Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 1-2 (9.1930)
- Date
- 1930-09-01
- Page
- Seite 15 (sequence 17)
- Language
- German
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15 kennen die neue Gestalt des Judentums nicht, wir wissen ihre Formen nicht. Aber wir können das Tasten und Suchen nach dieser neuen Gestalt, die Sehnsucht nach Verwurzelung und nach freiem, beschwingtem, unbelastetem Leben verfolgen. In allen den Wegen, die das Judentum dieser Zeit gegangen ist, spüren wir den ewigen Rhythmus seines Wesens, die treibenden Kräfte der unendlichen Bahn, die aus allen so vielgestaltigen Erscheinungen eine nie abgeschlossene und doch stets vollendete Einheit schafft. Das Judentum der neuen Gestalt wird verschieden von dem sein, das vor zweihundert Jahren war. Seine Wegein der Zwischenzeit haben es in Berührung gebracht mit vielen Ländern und Kulturen, mit der weiten slawischen Seele, mit der deutschen Kultur, mit der klaren Schönheit romanischer Zivilisation, mit dem stürmischen Atem amerikanischen Neulands. Durch seine seltsame Geschichte und die Rationalisierung der Jahrhunderte hat der Jude ein feineres Einfühlungsvermögen in die Art anderer erhalten und eine Weite des Verständnisses, die auch daher stammen mag, dass der jüdischen Aufklärung die anderen ein Gegenstand der Liebe und des Vorbilds waren. Das geistige Besitztum des modernen, aufgeklärten Juden hat seine Quellen in den geistigen Strömungen europäischer Völker, aber dieses geistige Besitztum wurde erworben, verarbeitet und umgebildet von dem Grundstock, den jeder Jude mitgebracht hat, der ihm Natur, seine Natur ist: das Erbe von Jahrtausenden, an dem das Schicksal so vieler Generationen gearbeitet hat, es ausdrucksreicher, erlebensvoller, vielfarbiger schaffend, und doch immer von den gleichen Tendenzen getrieben, von gleichen Rhythmen geordnet. Auch hier wieder enthüllt sich die exzeptionelle Lage des Judentums. Andere Völker im Gestaltwandel schöpfen Anregung und Befruchtung ihres geistigen Lebens von anderen Kulturen, aber ihr geistiges Besitztum ist natürlicher Ausfluss ihres Blutes, ihres Ahnenerbes, seine Blüte und seine Frucht, das Geistige wird in ihnen Natur und die Natur wird immer wieder Geist. Ihnen ist Volkstum die Bildung des Menschen als Entfaltung der seelischen Kräfte von innen aus. Natur und Geist bilden eine Einheit. Die naturgewordene Anlage ererbter Art wird zu Geist gestaltet und mit allem Geistigen der andern in fruchtbringende Wechselwirkung gesetzt. In dem Juden aber ist Zweiheit. Hebt er seine jüdische Natur nicht ins Bewusstsein, formt er sie nicht um zu gelebtem Geist, bleibt sie in ihm unvertilgbar, aber sie wird totes Gerümpel, Gespenster, die nur mahnend, zu unserem Erstaunen, unerklärlich ihr Wesen treiben und Boten des Dunkels, des überwundenen Chaos dünken. Da wird das Judentum, das geistige Erlebnis seiner Natur, dem Juden zum Problem oder zum quälenden Feinde oder es wird ihm in einem Augenblick bewusst, der ein bald wieder verlassener Moment sein kann oder der Ausgangspunkt neuer Wege. Aber immer wieder stösst der Jude auf sein Judentum. In der ersten stürmischen Welle der Aufklärung schreibt Rahel am 22. März 1795 an David Veit: „Glauben Sie mir — verrückt bin ich nicht — ich fehle nicht gemein: es ist immer ein unumstösshcher Berg die Ursache, wenn man ihn auch nicht sieht: ich fehle nicht gemein. Ich habe solche Phantasie: als wenn ein ausserirdisch Wesen, Avie ich in diese Welt getrieben wurde, mir beim Eingang diese Worte mit einem Dolch ins Herz gestossen hätte: ja, habe Empfindung, sieh die Welt, wie sie wenige sehen, sei gross und edel, ein ewiges Denken kann ich Dir auch nicht nehmen, eins aber hat man vergessen: sei eine Jüdin! und nun ist mein ganzes Leben eine Verblutung, jede Bewegung, sie zu stillen, nur Tod, und Unbeweglichkeit mir nur im Tod selbst möglich. Ich kann Ihnen jedes Uebel, jedes Unheil, jeden Verdruss daherleiten." In dieser ihm eigenen Zweiheit ist der Gestaltwandel der Juden ausdrucksreicher und farbiger als der der anderen Völker. Die neue Gestalt wird auch ihm eine neue Einheit bringen. Denn unsere natürliche Anlage in die Klarheit vernünftiger Erkenntnis zu heben, ist unsere Aufgabe. Was Schiller in seinem dritten Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen also gesagt hat: „Aber eben das macht ihn zum Menschen, dass er bei dem nicht stille st ht, was die blosse Natur aus ihm machte, sondern die Fälligkeit besitzt, das Werk der Not in ein Werk seiner freien Wahl umzuschaffen und die physische Notwendigkeit zu einer moralischen zu erheben." Diese neue Gestalt wird dem Juden eine neue Stufe sein, worin er seine natürliche Vergangenheit zur Trägerin und Einigerin seines wachsenden Geistes setzt. Die Zeit der willkürlichen Assimilation war ihm dann ein notwendiger Durchgang, keine blosse Negation, sondern die Vorbedingung einer neuen Synthese, eines neuen Bewusstseins auf höherer Stufe. Damit erst hat der Jude die Assimilation, die wie ein fremder Teil bisher in ihm gelegen hatte, eingereiht in den Weg seines Geistes. Er hat sie in dem gleichen Augenblick überwunden, wo er sie gänzlich in sein Wesen aufgenommen hat. Auf allen seinen Wegen durch die sich wandelnde Gestalt begleitet den Juden sein Judentum, bestimmt die Grundrichtung seines Wesens. Es ist die dunkle Melodie, die allen Variationen und Improvisationen zugrunde liegt. Bald ist es wie ein Ringen der verschiedenen Begleitmelodien mit dem Grundrhythmus, bald wieder wie ein Ausgleich und eine Aussöhnung. Es mag scheinen, als überwucherten die oberen Stimmen völlig den dunkeln Grund, bis dieser plötzlich hervorbricht und alles überschwemmt und mit sich fortreisst.- In diesem Sinne bleibt der moderne aufgeklärte Jude des Westens der ewige Jude; ja gerade er ist der ewige Jude, dem das Judentum der dunkle Fluch unvordenklicher Zeiten dünkt, der ihn des Weges treibt, den er gehen muss. Kakao Schokolade I Pralinen. Gasthaus zii „Adler" Ginnheim. Aeltesies Haus am Plalzc. 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