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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-11-01 · 3 (11.1930) · p. Seite 60

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
3 (11.1930)
Date
1930-11-01
Page
Seite 60 (sequence 6)
Language
German
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sehen Juden ist also eine bedenklich schlechte. Wo durchsdinittlidie Wohlhabenheit war, herrscht durchschnittliche Verarmung-. Und die Situation wird sich noch verschlimmern, wenn die erste Generation deutscher Juden, deren Berufe Arbeitnehmerberufe sind, in das Alter gekommen sein wird, das ihnen eine wirtschaftliche Betätigungnidit mehr ermöglicht. Ang-esidits dieses Zustands ist es nicht erstaunlich, dass die Frage ihrer wirtsdiaftlichen Existenz die deutschen Juden sehr stark bewegt, oimso mehr als sie schon geneigt waren als Not anzusehen, wenn einmal eine sdüedite Konjunktur die Höhe der Lebenshaltung in Frage stellte. Die deutschen Juden waren im Grossen und Ganzen ein Mensdienkreis, dessen Lebenshaltung sich ohne grosse Schwankungen nadi unten und oben auf einer Linie bewegte. Ein wohlhabender Mittelstand war die Grundlage des gesellsdiaftlichen Lebens, und alle Bequemlichkeiten und Ansprüche, die er sich gestatten konnte, gehörten zu der Lebensnorm. Ein jüdisches Haus in diesem Sinne zu führen, das heisst mit dem monatlichen Verbrauch einer Summe zu rechnen, die das sogenannte Existenzminimum übersteigt. Die von den deutschen Juden in den letzten Jahrzehnten errichteten Bauwerke atmen das Wohlergehen der Menschen, die sie schufen; das Leben innerhalb der jüdischen Organisationen und gesellsdiaftlichen Vereinigungen war auf einen Kreis wohlhabender Menschen abgestimmt. Dieser gesellschaftlidie Zustand besteht unverändert fort. War er einmal die Haltung eines Kreises, der es sich leisten konnte, so ist er heute eine Illusion, eine Täuschung, und man muss fragen, warum man sich täuscht. Nur wenige Juden haben den Mut gefunden, auch in ihrem äusseren Sichgeben Schluss mit der Selbsttäuschung zu machen, als seien sie wohlhabende Leute. Man kann die Mehrzahl der Kategorie zurechnen, die kurz nach der Inflation das Mitgefühl und die Sympathie der Oeffentlichkeit gefunden hat: den „verschämten Armen". Das ist kein Wunder angesichts der Tatsache, dass der Jude den Trieb hat, persönlich voll gewertet zu werden; dass die Wertung aber abhängig ist von einem gewissen Lebensstandard, der wenigstens vorgegeben werden muss, wrenn man ihn schon nidit besitzt. Die gesellschaftlidie Situation der deutschen Juden ist ein Widerspruch: zwischen Schein und Sein, Maske und Antlitz. Aus ihm rührt zu einem grossen Teil die Unsicherheit der Haltung, die Zwiespältigkeit des Wesens. Wie im Bereich der Persönlichkeiten, so hat sich das innere Wesen der Organisationen, vom Verein bis zur Gemeinde, gewandelt. Als der wohlhabende Mittelstand die Grundlage des gesellschaftlichen Lebens der deutschen Juden war, da zeigte die Gerne inde ein geschlossenes Bild: sie war einschichtig. Wenn auch fast in jeder Gemeinde Menschen mit besonders grossem Reichtum und andere mit geringerem Einkommen lebten, so waren das Einzelerscheinungen, die das Gesamtleben ertragen konnte, und die es nicht wesentlich beeinflussten. Aber jetzt teilt sich die Gemeinde in die beiden grossen Lager der Besitzenden und der in wirtschaftlicher Unsicherheit Lebenden, die Klassenscheidung hat sich mit aller Radikalität volLzogen. Aus dieser Tatsache ergibt sich die Frage, ob es weiterhin möglich ist, dass die Grossgemeinde ihr bisheriges Gesicht behält. Wir bejahen diese Frage leidenschaftlich, weil wir wünschen, dass es so sei. Obwohl klassenmässig bedingte Erscheinungen wie Austritte (nicht aus weltanschaulidien Gründen) Anderes glauben machen könnten. Ob die Klassenscheidung innerhalb der jüdischen Gemeinde das Ergebnis zeitigt, das uns im Leben entgegentritt, den Klassenkampf nämlich, das ist eine Frage, die im wesentlichen bedingt ist durch die Art des Verhaltens der Besitzenden. Nodi einmal: wir wünschen, dass die Gemeinde als die Zusammenfassung der an einem Ort lebenden Juden, zur gemein- 60 samen Erledigung gemeinsamer Aufgaben, die sich aus dem Leben der Menschen und dem Gedanken des Judentums ergeben, erhalten und ausgebaut wird; wir wünschen, dass wenigstens vor den Toren der Gemeinden der Kampf zwischen den Menschengruppen Halt mache, damit der letzte Sinn religiösen Denkens und jüdischen Seins nicht verloren gehe. Gewiss ist es erforderlidi, Möglichkeiten der Lebenshaltung der einzelnen Persönlichkeit aufzuzeigen. Es ist dies die Aufgabe, die sidi an eine Darstellung des Schicksals der jüdischen Berufstypen anzusdiliessen hätte. In diesem Zusammenhang ist es die Aufgabe, die Möglichkeiten der gesellschaftlichen Hilfe darzustellen. Dabei ist grundlegend die