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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-12-01 · 4 (12.1930) · p. Seite 109

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
4 (12.1930)
Date
1930-12-01
Page
Seite 109 (sequence 19)
Language
German
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der Feuerflüssigkeit, der Biegsamkeit und Formbarkeit. Er bestimmt die Richtung von Gott her, welche die Tradition aufnimmt, verfestigt, weiterleitet. Hiermit beginnt das Amt des Priesters. (Dass das im Judentum nach dem Abwelken des alten priesterlichen Dienstes zur Aufgabe aller Glieder der Volksgemeinde wurde, beweist nur, dass den Pharisäern der Sieg einer vollständigen Demokratisierung des Priestertums gelang. Nicht hat dieses aufgehört, sondern das Religionsgesetz, für alle verbindlich, machte alle zu Priestern.) Der Priester kann Politiker sein, wie auch, der Prophet es war. Dieser ist es aus dem Bewusstsein unmittelbarer göttlicher Sendung heraus. Darum fordert er oft .das den Menschen praktisch unmöglich Scheinende, die Hände in den Schoss legen, während der Feind die Tore berennt. Der Priester sieht sein religiöses Ideal eingehüllt in der Form der ihn tragenden Institutionen, die von Gott gegeben ist und darum nicht zerbrochen werden darf, um des in ihr sich bergenden göttlichen Gutes willen. So tritt er ein in die Kämpfe der Welt, handhabt deren Waffen in majorem De! gloriam. Das Problem: Moral und politisches Machtstreben, schon in weltlichen Händeln für den reinen Ethiker brennend, erhebt sich hier in seiner ganzen Schärfe; und es ist gewiss die Reaktion des sittlichen Gewissens in einem grossen Teil der Menschheit, die nichts davon wissen wollte, dass der Zweck die Mittel heiligt, dass der Glaube an die Göttlichkeit einer Institution ins Wanken geriet, die um Gottes willen sich mit allen Bedenklichkeiten des politischen Machtstrebens belud. Man kann diesen Ausgang so deuten, dass die in priesterlicher Politik zum Ausdruck kommende Versachlichung des religiösen Ideals, seine Ablösung von der gesamtpersönlichen Haltung und Lebensführung der hömines religiosi in die Brüche ging: ein eindrucksvoller weltgeschichtlicher Beleg dafür, dass nur die Einheit von Verkündigung und Vollziehung im Ernstfall den Sinn des Religiösen erfüllt. : Das Judentum, wie das rabbinisehe Bewusstsein es erfasst, definiert den Gehalt des gottwohlgefälligen Daseins in möglichst restloser Beobachtung der anscheinend so klar und umgrenzt in ihrem Anspruch und ihrer Bedeutsamkeit uns vor die Seele gestellten Mizwot. Wenn Saadia, talmudische Gedankengänge aufnehmend, die Frage nach dein Wert eines Menschen vor Gott, nach seiner Aussicht auf die Seligkeit, damit beantwortet, es käme auf die grössere oder geringere Zahl der ausgeführten Gebote an und danach einen arithmetischen Kalkül anstellt, so klingt das wohl ärger, als es gemeint ist. Mau möchte es eher als eine Unbeholfenheit des Ausdrucks nehmen, als Ungelenkheit, mit runden Worten sagen zu können, was eigentlich das Ganze, das Geschlossene einer Persönlichkeit ist. Es liegt da schwerlich ein besonders krasses Beispiel für die uns Juden von den christlichen Theologen vorgerückte „Atomisierung" der sittlichen Persönlichkeit durch das" Gesetz vor, als dass vielmehr die Hingabe des ganzen Menschen an den in-den Mizwot sich ihm enthüllenden göttlichen Willen verlangt wird. Bachja ibn Pakuda hat das schon besser zu sagen verstanden. Wie dem aber auch sei, wir Heutigen, gleichgültig, ob gesetzestreu oder anders gesinnt, erkennen jedenfalls an, dass nicht die Zahl der ausgeführten Satzungen die Persönlichkeit konstituiert, sondern dass ihre Einheit und Selbstheit es ist, welche den Willen auf das Gebot, welches den Geboten vorausgeht, dirigiert. . Die treue. Hingabe an die religiösen Satzungen, der Gehorsam gegen ihre Regeln können also die lastende Forderung nicht erleichtern, dass der Religiöse und vor allem der Religionsdiener eine Persönlichkeit sein muss. Sie in ihrer Einheit und Selbstsicherheit muss den Vollzug der Mizwot als wirklich dem Innern entfliessend glaubhaft machen, nicht dass umgekehrt Gesetzesgehorsam die religiöse Persönlichkeit