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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1930-09-01 · 1-2 (9.1930) · p. Seite 14

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
1-2 (9.1930)
Date
1930-09-01
Page
Seite 14 (sequence 16)
Language
German
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14 Der Gestaltwandel des modernen Judentums Von Hans Kolin (Jerusalem) Bis in das achtzehnte Jahrhundert behielt das jüdische Volk in Europa eine einheitliche, durch Jahrhunderte alte Traditionen geregelte, in sich selbst sicher ruhende Form des Lebens. Es wohnte in einer Umgebung, die, wenn auch in manchem äussern verkrüppelt und verbogen, aus dem ihm eigenen Rhythmus der Geschichte erzeugt worden war, der Ablauf seines Alltags, die Erhebung seiner Feste banden es an seine Vergangenheit, umschlangen es zu einer Einheit, deren Ursprung aus den fernen Zeiten palästinensischer Erdverknüpfung überall greifbar schien. Die drei vorhergehenden Jahrhunderte hatten das Judentum, das zur Zeit der Scholastik und der beginnenden Renaissance gleichen Schritt mit Europa gegangen, ja ihm oft vorausgeeilt war, immer stärker in seine Vergangenheit versenkt und es von der Gegenwart abgeschnitten. Umso einheitlicher war seine Gestalt. Der grosse, tragische Zwiespalt, aber auch der wagende Entdeckermut, der seit der Renaissance den europäischen Menschen zerriss und eine noch nicht abgeschlossene Revolution einleitete, berührte den Juden nicht. Wie ein ehern-erstarrter Rest Orient oder Mittelalter stand er inmitten des sich auflösenden Europa. Erst um den Beginn der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts setzt eine Lockerung des Gefüges ein, ein Gestaltwandel nicht nur der äusseren Erscheinung dieses seit so langer Zeit anscheinend starren Volkes, sondern auch der es beherrschenden Ideen. Die grosse messianische Bewegung des siebzehnten Jahrhunderts um Sabbatai Zwi, die als sehnsüchtiges Verlangen, der gewordenen Volksgestalt sich zu entledigen und eine neue freudigere und reine Zukunft zu bauen, jahrzehntelang nachwirkte, kündet von den glühenden Kräften, die unter der äusserlich starren Hülle lebten, bis sie an zwei entgegengesetzten Stellen zugleich durchbrachen. Diese Revolutionierung vollzog sich durch zwei Bewegungen, die auf den ersten Blick hin nicht nur ohne jeden Zusammenhang und ohne jede gegenseitige Beziehung sind, sondern auch in ihrem sozialen Charakter und den sie beherrschenden Ideen völlig entgegengesetzten Motiven zu entspringen scheinen. Dennoch stellen diese beiden Bewegungen, wenn auch mit entgegengesetzten Vorzeichen, Teilanzeichen einer und derselben Revolution dar, die eine neue Epoche der jüdischen Geistesgeschichte einleitete und eine Absage an den bestehenden Zustand des Ghettos bedeutete. Beide Bewegungen entspringen völlig verschiedenen örtlichen Verhältnissen: die Aufklärung, deren bekannteste, wenn auch nicht markanteste Figur Moses Mendelssohn war, setzte in den Grosstädten ein, die langsam durch die fortschreitende Industrialisierung zu Weltstädten mit ihrem nivellierenden Charakter heranzuwachsen beginnen; der Chassidismus, eine mystisch-religiöse Sekte tum Israel ben Elieser, entspringt in der weltentlegenen Abgeschiedenheit karpathischer Dörfer: beide sind ein Protest gegen die jüdische Kleinstadt, gegen die weit- und naturfremde räumliche Enge des Ghetto. Die Aufklärung wird von dem sich bildenden Grossbürgertum getragen, dessen kapitalistische Wirtschaftsordnung zur Auflösung bestehen- . der, die Bewegungsfreiheit hemmender Gebilde drängt; der Chassidismus findet seine ersten Anhänger in den ärmsten Schichten des Volkes: beide sind ein Protest gegen die Herrschaft der kleinbürgerlich-konservativen Gemeindepatrizier. Die Aufklärung will die Ueberwindung des starren Traditionalismus durch den Anschluss an