Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 4 (12.1930)
- Date
- 1930-12-01
- Page
- Seite 114 (sequence 24)
- Language
- German
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besondere jdie Gefahren der Vermensdilichung Gottes, aber audi die Krassheit mancher Wunderberichte wurden von der Haggada im Sinne des Fortsdiritts behandelt und ihrer Gefährlichkeit entkleidet. Zu dem Wunder aller Wunder, der HerabkunTt Gottes auf den Sinai behufs Verkündung des Zehnworts, bemerkt R. Jose (Mediilta z. St.) in aller Nüditernheit: niemals fuhr Elia zum Himmel, nie Gott herab zum Sinai; denn der Himmel bleibt der Himmel Gottes, wie es im Psalm 115, 16 steht. Hier begegnen wir einer vorwärtsdrängenden, religiösen Kühnheit, wie sie unsern Jubilar auszeidmet; sie ist und bleibe das Kennzeichen seines Führertums. Der Liberalismus und die religiöse Zukunft Von Claude G. Montefiore (London) Hat das Judentum irgendwelchen religiösen Einfluss in der Welt besessen, seit es das Christentum geboren hat? Einzelne Juden haben einen solchen Einfluss ausgeübt, wenn auch vielleicht eher mittelbar als unmittelbar. Wir alle wissen, wie die Juden in der Philosophie, in den Wissenschaften, in hebräisdier Grammatik und Bibelexegese ihre Rolle in der religiösen Gesdüchte Europas gespielt haben. Hat aber das Judentum als Ganzes, als selbständige Religion viel oder überhaupt irgendweldien Einfluss gehabt? Dies ist nicht leicht zu sagen. Sdion die Existenz unseres strengen und eigentümlidien Monotheismus mag ihre Wirkung auf die Entwicklung des Christentums gehabt haben, wenn auch sehr wenige Christen ihn wahrnahmen, wenn sogar sehr wenige Christen zugeben würden, dass irgendeine derartige Wirkung tatsächlich bestanden hat. Der Gegenstand ist schwierig und würde viel Raum für eine angemessene Erörterung fordern. Aber selbst wenn die wahre Antwort verneinend sein müsste, selbst wenn das Judentum als ein Ganzes, als eine selbständige und besondere Religion seit Konstantin geringen oder gar keinen Einfluss auf Europa gehabt hätte, so müssten wir darum unseren Glauben an unsere besondere religiöse Mission nidit aufgeben. Wir müssen nidit notwendig glauben, dass unsere Aufgabe, soweit es sidi um die Aussenwelt handelt, vor neunzehnhundert Jahren zu Ende kam, und dass keine Zukunft religiösen Wirkens vor uns Hegt. „Ihr seid meine Zeugen, spridit der Herr". Dies ist die bezeidmendste Lehre des Judentums. Der Glaube, dass uns eine noch nidit ganz vollendete religiöse Aufgabe oder Mission auferlegt wurde, ist eine bezeidmendere jüdische Lehre als sogar die Lehre von der göttlichen Einheit. Von dieser Lehre durdidruugen zu sein ist ein Akt des Glaubens. Sie ist ganz unbeweisbar. Es gibt philosophische Argumente für die Existenz und Einheit Gottes. Es gibt keine soldien Argumente zur Stützung der Lehre, dass Judentum und Juden in der zukünftigen Entwicklung der Religion in Europa oder Amerika noch ein Werk zu verrichten haben. Millionen von Mensdien glauben an Einen Gott: nur Juden glauben an die „M i ss i o n Israel s": Es ist schledithin ein Akt des Glaubens, ein unbeugsamer Akt des Glaubens, denn Geschichte und,Anschein sind, im ganzen genommen, durchaus gegen uns. Wenn wir aber auch nur wenig, für unseren Glauben aufzuweisen haben, so wagen wird doch, zu ihm zu stehen. Und wenn wir ihn wirklich nicht behielten, so würden viele von uns nicht länger Juden bleiben wollen. Die Welt mag alt sein; aber die zivilisierte Mensdlheit ist jung. „Tausend Jahre sind in . deinen Augen wie eine Wache in der Nadit". Wir stehen zu der Idee der Aufgabe, die nur noch tätiger oder kraftvoller durchgeführt werden niuss, als es bisher der Fall war. In einem volleren Sinn, in einer noch zu offenbarenden Weise muss das Judentum eine Universalreligion