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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-12-01 · 4 (12.1930) · p. Seite 98

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
4 (12.1930)
Date
1930-12-01
Page
Seite 98 (sequence 8)
Language
German
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Brennpunkt des Interesses stehenden Personen in einem verklärenden Licht erscheinen, das den Berichten eine stark idealisierende Färbung verleiht. Hier bedarf es einer gewissen Vorsicht in der Verwendung und Verwertung der Einzelheiten. Geschickte Befragung der Auskunfterteilenden wird nötig sein, damit zumal bei mangelnder Ausdrucksfähigkeit de]- Informierenden doch ein möglichst klares Bild gewonnen, mindestens jede UnWahrhaftigkeit, selbst auch Uebertreibung des im Grunde Richtigen vermieden wird. Dieser Gefahr wird der am ehesten und besten entgehen, der durch mannigfache, in Jahren, womöglich in zwei und drei Generationen geknüpfte Beziehungen mit dem Kreis, den es angeht, verbunden ist. Zugleich als „Freund des Hauses" sprechen zu können, ist wesentliches Erfordernis. Unsere heilige Sprache, die den „Freund" als „Liebenden" bezeichnet, weist uns den rechten Weg. Den Vertreter der Religion muss „Liebe" zu den Menschen erfüllen, die sich an ihn wenden, Liebe, die ihn zur „Einfühlung" in ihre Empfindungen, zur „Sympathie", zum „Miterleben'' befähigt, die ihm Anpassung ermöglicht. Und wo eine nähere oder auch nur entferntere Freundschaft nicht vorhanden ist, da wird erst recht der „Takt", der nichts anderes als .-Einfühlung" ist, das persönlich gewendete Wort nachhaltig beeinflussen. Die Persönlichkeit des Redners, sein inneres Wesen ist und bleibt entscheidend für die Leistung der gestellten Aufgabe. Nur wenn und wo hinter dem gesprochenen Wort eigenes Erleben steht und wirkt, wird aus der Seele des Spechers, aus der Kraft seiner Religiosität der zündende Funke überspringen, durch den wiederum persönliches Erleben bei den Zuhörern entfadit wird. Und da niemals ein Mensch, geschweige denn ein Menschenkreis dem anderen gleicht, muss jede Typisierung fernbleiben, jeder Schematismus beiseite geschoben werden. Man hat richtig gesagt: ..Die Menschen sind nicht um der Kasualien, sondern die Kasualien sind um der Menschen willen da." Individualisierung nach der tatsächlich vorhandenen Stimmung, nach dem Bildungsgrad, nach der religiösen Einstellung der einzelnen und der sie umgebenden Sdiar der Teilnehmer ist erforderlidi, damit die Seelen aus der Tiefe des beengenden Alltags und seiner Zeitlidikeit zur Weite und Höhe des Ewigen, des Heiligen, des Göttlichen erhoben, religiöse und sittlidie Kräfte erneuert und gesteigert weiden. Nicht zu übersehen ist, dass soldie Anpassung ihre starken Bedenken hat gegenüber der Festigkeit des Standpunktes, den der Redner besitzt und zu vertreten hat. Hier gibt es keine Nonn, die da sagt, wieweit er gehen kann. Hier entsdieidet das „Gewissen". Aber audi die grossen Vorteile, die dem Seelsorger die Kasualrede in heutiger Zeit für seine Wirksamkeit bietet, sind nidit zu übersehen. Wieviel aufgeschlossener sind ihm doch in solchen Stunden die Seelen seiner Zuhörer, da ihren Grund das Sdiicksal, gesteigerte Freude, ängstlidi zagende Zukunftserwartung, schmerzliche Trauer auflockert. Unmessbar ist die Zahl der Menschen, selbst seiner eigenen Gemeinde, die sein Wort sonst nie erreicht, denen er aber als Kasualredner begegnet. Und wie mandier Bekenner einer anderen Religionsgemeinschaft steht ihm dann gegenüber, der irrige Vorstellungen vom Judentum hat. Wie viel fruditbare Aufklärung kann hier gespendet, wie viel gute Apologetik geleistet, wie eindrucksvoll Mission — im besten Sinne des Wortes — nach aussen und auch nach innen getrieben werden! Die Kasualrede wird trotz alledem bei manchem ernsten, gewissenhaften Seelsorger, nicht zum wenigsten auch bei Laien gering geaditet. Sdtuld an dem Verruf, in den sie gekommen ist, haben äussere Unzulänglidikeiten. Deren eine ist die bislang üblidie besondere Bezahlung ihrer Leistung, eine