Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 4 (12.1930)
- Date
- 1930-12-01
- Page
- Seite 113 (sequence 23)
- Language
- German
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Stimmung: „Du sollst einen Sklaven nicht seinem Herrn ausliefern, der sich vor seinem Herrn zu dir geflüchtet hat. Bei dir soll er wohnen in deiner Mitte in dem Ort, den er erwählen wird in einem deiner Tore, wo es ihm gefüllt; du sollst ihn nicht bedrücken"?29) Wenn schon der unbekannte Sklave, der dem Juden nichts geleistet hat, in so eindringlicher Weise der Güte und Schonung anempfohlen wird: um wie viel mehr wird dem Sklaven gegenüber Menschlichkeit geboten sein, der im Hause des Juden seine Arbeit verrichtet.30) Man halte einmal dem gegenüber die entsetzlichen Grausamkeiten, die die amerikanische Schriftstellerin Harri et Beecher-Stowe in ihrem Werke „Onkel Toms Hütte" (erschienen 1852) aufgedeckt hat, die entsetzlichen Grausamkeiten, mit denen , die christlichen Sklavenhalter in Amerika die unglücklichen Sklaven peinigten: und man wird die Humanität der vor drei Jahrtausenden gegebenen biblisdien Vorschriften nach Gebühr zu schätzen wissen.. Jeder, der nicht durch Vorurteile g e - b I e n detist, wird zugeben müssen, dass die Thora in ihrer Fremdengesetzgebung eine weitherzige Gesinnung an den Tag legt, die höchste Anerkennung verdient. pHaggada und Fortschritt . Von R ab bin er Dr. S. Samuel (Essen) Wo immer die Halacha, ihrer Aufgabe gemäss, sich den verwickeiteren und notgeborenen Zuständen anpassen musste, war es zweifellos ihre Absicht, der neuen Lage nach bestem Wissen und. Willen gerecht zu werden, soweit es irgend ohne allzuweite Entfernung vom Schriftworte anging. Ob aber das Neuere immer das Bessere war, blieb fraglich. Oft sollte das erweiterte Gesetz einer gewissen Laxheit der Sitten, einem Schwinden alter Glaubwürdigkeit und Treue entgegenwirken, oder die Fiktion einer Gesinnung aufgeben, auf die ein Thoragebot oder -verbot gegründet war. Kein Mensch war mit dem Erlöschen seiner Aussenstände im Erlassjahr mehr gesinnungsmässig einverstanden; darum setzte Hillel den Prosbul ein. Wenige bequemten sich zur Schwagerehe aus brüderlichem Geiste; darum nahm die Ablösung derart überhand, dass man sie zur Tiegel machte. Eine Linie der Entwicklung ist auch in der Halacha. zu verfolgen; ob es immer die aufwärtsführende Linie war. bedarf von Fall zu-Fall der Prüfung. . Anders in der Haggada. Sie hat nicht neues Recht zu schaffen, das sofort angewandt werden muss, um sich desto schneller wieder abzunutzen. Sie sucht grade das Ueberzeitlidie zu erfassen, leuditet mit dem feineren Gefühl einer fortgeschritteneren Zeit in den alten Wortlaut und die tieferen Gründe des Gesetzes hinein, und was die Hauptsache ist: sie ist nicht beschränkt auf die eigentlichen Vorschriften und Satzungen. Ihr Gebiet ist auch der erzählende,- der prophetische und dichterische Teil der Thora, ja der ganzen heiligen Schrift. Darum erweist sie sich als ein mädüiger Hebel des Fortschritts im Judentum. Und dies in dreifacher Hinsicht. — Sie führt zu feinerem, ästhetischem Verständnis; sie vertieft die ethischen Forderungen; sie reinigt den Glauben selbst. Für alles ein paar Beispiele. Es entgeht der Haggada, d. h. der älteren Predigt und Schriftauslegung nicht, dass der Leser überall einen inneren Zusammenhang und Fortschritt erwartet. Daher das Bestreben der sog. Semichut, d.h. der Versuch, innerlich begründete Uebergänge zwischen vielen Schriftabschnitten zu sdiaffen, die solche vermissen lassen. Die Versuche sind oft recht abenteuerlich, man mag bessere an die Stelle setzen; aber die Idee: aus Einem so) S. B. M. 23. 