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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-11-01 · 3 (11.1930) · p. Seite 58

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
3 (11.1930)
Date
1930-11-01
Page
Seite 58 (sequence 4)
Language
German
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Aber dieser ist zweifelhaft. Das ist um so sonderbarer, als rein vernünftige Ueberlegungen die Mischehe wenigstens in Deutschland, sogar demjenigen, der sie an sich befürwortet, zum mindesten recht problematisch erscheinen lassen müssen. Zunächst einmal ein Positivum: die deutsch-jüdische Jugend steht ihren Mann, sie ist wahrlich nicht minderwertig. Um nicht in den Fehler der Deutschtümler zu verfallen, soll von einem Vergleich mit der übrigen Bevölkerung völlig abgesehen werden. Der ist auch nicht nötig, denn es gehört kein übertriebenes Mass von Selbstbewusstsein dazu, um zu behaupten, dass die jüdischen Jünglinge und Jungfrauen sich sehr wohl sehen lassen können. Sie können sich sehen lassen in intellektueller ebensosehr wie in körperlicher Hinsicht, letzteres namentlich seit die jüdische Jugend sich mit Feuereifer dem Sport widmet. Weiter ist noch ein anderes von Wichtigkeit. Auf jeden Juden und jede Jüdin kommt in der Mischehe eine Christin oder ein Christ, (die wenigen Dissidenten können als geringfügig beiseite gelassen werden) d. h. Angehörige einer Religion, welche kaum oder nur höchst ungern die Mischehe mit einer anderen Konfession zulässt, diejenige mit einem Andersgläubigen aufs strengste untersagt. Mit andern Worten, die verschiedenen Schattierungen des Christentums, die römisch-katholische, griechisch-katholische, die protestantische Kirche mitsamt den Sekten, erkennen eine jüdischchristliche Mischehe nicht an, sie erblicken in ihr ein Konkubinat und versagen ihr die kirchliche Einsegnung, sie haben also das vorhin zitierte mosaische Verbot ganz und gar für sich übernommen. Dieser Grundsatz stammt nicht von gestern und heute, sondern aus einer Zeit sehr bald nach Erstehung des Christentums, als es noch längst nicht Staatsreligon war und schwer um sein Dasein zu ringen hatte. So wurden die in gemischten Ehen Lebenden von dem Kirchenvater Tertullian als der Unzucht Schuldige und von der Gemeinde Auszuschliessende bezeichnet. Der Bischof Callistus von Rom (218—223 n. Chr,) gestattete Jungfrauen und Witwen von senatorischem Stande, die durch die Vermählung ihren Rang nicht einbüssen wollten, Konkubinat selbst mit Sklaven, indem er offenbar diesen durch Gesetz und Sitte gebrandmarkten Verhältnissen vor den Ehen mit Ungläubigen den Vorzug gab. Der Geist, der aus solchen Anschauungen spricht, ist in weiten Kreisen des Volkes haften geblieben. Den hauptsächlichsten Hinderungsgrund der jüdischen Mischehe sollte eigentlich der Antisemitismus darstellen. Als sidi die Menschen von Religionshass leiten Hessen, wurden wenigstens die Uebergetretenen als vollbürtig anerkannt, soweit nicht in einigen Ländern die Inauisition. die in Deutschland nie Fuss gefasst hat, dem Hindernisse bereitete. Ganz zweifellos galt das von ihrer Nachkommenschaft, deren Herkunft bereits nach wenigen Generationen vergessen wurde. Ja, man drängle sich sogar in den höchsten Ständen zur Patenschaft der Täuflinge und gestattete ihnen in romanischen Ländern, den Zunamen ihrer Gevatter zu tragen. Unter dem Einüuss des Antisemitismus hatte es ein Ende damit, dass die getauften Juden