht blind ist allem gegenüber, was hässlich ist und schwer; was sich einem zu leichten Lebensbejahen entgegenstellen könnte, der aber ganz ohne Resignation .einfach, .nicht anderskann, .ausinnerstem-Instinkt, als aus der eigenen seelischen Gesundheit heraus froh zu sein und die Welt froh anzusehen. Und ich glaube, dies ist der Schlüssel nicht nur zu Ihrer Lebensauffassung, die Sie die Denker aller Zeiten, die den Pessimismus lehrten, von den spätgriechischeii Philosophen bis zu Nietzsche, zu Schopenhauer, Strindberg und Ibsen verabscheuen, alle Weltbejaher im jüdischen Sinn lieben lässt, es ist auch, meine ich, der Schlüssel zu Ihrer eigensten Religiosität, ist Vielleicht Form wie Inhalt dieser Religiosität. Verzeihen Sie, wenn ich da zu deuten suche, wo jedes Deuten und Tasten ja nur zu einer halben Wahrheit führen kann. Aber das ist sicher, dass dieser Ihr Optimismus, Ihr Beschwingtsein durch tlie Lebensbejahung, Quell Ihrer Tatkraft ist. Der innere Zusammenhang zwischen Optimismus, dem Glauben an die Zukunft und an die Kraft des eigenen Willens und dem Liberalismus, der aus der Kraft des eigenen Willens heraus erstarrte Form beiseiteschieben und eigenes Neue aufbauen kann, braucht hier nicht theoretisch erörtert zu werden — er ist praktisch in Ihnen verkörpert. Öiesem Zusammenhang verdankt Ihr Gebetbuch sein Werden, das Sie vor zwei Jahrzehnten schufen und das heute nichtnur in Ihrer eigenen Gemeinde benutzt wird, nicht nur in Ihrer Sprache, sondern dessen Verse und Texte dem entsprechenden schwedischen Kultus zugrundeliegen, dieser Zusammenhang brachte es mit sich, dass das neue Einheitsgebetbuch, das Ihrer geistigen Arbeit sein Werden — aber so sehr auch Ihrer praktischen Initiative seine Einführung verdankt, sich durchsetzte. Wenn wir aber die besondere Betonung des Willens als typisch für Sie ansehen — dass Sie „Wille zum Judentum" als Formel für die Triebkraft des liberalen Juden aufstellten, gibt dazu noch mehr Berechtigung — dann wird uns noch ein anderer Zusammenhang klar, der wohl wichtig ist für Ihre innere Entwicklung. Durch Ihr Wissen von der Stärke des Willens sind Sie, wohl erst in der Reife des x\lters, auch zu einem Wissen vom Einfluss des Willens auf jede Entscheidung, auf jeden Standpunkt der Menschen gekommen und haben gelernt, das dadurch Bedingte, nicht durch Vernunft zai Widerlegende jedes Standpunktes, bei sich väe bei anderen, zu sehen. Wie Sie zur Zeit Ihres Kämpfens, zur Richtlinienzeit, sicherlich unbeschwert durch solche psychologischen Erwägungen, kraft Ihres Willens sich durchsetzten, so gibt Ihnen die nunmehrige Erkenntnis von der Bedingtheit der Parteinahme die Fähigkeit, vermittelnd zu wirken in den Organisationen, die Kinder Ihrer Sturm- und Drangzeit sind, zu versöhnen zwischen den Gegensätzen, Brücken des Verständnisses zai bauen und so selbst vom Erschaffenden zum Erhaltenden zu werden. Lieber Herr Doktor, ich weiss, dass etwas in Ihnen sich wehrt gegen Ihre 70 Jahre, die äussere Tatsache nicht als Inner-Endgültiges hinnehmen will und kann. Und Sie selbst wissen doch auch am besten, dass das oben Gesagte keine Wandlung zur Ruhe bedeutet, dass es für Sie keine Ruhe müssiger Ernte gibt, dass immer neue Aufgaben aus den alten wachsen, weil das Gewordene nie endgültig und das j Leben immer mächtiger ist, vor allem aber, weil wir, Ihre i Gemeinde, Ihre Gesinnungsgenossen, Ihre Schüler von einst | und jetzt, wir alle Sie brauchen, aus der Erkenntnis dessen, j weis Sie in Ihrem Referat auf der Londoner Weltkonferenz | des liberalen Judentums in die Worte kleideten: j „Ein innerlich begeisterter Mensch hat noch immer Begeisterung wecken können; alles Grosse in der Geschichte der Menschheit ist durch solchen Enthusiasmus enstanden." NellyBaer. Aus dem Notizbuch eines Predigers Von Dr. Eugen Mayer In vielen Synagogen findet sich über dem Thoraschrein die Inschrift: „Wisse vor wem du stehst!" Vielleicht sollte man diese Aufforderung auch auf manchem Predigerpult anbringen. Zwar sagt das ostjüdische Sprichwort: „Jeder bal-darschan darschent für sich", aber im Osten ist der Abstand zwischen dem „Darsehan" und seinem „Oiloin" bei weitem nicht so gross, wie im Westen zwischen dem Geistlichen und seinem andächtigen Zuhörer. Gerade weil hier diese Spanne sich herausgebildet hat, weil wir — nicht de jure, aber de facto — die Scheidung zwischen Klerus und Laien zu übernehmen scheinen, gerade deshalb wird der Prediger über seine Gemeinde nachdenken müssen, bevor er über seine Predigt nachdenkt; nur dann wird er die Gemeinde in jedem Sinn „ansprechen". * Geisteswissenschaftliche Erkenntnisse erlangen zuweilen erst dadurch allgemeine Glaubwürdigkeit, dass sie in den exakten Wissenschaften eine Parallele finden. Wir wissen seit einiger Zeit, dass gewisse Gasgebilde gegenüber den Molekeln, aus denen sie bestehen, sich als etwas Neues darstellen; wir wissen, dass die Zahl i noch etwas anderes ist, als nur 2X2 oder t-f-3, nämlich eben 4 an und für sich. Die Gruppe ist also zwar an das Substrat ihrer Teile gebunden, aber sie macht sich selbständig. Dies ist vielleicht die kürzeste Formel für das alte Begriffspaar: Gesellschaft und Einzelwesen. Was..folgt,daraus iür den Prediger? Er hat die Gemeinde in der doppelten Eigenschaft des Gan-

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