schafft, gleichsam aus den Handlungen zusammensetzt. Immerhin ist ein gewisser Unterschied zwischen einst und jetzt nicht zu übersehen. Der alte Ruw ist zuallererst der ewige Student im Gesetz, der schliesslich Kenner wird und dann Lehrer sein darf. Wohl ist hier jene heikle Tatsache nicht ganz aus der Welt geschafft, dass ein lebendiger Mensch als ein Stück realisierten Ideals gelten soll. Aber der Schwerpunkt liegt doch wo anders. Denn er ist vor allem der Gelehrte; sein Handwerkszeug ist die Lehre, um deren tiefe Durchdringung er ringt. Er hat es unmittelbar mit dem Gold des göttlichen Wortes zu tun. Und wo er es in praktischer Einzelentscheiduug ausmünzt, ist er doch nichts andres als ein Richter, der das Gesetzbuch auf die wirklichen Fälle des Lebens anwendet. Er hat sich wohl auch mehr als Jurist denn als Theologe empfunden; als' Jurist des göttlichen Gesetzes, das hinsichtlich seiner Verbindlichkeit keinen Unterschied zwischen Moral und Ritus kennt. Er besitzt an diesem Gesetz die konkreten ilill'sstelluugen, die ihm in jeder Lebenslage den Entscheid für andre, aber auch für sich selbst an die Hand geben. Man erwartet von ihm, und er selbst braucht von sich nichts andres zu erwarten, dass er ein scharfsinniger, zuverlässiger und kundiger Gesetzesausleger und verständiger Entscheider sei. Und gegenüber diesem konkreten und klaren Anspruch an seinen Beruf tritt das eigentlich Persönliche zurück, obwohl es gewiss nicht fehlen darf. Das ist heute für den jüdischen Religionsvei kiituler und sicher nicht bloss für den liberalen Rabbiner, anders geworden. Er ist Prediger, doch wohl Sittlichkeitsprediger, als solcher mit der ganzen Schwierigkeit, mit dem gerade dem Wachen und Ernsten natürlichen Widerstreben bebürdet, laut und unverhüllt ein Muster von religiös sittlicher Lebensführung mit Worten aufzustellen. Die Gefahr jenes Redens, das durch seinen Gegensatz zu einem Handeln charakterisiert ist, tut sich damit vor ihm in voller Grösse auf. Sie erscheint als eine doppelte: erstens darin, dass von Berufs wegen Worte geliefert werden, um deren Erfüllung sich mindestens ein Wille, nämlich der des Sprechers, deutlich und einwandfrei bemühen muss, also in der Harmonisierung von Lehre und Leben. Zweitens darin, 'dass das Reden und Bereden von hohen und höchsten Dingen, von erhabenen Forderungen und Idealen das Instrument der Rede selber leicht abnutzen kann. Damit ist das gemeint, was im Volksbewusstsein das ..Predigen" mit einem fatalen Beiklang versehen hat. Man bedenke, vor welch gewaltiger Aufgabe gerade der predigende Sprecher steht. Das Reden im allgemeinen als Mittel des Verkehrs /wischen den denkenden und wollenden Menschen geht, seinem Sinn nach auf etwas Bestimmtes, indem man je nach augenblicklicher Lage etwas Konkretes vom andern will. Ks hat ein praktisches Ziel; ein Vortragender hat ein bestimmtes Thema zu behandeln, dessen Umrisse oder allgemeine Richtung sich aus dem Kreise ergeben, zu dem er spricht, und aus dem geistigen Gebiet, aus dem er etwas vermitteln will. Nur der Prediger kann über alles reden: Sabbat um Sabbat, Fest um Fest steht ihm die ganze Welt offen, über die er in religiöser Nüancierung sich verbreiten soll. Wir brauchen da noch gar nicht an den ungeheuren Anspruch zu denken, den diese Forderung au ihn stellt, als vielmehr an die drohenden Klippen, die auch ein Gescheiter, geistig Bewegter und pädagogisch Einsichtsvoller oft nicht umschiffen wird: die allzu grosse Allgemeinheit seiner Gedaukenführung. Die Umgebung, in der er spricht, die Stimmung, die sie einhüllt, die Einbettung der Predigt in die ewig selbigen wie Gebet und Schriftvorlesung vorgetragenen Ideen der Religion scheinen der scharfen UmreisMing eine's bestimmt formulierten Gegenstandes wenig günstig. Der Prediger spricht beispielsweise über Erziehung, über Nationalismus, über Wohltätigkeit auf der Kanzel eine Viertel¬ oder halbe Stunde, er wird damit oft, weil er seine Gegenstände den allgemeinsten religiösen Prinzipien einordnen will, viel weniger leicht, selbst wenn er an .sich was zu sagen hat, zu eindeutigen konkreten Formulierungen ge-

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