Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 3 (11.1930)
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 61 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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senhaftigkeit auf, unterstützt von reicher musikalischer Begabung, durchdrungen von dem Ernst, von der Heiligkeit der Aufgabe, die er sich selbst gestellt hatte. So entstand das zur Besprechung vorliegende Werk „Der frankfurter Kantor", dessen Veröffentlichung der Autor nicht mehr erleben sollte. Er starb 1922 nach 38jähriger, an Anerkennung reicherWirksamkeit. Aber sein im Manuskript hinterlassenes Werk fand in L e v y seinen opferbereiten Sachverwalter, der seinen Wert noch erhöhte durch übersichtliche Anordnung des Stoffes, durch Verbesserung der Textbehandlung, vor allem aber durdi Einfügung hochinteressanter Bemerkungen über die Eigenartigkeit des Frankfurter Minhag im Hinblick auf die Verwendung der Niggunim. Die 323 Nummern umfassen die Gesangsliturgie des ganzen Jahres und erscheinen in sieben .Abteilungen. Wie in den synagogalen Singweisen aller anderen Riten, gewahren wir nach den Aufzeichnungen von Ogutsch auch im Frankfurter Chasonus mehr oder weniger deutliche Spuren verschiedener Entwicklungsepochen. Trotz vielhundertjähriger nur mündlicher Tradition hat sich in den ältesten Teilen unsrer Liturgie, wie etwa in den Vorlesungen aus der Bibel, in den werktäglichen und feiertäglichen Rezitationen der Stammgebete, in den Selidioss, wie vorzugsweise im alten Chasonus der „Jomim noroim" eine, jüdische Eigenart erhalten, deren Bau in den alten phrygischen, mixolydischen und aeolischen Tonarten wurzelt, eine Eigenart, die noch heute uralte, pentatonische (halbtonlose) Tongänge erkennen lässt und insbesondere im asdikenasisdien Ritusgebiete, also auch in Frankfurt, von jeher gepflegt und vor allzugrossen Veränderungen bewahrt geblieben ist. Hie und da tauchen aber dennoch in vorliegender Sammlung Stilwandlungen fundamentaler Art auch im ältesten Chasonus auf. So zum Beispiel, wenn die phrygische, aus zwei Tetrachorden (Viertonskalen) bestehende Tonart e f g a h c d e als e moll aufgefasst wird. In letzterem Falle bedingt diese Tonart als Vorzeichnung ein Erhöhungskreuz, womit das ursprüngliche f in fis umgewandelt und dadurdi der so diarakteristische phrygische Charakter verwisdit wird. Man vergleiche: Nro 230: Hajom teammezenu mit Nr. 189: addire ajummoh. Die gleiche Melodie erscheint in erster Nummer aus e moll, in letzterer richtig phrvgisch, ohne Vorzeichen. In den Nummern 103, 180, 181, 182, 262, 27? wird phrygisch mit dem übermässigen Sekundenschritt, von der 2. zur 3. Stufe kadenziert. Diese Wendung weist mehr auf polnische als auf süddeutsdie Manier hin. Ebenso neigt Nro. 275: Wehakkohanim mehr zur polnisdien als zur süddeutschen Tradition. Gesänge in mixolydisdier Tonart, Skala: grosse Terz und kleine Septime, von c ausgehend oder in c ausmündend, erhalten bei Ogutsch als Vorzeichnung nicht 1 b sondern deren 2, weil er die Quinte g als Grundton von g moll behandelt. Siehe die Nummern 198 und 225 u. a. Die Anfänge soldier teilweisen Stilwandlungen im abendländischen Synagogengesang dürfen wohl bis ins 16. oder 17. Jahrhundert zurückgeführt werden. Das war jene Zeit, in der nadi langen, heftigen Kämpfen anstelle der bisherigen in der allgemeinen abendländisdien Musik gebräudilidien adit alten Kirdientonarten, die aus diesen hervorgegangene Dur- und Molltonart, sowie das Tonika- und Dominantensystem zur Herrsdiaft gelangt waren. Audi Chasanim jener Zeit blieben nidit unberührt von der auflebenden „N e u e n Musik." Sie fanden jedenfalls Gelegenheit, diese nicht nur kennen zu lernen, sondern auch, allerdings mitunter auf Kosten der Stilreinheit, sie im Synagogengesange anzuwenden. Dagegen erhebt sich, scharfe Opposition seitens zahlreicher Rabbiner. Unter anderen klagt schon 1560 R. Herz Teweles, Rabbiner und Chasan in Frankfurt a. M. in seinem Kommentar zum Gebetbudi über jene Ctiasanim, die sich „weder um das korrekte grammatikalische Vorbeten, noch um den Sinn des Gebetes kümmern, sondern nur um ihren Gesang, ohne Rücksidit auf die Bedeutung des Wortes. Sie vernachlässigen die traditionellen Melodien ihrer Vorfahren." (A. Z. Idelsohn in „Gesang und Synagogensänger des 18. Jahrhunderts." Ein anderer frankfurter Rabbiner R. Joseph Juspa Hahn (1570—1637) mahnt in seinem Minhagimwerk Jossif Omez: „Man verwende nicht in der Sabbatnacht und am Sabbatausgang fremde Melodien. Noch viel weniger dürfe man sie beim Synagogengesang verwenden." Zwar gab es damals und seit der Bereicherung des Gebetsrituals durch den Pijut auch