Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 3 (11.1930)
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 59 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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59 Wirtschaftliche Not, gesellschaftliche Notwendigkeiten. Von Jakob Jacobs. Innerhalb des Kreises der Juden Deutschlands hat die Notlage von Menschen immer offene Ohren und offene Herzen gefunden. Der kollektiven, wirtschaftlichen Not von Juden in anderen Ländern ist von Deutschland aus immer nach bestem Können geholfen worden. Notleidende Klassen haben in deutschen Juden ihre wertvollsten Anwälte gefunden, die aus jüdischer Erbmasse den Kampf derer gekämpft haben, denen sie ökonomisch wohl nicht angehörten, die ihrer aber als Anwälte der Gerechtigkeit bedurften. Und immer war die Diskussion und Aussprache über Notwendigkeiten und Möglichkeiten des Helfens lebendig in diesem Kreis, der, zumindest in den letzten fünfzig Jahren, wirtschaftliche Not unter seinen Angehörigen nur als Ausnahmeerscheinung kannte. Fordern und Geben geschah aus dem stolzen Gefühl der Sicherheit, das Menschen beherrscht, die wissen, dass ihnen nach menschlicher Berechnung die Möglichkeit des Gebens erhalten bleibt. Philanthropie war in weiten Kreisen geradezu der Inhalt ides Judeseins schlechthin geworden. Es ist viel gespottet worden über all die luxuriös eingerichteten Salons, in denen Renschen bei den teuersten gastronomischen Genüssen sich über die Armut und die Not von Millionen von Zeitgenossen unterhielten, um wohl kaum mehr als die überbleibenden Reste in Form barer Münze für Hilfe bereit zu stellen; aber über dem Spotten hat man vergessen, wieviel nackte Not und wieviel Hunger durch die Gaben behoben, wieviel grosszügige* praktische Hilfe immerhin geleistet worden ist. Es ist natürlich viel einfacher und brennt nicht in die eigene Seele, wenn man sich von dem unterhalten kann, was andere Menschen bedrückt, als wenn man sich vor die Notwendigkeit gestellt sieht von dem zu sprechen, was Menschen des eigenen Kreises hier und an allen Orten Schicksal ist; Schicksal, das persönlich Bekannte getroffen hat, jeden Tag andere trifft und den Sprecher selbst wohl kaum verschonen wird. In dem ersten Falle mag Erörtern und Geben ein Gefühl der Befriedigung auslösen, dass man helfen und sich loslösen kann von dieser Not. In dem zweiten Fall ist es schwieriger und tragischer: Wenn einem das Messer an der Kehle sitzt, dann vergeht einem die Lust zu allerlei geruhsamen oder spielerischen Erörterungen, dann bemächtigt sich Leidenschaft der Menschen. Nicht jene Leidenschaft, die dazu führt, anderen zu helfen, sondern die Leidenschaft der Eigenhilfe, die Leidenschaft des Willens, die eigene Not mit denen in gleicher Lage zusammen zu ändern, zu wenden. Leidenschaft ist die Triebkraft der scharfen politischen Auseinandersetzungen der Zeit, Leidenschaft ist die Ursache der jüdischen Situation. Alle Kämpfe unter den deutschen Juden waren in den letzten Jahrzehnten in der Hauptsache ideologische. Kämpfe, die fast immer an den ökonomischen Verhältnissen vorbeigingen. Nun ist das anders geworden, nun brennt eigene, wirtschaftliche Not in der Seele und im Magen, und nur die Gemeinschaft hat für den Menschen einen Sinn, die es versteht, ihm zu helfen, ihn von dem Druck zu lösen. Welches ist die wirtschaftliche Situation der deutschen Juden? Als im Jahre 1904 Dr. Arthur Ruppin seine sozialwissenschaftliche Studie. „Die Juden der Gegenwart" erscheinen liess, konnte er die Feststellung niederschreiben, dass die deutschen Juden in einer grösseren Wohlhabenheit leben als die Juden vieler anderer Länder. Diese Wohlhabenheit steigerte sich noch bis zum ■Schluss des Krieges, das heisst solänge, als die mittelständischen Existenzen einen Aufstieg zu verzeichnen hatten. Denn seit Jahrzehnten vollzog sich schon unter den deutschen Juden eine Berufs Wandlung. Seit die Macht der Zünfte schwächer, die Gewerbefreiheit Gesetz