Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 4 (12.1930)
- Date
- 1930-12-01
- Page
- Seite 99 (sequence 9)
- Language
- German
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religiöse Schrifttum, über Jahrtausende sich erstreckend, von gewaltigem Umfang ist. so darf als ein heilsamer Zwang die alte Sitte gelten, dass unser Prediger sein Thema oder doch seinen Text jeweils aus dem Thora- oder dem Prophetenabschnitt des Sabbats oder Festtags entLehnt. So wird ihm idie Suche nach einem passenden Gegenstand der Betrachtung erleichtert und gleichzeitig die Gefahr vollkommen freier Wahl, nämlich auf das gleiche Thema öfter zu verfallen, leichter vermieden. So auch bleibt jüdische Predigt am ehesten ihrem Charakter treu, den ihre Stelle hinter Thora- und Prophetenverlesung kennzeichnet: eine ins Neuzeitliche gewendete Haggada, d. h. Erklärung u n d Deutung der Heiligen Schrift zu sein. Freilich hat d Fe s e Gebundenheit an die jeweilige Lektüre auch ihre Nachteile. Nicht nur sind manche Abschnitte der Thora arm an geeigneten Gedanken, selbst die reicheren erschöpfen sich im Laufe der Jahre bei häufigem Predigen, wie es in liberalen Synagogen von Grossgemeinden üblich ist. Nur ein immer erneutes liebevolles Sich versenken in den heiligen Text samt seinen hundertfältigen alten Deutungen und eine immer wachsende Lebenserfahrung mögen der Gefahr solcher Erschöpfung begegnen. Dabei handelt es sich nicht einmal um viele oder neue Gedanken. Einen wirklich neuen Gedanken wird selten ein Prediger vorbringen, seine Sache ist es, „das alte Wahre", das längst gefunden, anzufassen ,und fasslich zu machen; neu also wird im allgemeinen nur die Anknüpfung und Anwendung sein. Und ein Zuviel an Gedanken (zumeist ein Fehler des Anfängers) würde dem Wesen und der Wirkung der Predigt Abbruch tun; ihre Besonderheit ist vielmehr, einen bedeutenden Gedanken auszuführen und von den verschiedensten Seiten zu beleuchten. Solche Beschränkung fordert schon die Rüdesicht auf die Zusammensetzung der Zuhörerschaft. Sie nennt sich Gemeinde, aber was ihr gemeinsam ist, wird schwerlich das Wissen und das Fassungsvermögen sein. Darum erhebt sich vor dem Prediger immer wieder die Frage: wem predige ich? Gebildeten oder ungebildeten, religiös-gebildeten oder -ungebildeten Menschen? Instinkt und Erfahrung werden ihn dazu führen, eine mittlere Linie einzuhalten, wobei der geistig Besitzende niemals leer ausgeht, aber auch der geistig Anspruchslose etwas nach Hause trägt. Damit ist die Frage der Gestaltung des Stoffes schon berührt. Denn es lässt sich nahezu jedes Thema, soweit es ins Licht des Religiösen gerückt werden kann, auch das schwierigste auf der Kanzel behandeln, wenn der Prediger nur versteht, es an Geist und Herz seiner Gemeinde in ansprechender Form heranzubringen. In der Gestaltung des Stoffes bewährt sich alle Kunst, auch die eigentliche Kunst des Predigers. Etwas vom Maler und vom Architekten muss er haben: seinen Gegenstand klar und ungezwungen und gefällig zu gliedern, ihm den passenden Hintergrund oder Untergrund, die notwendigen Teile und den zusammenfassenden und krönenden Abschluss zu geben, damit jeder Betrachter mit einer gewissen Spannung folge (Langeweile ist der Tod auch der schönsten und gedankentiefsten Predigt) und am Ende mit Befriedigung das Ganze überblicke. Etwas vom Dichter muss er besitzen: einen geläuterten Geschmack für die Schönheit und Würde der Sprache, die ja das einzige Ausdrucksmittel auch seiner Kunst ist, einen untrüglichen Takt für Worte und Wendungen, die an heiliger Stätte gebraucht und nicht gebraucht werden dürfen, ein nicht geringes Mass an Phantasie und daher einen Reichtum von Bildern und Gleichnissen. Nicht zuletzt ein sicheres Gefühl dafür, dass seine Predigt nicht als ein Fremdes in diesen Gottesdienst hineingestellt werden darf, sondern dessen Ganzem natürlich eingegliedert sein und organisch aus ihm herauswachsen muss. Nur so entgeht der Rabbiner der Gefahr eine Predigt zu halten, die so oder ähnlich auch der Pfarrer halten