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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-12-01 · 4 (12.1930) · p. Seite 108

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
4 (12.1930)
Date
1930-12-01
Page
Seite 108 (sequence 18)
Language
German
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losigkeit, die man an diesem bedauert, besteht eben darin, dass die volle Regsamkeit und Bewegtheit des Menschen sich kaum in irgend einem heutigen Beruf erschöpfen kann. A\ ovon man zu dem zwingenden, aber durch Erfahrung bestätigten Schluss gelangt, dass gerade im Zeitalter des schroffsten Lebenskampfs und der stärksten Berufsverfeinerung für die seelische Totalität die daseinerhaltende Tätigkeit gleichgültig, äusserlich geworden ist, jenseits wirklicher Interessiertheit des Gemütes liegt. Eine eigene Stellung nehmen in dieser Welt der Künstler, der Philosoph ein. derjenige Gelehrte, der sich nicht völlig in der Analyse eines engen Spezialbezirks verbraucht, sondern zu mehr oder minder bedeutsamen Synthesen vorzudringen vermag. Ihnen allen ist das- Künstlerische, das schöpferisch Bildende eigen: und indem sidi so im Beruf wirklich ein Inneres äussert, wesensmässig der Mensch in sein Werk hineingegossen ist, wird die Arbeit zum Selbstzweck, weil der arbeitende Mensch sich als Selbstzweck empfindet. Jedenfalls ist erreicht, dass die berufliche Tätigkeit die Seele erfüllt, weil sie die Hingabe der Persönlichkeit braucht. Es steckt da etwas von Manifestation der Gesinnung drin, von einem Hinausleben des eigenen Ich in die Welt der Dinge. Hier liegt die Berührung mit dem Berufe des Theologen, des professionsniässigen Rel.igionsverkünders. Allerdings nur eine Berührung, nicht ein Zusammenfallen. Denn das Eigentümliche des Religionsdieners besteht darin, dass er von Amts wegen der Verkünder eines Ideals ist und in seiner persönlichen Lebensgestaltung der Vertreter, der Ausführer dieses Ideals sein soll. Hier ist die erste, vielleicht die Kardinalschwierigkeit, nämlich von Berufs wegen ein Ideal und noch dazu das denkbar höchste, umfassendste, das des reinen Wandels vor Gott, aufzustellen und — zu leben. Denn jene Verkündigung muss ohne eine ihr entsprechende eigene Wirklichkeit vollkommen sinnlos, ja geradezu aufreizend und abschreckend erscheinen. Vielleicht möchte man unsrer Behauptung von der Eigenartigkeit dieser Stellung den Beruf des Richters oder des Erziehers entgegenhalten, die doch auch persönliche Lebenshaltung und berufliches Leisten in Uebereinstimmung zu bringen haben. Die Idee des Rechts sollte erhaben genug erscheinen, um ihren Handhaber unaufhörlich sittliche Selbstkritik an sich üben zu lassen. Indessen steht diese — Idee des Rechts — doch sehr weit im Hintergrunde hinter den praktisch einschlägigen Gesetzbüchern und technischen Regeln, deren richtige und zweckmässige Anwendung schliesslich allein seine Aufgabe ist, so dass das Volksgefühl instinktiv richtig urteilt, wenn es von dem richterlichen „Beamten" wohl eine besonders sorgsame Respektierung des für alle öffentlichen Funktionäre mehr oder weniger deutlich empfundenen Sittenkodex verlangt, im übrigen aber Amt von Person scheidet. Und auch für den Lehrer, der als Erzieher Persönlichkeiten bilden und nicht nur Wissensstoff vermitteln soll, gilt vor allem als Aufgabe,, dass er ein bestimmtes und objektives Ziel zustande bringt; die technische. Leistung seines Arbeitserfolges steht voran. Sie hat gewiss neben der fachliehen Begabung eine sittliche Qualifikation zur Voraussetzung, an die besonders strenge Masstäbe gelegt werden, indem jede Erziehung Gesinnungsformung ist. Aber es handelt sich in dieser Arbeit doch nicht um jene Absolutheit und Unabdingbarkeit des sittlich-religiösen Ideals schlechthin, als dessen Vertreter der Verkünder der Religion auftritt. Unsere alten Rabbiner haben ihrem Namen die Bezeichnung: der Kleine, der Geringe vorangestellt, was jedenfalls das Gefühl einer feinen Scham ausdrückt. Jeder anständige ernste Mensch hat Empfindung für den Abstand, der zwischen der persönlich gelebten Wirklichkeit und ihrem vollkommenen Muster besteht. Er mag sich je nach der Erregbarkeit seiner moralischen