Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 1-2 (9.1930)
- Date
- 1930-09-01
- Page
- Seite 20 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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20 dien zu reden, sodass Itzig mit den Antworten kaum rasch genug folgen konnte. Sie sprachen nur über banale Dinge, die weit zurücklagen und mit dem Krieg nichts zu tun hatten. Sie sprachen mit sehr lauter Stimme, als ob sie damit ihre Gedanken, die eine ganz andere Sprache als ihr Mund redeten, übertönen wollten. Ihr Lachen klang gezwungen; ihre Heiterkeit war so unecht wie billige, blitzende Glasperlen, Der Wald wurde immer lichter und löste sich schliesslich in einzelne verstreute Bäume auf. Es dunkelte, und ein grauer Nebel legte sich auf den weissen gefrorenen Schnee. Die aufdringliche Stille hüllte wieder die beiden Soldaten ein. Sie sahen sich einander nicht an, und ihre Gesichter wurden finster. Das gleichgültige Gespräch zwischen ihnen ging zwar weiter, aber in Wirklichkeit belauerten sie sich gegenseitig wie zwei versteckte Feinde. Itzig dreht sich oft um, als ob er jeden Augenblick den Gnadenstoss erwartete. Die Gesprächigkeit des Unteroffiziers konnte ihn über die drohende Gefahr nicht hinwegtäuschen, und endlich fasste er den Mut zu der entscheidenden Frage: „Hast Du Auftrag, mich umzubringen, Herr Unteroffizier?" Ghioaga unterbrach seine banale Erzählung und antwortete, gar nicht erstaunt: „Ich?" „Warum willst Du mich töten, Jonel," sagte Itzig, diesmal mit weinerlicher Stimme, wie ein Kind, dem die Mutter Vorwürfe gemacht hat. Auf der Stirn des Unteroffiziers erschien ein schwarzer Schatten. Er richtete sein Gewehr und gab brummig zur Antwort: „Schweig, schweig," welches Wort er dann bei jedem weiteren Schritt wiederholte. Itzig folgte ihm wieder stumm mit zu Boden gesenkten Augen und gebeugtem Rücken, als ob er an einer Zentnerlast trüge. Sein Kopf wackelte rhythmisch im Schritt seiner Füsse. Sein Gehirn schmerzte im Wirrwarr der ihn bedrängenden Gedanken. Gern hätte er das Gespräch mit dem Unteroffizier wieder aufgenommen. Aber Ghioaga schritt jetzt noch finsterer als vorher, nur von Zeit zu Zeit tiefe Seufzer ausstossend. Sie kletterten einen Birkenabhang hinunter. Auf dem Gipfel des gegenüberliegenden Hügels stand der Feind. Von dort drohte die Gefahr, vor der man sich hüten musste. Der gefrorene Schnee, der unter ihren Stiefeln so laut knirschte, dass er sie zu verraten drohte, nötigte sie, ihre Blicke fortwährend hinüber zu wenden. Itzig Strul, von seinen Gedanken erschlafft, zählte seine Schritte und hielt dabei Umschau, um sich das Bild der Landschaft genau einzuprägen. Er sah, dass sie sich immer mehr der feindlichen Stellung näherten, und das gab ihm wieder ein wenig Zuversicht. „Wenn Du dem Feinde entgegengehst, bedeutet es, dass Du auf Patrouille bist," erinnerte er sich aus seiner geringen theoretischen Ausbildung in der Falticener Kaserne. Es war vielleicht nur seine törichte Angst, die ihn auf all diese Gedanken brachte. Die Hoffnung, dass es so sein könnte, veränderte sein Gesicht für einen Moment. Er dachte an die Familie zuhause, an eine Urlaubsmöglichkeit. An den Augenblick, wo sie die Tür öffnen würden; an die Einteilung der Tage und Stunden, um ihn ja recht auszuschöpfen. Und an die erhoffte Auszeichnung. Zuguterletzt ist der neue Leutnant doch kein Ungeheuer und wird sich vielleicht erweichen lassen. Sie kamen ins Tal. Der feindliche Abhang war nun so nah, dass er den Horizont wie eine Mauer abschloss. Dazwischen lag nur noch ein Waldrest mit alten Tannen, die ihre dicken, verschneiten Zweige traurig in die Luft streckten. Nun hatten sie es erreicht. Der Unteroffizier blieb vor einer knorrigen Tanne, an deren eingekerbter Rinde noch das Harz klebte, stehen. Ghioaga entfernte mit seinem Gewehrkolben den Schnee von einer Wurzel und Hess sich schwerfällig und müde darauf nieder. Itzig stand schweratmend vor ihm und fragte mit zuversichtlichem Blick: „Sind wir schon da, Herr Unteroffizier?" Dieser blieb die Antwort schuldig. Er starrte zum feindlichen Lager so angestrengt hinüber, als ob er die Entfernung abschätzen wollte. Nach einiger Zeit wiederholte Itzig, noch immer in guter Stimmung: „Ich glaube, wir sind gerade gegenüber unserer Kompagnie." Da drehte sich Ghioaga um und antwortete: „Richtig, schau nur hin!" Er zeigte mit der Hand träge in die Ferne. Itzig sah nichts als die gerade, abgeglättete Ebene, die sich in der Dunkelheit verlor. Die Stille umgab sie wieder wie eine dichte Hecke. Da sagte der Unteroffizier auf einmal mit weicher Stimme: „So, mein Bruder, bis hierher habe ich Dich gebracht, nun musst Du allein weitergehen." Der Soldat fuhr wie ein Irrsinniger in die Höhe und stotterte: „Was heisst das, Joan," wohin soll ich gehen?" „Hinüber, Itzig!" Der Unteroffizier deutete auf die feindliche Stellung. Unter seinem. teilnehmendem Blick fragte Itzig deutlicher: „Warum soll ich da hinübergehen?" Aber diese Frage schien Ghioaga zu erzürnen. Sein Blick wurde kalt und seine Stimme drohend: „Was schwätzt Du unnützes Zeug! Sei froh, dass es noch so abläuft und scher' Dich möglichst rasch fort, sonst---!!" „Sonst?" wiederholte Itzig gepeinigt. Er fühlte den Sdirecken bis in den letzten Winkel seines Inneren. Trotzdem wollte er noch einen Versuch machen, Aufschub zu erhalten. Er lehnte sein Gewehr an den nächsten Baum, setzte sich neben Ghioaga und griff nach dessen rechter Hand mit seinen beiden Händen wie nach einem Rettungsanker. Sinnlos begann er herunterzuplappern, \ot Angst, nicht alles rechtzeitig sagen zu können: „Verlass mich nicht, Herr Unteroffizier. Wie kann ich dort hingehen, Jonica? Ich kann doch nicht Jonica! Hast Du denn gar kein Mitleid mit mir? Oder wenigstens mit meiner Frau und meinen armen Kindern. Dort wird man mich doch umbringen, Jonica, sie bringen mich um. die Feinde!" V 'Kanalu. Wasserbau-Gesellschaft% Bergerstr. 6 m. b. H. Bergersir. 6 sorgt für Instandhaltung der Kanal- und Wasserleitungs-Anlagen. 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