Einriditung, die einen rein seelischen Vorgang mit einem hier gänzlidi ungehörigen Materialismus belastet. Das Verlangen von theologischer Seite und die Einsidit dieser und jener Gemeindeverwaltung hat hier erfreulicherweise Wandel geschaffen und wird hoffentlich bald den unwürdigen Brauch der Sportein für den amtierenden Funktionär allenthalben beseitigen. Sdiwieriger ist die Lösung der Frage, wie in Grossgemeinden von vornherein die persönliche Beziehung geschaffen werden kann, die in jedem „Fall" die dringend nötige Voraussetzung einer gedeihlidien Wirkung für den Geistlichen und den Laien ist. Eine Einteilung der allzugrossen Gemeinde in entsprechende Bezirke ist hier das redite Mittel zur Abhilfe. Auch muss Sorge getragen werden, dass der einzelne Seelsorger nicht allzuviel Kasualien zu halten hat, damit ihm neben der Fülle der übrigen Amtspflichten hierfür auch die nötige Zeit der Vorbereitung bleibt. Mit der Erörterung dieser und ähnlicher Fragen, etwa der Unterschiede, die zwisdien den Gruppen und Arten der Kasualreden bestehen, gleiten wir bereits in den Bereidi ausgesprodienberufsmässiger Interessen. Sie bleibe der rein fadilidien Behandlung des ganzen Komplexes vorbehalten. Von der Kunst zu predigen Von Rabbiner Dr. Georg Salzberger Predigen ist keineswegs die einzige, ist nicht einmal die widitigste Aufgabe des Rabbiners, auch nidit des liberalen. Religionsunterridit im weitesten Sinne, das Lernen mit Erwadisenen und die religiöse Unterweisung der Jugend, sowie das, was man Seelsorge nennt, ist die umfangreichere, sdiwierigere, auch fruchtbarere Tätigkeit seines Berufes. Aber erst durch die Predigt wird er, wenigstens in grösseren Gemeinden, weiten Kreisen bekannt. Sie ist es, die dem Urteil der vielen unterliegt. Indes, so gewiss jeder jüdische Zuhörer die Predigt des Rabbiners jedesmal für sich oder vor anderen, zustimmend oder ablehnend beurteilt, wissen die wenigsten doch um die geistige Leistung, die eine Predigt darstellt. Mandier Ahnungslose denkt sie sich gar zu leicht und einfach: als braiudie man sie, auf die Kanzel tretend, nur aus dem Aermel zu sdiütteln, während dodi nadi einem Wort Manuel Joels, eines unserer klassischen Prediger, aus dem Aermel nur — Staub gesdiüttelt wird. Mandier Naive (bewundert im Gegenteil die Leistung des Predigers, aber was er bewundert, ist — das vorzügliche Gedächtnis und die Sicherheit, mit denen ein Mensch eine halbe Stunde und länger in feierlidiem Raum vollkommen frei zu einer andäditig schweigenden Zuhörersdiaft spricht, als ob nicht Gedächtnis und Sidierheit in jedem Berufe Sache der Uebung wären. Das Können des Predigers liegt in einer anderen Richtung. Predigen können ist eine Kunst, die wie jede Kunst Anlage und Bildung erfordert; die erstere ist eine Gottesgabe, die jemand hat oder nidit hat, die andere ist der Anteil, den er aus eigener Kraft beisteuert. Die Predigt ist eine besondere Gattung der Rede, ist gottesdienstliche Rede, „Kanzelrede". Sie unterscheidet sich von einem Vortrag darin, dass dieser ein beliebiges Thema gedanklich entwickelt und nebenher durdi die Form etwa, die Klarheit des Aufbaus und die Sdiönheit der Sprache auch das ästhetische Bedürfnis des Hörers befriedigt, während die Predigt mit einer religiösen Wahrheit an sein Denken, sein Fühlen und ganz besonders an sein Wollen appelliert, wobei bald mehr das eine, bald mehr das zweite oder dritte in den Vordergrund gerückt wird. Eine Predigt, die nidit den Zweck verfolgt, den Willen der Gemeinde zu sittlich-religiösem Tun zu spornen, trägt ihren Namen zu Unredit. Aus dem Leben muss daher die rechte Predigt stammen, gegenwärtiges Leben mit den ewigen Lehren und Forderungen der Religion konfrontieren und so in ein höheres Leben einmünden. In beidem: im Leben wie in der Religion muss also der Prediger zuhause sein, um dem religiösen Schrifttum seiner Gemeinschaft den Stoff zu entnehmen, der gerade dieser Zeit und dieser Hörerschaft lebendig gemadit werden kann und soll. Da das jüdisch-

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