Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 4 (12.1930)
- Date
- 1930-12-01
- Page
- Seite 116 (sequence 26)
- Language
- German
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diesen Optimismus zum Vorwurf macht, dass er ihn gar einen rudilosen nennt, das zeigt, dass er ihn unter alle anderen Optimismen einreihte d. h.. für ihn: unter die dem Pessimismus gegenüber weit flacheren, irdischeren uiid niedrigeren Weltanschauungen. Denn von seiner über dem Abgrund hängenden, rein atheistischen Welt aus konnte er unmöglich diese andere Art des Optimismus begreifen. Der letzte ihm zugangliche Optimismus war der kontemplative eines Plato, eines Leibniz, eines Spinoza und Hegel, in dem eine lichte Vernunftordnung die Welt der trüben und verworrenen Wirklichkeit durchglänzte; und dieser Optimismus war für ihn mit der Vernunft als Grundlage der Welt notwendig erloschen. In dem jüdischen Optimismus aber stiess er auf eine solche Gewalt und gar nicht aufzulösende Widerstandskraft des Wirklichen, es fehlte ihm zugleich, um ihn zu verstehen, so ganz der Begriff und selbst die Ahnung von seiner Wurzel, dass er ihn von sich aus folgerichtig als einen ruchlosen verurteilte. Denn er beging in seiner Betrachtung notwendig jenen dem modernen Denken natürlichen Fehler, der jede jüdische Lebensäusserung entwurzelt und in ihr Gegenteil verkehrt: er sah den jüdisdien Mensdien und das jüdisdie Leben ohne Gott. Damit aber zerrinnt alle jüdisdie Wirklichkeit, wie die Farben und Formen eines Bildes zerrinnen, wenn man unter ihnen die tragende Leinwand fortzieht. — Der Frage, was" mit dem Wort Optimismus im Zusammenhang des jüdisdien Daseins gemeint ist, wie der, ob überhaupt Optimismus in irgend einer Gestalt in einer zerrütteten Welt wie der unseren möglich ist, muss eine andere nodi tiefer gelegene Frage vorausgehen: Wie ist Optimismus überhaupt für sterbliche Wesen möglidi? Denn in der Vergänglichkeit aller Dinge* und unserer selbst, in der MTir uns finden und um die wir wissen, sind wir so unlöslidi an das Leid geschmiedet, dass der sdilidite deutsdie Spruch: „Idi komm, ich weiss nidit woher, Idi geh, ich weiss nidit wohin; Midi wundert, dass ich so fröhlidi bin", für alle Mensdien und Zeiten gültig das Wunder ausspridit, dass Freude unter Wesen unserer Lage und unseres Schicksals möglidi ist. Optimismus aber ist nidit nur die Freude selbst: er ist die Festsetzung der Freude als des eigentlichen Grundgesetzes des menschlichen Daseins; er ist Ausdruck reinen menschlichen Vertrauens zu Welt und Leben. Und nun springt erst mit ganzer Kraft die Frage auf: wie konnte gerade der Jude, der zwiefach Heimatlose, der doppelte Fremdling auf Erden, der gleidisam die Last des Menschensdiidcsals in seiner Entscheidung noch einmal auf sich genommen hat — wie konnte gerade er zur Freude, zum Vertrauen zürn Leben und."zur Welt, zur Festsetzung des Lebensgrundes als Freude kommen? Wie konnte-er zu dein allen menschlichen Jubel übersteigenden Jubel der. Psalmen "vom 96sten bis zum lOOsten, zu de;- inbrünstigen. Freude seiner Sabbailie und Feste, zu dem. Tanz Davids vor der Bundeslade, den die frühen Chassidim in ihren Gebeten wiederholen — wie könnte er zu dieser Lei densdiaft der Freude, zu diesem Glauben an die Freude im Gesetz und an das Gesetz in der Freude kommen? — Die Antwort ist einfadi und klar: Diese Haltung kann nur daraus verständlidi werden, dass die Freude des jüdisdien Volkes aus derselben Quelle stammt, wie seine Entsdieidung für. das Verbleiben dm Leid. Dieselbe Gewissheit, die es jedes,-audi das hödiste Bild und Gleidmis Gottes im Irdisdien ablehnen und . das Warten auf den Messias bis zum, Ende der Zeiten als sein Teil erwählen liess — dieselbe, die es die Erlösung als geschehene, nicht annehmen, .sondern als ihm selbst im Dunkel seines Daseins Schritt für Schritt zur Verwirklichung übergcbcne verstehen liess,.