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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-09-01 · 1-2 (9.1930) · p. Seite 17

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
1-2 (9.1930)
Date
1930-09-01
Page
Seite 17 (sequence 19)
Language
German
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17 nur hie und da unterbrochen, bis sie am Horizont verschwamm. Der zerwühlte Schnee beherrschte die ganze Gegend. Er war so weiss, dass bei längerem Hinsehen die Augen schmerzten. In der Luft hing eine solche schwere Trauer, dass sie noch tiefer ins Herz drang als die alles beherrschende Kälte. Einige entlaubte, zerstreute schwarze Bäume sahen wie Strünke aus, die sich für ihre Existenz entschuldigten. Sie wachten einsam, von der Last des Alleineseins erdrückt. „Seit langem sah ich nicht mehr die Sonne," meinte Itzig auf einmal, beklommen durch die ihn umgebende Stille. Obgleich er fast im Flüsterton gesprochen hatte, klang seine Stimme hart und befehlend. Sie zerstörte die Ruhe des Waldes wie ein Peitschenschlag. Eine alte Tanne bewegte sich erschrocken und schüttelte die Last ihrer Zweige ab. Der Schnee zerfiel lautlos auf der weissen Decke. Wie aus einem schweren Traum durch Itzigs Stimme erweckt, drehte sich der Unteroffizier nach ihm um und fragt: „Was hast Du gesagt?" „Die Sonne hat sich schon lange nicht mehr blicken lassen," wiederholte der Soldat, ihn mit frohen Augen ansehend. „Was mag die Uhr sein, Herr Unteroffizier? Hoffentlich überrascht uns nicht die Nacht hier!" „Die Nacht" sagte der Unteroffizier mit zu Boden gesenkten Augen. „Nur Gott weiss, was bis zur Nacht noch alles geschehen mag!" Seine Stimme kam wie aus einer Gruft. Itzigs Augen verdunkelten sich langsam. Die eigenartig zitternde Stimme des Vorgesetzten drang ihm ins Herz wie eine finstere, unverstandene Drohung. Er wollte weitersprechen, aber die Worte blieben ihm im Halse stecken. Dann fing er verwirrt an, diesmal mit der freien Hand, den Schweiss zu wischen; zuerst von der Stirn, dann von Nacken und Hals. Besonders den Hals streichelte er lange, als ob er ihm wertvoller als jeder andere Teil seines Körpers wäre. Er besass einen langen, hageren Hals, der mit geschwollenen Adern und einer mit grossen braunen Sommersprossen besäten, sehr roten und faltigen Haut bedeckt war. Am Kinn begann das ziegelrote, sehr spärliche und schmutzige Haar, das auch seine Backen bedeckte. Es reichte vom Schnurrbart bis zu den lebhaften, grünen, immer erschrockenen Augen. Aus der Mitte seines haarigen, roten Gesichtes sprang die gebogene, dünne Nase, die ihm ein lustiges Aussehen verlieh, auch dann, wenn Augen und Mund von Traurigkeit erfüllt waren. Sein Kopf wirkte trotzdem gross auf dem kleinen, schmächtigen Körper, von dem man sich wundern musste, wie er fähig war, die schweren Militärkleider, das Gewehr und den Tornister zu schleppen. Der Unteroffizier sah sich um und überlegte wie sie weitergehen sollten. Die Spuren, die sie bisher verfolgt hatten, führten rechts um den Wald herum. Er kratzte sich, spukte aus und warf einen vorwurfsvollen Blick auf Itzig. Endlich entschloss er sich, links zu gehen. Als ob er absichtlich etwas später ans Ziel gelangen wollte, hielt er sich mit gesetzten Schritten in der Nähe des Waldrandes. Itzig Strul folgte ihm, wobei er abwechselnd sein Gewehr von einer Schulter auf die andere schob. Die Stille bedrückte ihn immer mehr und zwang ihn zum Nachdenken. Im allgemeinen war Itzig schon ein gesprächiger Mensch und fühlte jetzt erst recht das schmerzliche Bedürfnis dazu. Vielleicht gerade, weil der Unteroffizier verdrossen schien und