werden. Wenn es noch in manchen Beziehungen nur eine nationale Religion, ist, so halten diejenigen von uns, welche glauben, dass die Tage der nationalen Religionen vorüber sind, zum Judentum, weil wir an seinen wesenhaften Universalismus und an die universalistischen Entwicklungen glauben, weldie die Zukunft für es bereit hält. Nichtsdestoweniger muss die Mission nidit auf genau dieselbe Weise aufgefasst werden, wie von unseren Vorfahren. „Und der Herr wird König sein über die Erde: an jenem Tag wird der Herr Einer sein und Sein Name einer". Wenn nun alle Bewohner der Erde Mohammedaner oder unitarisdie Christen würden, wäre dann die Prophezeiung Sediarias und die Mission des Judentums erfüllt? Und wenn nidit, warum? Audi hier liegen Fragen, in die idi nidit eintreten kann. Vielleicht habe idi damit unserem lieben Freund Dr. Seligmann das Thema für einen seiner ausgezeichneten Aufsätze geliefert. Wer kann die Zukunft vorhersagen? Ich stelle mir vor, dass wir alle in unseren Visionen der Zukunft zurückhaltender sind als unsere Vorfahren in biblischen und talmudischen Zeiten. Wahrscheinlich glauben sehr wenige von uns, dass dereinst alle Mensdien Juden oder farblose „Theisten" werden. Trotzdem mag Raum für jüdischen Einfluss bleiben. Ja nodi mehr, der Umfang und Zweck unserer Zeugensdiaft ist jetzt — wie idi behaupten möchte — viel weiter als der Prophet es erfasst haben kann. Denn wir haben Stellung zu nehmen ebensosehr gegen Atheismus und Pantheismus, wie gegen Irrtümer (als die sie uns ersdieinen) des orthodoxen Christentums. Ob und inwieweit unsere Nachkommen tätigere Prediger und Missionäre jüdischer Lehren werden müssen, ist ungewiss. Aber sowohl in Religion wie in Moral wird die jüdische Lehre angegriffen, und es ist an uns, sie mit unserem Leben, unserer Feder und mit mündlidier Rede zu verteidigen. Es ist nicht der Pentateuch, dessen Vorkämpfer wir sein müssen: es ist etwas viel Grösseres. Es ist die Idee vom Sittengesetz, die Lehre Goethes, die für die Moral nicht weniger wie für die Kunst gilt: „Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben". Gott als die Quelle und Bürgschaft der Rechtlichkeit: dieser Gott ist es, dem wir zu dienen, und den wir zu verkündigen haben: der reditlidie und heilige Gott der Propheten und Psalmen. Unser Glaube muss sein, dass in den religiösen Gärungen und Wandlungen der Zukunft Gelegenheiten kommen werden, wo das Judentum vielen als Leuditfeuer und Halt voranleuchten wird; es wird Zeiten geben, wo hingebungsvolle Juden fähig sein werden, die reinen Lehren des Judentums zu lehren und zu verbreiten. Es wird Platz für das Judentum da sein, wenn die.Juden bereit sind und eifrig dafür wirken, dass das Judentum ihn einnimmt. Aber damit das Judentum ihn einnehmen kann, müssen die Juden in Europa leben und Europäer sein; oder in Amerika und Amerikaner sein. Ihr Judentum muss sich mit den Zeiten ausdehnen und entwickeln: das Judentum der Zukunft, das in den Personen seiner Anhänger seine Mission neu ergreifen und erfüllen soll, kann nur liberales Judentum sein. (Aus dem englischen Manuskript von E. M.) Häusliche Gebete Von Rechtsanwalt Heinrich Stern (Berlin) Hochverehrter, lieber Freund! Wenn Sie diese Uebersdirift lesen, wird ein Lächeln über Ihr Gesidit gehen: der alte Forderer präsentiert seine alte Forderung! Aber seit den unvergesslichen Stunden, die wir auf der diesjährigen Londoner Weltkpnferenz zusammenverleben durften, steht die Bedeutung des Betens und Beten? konnens noch eindringlicher als sonst vor unserer Seele, eine Forderung und Sehnsucht zugleich. Und gerade die, die das Unabweisbare des Sidi-Aufsdiwingens zu demewigen Urgrund alles Seins als ein Gebot und ein Glück zugleich, empfinden, müssen bekennen, dass wir liberalen Juden».