in ..Aschkenas" unter den Vorbetern gottbegeisterte, phantasiebegabte Komponisten, deren Namen uns leider nicht überliefert wurden, die unvergänglidie, von jüdischem Geist durchwehte, von jüdischem Empfinden durchflutete Synagogengesänge schufen. Unter diesen, ragen besonders hervor die weit und breit bekannten sogenannten Missinai-Gesänge, wie die der jeweiligen Stimmung entsprechenden Vertonungen des Kaddisch- und Bordmgebetes, wie die Gesänge der Hohen Feiertage, Hammelech, Owoss, Olenu, Kol nidrei, Wehakkohanim und noch andere Perlen des Synagogengesanges. Daneben aber drangen in den süddeutschen Synagogengesang nicht selten Tonweisen, die, von den Chasanim den Volksgesängen der Umwelt abgelauscht, in keinerlei stilistisdien oder sonstigen Beziehung zum überlieferten Chasonus standen oder stehen. Nichtsdestoweniger erfreuten sie sich wegen ihrer leicht ins Ohr fallenden volkstümlichen Melodik beim überwiegenden Teil der Gotte?hnusbesucher grosser Beliebtheit. In dieser Tatsache mag der Grund dafür aufzufinden sein, dass eine beträchtliche Anzahl solcher Gesänge auch im „Frankfurter Kantor" sich aufgezeichnet finden. (Siehe namentlich Teil 3). Allein, in der Totalität dieser Sammlung, die zumeist eigenartiges, altes Chasonus in geschmackvoller Fassung uns vermittelt, gibt Ogutsch nicht nur Kantoren und Baale Tephilloh ein sehr brauchbares Studienmaterial in die Hand, das in keiner Bibliothek fehlen sollte, er hat damit auch der kantoralen Wissenschaft einen wertvollen Dienst geleistet. Trägt diese doch den Charakter einer vergleichenden Wissenschaft. Je mehr Vergleichsmöglidikeiten wir durch Veröffentlidiung von Sammlungen, wie der vorliegenden, zur Verfügung gestellt erhalten, desto sicherer werden wir ursprüngliches von verändertem Chasonus unterscheiden lernen, desto tiefer wird uns die Verpflichtung ins Bewusstsein dringen, das altehrwürdige Chasonus in seiner Ursprünglichkeit wiederherzustellen und in seinem Geiste, in seiner Eigenart den Synagogengesang weiter auszubauen. Rahel Varnhagen und Boerne von Dr. Ernst Lennhoff. Boerne hat vermutlich schon frühzeitig im Hause von Henriette Herz — sie ist die Hofrätin des folgenden Briefes — Rahel kennen gelernt. Die lebhafte, empfängliche Frau hat an dem geistreichen Schriftsteiler Gefallen gefunden und ist seine Mitarbeiterin an der „Wage" geworden. Im Sommer 1825 kehrte sie auf der Rückreise von Baden in Frankfurt ein, besuchte auch Boerne und entlieh sich wohl damals die nachher erwähnten Aufsätze. Nach ihrer Heimkehr suchte sie den gefeierten, aber schwer kranken Mann wieder nach Berlin in ihren erlesenen Kreis zu ziehen und lockte ihn mit den Genüssen, für die der Leidende besonders empfänglich war. Aber ihre Lockungen blieben vergeblich. Erst Anfang 1828 kam Boerne wieder uudi Berlin. Inzwischen scheint man sich auseinander gelebt zu haben. Jedenfalls, man verstand sich beiderseits nicht mehr. Den äusseren Anstoss zum Bruch gab Boernes Streitschrift „Einige Worte über die angekündigten JahrbücheT für wissenschaftliche Kritik, herausgegeben von der Sozietät für wissensdiaftlidie Kritik in Berlin", in der er an sich richtige Gedanken in stark übertreibender Form aussprach. Dadurch verdarb er es nicht nur mit seiner Gönnerin, sondern verscherzte sich auch die Freundschaft des Hegeischen Kreises. Der anscheinend bisher nidit veröffentlichte, aus der Sammlung Heinrich Stiebel stammende Brief Raheis, mit dem sie Boerne nach Berlin einlud, hat folgenden für die berühmte Frau in vieler Hinsicht bezeichnenden Wortlaut: Berlin d. 11. September 1825. Endlich schönes Frankfurter Wetter. Machen Sie es sich zu Nutze, lieber Dr. Boerne, dass ich Sie aus Ihrer Ruhe gestört habe, und reisen Sie nun — mir und vielen zu Nutz und Freude — gleich ab. Noch ist das Wetter köstlich, die Wege herrlich, der Mondschein tritt bald wieder ein. Sie kommen auf lauter gute Wirtshäuser . . . Ich möchte Ihnen Ihre Pakete machen, Ihnen alle Unbequemlichkeiten wegräumen und übernehmen. Ihre Gedanken im Kopf, mit einem Griff der Hand mit sechs eindringenden Worten zum Entschluss knoten! knoten! Das Wort steht da. Sie — ich bin es gewiss — werden auch seine bessere Seite einsehen. Wie ich nur so auf Ihr Herkommen dringen kann? Weil ich nidit allein den Vorteil davon haben werde; „würde" will ich garnicht mehr aufkommen lassen. Weil es ein grosser für Sie wäre und dann gleich für Viele. „Nur schweigen ist schädlich". Sie würden hier unfehlbar schreiben. Sie fehlen mir, ich fehle Ihnen. Sie sind mein pair in innerer Seele (ich könnte auch sagen: „ich will, ich kann — wie Klärchen im DIAISN-Puderbewahrt Ihren Liebling vorWundsein.