einen so seltsamen Blick hatte. „Warum er wohl so schweigsam ist?" Am Anfang war Itzig stolz, dass man gerade ihn dazu ausersehen hatte, den Unteroffizier Joan Ghioaga auf Patrouille zu begleiten. Sie waren schon oft zusammen auf solchen Gängen gewesen, und es lief alles gnt ab. Mit Ghioaga wäre er auch ohne Angst in die Hölle gegangen! Aber heute war der Unteroffizier wie ein Fremder. Niemals sonst war er so schweigsam gewesen! Es scheint eine gefährliche Patrouille zu sein! Warum mag man nicht eine grössere Patrouille zusammengestellt haben, wie es sich gehört! Solch ein Leichtsinn, sie nur zu zweit' zu schicken! Das heisst sich ja zwecklos in den Rachen des Todes werfen! Es schauderte Itzig Strul bei diesen Gedanken, und er schaute sich bald rechts, bald links um, um Klarheit über den Weg zu erlangen. Bald merkte Itzig, dass sie der Stellung des Feindes entgegen strebten. Aber gleichzeitig kam es ihm so vor, als ob sie auch zurückgingen. „Was mag das bedeuten? Er wird uns doch nicht zwischen die beiden Feuerlinien führen, dass uns die Kugeln unserer eigenen Leute treffen?" — Itzig: erschrak! Sein Kinn zitterte. Vergebens versuchte er die Kinnladen aufeinander zu pressen. Am stärksten beunruhigte ihn aber das hartnäckige Schweigen des Unteroffiziers. Immer tiefer kam ihm ins Bewusststein, dass diese Wortkargheit nicht ohne Ursache war. Ghioaga war sonst als Witzbold bekannt, der seinen Humor auch in den ernstesten Momenten nicht verlor. Selbst im Augenblick des Angriffs pflegte er mit schief aufgesetzter Mütze zu erscheinen und wie ein Hochzeiter zu jodeln, was den Kameraden über die Todesfurcht hinweghalf. Itzig kannte den Unteroffizier Joan Ghioaga aus seinem Heimatstädtchen Faltieeni. Itzig betrieb dort eine kleine Gastwirtschaft, in der die Donnerstags zum Markt kommenden Bauern Quartier nahmen. Schon seit zehn Jahren gehörte Ghioaga zu Itzigs ständigen Gästen, sodass sie gute Freunde waren. Vor zwei Jahren, als Ghioaga zwei Ochsen kaufen wollte und ihm das Geld nicht langte, hatte Itzig ihm ausgeholfen, und war bis heute sein Gläubiger geblieben; denn Ghioaga war ein armer Bauer, der nur fünf Kinder, aber wenig Boden sein eigen nannte. Aber auch im Felde blieb ihr gutes Verhältnis bestehen, denn Itzig verj stand, dem Unteroffizier trotz dieser Schuldverhältnisse die ' gebührende Hochachtung zu erweisen. j „Siehst Du, Itzig," brach der Unteroffizier plötzlich sein i hartnäckiges Schweigen, „wir sind nun schon so lange bei-! sammen. und ich habe Dir meine Schuld noch immer nicht be- I zahlt. Mein Gott, wie konnte ich bloss daran vergessen!" I Itzig erschrak bei dem bitteren Klang dieser Worte. Erst! nach langer Pause wagte er zu antworten. „Lass gut sein, Joan, es eilt nicht mit dem Geld. Wenn wir nur aus diesem verdammten Krieg mit dem Leben davonkommen!" „Recht hast Du." murmelte Ghioaga, „erst mal mit heiler Haut aus dieser Hölle herauszukommen, das ist das wichtigste!" Er sprach mit heiserer, sehr erregter Stimme. Itzigs Gedanken überstürzten sich. Seltsam, dass Ghioaga gleichzeitig mit j ihm auf diese Schuld zu sprechen kam — „da stimmt etwas | nicht." Er wagte nicht, seine trüben Gedanken bis ans Ende j zu verfolgen. Aber bis ins Innerste seines Wesens Hess ihn j die quälende Furcht vor einer unbekannten schrecklichen! Gefahr erschauern . . . j Ein Held war Itzig Strul nie gewesen. Wenn die Gassen- I buben zuhause ihm nachliefen, um ihn zu necken, schlug sein; Herz und zitterte sein Bart. Ganz Faltieeni nannte ihn „den i Hasen". Als ihn der Militärarzt für kriegsverwendungsfähig

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