Erkenntnis, dass das Wirken des Menschen bedingt ist durdi die Würde, die die Oeffentlichkeit der Persönlidikeit gibt. Ist die Würde abhängig von materiellen Voraussetzungen, dann wird der Mensch, der diese Voraussetzungen (nach oben oder nach unten) nicht erfüllt; eine Haltung einnehmen, deren Wirken den Zwecken der Oeffentlidikeit, und das heisst in diesem Zusammenhang immer der Gemeinde, zumindest nicht förderlich ist. Wir wissen, dass früher im Judentum als Masstab der Wertung die Gelehrsamkeit galt, die unabhängig von materiellen Voraussetzungen war. Wir wissen, dass in der neueren Zeit der Masstab der Wertung sidi sehr stark an materielle Möglichkeiten hält. Es wäre überflüssig darzulegen, aus welchem Zwang dieser Wertmasstab sich eingeführt hat. Aber da wir einmal die Feststellung machen, dass bei der Weitergeltung dieses Masstabes die überwiegende Mehrheit der deutsdien Juden ohne Geltung bleiben muss, und das heisst in der Konsequenz nichts anderes, als dass sie andere gesellsdiaftlidie Formen für sich suchen muss, gilt es zu fordern, dass zum Masstab der Wertung des Menschen innerhalb der Gemeinde der Wert des Menschen als entscheidend angenommen wird. Die derartige Umformung der öffentlichen Meinung ist die aus der Zeit geborene Aufgabe des Erziehers in der Schule, auf der Kanzel, in Wort und Sdirift. Und er erfüllt mit dieser Aufgabe kaum mehr, als eine ewige Forderung der Religion und der Ethik. Dies ist die erste und grundlegende gesellschaftlidie Notwendigkeit, die allein imstande ist, dem Klassenkampf den Weg in die Gemeinde zu versperren Was sich an sie anschliesst, sind Aufgaben, die in der Gemeinde mehr als bisher wesentliche Arbeitsgebiete werden müssen. J u g e n d-f ü r s o r g e (Jugendheim und Jugendberatung, sowie direkte Jugendhilfe) erscheinen bei dem zunehmenden Zerfall des familiären Lebens als wesentlichste Aufgabe. Das Wohlfahrt s w e s e n wird auf eine viel breitere und mensdilidi akzeptablere Basis zu steilen sein. Das Arbeitsgebiet der Rabbiner muss sich aus der Isolierung des Werks an der Religion zum Werk am Menschen wandeln, der mehr denn je die Hilfe und den Beistand aufrichtig zugetaner Mensdien brauchen wird. Es kam hier darauf an darzustellen, dass sich aus der wirtschaftlichen Not, die die deutschen Juden drückt und in nicht geringer Anzahl verzweifeln lässt. Pflichten ergeben, die die jüdische Gesellschaft in ihrer Kollektivität zu erfüllen hat. Man könnte zu den angeführten Beispielen andere hinzufügen. Genug, dass der Weg vorgezeigt ist, auf dem sich die Entwicklung zu bewegen hat. Nicht, dass mit der Darstellung des Weges eine Lösung aufgezeichnet sei, die unter den sozialen Gegebenheiten vielleicht nicht möglich ist. Nichts anderes als Hilfe wird verlangt. Und wenn schon, bedauerlicherweise nidit die Möglichkeit besteht, dem Einzelnen in seiner wirtschaftlichen Not ausreidiend zu helfen, dann ist es doppeltes Erfordernis aufzuzeigen, welch notwendige Pflichten für die Gesellschaft bestehen, damit der Einzelne in der veränderten Situation, in die er gezwungen wird, sich begreifen lernt als Glied der Menschenkette, mit Würde und Haltung. Traditioneller Synagogengesang Von Emanuel Kirscliner (München) Die schon vorhandenen Sammlungen des süddeutschen traditionellen Synagogengesanges von Maier Cohn, Naumburg, Ehrlich, Kaiz und Waldbott, Baer, Rosenhaupt, Lachmann, erfahren eine wertvolle Bereicherung und Ergänzung durdi ein Werk, das, herausgegeben vom Vorstand der Israelitisdien Gemeinde Frankfurt a. M., in J. Kauffmanns Verlag kürzlich ersdiienen ist unter dem Titel: „Der Frankfurter Kantor, Sammlung der traditionellen Frankfurter synagogalen Gesänge von Fabian Ogutsch, weil. Oberkantor der Synagoge am Börneplatz zu Frankfurt a. M. Geordnet und eingeleitet von J. B. Levy." In seinem aufsdilussreidien Vorwort zeichnet Levy Wesen und Wirken, Wissen und Können seines langjährigen Freundes und Kollegen Ogutsch mit tiefempfundenen Worten, die ebenso dem Herzen entströmen, wie sie zum Herzen des Lesers dringen- Aus diesem Vorwort erfahren wir, wie der von Hause aus „polnische Chasan" Ogutsch, nach seiner 1883 erfolgten Berufung zum Oberkantor an die Synagoge am Bömeplatz, mit rastlosem Eifer bemüht war, das spezifisch Frankfurter Chasonus sidi anzueignen, in seinen Geist einzudringen, um sdiliesslidi ein anerkannter Meister auf diesem Gebiete zu werden. Diese Meisterschaft hatte er sich zu grossem Teil dadurch erworben, dass er Jahre hindurch alte, routinierte Baale Tephilloh aufsuchte, die ihre reichen Schätze an Frankfurter Traditionsgesang vor dem strebsamen, wissbegierigen Chasan zu Gehör braditen. Aus diesen lebendig fliessenden Quellen sdiöpfend, zeichnete Ogutsch " altes und neueres Frankfurter Chasonus mit hingebungsvoller Gewis-

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