wurde, ward Allgemeinerscheinung, was Einzelnen schon vorher gelungen war. Die Juden schwanden aus dem reinen Geldgeschäft und wurden Kaufleute in dem heute geltenden Sinne. Offene Geschäfte und Grosshandel wurden ihre Betätigungsgebiete, Aerzte und Rechtsanwälte wurde aus einer Einzelerscheinung zu einer beachtlichen Gruppe von Angehörigen Freier Berufe unter den deutschen Juden.. Seit dem Ende der Inflation ist der Untergang, des Mittelstandes •das Gespenst, das die politische Atmosphäre erregt. Die Konzentration des Kapitals hat das Wesen der Produktionsstätten sowohl als das des Handels grundlegend verändert. Der jüdische Anteil am Grosshandel ist stark zurückgegangen, die gesamte mittelständische Geschäftswelt leidet unter einer Unsicherheit der Geschäftsmöglichkeiten und einer Abwanderung des Umsatzes an Warenhäuser und Konsumvereine. Die Feststellung, dass die Entwicklung dieser Erscheinungen erst einen Anfang darstellt, lässt erkennen, dass eine Besserung der wirtschaftlichen Situation des Mittelstandes kaum zu erwarten ist; dass vielmehr mit weiterer Konzentration und Rationalisierung weitere mittelständische Existenzen untergehen werden. Alle Versuche der Selbsthilfe des Mittelstandes mögen eine augenblickliche Notlage hinausschieben, sie werden die Entwicklung nicht aufhalten, von der die deutschen Juden besonders stark getroffen sind. Eine grosse Anzahl mittelständischer Existenzen ist bereits zu Grunde gegangen; dieses Schicksal wird noch viele andere erreichen. Dies gilt es in aller Klarheit feststellen, hier hilft keine Vermäntelung und keine Schönfärberei. Das Schicksal der betroffenen Menschen ist tragisch. Damit ist ein Problem akut geworden, das in den letzten Jahrzehnten kaum praktische Bedeutung für die deutschen Juden hatte: das Problem der Berufswahl, über das in anderem Zusammenhang ausführlich zu sprechen sein wird. Die Besitzer von selbständigen Geschäften Hessen bisher ihren Kindern eine gute Ausbildung angedeihen und übergaben ihnen dann ihre Geschäfte, oder gründeten ihnen Fihaibetriebe. Diese Berufstradition bestimmte alles einschliesslich der Ehe, die in der Mehrzahl unter diesen Gesichtspunkten geschlossen wurde. Es war eine Einheitlichkeit und Sicherheit des Lebens. Den Menschen, die heute an ihrer Berufsausbildung als Angestellte arbeiten, winkt nicht das Ideal wirtschaftlicher Selbständigkeit. Was ihren Vätern noch ein Uebergangsstadium war, ist für sie Lebensaufgabe. Ihr Schicksal ist es Angestellte zu sein, bis ihre Arbeitskraft zu klein oder ihre Lebensansprüche zu gross geworden sind, als dass sie noch eine Position finden und behaupten könnten. Die Arbeitslosigkeit hat auch in den Kreis der deutschen Juden eingegriffen, und es sind erschreckend viele Juden, die alltäglich mit ihrer Karte stempelnd am Arbeitsamt erscheinen. Die Wohlhabenheit der deutschen Juden hat sich geändert. Es sind einzelne Juden, die sehr reich geworden sind, weil sie an der Konzentration teilnehmen konnten, es ist die grosse Masse, die sich auf der absteigenden Linie wirtschaftlichen Wohlergehens bewegt, die proletarisiert ist und einem Prozess der "Verarmung unterliegt. Es ist möglich, dass die Steuerkraft der deutschen Juden in ihrer Gesamtheit nicht schwächer geworden ist, aber die Steuerfähigkeit hat sich verschoben. Was früher sich unter viele Existenzen aufteilte, ist jetzt in den Händen Weniger zusammen gefasst, eine Tatsache, die ein Charakteristikum der deutschen Wirtschaft überhaupt ist. Was eine Betrachtung von jüdischer Seite besonders erfordert, ist die Tatsache, dass zum ersten Male Juden in Massen als Nehmende am Arbeitsmarkt erscheinen, und zwar nicht nur für eine Zeit der Ausbildung oder des Uebergangs. Sofort tritt in Erscheinung wie fürchterlich eng der Arbeitsmarkt für Juden ist; wie viele der vertrusteten Unternehmen sich gegen die Aufnahme von Juden als Arbeitnehmer sperren. Die wirtschaftliche Situation der deut- KAIS ERSTRASSE 27 Ecke Neue Mainzerstraße