Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 4 (12.1930)
- Date
- 1930-12-01
- Page
- Seite 115 (sequence 25)
- Language
- German
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wenigstens wir deutschen liberalen Juden, die schöpferische Kiraft noch nicht wiedergefunden haben, Gebete zu formen in unserer Muttersprache, wie es die Meister unseres Gottesdienstes in der heiligen Sprache vermochten. Und ich meine, gerade der Mann, der für die Sederfeier in tausende liberaler Häuser unsere Hagada wieder zum Leben erweckte, wird" diesen Wunsch nach lebendiger häuslicher Andacht nicht nur verstehen, sondern er ist auch dazu berufen, der Sehnsucht Gestalt zu geben. '. Lassen Sie mich etwas ins Einzelne gehen! Da ist zunächst das Gebet des Kindes, morgens und abends. Gewiss, wir lassen es das „Sch'raa" sprechen, den Satz des Bekenntnisses; ihn sollen auch die Kleinen nachsprechen, die ihn noch nicht verstehen, damit sie lernen, sich einzufügen in die Kette der Ueberlieferung. Aber, — selbst wenn sie den Sinn verstehen lernen —, ein Bekenntnis ist kein Gebet, das Kind will bitten und danken, /und haben wir ein solches Gebet des Dankes für die täglich neu erwachende und ein Schutz- und Bittgebet für die ins Schlafdünkel versinkende Kindessecle? Es muss ein jüdisches Beten sein — und doch leicht fasslich, wie die alten Morgen- und Abendgebete unseres deutschen Volkes. Wo sind sie? Dann das Familiengebet bei Tisch. Neben dem kurzen Alltägsgebet fehlt auch das Gebet, welches der Vater am Freitagabend, am Eingang des Festes nach der gemeinsamen Mahlzeit sprechen kann. Ein Gebet übrigens, das man auch bei festlicher Gelegenheit unter Erwachsenen sprechen soll, etwa beim Brudermahl in der Loge. Das traditionelle Tischgebet ist viel zu lang, enthält auch manches, was unser Gemüt nicht anklingen lüsst. Schaffen Sie dem Vater, dem Baal-ha-Bajiss den feierlichen Ausklang und Aufschwung nach gemeinsamem Mahl! Und dann die Feiern der Freude und der Traner daheim. Was beten wir in der Sukkoh, was beim Channuka- Licht, was beim Ausgang des Jom-Kippur, was in der Schiwoh und zur Jahrzeit? Nicht jedem, nein den wenigsten ist es gegeben, selbst die Worte zu finden, die Brücke sind nach oben. Wo sind die Dichter, die Lehrer jüdischen Stamms, dass sie uns den WTeg führen? Mit der grösste Eindruck, den mir die neue Verbindung mit unsern englischen Freunden gegeben hat, ist, dass sie beten wollen und können. Wer Lily Montagu an jedem Morgen in ihrem Heim beten sah und hörte, empfand, wie sie Kraft schöpfte aus den stillen Minuten des Tagesbeginns, da sie sich in Gott versenkte mit eigen?cformten Worten und durch die Worte der Psalmen und Propheten. Auch bei uns gibt es noch junge Menschen, nicht nur Kinder dem Alter nach, die zu Gott streben, die den Tag beginnen oder schliessen möchten mit Gedanken, die aus dem Alltag führen. Wo sind die, die uns die Schätze heben helfen, die so reich in unserer religiösen Dichtung ruhen? Wir haben wenig Wissende, aber gar viele Suchende, die finden zu lassen Pflicht und Lohn der Führer wäre. Sie sind heut 70 Jahr alt. Dass ich vor Sie diese grosse Aufgabe hinstelle, soll Ihnen zeigen, wie hoch ich den Wert Ihrer Persönlichkeit für uns alle einschätze, zugleich aber auch, dass ich Sie für jung genug halte, dieses Werkes Herr zu werden. Möchte Gott Ihnen die Kraft geben, zu dem Vielen, das Sie uns geschenkt haben, noch den herrlichsten Schlusstcin zu fügen: die deutschen liberalen Juden auf dem Fittich des Gebetes