ihre Abstammung gänzlich vergessen konnten, dafür sorgte die Rassentheorie. Mag sie längst, weil wissenschaftlich unhaltbar, widerlegt sein, die Lehre von der Inferiorität der Juden als Rasse hat Millonen von Gläubigen. Für sie besteht kein Zweifel, dass auch das Sakrament der Taufe solchen Makel nicht zu beseitigen vermag, ja dass er sich von Geschlecht zu Geschlecht trotz arischer Blutmischling überträgt. Fraglos wenig günstige Aussichten für die Mischehe iii Deutschland! Muss der jüdische Teil nicht voraussehen, dass er bei Unstimmigkeiten, die ja in der glücklichsten Ehe nicht ausbleiben, in lieblosester Weise an sein Judentum erinnert wird? (Vgl. Heijermans, Ein Judenstreich.) Und wie wird es den Kindern ergehen, falls sie den jüdischen Typ zeigen? Was hat also dieses Halbblut, ungeachtet der Taufe, in der Schule, namentlich der höheren zu erwarten, von der Hochschule ganz zu schweigen? Wird es nicht übler daran sein als das jüdische Kind? Aber auch, wenn es den christlich-germanischen Typ aufweist, so wird das nidit helfen, es wird als der jüdischen Rasse zugehörig stigmatisiert werden. Wenn nun trotz solcher Erwägungen die Mischehe anstatt abzunehmen, sich unausgesetzt mehrt, so müssen besondere Verhältnisse das verursachen. Das Judentum und seine Vertreter kann man unmöglich beschuldigen, dass sie ihre Pflicht vernachlässigen, sie lassen es nidit daran fehlen, um dem, was sie als Uebelstand erkannt haben, vorzubeugen. Ebensowenig hat es Sinn, wenn etwa die eine Richtung der andern Vorwürfe macht, denn man weiss, dass Mischehen so gut von neoioger wie von orthodoxer Seite geschlossen werden. * Freilich spielt das religiöse Moment eine Rolle, und zwar in seiner Negation. In jüdischen wie in christlichen Kreisen gibt es Menschen, die sich längst vom Glauben losgesagt haben, daher in dieser Beziehung gleichgültig sind, da sie gewissen philosophischen oder naturwissenschaftlidien Lehren anhangen; Dass ihnen das Eingehen einer Mischehe keinerlei persönlidie Bedenken verursadit, liegt auf der Hand, ja mandie unter ihnen erblicken in ihr das Mittel, um die Mensdiheit von gegenseitigem Hass und Vorurteil zu befreien. Da nun einmal, wenigstens im monarchischen Deutschland, von oben herab dringend Wert gelegt wurde auf die Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft, so wählten sie als am vorteilhaftesten für den künftigen Erdenbürger die regierende, das Christentum, aus. Aber es wäre durdiaus verkehrt, wollte man in sämtlichen Teilnehmern von Mischehen areligiöse oder gar atheistisdie Menschen erblicken. Bei der mäditigen religiösen Welle, die nach dem Kriege das deutsche Reich überflutet, sind sidierlich nidit wenige unter ihnen, die nur nach schweren inneren Kämpfen sidi losreissen von dem, was sie bisher als bindend betraditet haben. Es muss also etwas Stärkeres in ihnen leben, das alle durch Erziehung und elterlidies Beispiel gezogenen Schranken durchbricht. Das ist unschwer zu ergründen, wenn man sidi vor Augen hält, dass es sich hier in der Regel um junge Mensdien handelt, die sich mehr von Gefühlsimpulsen als von rationellen Ueberlegiungen leiten lassen. Kommt noch hinzu, dass die heutige Jugend ihr eigenes Leben leben und sidi vom erfahrenen Alter nidit leiten lassen will. Die patriarchalischen Zustände, dass sie sich die Braut oder den Bräutigam von den Eltern bestimmen liess, sind für immer dahin. Da kann es dann bei dem jetzt üblichen freien