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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-12-01 · 4 (12.1930) · p. Seite 100

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
4 (12.1930)
Date
1930-12-01
Page
Seite 100 (sequence 10)
Language
German
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Ein Schüler des grossen Meisters Manuel Joel, hat er dessen philosophische Gedankentiefe nind Klarheit sich zum Vorbild genommen. Durch emsigen Fleiss, durch ungewöhnliche Intelligenz und ein neidenswertes Gedächtnis hat er sich ein tiefes und ausgebreitetes Wissen auf allen Gebieten jüdischer und allgemeiner Bildung zu eigen gemacht. Wie er dies Wissen nun in der Predigt verwertet und verarbeitet, das stempelt ihn zum Künstler. Man muss ihn an Sabbaten, zumal an Federtagen predigen hören, um zu erfahren, welch starke, im Grunde doch geheimnisvolle Wirkung von seinen Predigten ausgeht. Ob er von Israels grosser Sendung redet, ob er von dem Problem der Willensfreiheit ob er über die sittlich-religiösen Schäden unserer Zeit oder über die messianische Hoffnung spricht, immer weiss er den Hörer von Anfang an in den Bann seines Wortes zu schlagen und bis zum Ende zu fesseln. Immer wieder überrascht und berauscht er durch die souveräne Beherrschung der Sprache und durch einen dichterischen Reichtum von Bildern und Gleichnissen. Immer spürt man aus seinen Worten den weltaufgeschlossenen, klugen und besonnenen Mann. Was aber unzählige Male eine ganze Gemeinde in gewaltigem Schwünge mitreisst, das ist die glühende Begeisterung eines gotterfüllten jüdischen Herzens und die alles verstehende Güte einer gläubigen Persönlichkeit. Er nennt sich gerne einen Optimisten. Er ist es. Es ist das tapfere, zuversichtlich-frohe „Und dennoch", das ihn durch die Jahre angestrengtester Arbeit hindurch wandlungsfähig und jung erhalten hat. Wenn er, der treffliche Pädagoge, im heitern Märchenton vor Kindern predigt, dann iut man einen köstlichen Blick in sein eigenes kindlich gebliebenes Herz. Möge an dem allverehrten Meister sich das Prophetenwort bis ins höchste Alter bewahrheiten: „Knaben ermüden und ermatten, Jünglinge straucheln, die auf Gott vertrauen, gewinnen immer neue Kraft, sie gehen und ermüden nicht, sie eilen und ermatten nicht." Die Stellung des Kantors im neuzeitlichen Gottesdienst Von Oberkantor S. Scheueriiiann Zu allen Zeiten bildete der religiöse Gesang einen machtvollen Bestandteil in der jüdischen Gottesverehrung. Die Liederdichtungen in der Bibel wurden nicht nur gelesen, sondern man kleidete sie in eine Melodie und umgab sie oft mit dem Rhythmus des Tanzes. Wie sangesfreudig und sangeskundig das alte Israel war, ersehen wir an der vielfachen Anwendung dieser „natürlichen Aeusserung des menschlichen Gefühls". Man sang beim Wasserschöpfen am Brunnen, der Wächter in der Nadit Hess seine Liederweisen ertönen, dem Ackermann erleichterte das Lied seine mühevolle Arbeit, mit Gesang zog man in den Kampf, in Liedern feierten die Heimkehrenden den Sieg. Der Hochzeitsfeier gab das Iied seine frohen Akkorde, und mit seinen klagenden Klängen stand es an der Totenbahre. So offenbarte das alte Israel seinen Sinn und seine Liebe für Musik und Gesang, die in allen Schattierungen wie ein Fluidum die ganze Geschichte Israels durchströmen. Zwar verschwand diese Sangesfreudigkeit mit dem Falle des Tempels und des jüdischen Staates, Gesang und Tanz wurde von den Rabbinen verboten, ja der in Sura wirkende Schulvorsteher Rav lehrte: Das Ohr, das Gesang hört, soll ausgerissen werden. In der Praxis scheint man jedoch diesem strengen Verbot nicht immer Folge geleistet zu haben, denn wir hören zur Zeit der Gaonim wieder von Gesang im Gotteshaus und zum ersten Mal von Vorbetern, Chasanim, welche die Gebete und die meist selbstverfassten Piutim vortrugen und damit der Gemeinde Befriedigung, Erhebung und Erbauung brachten. Viele der grossen mittelalterlichen Gelehrten sdiätzten den Gesang der Vorbeter sehr hoch, doch fehlten dem gottesdienstlichen Gesang aiuch nicht die Feinde, und