hinzuführen zum Ewigen 1 i5 Optimismus Von Margarete Susmann (Frankfurt a. M.) Dem verehrten Meister, der mich vor vielen Jahren als erster in das Wissen um jüdische Dinge einführte. Optimismus dst ein in unserer Zeit seltsam klingendes, entlegenes, ein uns fast verwehrtes Wort. Nicht nur dass die grossen Katastrophen der letzten Jahrzehnte mit den Strömen von Leid, die sie über die Menschen ausgegossen haben, es in der Sprache der Menschheit fast ausgelöscht haben — es war auch lange vorher schon durch das geistige Graben von Generationen, das alles Dunkle, Abgrundhafte im Menschendasein aufgewühlt und. ans Licht gezogen halte, in seiner eigentlichen Bedeutung entwertet; und das Wort des grossen Leibniz von der „besten der Welten" war j zu einem ehrfürchtig bestaunten Kuriosum geworden. — Selbst Nietzsches gewaltiger Salto mortale aus dem Nichts in die schöpferische UrLust, mit dem er über den grössten Pessimisten der modernen Welt hinwegzuspringen strebte, konnte nicht mehr im eigentlichen Sinne Optimismus heissen; denn der Boden von dem aus jener Sprung geschah, war keineswegs die beste der Welten — war überhaupt nicht eine irgendwie beschaffene Welt — sondern eben das Nichts jenes bodenlosen Abgrundes, den Schopenhauer unter allem Leben aufgerissen hatte, und den zu überbrücken kein menschlicher Geist je ausgereicht hat. Und dennoch gibt es eine Form des Optimismus, die diese ganze furchtbare vom modernen Denken entschleierte Nacht des Nichts überlebt hat und von allen Formen eines späten Pessimismus zwar aufs schwerste gefährdet, aber nicht grundsätzlich überwunden werden konnte. Dieser, der echte, der wirkliche und«> radikale Gegner des Pessimismus, des modernen europäischen, wie jedes Pessimismus überhaupt, der keine Antwort der .neuen Zeit, keine persönliche Weltanschauung, sondern ein mächtiges überpersönliches Wissen aus der Frühzeit der Menschheit war, ist denn auch von Schopenhauer selbst mit sehr tiefem Instinkt, aber auch mit noch tieferem Missverstehen als solcher erkannt und ausgesprochen worden. Den Juden, dem jüdischen Volk als solchem hat Schopenhauer „ruchlosen Optimismus" vorgeworfen. Was kann mit diesem eigentümlichen Wort gemeint sein? Wusste denn der grosse Philosoph nichts von dem jüdischen Schicksal? Hatte nicht das jüdische Volk mehr und Furchtbareres gelitten als jedes andere? Ist nicht seine Lebenssituation selbst, die von ihm erwählte und von ihm auf sich genommene Situation das Leid und das Verbleiben im Leid? Hat es nicht allein unter allen Völkern, die es umgaben, die Erlösung im Hier und Jetzt, wie sie aus ihm selbst hervortrat, abgewiesen und sich in die reins menschliche Ursituation des Leides gestellt? Hat es nicht an Stelle der ins Irdische eingekehrten Göttlichkeit, die den Menschen die Erde aus der Fremde zur Heimat machte, an der reinen Transzendenz seines Gottes festgehalten und Seinem Gebot gemäss jede Darstellung Seiner im irdischen Stoff verschmäht? Hat es so nicht anstelle der gesicherten Vergangenheit die ewig offene Zukunft, an Stelle der erfüllten Erinnerung an ein für alle dagewesenes Heil die reine, nur durch es selbst zu verwirklichende Hoffnung erwählt? Wie kann man diesem Volk, das um seines Gottes willen das Leiden auf sich genommen hat, durchaus und für immer ein Fremdling auf Erden zu bleiben, Optimismus vorwerfen? Und doch hat Schopenhauer im Letzten richtig gesehen, I — richtig gesehen in einer Tiefe, von der er selbst nichts i zu ahnen vermochte. Denn dass er dem jüdischen Volk