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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-12-01 · 4 (12.1930) · p. Seite 94

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
4 (12.1930)
Date
1930-12-01
Page
Seite 94 (sequence 4)
Language
German
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einzelne Mizwo ist einem Aussenstehenden, mag er noch so guten Willens und Verständnisses sein, als „religiöse" Forderung begreiflich zu machen. Während uns jener allgemeinste theologische Zusammenhang selbst doch erst da und dann lebendig wird, wo wir ihn selber als einzelnes Gebot erfüllen dürfen und er aus der Objektivität einer theologischen Wahrheit in das Du des Lobspruchs tritt: wenn der zur Thora Aufgerufene den vorherigen und nachherigen Dank für das Gesetz mit dem Dank für die „nationale" Erwählung aus allen Völkern und die „religiöse" zu ewigem Leben in eins schmilzt. Die religiöse Unbegreiflichkeit des einzelnen Gebots ist auch hier keine Unbegreiflichkeit schlechthin. Sowie der Schüler James' jede „religiöse Erfahrung" xeligionspsychologisch zu kategorisieren versteht und der Schüler Freuds sie in die Elemente der alten ewigneuen Geschichte auflöst, so kann der Schüler Wellhausens jedes Gebot zu seinem menschlichen, volksgeschichtlichen Ursprung hm -verfolgen, der Schüler Webers es aus der eigentümlichen Struktur dieses Volks ableiten. Wie die psychologische Analyse in der Selbsttäuschung die Auflösung, aller Rätsel findet, so die historische Soziologie im Massenwahn. Wie dort nur der innermenschliche Zusammenhang, so darf hier nur der innervölkische wirklich sein; ein Selbstgespräch des Volkes, kein Gebot eines Gebieters ist das Gesetz. Wir wissen es anders, nicht immer und nicht in allem, aber immer wieder und wieder. Denn wir wissen es nur, wenn wir — tun: Was wissen wir im Tun? Gewiss nicht, dass all jene historisch-soziologischen Erklärungen falschseien; aber sie werden zu Aeusserlichkeiten und Nachträglichkeiten gegenüber der im Tun, im rechten Tun, erfahrenen Wirklichkeit des Gebots. Und ebensowenig, ja noch weniger, ist da Raum für die entgegengesetzte Weisheit, bei der wir uns wohl in schwachen und leeren Stunden gern beruhigen möchten: dass jene innervölkischen Erklärungen wahr seien und dass die verpflichtende Kraft des Gesetzes darauf beruhe, dass es allein die Einheit des Volks im Raum und über die Zeit gewährleistet; auch solche kleinmütige Klugheit liegt hinter und unter dem Augenblick des Tuns. Sondern in diesem Augenblick wissen wir gar nichts andres als eben diesen Augenblick, ihn aber in der ganzen gottmenschlichen Wirklichkeit des Gebots, aus der wir sagen dürfen: Gelobt seist Du. Nur so, nur in dieser Unmittelbarkeit ist Gott im einzelnen Gebot — nicht aus-, sondern nur anzusprechen. Wer ihn aussprechen möchte, dem wird der Unaussprechb'che zum Unauffindbaren. Die Stimme des Gebieters vernimmt man nur im Gebot. Es ist "unmöglich, bloss vom geschriebenen Wort her, mag es auch noch so gut sich zu den eigenen Gedanken fügen, so an die Vollendung der Schöpfung zu glauben, wie man daran glaubt, wenn man den Sabbat halten und mit dem „Und es waren vollendet" einweihen darf. Nicht so als ob das Tun das Vernehmen zur unausweichlichen Folge hätte. Aber man vernimmt anders, wenn man im Tun vernimmt. Alle Tage im Jahr mag mir Bileams redende Eselin ein Märchen sein; am Sabbat Balak, wenn sie aus der ausgehobenen Thora zu mir spricht. nicht. Was denn? Das kann ich heute nicht sagen; wenn ich < ° ' es heute, nach-denkend, versuchen würde, so käme auch' nur eine derart nachträgliche Weisheit heraus, wie die dass es ein Märchen sei. An jenem Tage aber, zu dieser Stunde ist es — nun, jedenfalls kein Märchen. Sondern, das was mir, wenn ich das Gebot der Stunde, nämlich die Ohren aufzumachen, zu erfüllen imstande bin, gesagt ist. Das Aussprechbare