kein geringerer als Maimonides war es, der die Piutim nicht nur ihrer dichterischen Form wegen hasste, sondern weil sie gesungen wurden und daher nach seiner Auffassung der Andacht hindernd im Wege stehen und die Menschen vom Wege zur moralischen Vollkommenheit ablenken würden. Natürlich legten die Vorbeter grossen Wert auf einen lieblichen, gut ins Ohr fallenden Vortrag, der als bei Gott angenehm betrachtet wurde und „selbst die Engel zum Wettgesang" mit den irdischen Sängern bewegte. Nicht wenige dieser Sänger zur Ehre Gottes waren sich auch des Wertes und der Wirkungen ihrer Leistung bewusst, wie wir aus einer Mitteilung des Immanuel Romi. um das Jahr 1300 erfahren. Dort rühmte sich ein Vorbeter mit folgenden Worten: „Wenn idi die grosse Keduscha, einen Jozer oder die Keroba singe, dann werden auch die Härtesten anit fortgerissen, wenn ich am Versöhnungstage vorbete, die Megilla an Purim lese, En Komocho an den Wallfährtsfesten oder einen Psalm vortrage, dann zittern die Gewaltigen ob meiner Stimme, und wenn ich die Klagelieder zu Gehör bringe, dann bleibt kein Auge tränenleer." Wir sehen hieraus, dass schon um diese Zeit nicht mehr auf das Gebet, sondern vielmehr auf den Vortrag oder gar auf den Vortragenden das Hauptaugenmerk geriditet wurde. Die Vorbeter Hessen ihrer Fantasie freien Lauf, und so entstand nach und nach das Virtupsentum im Synagogengesang, das zum Schaden des Gottesdienstes in viele Gemeinden verpflanzt wurde. Natürlich gab es auch Kantoren, die Talent und einen natürlichen Gesdimack besassen und besonders durch ihre eigenartigen Rezitative, das sogenannte „Sagen" ihre Zuhörer hinrissen und zu religiöser Sammlung anregten. Aber im allgemeinen fehlte diesen Vertretern des gottesdienstlichen Gesanges das künstlerische Bewtisstsein und mit diesem das künstlerische Gewissen, was jedodi wieder seinen Grund hatte in den damaligen Zeitverhältnissen und in der schwadien Teilnahme unserer Vorfahren an der Entwicklung des Gesanges als Kunst. Geregelter Gesang und äussere Form wurden überhaupt nicht gepflegt, da die Pflege der Musik schon als das Zeichen einer gewissen Emanzipation betraditet wurde und daher im Ghetto keine Stätte rinden konnte. So verstehen wir, dass unser Gottesdienst, trotz seiner schönen, reinen Gebete von Andersgläubigen verhöhnt und gering geschätzt wurde. Erst einem Salomon Sulzer war es vorbehalten, die unrhythmisdien, regellosen, verschnörkelten Melodien in harmonisdie, musikalisdi wertvolle Gebilde umzugestalten und dabei den schönen Fluss der reinen Melodie und das eigenartige, echt jüdische Gepräge zu bewahren. Er hat es verstanden, heilige Würde, fromme Andacht und feierliche Stille in das Gotteshaus zu verpflanzen, insbesondere durch Verwertung und Verwendung all des Traditionellen, was den Gemeinden seit undenkbaren Zeiten schätzbar und,teuer war und ein unentbehrlicher Bestandteil des Gottesdienstes geworden war. Den Ursprung dieser sogenannten traditionellen jüdischen Melodien hat die Forschung bis jetzt allerdings noch nicht entdeckt, da ihr die historischen Ueber- Heferungen oder schriftliche Aufzeichnungen fehlen, die als sichere, tatsächliche Grundlage zu weiteren klärenden Forschungen über Tonart, Charakter iund Tonfolge dienen könnten. Aus der biblischen Zeit findet sich keine Spur von jüdischen Melodien, Philo und Flavius Josephus erwähnen in ihren Schriften n/ur, dass Sole und Chor sich in die Gesänge teilten, aber 'über Inhalt und Art derselben geben auch sie keinen Aufschluss. Ebensowenig ist es uns möglidi, aus den Neginos der ThoraVorlesung, dem sogen. Trop das Wesen der synagogalen Gesänge zu entziffern. Wohl stammen aus dem arabisch-jüdischen Bildungskreis einige musiktheoretischen Traktate in hebräisdier Sprache, doch beziehen sie sich fast ausschliessHch auf die weltliche Musik. Nur der in Mantua lebende Salomone Rossi machte den Versuch, die Musik seiner Zeit auch der Synagoge dienstbar zu machen. Wir können daher mit unserer Untersuchung erst

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