Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 3 (11.1930)
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 68 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3094266-3094360-3094363--2555-3097301- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
68 Preussen seit 1925 156 höhere Knabenschulen neu gegründet worden. Die Oberstufenklassen vermehrten sich seit der gleichen Zeit um 1457, d. i. um 66%. Von den Schülern der höheren Schule erreichen 50% nicht einmal die Untertertia, 50% nicht die Obersekunda und nur 20% das Abitur. Es verlassen 500 000 Schüler die höhere Schule mit einer vorzeitig abgebrochenen höheren Halbbildung. Bei den Mädchen ist es noch schlimmer, denn in Frankfurt und Hessen- Nassau gingen 50% ohne Abschluss ab. Trotz des starken vorzeitigen Abganges stieg die Zahl der Abiturienten von Jahr zu Jahr. Im Jahre 1915 waren es 9000, im Jahre 1929/50 22800, und in diesem Jahre wird die Zahl etwa 50 000 "betragen (der Bedarf an Akademikern beträgt etwa 10 000 pro Jahr). Diese 50 000 Abiturienten, die zum grössten Teil die Universität besuchen wollen, werden das Heer der Arbeitslosen ungeheuerlich vermehren. Man rechnet im Jahre 1957 mit günstigenfalls 114 000 stellungslosen Akademikern. Ich führe diese Zahlen an, um den Eltern, die begreiflicherweise ihren Kindern eine aussichtsreiche Zukunft sichern wollen, zu zeigen, wie unsidier diese Zukunft ist. Wir stecken in Deutschland in einer ungeheuerlichen Bildungsinflation, auch hier wird und muss bald eine Stabilisierung notwendigerweise eintreten. Die warnenden Stimmen von Studiendirektoren, Universitäts-Professoren und Wirtschaftsführern mehren sich. Die akademischen Berufsvereinigungen warnen schon vor dem Ergreifen ihres jeweilig akademisdien Berufs. Die Fakultäten sieben unter den Studierenden bei der Aufnahme in die Universitätsseminare. Wenn also nur die tüchtigsten Abiturienten Aussicht haben, durch Studium zu Brot und Ansehen zu kommen, wieviel Geld und Sorgen könnte in Staat, Stadt und Gemeinde und in der Einzelfamilie gespart werden, wenn man den grössten Teil unserer Jugend der Schulgattung zuführen würde, die sie ohne grössere Schwierigkeit durchlaufen kann, sei es der Begabung nach, sei es aus finanziellen oder praktischen Gründen. Jedenfalls das eine steht fest, dass die vorhandenen 20% Abiturienten keiner sicheren Zukunft entgegensehen. Noch schwieriger ist der junge Mensch daran, der mit abgebrochener Schulbildung ins Leben tritt. Er kommt, wenn auch nur eine Zeitlang, im Berufsleben ins Hintertreffen. Schliesslich entscheidet im Wirtschaftsleben — denn dort müssen die meisten Menschen ihr Brot suchen — nicht der Nachweis, eine bestimmte Klasse einer höheren Schule besucht zu haben, sondern die B e r ü f s 1 e i s t u n g. Wichtiger als eine abgebrodiene wissenschaftliche Schulbildung ersdieint eine praktisdi eingestellte Schulbildung für die grosse Masse unserer Schuljugend; auch der jüdisdien Sdiuljugend. Zu erwähnen wäre noch, dass die Zahl der Abiturienten, weldie der Kaufmannsberuf als Lehrlinge anfordert, verhältnismässig gering ist. Wohl ziehen einzelne Firmen Abiturienten als Lehrlinge vor, dodi wohl sehr oft nur deshalb, weil sie nicht mehr berufssdiulpfliditig sind und •ihre Arbeitskraft ohne Störung verwendet werden kann. Andererseits soll nidit unerwähnt bleiben, dass der Abiturient sich häufig degradiert vorkommt, wenn ihm niedrige Lehrlingsarbeiten zugemutet werden. Es bleibt dann nicht aus, dass ein solcher Lehrling mit Abitur bei Vorgesetzten und Mitarbeitern in eine schwierige Situation kommt. In diesem Zusammenhange möchte ich auf eine Schulgattung hinweisen, die hier in Frankfurt seit Jahrzehnten in Blüte steht und die in der Vorkriegszeit sehr stark von jüdisdien Schülern und Schülerinnen besucht war: die Mittelschule. Alle ratbedürftigen Eltern, die nidit nach der konfessionell jüdisdien Schule hin tendieren, sollten sidi überlegen, ob für ihren Sohn oder ihre Toditer nidit die Mittelschule bei der Sdiulwahl in Frage kommen könnte. Nadi den neusten Ziffern besuchen von jüdischen Kindern 555 Knaben und 524 Mädchen die städtischen Volksschulen, dagegen nur 1 Knabe und 16 Mäddien die Mittelschulen, woraus sich ergibt, dass dieser Schultyp bei den jüdisdien Eltern offenbar weniger bekannt ist. Diese Schulart vermittelt Knaben und Mäddien in einem sechsjährigen Lehrgang eine in sidi abgeschlossene Bildung und betont stark bewusst in allen Unterrichtsfächern, ganz besonders in Mathematik, Naturwissensdiaften und fremden Sprachen (Englisch und Französisdi) ihre Einstellung auf das praktische Leben. Sie lehrt ebenfalls Buchführung, Stenographie und Handfertigkeit. Sie lehnt allen überflüssigen wissenschaftlichen Ballast ab und bringt es daher fertig, die Jugend für das praktisdie Berufsleben zweckentsprechend vorzubereiten. Sie vergisst dabei nidit, der Jugend wertvolles Kulturgut zu vermitteln. Die Erfahrung lehrt, dass Mittelschüler, da wo sie mit Sdiülern mit Obersekundareife im nraktisdien Leben in Konkurrenz treten, nicht nachstehen. Einige Beispiele mögen dies beweisen: Vtrwöhnte Herren Wäsche nurrnoch in der Ff anBener BampiwascteBsiaiuscawiyi" waschen und bügeln Unübertroffen saubere Ausführung. Lieferung frei Haus. Uebernahme von Haushaltungswäsche. Kragen.....15Pfg. Oberhemden 50 u.60 Pfg. Mainzer Landstrasse 341 Maingau 78619 « ^a.^ v$ss£ S^f-^s^ Sensationell billige Perser-Teppiche 69.- Perser-Brücken von**.350.-0* 35.- Perser-Läufer ^m.*™.-^ 120*- Zimmer-Teppiche Uber 100 Perser-Brücken verschiedener Provenienzen werden weit unter regulärem Wert verkauft zum Aus« suchen, das Stück nur .... Mk. ca. 2X3 m ca. 21/2X31/2 m ca. 3X4 m 300.- 425.- 650.- Wir führen Brücken u. Teppiche aller Provenienzen, wie: Bochara, Keschan, Kirman, Neris, Täbris, Afghan, Joraghan usw. bis zu den feinsten Museumsstücken. Bei Perser-Teppicnen gewähren wir auf Wunsch Zahlungs-Erleichterung HERMANN WRONKER AKTIENGESELLSCHAFT