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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-11-01 · 3 (11.1930) · p. Seite 62

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
3 (11.1930)
Date
1930-11-01
Page
Seite 62 (sequence 8)
Language
German
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Egmont — die Fahne sein, die euch alle führt". Aber ich bin auch die Trommel, ja die^Schlachtmusik, der Feldprediger,, die restaurierende Marketenderin, die Wäscherin, die Pflegerin, die Aufseherin, der Sporn; führe den Balsam in der Feldapotheke. Will Euch zerstreuen, Comedienbillets schaffen, Früchte, bessern Wein; will auch Sänger einladen, dumme, angenehme Leute: kurz verfahren und helfen aus allen meinen Kräften) ich bin auch öfters Ihrer, nämlich nous allons de pair; et c'est lä croiment1) etre pair, Tun pour l'autre — und das bin ich nur, welche ganz bestimmte Hülfe und Anregung. Vormund, 'Besorger ist Varnhagen, welcher tätiger Anerkenner, und das ist doch auch, nur wieder Einer. Es bildet sich Kreis an Kreis,; schliesst sich Freund an Freund. Und dass nur soviel Geselliges, Dummes vorgeht, regt ja am meisten zu denken auf: mich, also auch Sie. Hier bleiben sollen Sie ja nicht. Ich sehe es aber hier an und Sie werden es einsehen als ein Russisch Bad der Seele. Alle Stockungen werden gehoben: die wenigstens, die das deutsche Klima dem Geist zu und entgegen weht. Sie schreiben mir, dass Sie kommen und dass es bald ist. Gewiss bin ich zu ehrlich, dass ich Ihnen Ihr köstliches Manuskript wieder zurückschicke, denn am Ende lassen Sie es trotz meiner inständigsten Bitte nicht drucken. Welcher Jammer, welcher Schaden, dass dieser tiefe milde scharfe Ausspruch schon zwei Jahre verschlossen daliegt, der einen so gerechten Hunger, ein so dringendes Bedürfnis hätte stillen können. Welchen Aerger musste man aushalten, wie vielfältig dacht ich einzelnes aus diesem Aufsatz, alles kann ich sagen, ohne dass ich es je würde haben zusammenfassen können.' und so ging's allen, nur ihnen nicht. Der Eine verschliesst's. So kann ich es nennen, wenn ich nicht annehme — was ich nicht kann —, dass Stuttgart der einzige Ort ist, wo gedruckt wird. Wenn es eine Möglichkeit ist, so lasseh Sie es noch schleunigst abdrucken, es ist noch ganz an der Zeit. Die Mehrheit ist über diesen Punkt nicht erhellt. Soll es aber liegen bleiben — ich sollte Ihnen diese von mir ausgeschmückte Alternative garnicht zeigen; es ist ganz wieder meine kluge Einsicht — so senden Sie es mir zurück, oder vielmehr bringen es. Ich lasse es dann abschreiben und gebe es so vielen Menschen als möglich, und es ist in der Art sehr viel möglich. Das Drucken lassen von 'diesen Möglichkeiten aber immer die schönste . . . Was Sie vom Irrtum sagen, da stimme ich aus voller Brust bei. Aber Sie könnten doch mit einem in die Wunde treffenden Worte 6$ I sagen, welches nicht zu erdulden ist, und welcher nur vom lieben Gott, aber nicht von seinen Gesellen, uns, geduldet werden darf. Der willkürliche, nämlich der, welcher eine Aktion vor dem Forschen erfordert, nämlich aus dem Felde des Forschens zu treten, oder, wie Sie zeigten, den Geist oder die Vernunft aussperrt oder kettet. Dieser ist auch hoch daran zu erkennen, dass ihm Dünkel vorhergeht, folgt, begleitet und aufbläst; der nennt die Vernunft mit dem Beiworte: die sogenannte oder vornehme. Sie ist so genannt, weil sie vernimmt: das einzige uns bekannte intellektuelle Vernehmen; sie ist vornehm, weil sie das Vornehmste ist, das, welches alle andern, wohl gleich geltende, verliehene Gaben Beleuchtende, Ordnende . . . Seit heute vor acht Tagen, wo ich ein eblouissement und davon starke Migräne, konnte ich bis jetzt ohne Kopfweh nicht schreiben. Darum erst heute diese Zeilen der Freundschaft, des Dankes, des Mahnens . . . Hier zeige ich Ihnen alles, was ich mir aufgeschrieben habe, und gestatte und beantworte Ihnen jede Frage, ca est — il chien2). Sie kriegen Weintrauben, Feigen, Orangen, Ananas und foiron.3) Lassen Sie sich nichts einreden von Herrn Dr. Neuburg:4) der hat nichts gesehen: keinen Blumenmarkt, keinen Fruchtmarkt, keine Gärten. Im Frühling reise ich mit Ihnen zurück. Mehr weiss ich in der Geschwindigkeit nicht; aber es ist dafür malles wahr. Frau Hofrätin ist sehr empfang- und empfindlich für Ihr schönes Andenken und grüsst Sie nerzlich und ladet Sie auch ein und bestürmt Sie ja (zu) kommen mit den besten schönsten Grüssen. Es soll Ihnen nicht reuen. Wie schön sprechen Sie über Reue! Ich sage immer: Reue kommt vor der Tat, nicht nach der Tat. Nie hab ich das bereut, was ich wirklich wollte. Da kann uns nur der Ausgang unrecht geben. „Hast Du darum recht, weil's Dir der Ausgang giebt?" lässt Lessing in Emilia Galotti sagen. Noch eine Stelle aus Angelus, die ich am meisten liebe, die meine Devise ist und weit oben stehen sollte, müssen Sie jetzt wissen und hören! „Die Unschuld acht' ich nur, der Gott hat Witz beschert, die aber den nicht hat, ist nicht des Namens wert"5). Und damit Gott befohlen! J) Vermutlidi ein Schreibfehler anstatt vraiment. 2) Ein Ausdruck des argot; dem Sinne nadi: ist das nicht fein? S) Vermutlich ein Schreibfehler für ä foison (in Fülle). *) Geheimrat Theodor Neubürger, Frankfurter Arzt, Mitbegründer der Senckenbergiscfaen Naturforschenden Gesellschaft. *) Gemeint ist Angelus Silesius (Joh. Scheffler), Cherubinischer Wandersmann Ton 1674. k. BELOH Mißgünstige Menschen haben über meine Firma das Gerücht in Umlaufgesetzt, die Firmeninhaber oder deren Familienangehörige seien Mitglied einer rechtsradikal gerichteten, die Juden bekämpfenden Partei. — Wir versichern hiermit ausdrücklich und unter Ehrenwort, daß an diesem ganzen Gerücht nichts Wahres ist und weder die Inhaber, noch deren Familien-Angehörige Mitglied dieser Partei sind oder je gewesen waren oder auch nur mit ihr sympathisieren. Diese Gerüchte sind also vollständig unwahr, und wir werden jeden, der diese weiterverbreitet unnachsichtlich gerichtlich verfolgen lassen. 300 Mark Belohnung zahlen wir denen, die uns die Urheber dieses Gerüchtes so nennen können, daß wir gegen diese gerichtlich vorgehen können. Die Zahlung der Belohnung erfolgt unter Ausschluß des Rechtswegs. Bei mehreren Meldungen erfolgt entsprechende Verteilung der Belohnung. mm SCHILLERSTRASSE 42 TELEFON 21435-36

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