gesellsdiaftlidien Verkehr der Gesdilediter untereinander nidit wundernehmen, dass Verlöbnisse geschlossen werden, „denn die Liebe ist stark wie der Tod'. Ob sie allerdings in ihrer Stärke unwandelbar bleibt, steht auf einem anderen Blatte, die zahlreidien Ehescheidungen sprechen eine beredte Sprache. Immerhin wird es schwer halten, gegen derartige Verbindungen einsdireiten zu wollen, man muss sie wohl gewähren lassen, wenn alle Versuche derart scheitern. Erlebt man es dodi, dass sogar reifere Menschen vom Allbezwinger Eros überwältigtwerden. Offenbar liegt solchen Vorkommnissen ein Naturgesetz zugrunde, das die einzelnen Völkerstämme und Rassen mit magisdier Gewalt zueinander hinzieht. Sobald Völker aufeinanderstiessen, mochte es auch zunädist im härtesten Kampfe sein — war einmal der Friede geschlossen, so gelangt man sdiliesslidi zu einem Zustande, den die Römer „connubium" nannten, d. h. das Recht, mit den Besiegten vollbürtige Ehen zu sdiliessen. So erklärt es sidi, dass die Bewohner der Weltmacht Rom in der Kaiserzeit längst nicht mehr aus reinblütigen Römern und Italikern bestanden, sondern dass alle unterworfenen Nationen ihren Beitrag lieferten, ja sogar mehrfach Inhaber des Thrones der Caesaren stellten. Zieht man aus der neueren Zeit das Beispiel Lateinamerikas heran, so sieht man, dass seine Einwohnerschaft erzeugt ist durch die Vermisdiung der weissen Eroberer mit den Ureinwohnern und später mit den Negern, und von den Vereinigten Staaten heisst es mit- Recht, dass sie den grossen Sdinielztiegel der Nationen darstellen.-Kurz und gut, keine einzelne Kulturnation kann sich noch rühmen, von reiner Rasse zu sein. Diesem Gesetze sind auch die heutigen Deutsdien unterworfen, die eine Mischrasse sind so gut wie die Engländer, Franzosen, Italiener, Spanier u. a., ja sie enthalten sogar einen merkbaren Einsdilag jüdischen Blutes, wie der Historiker Lamprecht behauptet. Dies ist aber ohne weiteres zu verstehen, da in den langen Jahrhunderten des Ghettos fortwährend einzelne von den Verfemten abbröckelten, die dann in die Umgebung untertauchten. Dagegen sind die Taufepidemien nach Mendelssohns Ableben und in neuester Zeit nicht hierher zu rechnen, weil sie nicht massenhaft genug waren und noch viel zu jung sind, um sich derartig auswirken zu können, sie betreffen nur einen kleinen Ausschnitt aus dem deutschen Judentum, meist in den sogenannten höheren Ständen. Eine Misdirasse sind aber auch die Juden, als solche traten sie bereits in das Golus (Zerstreuung) ein, aber selbst hier war dafür gesorgt, dass sich der damalige Stand ihres Volkstums nicht unverändert erhielt. Wie die Mauern des Ghettos nach aussen hin sich durchlässig erwiesen, so wenig bildeten sie nach innen einen hermetischen Verschluss. Dass die Zahl der Abkömmlinge gemischten Blutes nicht gerade gering ist, beweist eine vor mehr. als 50 Jahren durchgeführte Untersuchung Virchows, die unter jüdischen Schülern und Schülerinnen etwa 11 Prozent germanischen Typs ergab. Sollen die deutsdien Juden Gewehr bei Fuss ruhig zusehen, wie sie zugrundegehen, oder sollen sie sich dagegen anstemmen? Das letztere ist gewiss des Schweisses der Edlen wert, aber der Einzelne vermag nichts, nur die Gesamtheit kann helfen. Deshalb müssen die „Richtungen" endlich das Kriegsbeil begraben, die ewigen Streitigkeiten müssen aufhören, sonst wird das Verderben seinen Gang gehen.

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