steht am Anfang unsres Wegs. Das ist das Besondere unsrer Situation; wir sollen sie nicht verleugnen, aber wir müssen uns über sie klar sein. Die des heimischgebliebenen Juden ist eine andre. Herr ....s) sagte zu einem jungen Mann, der ihm eingestand, er glaube nidits mehr, liebe aber jede einzelne Mizwo: Du kannst sie unbedenklich alle halten, nur zur Thora lass Dich so lange nicht aufrufen. Uns ist grade diese Mizwo, die aus dem Aussprechbaren ins Unaussprechliche führt, die unsrer Liebe zugänglichste, und unter den andern sind uns viele fremd. Grade zum Ganzen hat uns unser Weg wieder geführt; aber das Einzelne suchen wir. Nicht also zwischen Göttlich und Menschlich geht, meine ich, die Scheidung zwischen dem_Ganzen lunddem Einzelnen hier, sondern zwischen einem, dessen Herkunft wir erkennen in aussprechbarer, mitteilbarer, formulierbarer Erkenntnis, und einem andern, dessen Herkunft wir nicht minder erkennen, aber nur. in unaussprechbarer, unmittcilr. barer und unmittelbarer Erkenntnis und was nur so, nur in dieser Art von Erkenntnis, glaubhaft erkannt werden kann. Ich würde nicht wagen, irgend ein Gebot deswegen weil mir noch nicht erlaubt ist, in rechter Weise darüber zu sprechen: Gelobt seist D u, für menschlich zu erklären Sowenig wie ich mir die Göttlichkeit des Ganzen, die mit mit Ihnen gewiss ist, anders vorstellen kann als im Sinne jener gewaltigen Npbelschen Fünfminutenpredigt über die Gotteserscheinung vor Abrahams Zelt: Und es erschien Gott dem Abraham . . . und er hub seine Augen auf . . . und siehe da: drei Menschen. Es grüsst Sie alle Vier Ihr alter, über das junge Leben im Lehrhaus sehr froher Franz Rosenzweig. ~ ') Vater einer Teilnehmerin, der orthodoxen Richtung angehörig. Jahrzeitfeier Am Vorabend der ersten Tahrzeit versammelte s'f*» in dem vertrauten Arbeitsranm Franz Rosen^weies eine kleine Gemeinde Nachdem das Abertdirebet verrichtet war; richtete Eduard Stranss einige Worte an d;e Anwesenden und teilte mit. dass fortan das Freie Jüdische Lehrhaus "eben der ständiger) Bibelstunde und der Jährlichen "N^be1-Vorlesen? zur Erinnernns; an seinen Gründer alliährl'Hi am Tnhrzeitsta? eine Lernstnnde abhalten werde DanaHi hielt Martin Buber den ersten Tehrvortra?. Er beschäftigte sich mit dem ..Formp-eheinmis der bibMschen Erzählunsren" Cn einem Aufsatz dieses Tilels hat Rocenzweie noch rlie Gruudzüere der von Buber aufgestellten Theorie behandelt) und wies überraschende sprachliche Zusammenhänge .an einzelnen ausgewählten Stücken des Thoratextes nach, vor allem an den Berich+en über die. WeltsehHofu^s und den Bau des Zeltes der Geffenwart. Tndem diese Beriehnnfen mit der grossen Forderung „Werdet heilte, denn heilig bin Ich" in Zusammenhang gebracht wurden, entstand ein durchaus eigenartiges Bild von der Nachahmung Gottes im jüdischen Sinn. Es gelanaBnber. durch den klaren- Aufbau seiner Darstellung und die Eindringlichkeit seiner Beweisführung die Zuhörer in seinen Bann zu ziehen, und' so wurde diese erste Lernstunde, an die sich eine kurze Ausspradie anschloss. zu einer des Anlasses würdigen Feierstunde für alle, die daran teilnahmen. Am 28. November wurde in Anwesenheit der Angehörigen * und einiger Freunde der Grabstein für Franz Rosenzweig gesetzt. Die schöne, von dem Bildhauer Fritz Kormis gesdiaffene, liegende Platte knüpft an Kasseler Grabmalmotive an, sie trägt die von Rosenzweig selbst bestimmte Inschrift. In Hamburg wurde eine Franz Rosenz w ei g- G e d ä c h tnisstiftung errichtet, deren vorläufig alleinige Aufgabe die Verbreitung seiner Schriften ist. Zunächst wird auf Anregung der Gattin Rosenzweigs die Pentateuch- Uebersetzung von Buber und Rosenzweig an Ehepaare verteilt, die sich während des Sterbejahres verheiratet haben. — Bestrebungen ähnlicher Art sind auch in Frankfurt im Gang.

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