Anlage mehr oder weniger beruhigend mit der leidigen Schwäche des Men- ^8 j sdien über diese Kluft hinwegtrösten. Dem christlichen, dem lutherischen Theologen wird sein Dogma diesen Trost sogar weitgehend erleichtern. Aber über solche Nüancierungen hinweg bleibt doch der ernste Tatbestand, dass der Lehrer der Religion den Sinn seines Amtes hervorragenderweise in persönlichem Vollzug der gepredigten Lehre erblicken muss. ... Es liegt hierin — wie mir scheint — die schwierige Antinomie der religiösen Verkündigung als eines Amtes, eines Berufes im Zusammenhang mit allen andern Professionen innerhalb unsrer arbeitsteiligen Gesellschaft überhaupt verborgen. Man verdecke sieh diese Schwierigkeit nicht, indem man etwa eine unstatthafte Nivellierung vornimmt, aufzeigt, wie der heutige Rabbiner als Religionslehrer im technischen Sinne eines Fachlehrers, als Sozialpieger, als Seelsorger, als Vortragsredner, als Aufklärer gegenüber Judenhass, vielleicht auch als wissenschaftlicher Forscher oder Verbreiter volkstümlichen Wissens' eine Fülle von Arbeitszweigen in sich vereinigt, von denen jeder einzelne nach Methode, Absicht und Inhalt grosse Aehnlichkeit mit anderen gar nicht im theologischen Gerüche stehenden Hantierungen besitzt. Diese Atomisierung schafft nicht die Tatsache aus der Welt, dass das geistige Band, das sie alle zusammenhält, doch eben von einer Gesinnung her geschlungen wird, die in seinem persönlichen Leben ausstrahlen muss. Ueberall sonst ist die Sachverständigkeit das Wesen beruflicher Arbeit: hier ist sie allein die technische Voraussetzung für eine innerliche Qualität, welche die ganze Weite des Daseins überhaupt durchfluten muss, die es zu verantworten hat, dass es letztens da überhaupt keinen Unterschied zwischen privatem und amtlichen Leben geben kann. Der Prophet ist ein Mann gewesen, der die höchsten Forderungen dem Willen der Menschen vorhalten durfte, weil der unmittelbar erlebte Gott sie ihm offenbarte und ihn mit unentrinnbarer Gewalt zwang, sie zu verkünden. Ob er diese Gebote selbst vorbildlich erfüllte, kommt für ihn als das Gefäss der göttlichen Offenbarung nicht einmal mit solcher Selbstverständlichkeit in Frage, wie die rationalistischen Theologen des Rabbinismus es meinen. Der Heilige stellt einen andern Typus im religiösen Lebenskreise dar. Er ist herausgelöst aus dem Zusammenhang durchschnittlicher Hantierung in der Welt, ist trotz aller überfliessenden Liebe und Selbstaufopferung in Wahrheit asozial, ein Virtuos einseitiger Versenkung in das Göttliche, in grundsätzlicher Askese den Sinn der „Welt", ihre Geltung mindestens für seine Person verneinend, die natürlichen auf die Weltlichkeit gekehrten Triebe nur nutzend, indem er sie bewusst und kunstvoll in seiner eigenen Person überwindet, ausrodet. Er mag ein Begnadeter, ein Genie der Frömmigkeit sein, aber indem er diese Frömmigkeit nicht im Zusammenhang des allgemeinen Daseins der Menschen verwirklicht, sondern ihr auf der eigenen jene weltliche Sphäre überhöhenden Ebene seine Stätte bereitet, auf die ihm die Mehrzahl gar nicht folgen darf, ist er nicht der Verkünder, der Propagator eines religiösen Ideals, sondern lediglich persönliche Darstellung, die mit seinem Leben abgeschlossene Offenbarung einer religiösen Einseitigkeit. Er ist nicht so sehr sittlich zu werten, als dass er vielmehr ein Stück der in dieser Welt sichtbar gewordenen göttlichen Jenseitigkeit bedeutet, wie ja den Heiligen die veritablen Wunder als den Gott besonders Nahen ausweisen. So etwas fehlt auch nicht gänzlich im Judentum. — Der geistliche Herr des katholischen Christentums, zum Kirchenfürsten aufsteigend, empfängt seinen religiösen Charakter von dem Amt, das als organischer Bestandteil einer gottgestifteten Institution gedacht, an deren realer Wunderbarkeit mittelbar teilnimmt. Grundsätzlich verschwindet hier das menschlich Eigene hinter dem von oben Gegebenen und Gesetzten. Insofern steht der geweihte Priester dem Propheten gleich. Was sie unterscheidet, das sind die verschiedenen Lebensstufen der Religion, deren Ausdruck sie bilden. Der Prophet steht am Anfang, im Aggregatzustand

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