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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-12-01 · 4 (12.1930) · p. Seite 118

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
4 (12.1930)
Date
1930-12-01
Page
Seite 118 (sequence 28)
Language
German
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zen und seiner Teile vor sich. Er spricht zu der Gemeinde, aber nur der Einzelne vernimmt ihn. Seine Aufgabe muss also sein, durch das Medium des Einzelnen hindurch auf das Ganze zu wirken. Oder anders: sein Wort soll sich wie ein Ring um die Einzelnen legen -und sie zum Ganzen formen. Nun kann er aber trotzdem, wenigstens in der grossen Gemeinde, nicht die Individuen als solche visieren. Es bleibt ihm daher nur die Möglichkeit, einen Querschnitt zu ziehen, der möglichst viele trifft. Hier Liegt die schwierigste Aufgabe des Predigers unserer Zeit, und hier ist zugleich zu einem Teil das häufige Versagen der Predigt begründet. „Wem hat er damit etwas gegeben?" — das ist die Frage! * Die Entwicklungsgeschichte der jüdischen Predigt weist , nicht entfernt so viele Varianten auf wie die. christliche. j Diese war immer ein Abbild der jeweiligen Weltepoche, | sie hatte oft genug die Weltgeschichte zu bestimmen: Kreuzzüge, Reformation. Aber es ist bezeichnend, dass sie mit Luther wieder zu ihrem ersten Ausgangspunkt, der von den Juden übernommenen Schrifterklärung, zurückj gekehrt ist. Bei der jüdischen Predigt sind die Stilwandj lungen weniger bedeutsam; auch hat sie erst spät eine j •zentrale Stellung im Gottesdienst erlangt. In manchen I Gemeinden wird noch jetzt nur zweimal im Jahr gepredigt.! * i Die Predigt zielt auf ein Doppeltes: auf Erbauung und j Belehrung. Eine Predigt, die nur erbaulich sein will, wird j im allgemeinen heute als wenig erbaulich empfunden. Also muss die Belehrung im Mittelpunkt stehen, und die Erbauung mag von selbst kommen,- sozusagen als Exsudat. Aber wie soll die Belehrung beschaffen sein? Kann man wirklich wahllos einmal über Hillel und das andere Mal über Ghandi predigen? Wo sind die Grenzen der Aktualität? In dem Buch „Eine Frau allein" von Agnes Smedley steht der Satz: „Der Geistliche . . . predigte über Gott und den Himmel, von der Erde aber schwieg er". Er soll nicht von der Erde schweigen, aber auch nur mit Auswahl von ihr reden. In U. S. A. hielt ein Rabbiner eine Rjsch- Haschanapredigt über „Schofar und Schofför", und ebenda veranstaltete ein Baptistenprediger Bibelvorträge unter dem Titel „Abende mit den grossen Athleten der Bibel"; Untertitel: Siinson, der stärkste Mann der Welt; Jakob, Championringer; Enoch, Langstreckenläufer; David, Diskuswerfer usw. Das ist nicht etwa eine Erfindung unserer Zeit: der Frankfurter Pfarrer Mosdie (gest. 1791) predigte „Ueber den unaussprechlichen Segen des JKartoffelbaus". * „Weisung fordert man von seinem Mund" (Maleachi 2,7). Die jüdische Gemeinde erwartet von ihrem Prediger religiöse Weisung in dem ganz bestimmten Sinn der Belehrung. Sie ist keine Schulklasse, aber auch kein literarisches Kränzchen, kein politischer KLub. Es galt eine» Zeitlang als besonders schick, über neue Romane und Theaterstücke, über wissenschaftliche und technische Errungenschaften zu predigen und von da aus eine Brücke zu den Lehren des Judentums zu schlagen. Diese Art Aktualität mit Bindestrich ist meist von Uebel, schon weil sie notwendigerweise zur Oberflächlichkeit verleitet; im Politischen überdies zur Neutralität. Viel näher liegt es für den Prediger, von dem zu sprechen, was er wirklich weiss, und was die Gemeinde meistens nicht weiss: vom Judentum in all seinen Erscheinungsformen, seiner Geschichte, seinem Schrifttum, seinem Sittengesetz, seiner Aufgabe, seinen Sagen, Gesiditen und Gleichnissen. Wesentlich ist nur das Einzelne, mit Allgemeinem ist niemand geholfen. Ohne das kleine Einmaleins ist keine Infinitesimalrechnung möglich. Die Innenansicht muss stets das Primäre sein, sie muss Text und Ton angeben. Von da aus mag dann der Blick auf die religiösen, sozialen, politischen Probleme des Judentums und der Zeit gerichtet werden. * " Die Unersdiöpflidikeit des Sdiriftworts könnte man als das homiletisdie Wunder bezeidinen, wenn man sieht,.wie der jeweilige Wodicnabsdinitt der Thora gehorsam den Text liefert für alles, was im jüdisdien Haus, in der jüdischen Welt sidi ereignet. Hier liegt zugleidi die grosse Gefahr der Kasualrede: die Verallgemeinerung statt der Vereinzelung. — Auf der Rückkehr von einer Beerdigung: „Nun, wie hat er gesprodien?" „Heft 4, Nummer 7, alte Frau ohne besondere Kennzeichen." Und was alles muss der arme Barmizwaknabe, das liebe Kind, in dieser Stunde in seine Seele p rügen 1 * Darf die Predigt witzig sein? Von dem grossen Rabbi Akiba sind Beispiele dafür überliefert. Audi in unserer Zeit kommt es vor: der Rabbiner einer kleinen süddeutsdien Gemeinde (sein Name ist audi Dr. Seligmaan teuer) hatte gehört, dass in seiner bis dahin gesetzestreuen Gemeinde ein sdiwarzes Sdiällein namens Abraham im Hotel zum Engel einwandfrei trefa gegessen hatte; worauf in der nädisten Predigt en passant auf den Wandel der Zeiten hingewiesen wurde: dn der Vorzeit kamen die Engel zu Abraham und speisten bei ihm, heute geht Abraham zum Engel. Die Ortseinwohner haben gerade diese Predigt nach 50 Jahren nodi nidit vergessen. * Der Rabbiner einer mittleren Gemeinde hat im Jahr etwa 40 gottesdienstlidie Anspradien und 50 Kasualreden zu halten, ohne die Reden in Vereinen und bei Tagungen. Das macht in 30 Dienstjahren 2700 Predigten. Wenn jede Predigt nur drei eigene Gedanken enthalten soll, so ergehen sich 8100 Gedanken. So viel haben sämtliche Philosophen der Weltgesdiidite nicht aufgebracht. Ceterum censeo: Schriftwort, Quellen und alles was dazu gehört * Die Kanzel ist nur aus praktisdien Gründen erhöht; sie kann sdion deshalb nicht als Zwisdienstufe zu „höheren Sphären" betraditet weiden, weil bei diesem Ausdruck das Eigenschaftswort eine moralische und nicht etwa eine räumliche Dimension darstellt. * Von allen Predigten zieht die Moralpredigt am wenigsten. Trotzdem — die sdiönste aller Predigten steht in einem englisdien Sinnsprudi aus dem 18. Jahrhundert: „lf we do well here, we shall do well there, I can teil you no more if I preach a whole year." Im Vorstand des Weltverbandes für liberales Judentum (1926) mit Claude Q. Monte]iore und The Hon. Lily Montaga

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