16 f. sn) Dasnur dem jüdischen- Sk'nvcn {reffc-niibpr jrelfpndp Vrvhot, ihn mit TTHrte 711 behandeln. i<st ploirhbp''pntpnd mit dem Verbot, ilin über d:e sechs Tnhrp. bp7w. über den Eintritt dos Tobel j;ih res hinaus im DioTisf 7n behnifon. Vr.n einer anderen Hörte der BehnndJunsr kann nach dem einfachen Wortsinn schlechterdings keine Rede sein. Geist ist eine wahrhaft künsilerisdie. Hierher gehören die vielfachen Beziehungen, die durdi die Wahl der gleichen Ausdrücke zwisdien den entferntesten Bibclstcllcn oft überraschend hergestellt werden. Stark gewertet wird die Anordnung der Worte und ihre Antithetik; es ist z. B. nidit das Gleidie, wenn Isaak den Jakob, oder wenn Bileam Israel gesegnet sein lässt; denn nur Isaak lässt seine Worte wirklidi mit Segen ausklingen (I. B. M. 27, 29 gegenüber IV. B. M. 24, 9). Das reidie Zeremoniell, die orientalisdie Höflichkeit in Gebärde, Anrede, Gruss und Verkehr, sie werden herausgehoben und zur Lebensform des neuen Menschen erhoben. Die Roheit der Sprache wird gegeisselt (vergl. I. B. M. 27, 31 die Frechheit Esaus); die Dczenz der Rede über alles gelobt; wird dodi sogar von gewissen Tieren nur gesagt: dass sie „nicht rein" seien! (I. B. M. 7, 2). Die Ideen eines Schiller von der Erziehung des Menschen durch das Schöne zum Guten — unsere Haggada ist bereits von ihnen erfüllt. Der Vertiefung der ethischen Forderungen dient diese jedodi in noch höherem Mas«c. Audi die Haladia ist gewiss auf Veredlung und Verfeinerung abgestellt; wir erinnern nur an Strafzumessung und Strafvollzug. Allein nicht immer kann sie gewisse Fesseln der religiösen Form ganz abstreifen und sidi frei entfalten; wofür auf das Ehe- und Sklavenrcdit verwiesen werden mag. Der Haggada aber gelingt, was der Haladia versagt ist. Ein einziger Ausdruck, z. B. adam, genügt ihr, um aus ihm die grosse Lehre der Gleichheit aller Menschen vor Cott abzuleiten (vergl. Sanh. fol. 59a zu III. B. M. 18, 5); ein einziges Suffix z. B. „meine" Knechte sind sie (ITT. B. M. 25, 42), um die Freiheit aller von jeglidiem Mensdienjoch zu fordern, zunädist der Kinder Gottes, die dessen Jodi auf sich nehmen; der Wedisel in der Aufzählung etwa der Söhne Jakobs, arm die Brüderlichkeit hervorzuheben, die keinen Zank um die Rangfolge duldet. (Man hat jüngst in literarisdien Kreisen die geschmacklose Rundfrage gemacht: wie erklärt sich das Versagen der 10 Gebote? und Arnold Zweig hat ein soldies im Ueberwiegen der Verbote finden wollen, die nun einmal die Mensdien zum Uebertreten j reizen.) Wer die Haggada zum Dekalog eingehender j prüft, wird bald erkennen, welch' reiche ethische Entwickj lung sich an jedes seiner Worte knüpft. Mechilta und die | verschiedenen Pesikta-Sammlungen sind ganz davon erfüllt. I Aus dem dritten der Zehnworte leitet die Haggada das sehr i modern anmutende Verbot des Missbrauchs eines Amtes zum eigenen Vorteil ab; geisselt sie die reservatio mentalis j beim Schwur, ebenso wie die Heuchelei des Frömmlers. In i dem vielverkannten zehnten Worte nimmt sie die Verweni düng verschiedener Ausdrücke (chamad und hissawo) zum Ausgangspunkt einer psychologischen Erörterung, die der Ethik ganz neue Quellen ersdiliesst. (Siehe Mcdiilta zu Jitro. Pesiktarabbati cap. 24). Letzlich sei darauf hingewiesen, dass wir den Einfluss der Haggada zur Läuterung religiöser Vorstellungen garnicht hoch genug veransdilagen können. Bekannt ist die Deutung des R. Jochanan bar Sakkai zur Parascha Chukkas (TV. B. M. 19, 1), wo die Herstellung des Sühnewassers mit der Asche der roten Kuh ihn darauf führt, dass man bei geheiligten Bräuchen dasWie und Warum nicht erhellen könne, und sich mit dem Vorhandensein begnügen müsse. Diese Essentialität ist ganz ins Irrationale gebettet, und immer wird dieses in der Religion seinen Raum neben dem Rationalen behaupten. Klarer über den Wert der Symbolik können wir Modernen nicht sein, als es die Hageada war. Nicht die erhobenen Hände Moses haben den Sieg Israels über Amalek herbeigeführt, sondern die auf Gott verwiesenen Herzen der sdion verzagten Streiter; nicht die auf hohen Stab gesetzte eherne Schlange, sondern der auf Gott, den Helfer geriditete Blick hat die vom Gift des Schlangenbisses Fiebernden gerettet: beides sind bekannte Aus- I sprüche eines Haggadistcn. Die Bildersprache der Bibel, ins-