könnte. „Allein der Vortrag ist des Redners Glück" hört man die Wagner-Naturen noch heute sagen. Nun, selbst Fausts Famulus will mit diesen Worten nicht behaupten, dass im Vortrag allein die Wirkung einer Redtliegt. Aber auf der anderen Seite lehnt der Faust, der erwidert: „Es trägt Verstand und rechter Sinn mit wenig Kunst sich selber vor" die Kunst des Vortrags eben damit nicht gänzlich ab. Eine Rede ist eben keine „Schreibe'* und eint* Predigt keineVorlesung, weshalb zumeist gelesene Predigten nicht entfernt den Eindruck machen wie gehörte. Ja, trotz Faust-Goethes ironischem Einspruch möchten wir meinen, dass es bisweilen nichts schaden könnte, wenn „ein Komödiant" einen „Pfarrer" lehrte. Denn soll seine Predigt die gewünschte volle Wirkung tun, so muss er die Mittel hierzu nach aller Möglichkeit vervollkommnen. Wenn man sie akustisch nicht versteht, geht auch die beste Predigt verloren. Er muss lernen, seine Stimme recht zu brauchen, in richtiger Weise und zur richtigen Zeit Atem zu holen, nicht zu laut und nicht zu leise, aber auch niemals eintönig, bald langsam, bald rascher, aber immer deutlich und womöglich auch phonetisch schön zu sprechen. Etwas vom Musiker muss der Prediger haben, den Sinn für Rhythmus und für die Klangfarbe und den Tonfall der Stimme. Wohl ihm, wenn ein freundliches Geschick ihm ein kräftiges, wohlklingendes und tragendes Organ mitgegeben hat. Aber auch wein es versagt ist. kann durch zweckmässige Behandlung der Natur nachhelfen. Das soll nun beileibe nicht heissen, dass er die Natur verfälschen und gekünstelt sprechen sollte. Nichts beleidigt das Ohr eines modernen Zuhörers mehr als falsches Pathos, wie denn auch sein Auge durch einstudierte Gesten irritiert wird. Schlichtheit und Natürlichkeit sind die unerlässlichsten Bedingungen eines guten Vortrags. Umso stärker wird das Pathos wirken, wenn es wahr und echt als religiöse oder sittliche Leidenschaft „aus der Seele dringt und mit urkräftigem Behagen die Herzen aller Hörer zwingt." Wahrheit und Echtheit ist der Masstab für die Persönlichkeit. Diese ist wie in aller Kunst so auch in der Predigtkunst das Entscheidende. Mit erstaunlichem Feingefühl erkennt die Gemeinde sehr bald, ob es dem Prediger Ernst ist mit seiner feierlichen Rede, ob er die Kanzel besteigt um sich und seine Kunst hören zu lassen, oder ob ihn jedesmal die edle „Scheu vor der Gemeinde"* und der heiligen Sache bewegt, wenn er zu reden auhebt, ob das, was er predigt, seiner innersten Ueberzeugung entstammt, ob das was er lehrt auch dem was er lebt entspricht. Und nur wo Persönlicheit und Ausdruck der Persönlichkeit sich decken, wird die Predigt ihren Zweck erreichen, mögen auch noch so viele sie „schön" oder „nicht schön" befinden. So wichtig ein gründliches Wissen um die Religion, ihre Quellen, ihre Geschichte und Gegenwart, so wünschenswert eine reiche und gediegene allgemeine Bildung des Predigers ist, erst sein Erfüllt- und Durchdrungensein von dem Vertrauen auf einen lebendigen Gott und von der Liebe zu den Menschen, von der Begeisterung für den Reichtum und die Grösse der eigenen Religion, für Vergangenheit und Zukunft der eigenen religiösen Gemeinschaft schaffen am Ende doch die herzwarme Atmosphäre, die jeden, der solchen Prediger hört und sieht, ergreifen muss. Dabei wird der gereifte Prediger sich nicht einbilden, dass seine Gemeinde, durch sein Wort innerlich gewandelt, das Gotteshaus verlässt. Aber er wird, soll er nicht erlahmen, nicht den Glauben aufgeben, dass hie und da ein Wort wie ein Samenkorn auf fruchtbaren Boden fällt, Wurzel schlägt und einstmals Frucht trägt. Als guter Pädagoge, der er sein muss, wenn er auf Menschen erziehlich wirken will, wird er den Glauben an das Gute, das in jedem schlummert und geweckt werden kann, trotz aller Enttäuschungen zum Ansporn immer erneuter religiöser Belehrung, Erbauung und Erziehung sich werden lassen. Diese Betrachtung ist als Dank und Huldigung an den Prediger gedacht, der wie wenige unter den lebenden Rabbinern die Kunst der Predigt besitzt: Caesar Seligmann.