— dieselbe Gewissheit ist die Quelle seiner himmelanbrennenden Freude. „Das Volk, das im Finstern wandelt, siehet ein grosses . Lidit.". Es selbst lebt im Dunkel, in irdisdier Finsternis, nidit in ihm: vor ihm, über ihm in unendlidier Ferne ist das grosse Lidit. Aber es ist keine blosse Erscheinung; es ist in Beziehung zu ihm; es ruft und leitet; es ist ein Ziel. Auf dieses Ziel ist jeder Punkt des jüdisdien Weges bezogen; dies Lidit überglänzt jeden Sdiritt der dunklen Wanderung. Die Gebete, die Sabbathe, die Feste sind nur ein helleres Aufflammen der Punkte, auf deren jeden das ferne, unsiditbare, das mehr als siditbare Lidit fällt. So entzündet sidi in ihm die ganze lange Nadit des Weges dmrdi alle Generationen hindurch immer wieder neu und lodert auf in der Flamme unsterblidier Freude. Von aussen und aus weiter Ferne ist dieses Leuchten nur mit fast blinden Augen zu sehen — audi wenn es die Augen eines grossen Weisen sind. Darum vermodite Sdiopenbauer die sdilidite Wahrheit nidit zu erkennen: Wenn . wirklidi das jüdisdie Volk, wie er es ihm vorwirft, das sdiledithin optimistisdie Volk wäre, so wäre das der grösste und paradoxeste Triumph seiner Bestimmung über sein Schicksal. — Und dem entspricht es, wenn nadi dem Talmud von dem himmlisdien Riditer an jeden vor ihm erscheinenden Mensdien des leidgeprüftesten Volkes die Entsdieidungsfrage gestellt wird: „Hast du gehofft auf das Heil?" Denn damit ist die Hoffnung selbst zur absoluten Forderung geworden, in der Hoffnung des jüdisdien Menschen liegt seine Bewährung; das Festhaltenkönnen an der Hoffnung ist der Prüfstein für seine Erlösbarkeit. Damit ist der Optimismus als tiefster Sinn des jüdischen Daseins geheiligt. Ein Brief Von Nclly Baer (Frankfurt a. M.) Lieber Herr Doktor! Wenn es Mensdien gibt, deren Werk man, von ihnen, selbst abstrahiert, gewissermassen anonym würdigen kann, so liegt, glaube, idi, im Gegensatz hierzu Ihr Wesentliches, Ihre Stärke darin, dass was Sie. sdiaffen, so sehr Ausstrahlung Ihrer Persönlichkeit ist. dass das Werk nidit denkbar ist ohne das warme Herzblut, dem es sein Werden verdankt; deshalb'mödite idi hinter all dem, was als Entpersönlichtes,. Gegenständliches von Ihnen zu sagen wäre, überall Sie' selbst suchen. ' Als Sie vor einigen Jahren Ihr" 25jähriges Amtsjubiläum' begingen, als nadi all den Anspradien Sie selbst das Wort: zu einem Rückblick der.Dankbarkeit ergriffen, da war. es" nicht Ihre Gemeinde, waren es nicht die, die mit Ihnen arbeiteten, derer Sie zuerst gedaditen, sondern Ihre Schüler, denen die ersten Worte galten. Dieser Ihrer eigenen Wertung entsprechend, will idi zuerst von der S c h ü 1 e reden, und da tritt ja auch die Unmittelbarkeit Ihres Wirkens/ Ihrer Wirkung vielmehr am meisten zu Tage. Vor einiger Zeit fragte ich Sie einmal, ob sich der Typ der Jugend, wie Sie sie durch die Generationen hindurch, in beinahe fünf Jahrzehnten, zu. Sdiülern. gehabt, sehr geändert habe, ob Sie — ich meinte, vor allem bei den .Mädchen— nicht da den besten Einblick in die ungeheure Wandlung, die doch vor sidi gegangen ist, gehabt hätten: Ihre Antwort war: Nein, eigentlidi waren es immer dieselben; — Ich war zunächst verblüfft. Idi fragte midi, wie das möglidi sei. Und fand nur eine Erklärung: Das, was Sie diesen versdiiedenarügen Mensdien zu sagen hatten, muss so tief unter die Oberflädie gehen, dass es durch alles Zeitlidi-Bedingte hindurdi und allem angeblidien Niedergang, zum Trotz ein Ewiges, Allgemeines berührt. Und Sie selbst