die grosseh lebendigen, die Menschheit damals ersdiütternden Ideen, deren Aehnlichkeit mit altjüdisch-prophetischer Ethik sich feststellt; der Chassidismus wendet sich, auch er darin prophetischen Traditionen folgend, an die Ursprünglichkeit des Herzens, das keiner logischen Schulung bedarf, um Gott seinen freudigen Dank für die Schönheit dieser Welt darzubringen; beide sind ein Protest gegen die engherzige Unduldsamkeit traditioneller Gelehrsamkeit. Aufklärung und Chassidismus bewirken nicht nur einen Wandel in der äusseren Gestalt des jüdischen Volkes, sondern auch eine innere Neuorientierung. Dieser Gestaltwandel vollzog sich in verschiedenem Tempo: schneller in der Grosstadt als auf dem Lande, durchgreifender in West- und Mitteleuropa, wo teils die Dichte des jüdischen Milieus geringer, teils der beeinflussende Gestaltwandel der umwohnenden Völker grösser war als in Osteuropa, wo im allgemeinen auch bei den Nichtjuden die mit der Renaissance einsetzende Revolntionierung Europas unbemerkt geblieben war und die Wellen der Neugestaltung seit dem achtzehnten Jahrhundert sich nur mühsam und allmählich Bahn brachen. Mit der Auflösung der traditionellen Gebundenheit, die die Individuen verbindende und sichernde soziale Typen der geistigen Haltung und des Schicksals erzeugt hatte, lösen sich aus der Gemeinschaft, deren ragende Persönlichkeiten Führer und nicht Einzelne waren. Einsame ab, Individualitäten im vollen Sinn, denen der Mangel des Haltes der Tradition Schicksale voll seltsamer Abenteuer, Weite des Geistes und Kühnheit des Weges, aber auch die Unruhe und die Angst der Heimatlosen verleiht. Das Judentum sucht seine neue Form, die alte zerbricht ihm, es tastet vorwärts auf verschiedenen Wegen, und auf allen diesen Wegen treiben es doch die gleichen uralten Kräfte, rufen es die Stimmen, die den Juden, seit er m das Licht der Geschichte eingetreten ist, unablässig gemahnt haben. Die alte Gestalt fällt Stück um Stück ab, und den Vordersten will es fast scheinen, als sei mit der jüdischen Gestalt das Judentum selbst von ihnen gewichen. Dazu 'ist die Kraft, die die Ersten treibt, so neu, so mitreissend, gerade infolge ihrer Jugend so ins Extrem gehend, dass sie die von ihr Ergriffenen wie in einem Taumel fortreisst: das Tempo des Gestaltwandels ist gerade in den Anfängen beängstigend: Moses Mendelssohns Enkel sind Maler der katholischen Romantik, tauchen, nachdem sie den Halt ihrer Tradition verloren haben, ihre einsame Schwäche in die hegende Sicherheit fremder Bindungen. Der Sabbatianismus hatte ähnliche Erscheinungen. Losgelöster gekannt; der Chassidismus bewahrte ursprünglich die Einheit mit dem ihm umgebenden Milieu, die Verwurzelung in der Tradition der Kabbala, Aber schnell vollzog sich auch in ihm das notwendige Schicksal des Gestaltwandels: in kaum zwei Menschenleben haben seine Führer den Weg gefunden: „aus der Geborgenheit der Seele zu ihrer Verlassenheit, aus der firmamenthaft überwölbten Gemeinschaft in die letzte Einsamkeit vor dem Unendlichen". Dem Sprung in die Gefahr der Leere zog dann die chassidische Gemeinde die.Rückkehr zur alten Gestalt vor, sie verlor dadurch ihr Feuer und ihren Sinn, aber sie bewahrte sich in Sicherheit. Daher vollzog sich der Gestaltwandel auch in der Judenheit Osteuropas wenige Jahrzehnte nachher unter den sozialen und geistigen Impulsen einer späten, verdünnten Aufklärung. Der Uebergang von einer scheinbar formsicheren Gestalt, einer Zeit der Ausgeglichenheit und der Verwurzelung in eine andere, umfasst Jahrzehnte und Jahrhunderte, Langsam- und den Zeitgenossen unsichtbar, zeichnen sich unter den Hüllen des Chaos die Formen einer neuen Gestalt. Wir Sparkassenzweigsfelle NIDDASTRASSE 72 Die unter Haftung der Stadtgemeinde stehende Städtische Sparkasse zu Frankfurt a. 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